Selbst nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Osteuropa und angegliederten Staaten erscheint es interessant das Verhältnis von Sozialismus und Religion zu untersuchen. Dies zeigt die Existenz formal sozialistischer Staaten in der Welt und die Existenz formal sozialistischer Parteien. So wird beispielsweise momentan kontrovers die Einführung des Faches „Werteerziehung“ im von Sozialdemokraten und demokratischen Sozialisten regierten Berlin diskutiert (MÖLLER, 2005). Parallel findet eine ähnliche Diskussion im sozialistisch regierten Spanien statt, wo die Teilnahme am Religionsunterricht den Schülern freigestellt werden soll (KREUZ.NET, 2005). Eine theoretische und politikwissenschaftliche Analyse erscheint deswegen interessant, um zu untersuchen, in wie weit sich das sozialistische Verständnis von Religion auch in der praktischen Politik widerspiegelt.
Einleitend sollen daher das Religionsverständnis von Karl Marx und Wladimir Lenin dargestellt werden und auf theoretische Inkonsistenzen und Unschärfen hin untersucht werden.
Auf Basis möglicher theoretischer Diskrepanzen soll die Praxis sozialistischer Religionspolitik am Beispiel Chinas und Kubas dargestellt werden. Die Wahl dieser Länder erscheint deswegen sinnvoll, da hier große Unterschiede in Bevölkerungsanzahl und kultureller Prägung aber auch Ähnlichkeiten im marxistisch-leninistischen Staatsverständnis und der aktuellen Wirtschaftspolitik vorliegen (langsame Öffnung gegenüber ausländischem Kapital). Somit lässt sich herausfinden, ob andere Variablen, als die marxistisch-leninistische Staatsideologie Einfluss auf die praktische Religionspolitik haben.
Ergebnis dieser Untersuchung soll nicht die Beantwortung der „Gretchen-Frage“ in dem Sinne sein, dass Sozialisten wohl eher ein schlechtes Verhältnis zur Religion haben. Vielmehr soll ermittelt werden, in wie weit Theorie und Praxis sozialistischer Religionspolitik zusammenhängen bzw. sich widersprechen.
Inhaltsverzeichnis
0 Problemstellung
1 Religionspolitik in der sozialistischen Theorie
1.1. Religionsverständnis von Karl Marx
1.2. Die Religionspolitik bei Wladimir Lenin
1.3. Zusammenfassung
2 Religionspolitik in der sozialistischen Praxis
2.1.1. Das Religionsverständnis in der Volksrepublik China
2.1.2. Religionspolitik in der VR China
2.1.3. Beurteilung der chinesischen Religionspolitik
2.2.1 Religionsverständnis in der Volksrepublik Kuba
2.2.2 Religionspolitik in der Volksrepublik Kuba
2.2.3 Beurteilung der kubanischen Religionspolitik
3 Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Sozialismus und Religion sowie die Diskrepanz zwischen theoretischem Anspruch und tatsächlicher Religionspolitik in sozialistischen Staaten. Ziel ist es, zu ermitteln, inwieweit Theorie und Praxis sozialistischer Religionspolitik zusammenhängen oder sich widersprechen, wobei China und Kuba als Fallbeispiele dienen.
- Analyse des Religionsverständnisses von Karl Marx und Wladimir Lenin
- Untersuchung der Religionspolitik in der Volksrepublik China
- Untersuchung der Religionspolitik in der Volksrepublik Kuba
- Vergleichende Betrachtung machtpolitischer Einflussfaktoren
- Bewertung von Religion als Herrschaftsinstrument in sozialistischen Systemen
Auszug aus dem Buch
1.1 Das Religionsverständnis von Karl Marx
Vielleicht war es für den jungen Karl Marx ein prägendes Erlebnis, dass sein Vater vom Judentum zum Protestantismus konvertierte um das Amt des Justizrates weiter auszuüben. Einerseits kann dies als Dominanz der ökonomischen Bedingungen gegenüber religiösen Überzeugungen verstanden werden, andererseits als staatliche Einmischung in das private religiöse Bekenntnis.
Betrachtet man sozialistische Religionspolitik so bietet es sich an, das Gesamtwerk von Karl Marx und Friedrich Engels zu untersuchen, welches als wissenschaftlicher Sozialismus bezeichnet wird. Ihre Absicht war es, den Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zu entwickeln und, darauf aufbauend, die kapitalistisch-bürgerliche Klassengesellschaft über eine sozialistische Leistungsgesellschaft zu einer kommunistischen, also klassenlosen, Gesellschaft zu entwickeln.
Marx entwickelt seine Religionskritik auf Basis der Feuerbachschen Projektionstheorie. Nach Feuerbachs Auffassung resultiert religiöses Empfinden aus dem Wunsch nach Unendlichkeit des endlichen menschlichen Selbstbewusstseins. Durch Abbildung seines eigenen Wesens auf ein höheres Wesen, aber entfremdet sich der Mensch von sich selbst und von seinen Mitmenschen. Durch eine Rückführung der Gottesliebe zur Menschenliebe, kann der Mensch – so Feuerbach – diese Entfremdung aufheben (DELIUS 2000, S. 85 ff).
Während sich Feuerbach auf das Individuum konzentriert und dessen Wesen anthropologisch erklärt, geht Marx zu einer gesellschaftlichen Betrachtung über und versucht das Entstehen von Religion historisch zu begründen.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Problemstellung: Einführung in das Forschungsinteresse und die Untersuchung der theoretischen Diskrepanzen zwischen sozialistischer Ideologie und praktischer Politik am Beispiel Chinas und Kubas.
1 Religionspolitik in der sozialistischen Theorie: Darstellung der theoretischen Grundlagen durch Marx und Lenin, wobei Religion primär als Produkt ökonomischer Verhältnisse und als zu überwindendes Hindernis betrachtet wird.
2 Religionspolitik in der sozialistischen Praxis: Detaillierte Untersuchung der institutionellen Religionspolitik sowie deren Instrumentalisierung in den Praxisbeispielen China und Kuba.
3 Fazit: Zusammenfassende Erkenntnis, dass machtpolitische Gesichtspunkte die Religionspolitik in sozialistischen Staaten stärker prägen als theoretische Konzepte.
Schlüsselwörter
Sozialismus, Religion, Religionspolitik, Marxismus-Leninismus, China, Kuba, Religionsfreiheit, Ideologie, Staatsverständnis, Unterdrückung, Machtpolitik, Klassengesellschaft, Atheismus, Religionskritik, Herrschaftsinstrument.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Sozialismus und Religion und analysiert, wie sozialistische Staaten in der Praxis mit religiösen Institutionen und Glaubensausübung umgehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das marxistisch-leninistische Religionsverständnis, die praktische staatliche Religionspolitik in China und Kuba sowie die Frage der Instrumentalisierung von Religion für machtpolitische Zwecke.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu ermitteln, ob die praktische Religionspolitik sozialistischer Staaten mit den theoretischen Vorgaben von Marx und Lenin übereinstimmt oder ob es zu widersprüchlichen Handlungen kommt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und theoretische Analyse, die Fachliteratur sowie Primärquellen wie Parteidokumente und Verfassungstexte auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Religionskritik bei Marx und Lenin sowie in eine praxisorientierte Analyse der Religionspolitik in China und Kuba unter Berücksichtigung historischer und aktueller Entwicklungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sozialismus, Religionspolitik, China, Kuba, Machtpolitik und die marxistische Religionskritik.
Wie unterscheidet sich die Religionspolitik in China und Kuba?
Obwohl beide Länder eine marxistisch-leninistische Basis teilen, zeigen sich spezifische Unterschiede in der Art der staatlichen Kontrolle, wobei in China vor allem organisierte Religionen mit staatlicher Ideologie konfrontiert werden, während in Kuba die historische Bedeutung der katholischen Kirche und der Santeria eine Rolle spielen.
Warum wird Religion in den untersuchten Ländern oft als Herrschaftsinstrument betrachtet?
Da die Kommunistische Partei in beiden Ländern den Führungsanspruch erhebt, wird Religion je nach politischer Konstellation entweder unterdrückt, um die Vormachtstellung zu sichern, oder selektiv gefördert, um die Unterstützung bestimmter Bevölkerungsgruppen zu gewinnen.
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- Martin Hoffmann (Author), 2005, Sozialistische Religionspolitik in Kuba und China, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84074