Das Fundament der Arbeit bildet ein Verständnis von prozess- und handlungsorientierter ästhetischer Praxis, die durch eine jeweilig individuelle Subjektivität geleitet ist. Überdies wird eine ganzheitliche Ausbildung von ‚Kopf, Herz und Hand’ (frei nach Pestalozzi) als bildungsrelevant erklärt. Die Begründung von ästhetischen Prozessen soll ebenso untersucht werden wie ihre Wirkung. In diesem Rahmen wird eine so verstandene ästhetische Praxis, insbesondere die spezifische Form der ästhetischen Biografiearbeit behandelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffliche Klärung
2.1 Aspekte der Ästhetik
2.2 Aspekte der Bildung
2.3 Aspekte der ästhetischen Bildung
2.4 Aspekte der ästhetischen Erfahrung
2.4.1 Prozesshaftigkeit und Subjekt-Orientierung
2.4.2 Funktionen von ästhetischer Erfahrung
2.5 Aspekte der Biografie und ästhetischen Biografiearbeit
3. Ästhetischer Prozess
3.1 Einfindung
3.1.1 Persönliche Sinngebung
3.1.2 Subjektive Voraussetzungen und Eigenschaften
3.2 Positionen und Bezüge
3.2.1 Position Vallentin
3.2.2 Position Kolhoff-Kahl
3.2.3 Position Blohm
3.2.4 Position Otto
3.2.5 Position Selle
3.2.6 Querschnitt
3.3 Betrachtungen der Praxis – Gedankenbündelungen
3.3.1 Anleitung ästhetischer Prozesse
3.3.2 Darstellung ästhetischer Prozesse
4. Biografiearbeit – Eine ästhetische Umsetzung
4.1 Ästhetische Erinnerungsprozesse
4.2 Rekonstruktion von Vergangenheit
4.3 Biografisches Material im künstlerischen Umgang
4.3.1 Fiktive Inszenierungen
4.3.2 Autobiografische Inszenierungen
4.3.3 Sammlungen und Archive
4.3.4 Ready-Made
4.4 Biografische Spuren als Anlass für ästhetische Praxis
4.4.1 Bilder des Selbst - Bilder des Anderen: Bilder zum Ich
4.4.2 Wirksamkeit biografischen Materials
4.4.3 Das Konzept Kämpf-Jansens - Ästhetische Forschung
5. Diskussion ästhetischer Prozess und Kunstanspruch
6. Biografischer Zusatz
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Bedeutung und Wirksamkeit von ästhetischer Biografiearbeit als prozessorientiertes, handlungsorientiertes Verfahren in der Kunstpädagogik, um der zunehmenden Entsinnlichung und Leistungsfixierung in Bildungsprozessen entgegenzuwirken.
- Verständnis von ästhetischen Prozessen als subjektive Suchbewegungen
- Bedeutung von Biografiearbeit in der ästhetischen Praxis
- Künstlerische Strategien wie Spurensicherung und Archivierung als Lernmethoden
- Die Rolle des "Ästhetischen Subjekts" und des "Ästhetischen Projekts"
Auszug aus dem Buch
4.3.1 Fiktive Inszenierungen
Als ein wesentlicher zeitgenössischer Vertreter der Spurensicherung gilt beispielsweise der 1944 geborene und im Nachkriegs-Paris aufgewachsene Künstler Christian Boltanski. Er hat innerhalb der Arbeitsweise des Spurensicherns seine eigene Ausdrucksform, die des Spuren Erfindens entwickelt.
Materialien von fremden Menschen dienen ihm als Ausrüstung, die er zum Teil so gestaltet, dass sie ihren alten Sinngehalt verlieren und in ein neues System transformiert werden. Dieses neue System ist seine eigene Geschichte, die fiktiv inszeniert wird. Boltanski arbeitet mit unzähligen photographischen Portraits wie auch mit Alltagsdingen, die eine unmittelbare Nähe zu menschlichem, gelebtem Leben erzeugen. Zum Teil bestehen sie aus Fundstücken, zum Teil sind sie von Boltanski eigens gefertigt. All diese Dinge sind so an- und ausgelegt, dass sie auf eine vergangene menschliche Existenz hinweisen. Boltanski erklärt, dass in dem Moment, in dem ein Subjekt eine Photographie betrachtet, das darauf Abgebildete in seinem ursprünglichen Zustand nicht mehr existiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit kritisiert die fehlende Wertschätzung für ästhetische Bildung in institutionellen Kontexten und begründet die Notwendigkeit prozessorientierter Biografiearbeit.
2. Begriffliche Klärung: Es werden zentrale Konzepte wie Ästhetik, Bildung, ästhetische Erfahrung und Biografiearbeit definiert, um eine gemeinsame theoretische Basis für die Untersuchung zu schaffen.
3. Ästhetischer Prozess: Dieses Kapitel analysiert das Wesen ästhetischer Prozesse durch verschiedene theoretische Positionen und betont das performative, subjektzentrierte Handeln.
4. Biografiearbeit – Eine ästhetische Umsetzung: Dieser Hauptteil untersucht Methoden der Rekonstruktion von Vergangenheit, etwa durch Spurensicherung, Archivierung oder fiktive Inszenierungen, und deren bildungsrelevante Wirksamkeit.
5. Diskussion ästhetischer Prozess und Kunstanspruch: Die Reflexion hinterfragt die Bedeutung künstlerischen Handelns und das Verhältnis von Prozesshaftigkeit zu einem etwaigen Kunstanspruch.
6. Biografischer Zusatz: Ein persönlicher Erfahrungsbericht der Autorin über die eigene künstlerische Praxis und deren biografische Bezüge.
7. Resümee: Die Autorin fasst das Potenzial ästhetischer Biografiearbeit zusammen und gibt einen Ausblick auf deren Anwendungsmöglichkeiten, etwa im gerontagogischen Bereich.
Schlüsselwörter
Ästhetische Bildung, Biografiearbeit, Spurensicherung, ästhetischer Prozess, Subjektivität, Kunstpädagogik, Lebensgeschichte, ästhetische Erfahrung, künstlerische Praxis, Selbstbildung, Leerstellen, Archivierung, performatives Handeln, Identitätsfindung, Ästhetische Forschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit erforscht, wie Biografiearbeit als ästhetischer Prozess gestaltet werden kann, um Lernenden neue Wege der Identitätsfindung und Selbstwahrnehmung zu eröffnen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte der ästhetischen Erfahrung, die kunstpädagogische Anleitung von Gestaltungsprozessen und der künstlerische Umgang mit biografischem Material.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Potenzial der ästhetischen Biografiearbeit als Gegenentwurf zur rein produktorientierten Bildungsdiskussion herauszuarbeiten und ihre Bildungsrelevanz zu begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse aktueller kunstpädagogischer Diskurse und stellt diese Ansätze in einen praktischen Kontext, ergänzt durch die Analyse künstlerischer Vorbilder.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie Erinnerungsprozesse durch das Sammeln, Archivieren und Inszenieren von Objekten (Spurensicherung) in pädagogische Lernkonzepte übersetzt werden können.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Begriffe "Ästhetische Forschung", "Spurensicherung", "biografische Konstruktion" und "Selbstbildung" stehen im Kern der theoretischen Diskussion.
Warum spielt die Leerstelle eine so zentrale Rolle?
Die "Leerstelle" wird als produktiver Moment der Irritation verstanden, der das Subjekt dazu zwingt, vom Vorgegebenen abzuweichen und eigene, individuelle Erkenntniswege zu beschreiten.
Inwiefern unterscheiden sich die Ansätze von Selle und Otto?
Während Otto stärker auf eine didaktisch planbare "Ästhetische Rationalität" setzt, vertritt Selle einen radikaleren Ansatz der "Ästhetischen Intelligenz", der die unplanbare, subjektive Selbstfindung in den Mittelpunkt stellt.
Welche Rolle spielen Künstler wie Boltanski oder Calle in der Arbeit?
Sie dienen als prominente Beispiele für die Methode der Spurensicherung, da ihre Werke zeigen, wie man durch die spielerische Rekonstruktion von Vergangenheit oder das Erfinden fiktiver Biografien eigene Identitätsaspekte erforschen kann.
- Citation du texte
- Kristine Ricken (Auteur), 2007, Biografiearbeit als ästhetischer Prozess?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84220