Gerhard Richters Gemäldezyklus umfasst fünfzehn Werke und trägt den schlichten Titel 18. Oktober 1977. Die Gemälde zeigen im Wesentlichen den Tod der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion (RAF) Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Hinzu kommen Motive damaliger begleitender Geschehnisse sowie Darstellungen von Einzelobjekten. Entstanden ist der Zyklus zwischen März und November 1988. Die Bilder wurden der Öffentlichkeit im Jahre 1989 zum ersten Mal vorgestellt und auf eine zweijährige, internationale Ausstellungstour geschickt. Kaum eine andere Einzelausstellung eines deutschen Künstlers in den 80er Jahren hat zu solch kontroversen Veröffentlichungen geführt und wurde derart heftig diskutiert.
Da der Betrachter den Bilderzyklus Richters zum Tod der führenden RAF-Mitglieder historisch nur dann richtig sehen und verstehen kann, wenn er die Hintergründe zum Deutschen Herbst sowie die Ziele und Verbrechen der Terroristen kennt, werde ich zu Beginn meiner Hausarbeit eine kurze Zusammenfassung zu den damaligen historisch-politischen Ereignissen geben, um anschließend auf den Gemäldezyklus einzugehen. Hierbei lege ich großen Wert auf die Beschreibung der einzelnen Bilder des Zyklus und deren Vergleich mit den fotografischen Vorlagen, welche Richter nutzte. Dies ist die Voraussetzung für die Interpretation und für das Herausarbeiten der Intention des Künstlers, was im Punkt 3.4 erfolgt.
Da sich auch andere Künstler intensiv mit der RAF auseinandergesetzt haben, werde ich im letzten Teil meiner Arbeit exemplarisch zeigen, wie mit diesem Thema umgegangen wurde, um dann einen Vergleich zu Richters Werk zu ziehen. Die Wahl ist hierbei auf Hans-Peter Feldmann und Sigmar Polke gefallen. Zum einen weil die beiden und auch Gerhard Richter die Kunstakademie Düsseldorf besuchten, zum anderen weil es offensichtliche Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten beim Bearbeiten der RAF-Thematik gibt.
Gliederung
1. Einleitung
2. „Sechs gegen sechs Millionen“: Der politisch-historische Hintergrund
3. Der Gemäldezyklus: 18. Oktober 1977
3.1 Entstehung der Gemälde und Präsentation derselben
3.2 Betrachtung der einzelnen Bilder des Gemäldezyklus
3.3 Die fotografischen Vorlagen
3.4 Interpretation
4. Vom Umgang anderer Künstler mit der RAF-Thematik
4.1 Sigmar Polke: Ohne Titel (Dr. Bonn) und Sicherheitsverwahrung
4.2 Hans-Peter Feldmann: Die Toten
4.3 Vergleich mit Richter
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Gemäldezyklus "18. Oktober 1977" von Gerhard Richter, in dem sich der Künstler mit dem Tod führender Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) auseinandersetzt. Ziel ist es, die künstlerische Intention Richters sowie den Umgang anderer zeitgenössischer Künstler mit der RAF-Thematik zu analysieren und in einen kunsthistorischen Kontext zu setzen.
- Historische Hintergründe des "Deutschen Herbstes"
- Analyse der Entstehung und formalen Gestaltung von Richters Gemäldezyklus
- Vergleich von Richters Werken mit den zugrunde liegenden fotografischen Vorlagen
- Exemplarische Untersuchung der Auseinandersetzung von Sigmar Polke und Hans-Peter Feldmann mit dem Thema RAF
- Einordnung von Richters Werk als ideologiekritische Position
Auszug aus dem Buch
3.1 Entstehung der Gemälde und Präsentation derselben
Von Anfang an bezeichnete Richter seine 15 Bilder als „Zyklus“. Dieser Begriff impliziert mehrere Aspekte. Zum einen bilden die Gemälde konzeptuell einen Kreislauf, es gibt also kein erstes und kein letztes Bild. Dies wirkte sich auch auf die Hängung in den jeweiligen Ausstellungsräumen aus; die Arbeiten wurden in keiner chronologischen Weise angebracht. Zum anderen sind die einzelnen Bilder als in sich abgeschlossene Werkeinheiten zu verstehen, die aber zusammengefasst werden können zu einer größeren künstlerischen Einheit, zu einem übergeordneten Ganzen. Außerdem wird der Betrachter durch die Komplexität und Mehrteiligkeit des Werkes auf sukzessive Weise mit diesem konfrontiert. Die visuelle Aufnahme erfolgt also in Form eines prozessualen Erlebens, das sich von Bild zu Bild relativiert. Dabei kann sich ein Sinn erst in der Einheit aller Bilder erschließen. Nur in seiner Ganzheit kann sich das Werk dem Betrachter wirksam entfalten.
Richter vermeidet im Gemäldezyklus bewusst eine narrative Struktur, denn sie birgt die Gefahr, dass die komplexen geschichtlichen Ereignisse in eine homogene mythische Erzählung gepresst werden. Am Ende würde sogar der Blick auf Ursachen und Kausalzusammenhänge der Handlungen versperrt sein, denn durch die Homogenität der Erzählung könnte die Geschichte zum Mythos erwachsen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema, die Zielsetzung der Arbeit und die Relevanz der RAF-Thematik im Werk von Gerhard Richter.
2. „Sechs gegen sechs Millionen“: Der politisch-historische Hintergrund: Darstellung des politisch-historischen Kontextes der 70er Jahre in Deutschland, inklusive der Ziele der RAF und der Ereignisse im Stammheimer Gefängnis.
3. Der Gemäldezyklus: 18. Oktober 1977: Ausführliche Analyse der Entstehung, der formalen Gestaltung, der Motivik sowie der Intention hinter den einzelnen Gemälden des Zyklus.
4. Vom Umgang anderer Künstler mit der RAF-Thematik: Analyse und Vergleich der künstlerischen Reaktionen von Sigmar Polke und Hans-Peter Feldmann auf das Phänomen RAF.
5. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Reflexion über die Bedeutung von Richters Werk für die künstlerische Geschichtsdarstellung.
Schlüsselwörter
Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, RAF, Rote Armee Fraktion, Gemäldezyklus, deutsche Nachkriegsgeschichte, Stammheim, Ideologiekritik, Sigmar Polke, Hans-Peter Feldmann, Fotomalerei, Kunstgeschichte, Zeitgeschichte, Terrorismus, Bildinterpretation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit behandelt die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema RAF, insbesondere den 15-teiligen Gemäldezyklus "18. Oktober 1977" von Gerhard Richter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen den politisch-historischen Kontext des deutschen Terrorismus, die mediale Vermittlung von Geschichte sowie die Möglichkeiten und Grenzen malerischer Geschichtsdarstellung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die künstlerische Intention hinter Richters Zyklus zu ergründen und aufzuzeigen, wie unterschiedliche Künstler durch ihre Werke zu einer kritischen Reflexion über das traumatische Erbe des RAF-Terrors beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive und analytische kunsthistorische Untersuchung, die Bildanalysen der Gemälde mit Vergleichen zu den fotografischen Vorlagen und einer Einordnung in den theoretischen Diskurs kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Bildanalyse von Richters Zyklus, eine Untersuchung der historischen Hintergründe und einen Vergleich mit den RAF-bezogenen Werken von Sigmar Polke und Hans-Peter Feldmann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Gerhard Richter, RAF, Ideologiekritik, Bildgeschichte, Stammheim und Erinnerungskultur.
Warum wählte Richter den Titel "18. Oktober 1977" für seinen Zyklus?
Das Datum markiert das Ende der RAF-Führungsriege im Stammheimer Gefängnis und dient als zentraler historischer Ankerpunkt für die Auseinandersetzung mit den Ereignissen.
Wie unterscheidet sich die Herangehensweise von Hans-Peter Feldmann von der Richters?
Während Richter die Ereignisse malerisch interpretiert und verfremdet, sammelt und dokumentiert Feldmann bereits existierende Fotografien in chronologischer Form, um eine rein dokumentarische Reflexion über die Verstorbenen zu ermöglichen.
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- Doreen Fräßdorf (Author), 2007, Gerhard Richters "18. Oktober 1977" und vom Umgang anderer Künstler mit der RAF-Thematik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83354