Alfred Kubins Roman "Die andere Seite" betrachtet in der Gattungstradition des Reiseberichts


Hausarbeit, 2005
16 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das theoretische Konstrukt des Reiseberichts

3. Der Merkmale des Reiseberichts im Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin
3.1 Im Reisebericht wird das Unvertraute und Fremde dargestellt und deren Kontrast zur Heimat betont
3.2. Das andere Land wird erforscht
3.3 Häufig ist das Andere eine exotische Region, wobei sich vor allem eine Vorliebe für Asien entwickelt
3.4 Der Autor ist identisch mit dem Erzähler
3.5 Die Handlung tritt in den Hintergrund, der Raum findet besondere Betonung
3.6 Der Reisebericht ist an die Chronologie des Reiseablaufs gebunden und wird vielfach in Tagebuch- oder Briefform verfasst
3.7 Zu einem Reisebericht gehört auch die Beschreibung des technischen und organisatorischen Umfeldes der Reise

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Literarische Avantgarde um 1910: Modellinterpretationen ausgewählter Texte“ las ich den Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin. Schon während des Lesens war ich fasziniert von dem Schreibstil des Autors und von dem Inhalt. Beim Besprechen des Werkes wurden verschiedene Genres erwähnt, zu denen man dieses zählen könnte. So wurde mein Interesse geweckt, den Roman unter dem Gesichtspunkt der Gattung des Reiseberichts genauer zu untersuchen. Hierfür stelle ich im Vorfeld einen Katalog mit den wichtigsten Merkmalen auf, welche ich anschließend am Roman belegen möchte.

Dabei stütze ich mich hauptsächlich auf Forschungsliteratur von Peter J. Brenner „Der Reisebericht – Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur“ und „Der Reisebericht in der deutschen Literatur – Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte“. Weiterhin habe ich das „Literaturlexikon“ hrsg. von Walter Killy und das „Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft“ hrsg. von Jan-Dirk Müller für die Erstellung des Merkmalkatalogs hinzugezogen.

Am Ende der Arbeit formuliere ich das Ergebnis, welches ich aus den Untersuchungen gewonnen habe.

Meine Prognose ist, dass es sich nicht um einen Reisebericht handelt.

2. Das theoretische Konstrukt des Reiseberichts

Seit die Menschen reisen schreiben sie ihre Erlebnisse nieder. Lange Zeit war man sich in der Literaturwissenschaft nicht einig darüber, ob der Reisebericht in das Gefüge des Gattungskanons aufgenommen werden darf.[1] Die Verbindung zwischen Reisen und Erzählen hat sich über Jahrhunderte hinweg im Reisebericht manifestiert[2]. Die Gattungstradition wurde lange diskutiert, was jedoch nicht heißt, dass sie von der Forschung vernachlässigt wurde. Besonders „die eher kulturwissenschaftlich orientierte Philologie des ausgehenden 20. Jahrhunderts“ hat einen großen Teil zur „Erschließung der Gattungsgeschichte unternommen“.[3] Besonders in den 70er Jahren gewann die Reiseliteratur an Bedeutung. Im Vordergrund des Interesses stand das 18 Jahrhundert, „dessen Reiseliteratur inzwischen sehr gut erschlossen ist“[4]. Hier erreichte die Gattung ihren Höhepunkt.[5] Der Begriff Reisebericht scheint für diese Art von Literatur die beste Bezeichnung zu sein, denn er „kennzeichnet mit der gebotenen Neutralität den Sachverhalt, um den es geht: die sprachliche Darstellung authentischer Reisen“, wobei dem Verfasser ein gewisser „Spielraum zwischen Authentizität und Fiktionalität“[6] gelassen ist.

Besondere Leistungen in der Erforschung der Reiseliteratur erbrachte Professor Peter J. Brenner, der sich intensiv mit dem Reisebericht als Gattungstradition beschäftigte und seine Forschungen in mehreren Büchern veröffentlichte. Trotz umfangreicher Bemühungen, die Gattungstradition in den Literaturkanon einzubetten, ist es nicht gelungen, eine klare Definition zu formulieren, die die Terminologie des Reiseberichts hinreichend erklärt.

Ausgehend von Brenner habe ich einen Katalog erstellt, in dem wesentliche Merkmale, welche einen Reisebericht als solchen kennzeichnen, enthalten sind.
Im Folgenden werden diese aufgezeigt und erläutert.

- Im Reisebericht wird das Unvertraute und Fremde dargestellt und betont deren Kontrast zur Heimat
- Das andere Land wird erforscht
- Häufig ist das Andere eine exotische Region, wobei sich vor allem eine
- Vorliebe für Asien entwickelt
- Der Autor ist identisch ist dem Erzähler
- Die Handlung tritt in den Hintergrund, der Raum findet besondere Betonung
- Der Reisebericht ist an die Chronologie des Reiseablaufs gebunden und wird
- vielfach in Tagebuch- oder Briefform verfasst
- Zu einem Reisebericht gehört auch die Beschreibung des technischen und
- organisatorischen Umfeldes der Reise

3. Der Merkmale des Reiseberichts im Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin

3.1 Im Reisebericht wird das Unvertraute und Fremde dargestellt und deren Kontrast zur Heimat betont

Nach einer langen und beschwerlichen Reise erreichen der Erzähler und seine Frau das Traumreich. Zunächst beschreibt der Erzähler die für ihn enttäuschende Hauptstadt Perle.

„Das soll Perle, die Hauptstadt des Traumreichs sein?“ -
[…]
„So sieht es ja bei uns in jedem Drecknest aus!“[7]

Hier wird deutlich, dass er sich die Fremde anders, wahrscheinlich aufregender, vorgestellt hat. Nach einer beinahe endlos erscheinenden Reise in eine ungewisse Zukunft scheint das Ziel zu gewöhnlich, zu vertraut zu sein.

Nach anfänglicher „Unlust und Enttäuschung“[8] verbessert sich jedoch die Stimmung des Reisenden und er ist „äußerst gespannt in Erwartung aller Dinge, die [er] sehen sollte“[9].

Zu Beginn des Aufenthalts in Perle stellt der Erzähler die Stadt und deren Umgebung vor, besonders auffallend ist das fehlende Sonnenlicht, welches immer wieder beklagt wird.

Ich habe tatsächlich während dieser Jahre die Sonne nicht ein einziges Mal gesehen. Darunter litt ich zu Anfang sehr, allen Neuangekommenen erging es darin ähnlich. Öfters gab es wohl in der Wolkenbildung eine auffallende Helligkeit, […] aber zu einem sieghaften Durchbruche kam es nie – nie.[10]

Weiterhin bemerkt der Ich-Erzähler, dass es keine satten Farben gibt, wie „[s]aftiges Grün“ sondern eher nur „stumpfes Oliv“.[11] Hier wird ein deutlicher Kontrast zur Heimat erkennbar und vom Reisenden direkt angesprochen: „Was in der Heimat in reichen Farben prangte, hier war es gedämpft, matt“[12]. Auch hebt der Autor die Unterschiede im jahreszeitlichen Wandel hervor, es gibt „[e]in fünf Monate langes Frühjahr – fünf Monate Herbst“[13]. Dazwischen gibt es einen sehr „kurzen, heißen Sommer“, der von „endlosen Dämmerungen“ geprägt ist, und „ein paar Schneeflocken im Winter“[14].

Doch nicht nur die Natur im fremden Traumreich unterscheidet sich von der Heimat des Erzählers. Genauso beobachtet er auffällige Besonderheiten an der Bevölkerung. „Das erste, was uns auffiel, die Kleidung der Traummenschen […] war gänzlich veraltet.“[15] Nicht nur, dass die beiden Reisenden diese Art der Kleidung aus ihrer Heimat nicht mehr kennen, bzw. sie für altmodisch halten, auch betrachten sie diese Aufmachung als lächerlich und amüsant. „Wie ein Maskenscherz wirkte das!“[16]

Obwohl der Erzähler und seine Frau „[o]ft hätten […] schwören können: Dieses Haus habe ich schon gesehen.“[17], überwiegen die Unterschiede zur Heimat.

Alles in allem fasst der Erzähler seine Erlebnisse in der Fremde wie folgt zusammen: „So waren wir nun richtige Traumstädter geworden. Ich musste meinen früher angesprochenen Verdacht, hier sei alles wie daheim, jeden Tag unzählige Male zurücknehmen.“[18] Hier wird deutlich, dass das Leben im Traumreich völlig anders ist, als das, welches sie aus ihrer Heimat kennen.

Immer wieder werden durch Vergleiche zwischen Fremde und Herkunftsland deren Kontraste beschrieben und verdeutlicht.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass es sich nach der Untersuchung des Werkes hinsichtlich meines ersten Merkmals um einen Reisebericht handelt, da Unvertrautes und Fremdes dargestellt wird und Kontraste zur Heimat aufgezeigt werden.

[...]


[1] Vgl. Brenner, Peter J.: Der Reisebericht – die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Hrsg. von Peter J. Brenner. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1989. S. 7. Im Folgenden Brenner, 1989.

[2] Ebenda.S.7.

[3] Ebenda.S.7.

[4] Ebenda.S.7.

[5] Ebenda.S.8.

[6] Ebenda.S.9.

[7] Kubin, Alfred. Die andere Seite – Ein phantastischer Roman. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2003.S.49.

[8] Ebenda. S. 49.

[9] Ebenda. S. 50.

[10] Ebenda. S. 51.

[11] Ebenda. S. 52.

[12] Ebenda. S. 52.

[13] Ebenda. S. 52.

[14] Ebenda. S. 52.

[15] Ebenda. S. 57.

[16] Ebenda. S. 57.

[17] Ebenda. S. 49.

[18] Ebenda. S. 58.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Alfred Kubins Roman "Die andere Seite" betrachtet in der Gattungstradition des Reiseberichts
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Literarische Avantgarde um 1910
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V85043
ISBN (eBook)
9783638007962
ISBN (Buch)
9783640972326
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alfred, Kubins, Roman, Seite, Gattungstradition, Reiseberichts, Literarische, Avantgarde
Arbeit zitieren
Anett Hobe (Autor), 2005, Alfred Kubins Roman "Die andere Seite" betrachtet in der Gattungstradition des Reiseberichts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85043

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