Im Rahmen des Seminars „Literarische Avantgarde um 1910: Modellinterpretationen ausgewählter Texte“ las ich den Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin. Schon während des Lesens war ich fasziniert von dem Schreibstil des Autors und von dem Inhalt. Beim Besprechen des Werkes wurden verschiedene Genres erwähnt, zu denen man dieses zählen könnte. So wurde mein Interesse geweckt, den Roman unter dem Gesichtspunkt der Gattung des Reiseberichts genauer zu untersuchen. Hierfür stelle ich im Vorfeld einen Katalog mit den wichtigsten Merkmalen auf, welche ich anschließend am Roman belegen möchte.
Dabei stütze ich mich hauptsächlich auf Forschungsliteratur von Peter J. Brenner „Der Reisebericht – Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur“ und „Der Reisebericht in der deutschen Literatur – Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte“. Weiterhin habe ich das „Literaturlexikon“ hrsg. von Walter Killy und das „Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft“ hrsg. von Jan-Dirk Müller für die Erstellung des Merkmalkatalogs hinzugezogen.
Am Ende der Arbeit formuliere ich das Ergebnis, welches ich aus den Untersuchungen gewonnen habe.
Meine Prognose ist, dass es sich nicht um einen Reisebericht handelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das theoretische Konstrukt des Reiseberichts
3. Der Merkmale des Reiseberichts im Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin
3.1 Im Reisebericht wird das Unvertraute und Fremde dargestellt und deren Kontrast zur Heimat betont
3.2. Das andere Land wird erforscht
3.3 Häufig ist das Andere eine exotische Region, wobei sich vor allem eine Vorliebe für Asien entwickelt
3.4 Der Autor ist identisch mit dem Erzähler
3.5 Die Handlung tritt in den Hintergrund, der Raum findet besondere Betonung
3.6 Der Reisebericht ist an die Chronologie des Reiseablaufs gebunden und wird vielfach in Tagebuch- oder Briefform verfasst
3.7 Zu einem Reisebericht gehört auch die Beschreibung des technischen und organisatorischen Umfeldes der Reise
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin daraufhin, ob er den gattungstheoretischen Kriterien eines klassischen Reiseberichts entspricht oder ob er eher in den Bereich der fantastischen Literatur mit politischem Hintergrund einzuordnen ist.
- Gattungsbestimmung des Romans im Kontext der Reiseberichterstattung
- Erstellung eines Merkmalkatalogs für den Reisebericht nach Peter J. Brenner
- Analyse der Darstellung von Fremdheit, Exotik und Raum im Roman
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen Autor und Ich-Erzähler
- Prüfung der chronologischen Erzählstruktur und der Darstellung des Reiseverlaufs
Auszug aus dem Buch
3.1 Im Reisebericht wird das Unvertraute und Fremde dargestellt und deren Kontrast zur Heimat betont
Nach einer langen und beschwerlichen Reise erreichen der Erzähler und seine Frau das Traumreich. Zunächst beschreibt der Erzähler die für ihn enttäuschende Hauptstadt Perle.
„Das soll Perle, die Hauptstadt des Traumreichs sein?“ - [...] „So sieht es ja bei uns in jedem Drecknest aus!“ Hier wird deutlich, dass er sich die Fremde anders, wahrscheinlich aufregender, vorgestellt hat. Nach einer beinahe endlos erscheinenden Reise in eine ungewisse Zukunft scheint das Ziel zu gewöhnlich, zu vertraut zu sein.
Nach anfänglicher „Unlust und Enttäuschung“ verbessert sich jedoch die Stimmung des Reisenden und er ist „äußerst gespannt in Erwartung aller Dinge, die [er] sehen sollte“.
Zu Beginn des Aufenthalts in Perle stellt der Erzähler die Stadt und deren Umgebung vor, besonders auffallend ist das fehlende Sonnenlicht, welches immer wieder beklagt wird. Ich habe tatsächlich während dieser Jahre die Sonne nicht ein einziges Mal gesehen. Darunter litt ich zu Anfang sehr, allen Neuangekommenen erging es darin ähnlich. Öfters gab es wohl in der Wolkenbildung eine auffallende Helligkeit, [...] aber zu einem sieghaften Durchbruche kam es nie – nie.
Weiterhin bemerkt der Ich-Erzähler, dass es keine satten Farben gibt, wie „[s]aftiges Grün“ sondern eher nur „stumpfes Oliv“. Hier wird ein deutlicher Kontrast zur Heimat erkennbar und vom Reisenden direkt angesprochen: „Was in der Heimat in reichen Farben prangte, hier war es gedämpft, matt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Untersuchungsgegenstandes und der Absicht, den Roman „Die andere Seite“ anhand eines Merkmalkatalogs auf seine Gattungszugehörigkeit zum Reisebericht hin zu prüfen.
2. Das theoretische Konstrukt des Reiseberichts: Herleitung und Definition der Gattungsmerkmale des Reiseberichts basierend auf der Forschung von Peter J. Brenner.
3. Der Merkmale des Reiseberichts im Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin: Detaillierte Prüfung des Romans an sieben spezifischen Kriterien des Reiseberichts, von der Darstellung des Fremden bis hin zur Beschreibung des organisatorischen Reiseumfeldes.
3.1 Im Reisebericht wird das Unvertraute und Fremde dargestellt und deren Kontrast zur Heimat betont: Analyse der Wahrnehmung der Stadt Perle durch den Ich-Erzähler und die Feststellung von Kontrasten zur Heimat in Licht, Farbe und Natur.
3.2. Das andere Land wird erforscht: Untersuchung der aktiven Erkundung des Traumreichs durch den Erzähler und die Suche nach Antworten auf die dortigen rätselhaften Phänomene.
3.3 Häufig ist das Andere eine exotische Region, wobei sich vor allem eine Vorliebe für Asien entwickelt: Diskussion der geografischen Verortung der Reise in Asien und die Schlussfolgerung, dass das Exotische hier nur eine untergeordnete, fiktive Rolle spielt.
3.4 Der Autor ist identisch mit dem Erzähler: Klärung der Identität und Feststellung, dass trotz beruflicher Parallelen zwischen Autor und Erzähler keine echte Identität vorliegt.
3.5 Die Handlung tritt in den Hintergrund, der Raum findet besondere Betonung: Untersuchung des Stellenwerts von Raum gegenüber Handlung, mit dem Ergebnis, dass beides eng miteinander verknüpft ist.
3.6 Der Reisebericht ist an die Chronologie des Reiseablaufs gebunden und wird vielfach in Tagebuch- oder Briefform verfasst: Analyse der chronologischen Struktur und Feststellung, dass der Roman keine klassischen Tagebuch- oder Briefmerkmale aufweist.
3.7 Zu einem Reisebericht gehört auch die Beschreibung des technischen und organisatorischen Umfeldes der Reise: Würdigung der detaillierten Beschreibung der Reisevorbereitungen und des Reiseverlaufs als eines der erfüllten Kriterien.
4. Zusammenfassung: Abschließendes Urteil, dass das Werk nur bedingt als Reisebericht einzuordnen ist und eher als fantastische Literatur mit politischer Gesellschaftskritik zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Alfred Kubin, Die andere Seite, Reisebericht, Gattungstheorie, Peter J. Brenner, Traumreich, Perle, Exotik, Literaturanalyse, fantastische Literatur, Erzählstruktur, Ich-Erzähler, Gattungsmerkmale, Reisebeschreibung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin unter der spezifischen Fragestellung, ob er in die Gattung des Reiseberichts eingeordnet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt steht der Vergleich zwischen literarischen Gattungsmerkmalen eines Reiseberichts und der tatsächlichen narrativen Ausgestaltung in Kubins Roman, inklusive Aspekten wie Raumdarstellung, Exotik und Autorschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Roman auf seine Tauglichkeit als Reisebericht zu prüfen, wobei die Autorin die Arbeitshypothese aufstellt, dass es sich letztlich nicht um einen Reisebericht handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deduktive Methode angewandt: Zuerst wird ein Merkmalkatalog aus der Fachliteratur (vorwiegend Peter J. Brenner) erstellt, der anschließend am Primärtext (Roman) überprüft wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse von sieben Einzelkriterien, die für einen Reisebericht konstitutiv sind, und prüft deren Vorhandensein oder Fehlen im Roman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Alfred Kubin, Reisebericht, Gattungstheorie, Traumreich, fantastische Literatur und Literaturanalyse.
Warum kommt die Autorin zu dem Schluss, dass das Kriterium der „exotischen Region“ nur teilweise erfüllt ist?
Obwohl die Reise nach Asien führt, spielt das asiatische Umfeld im weiteren Verlauf des Romans kaum eine Rolle, da das Traumreich ein fiktives, abgeschlossenes System darstellt.
Inwieweit lässt sich das Verhältnis von Autor und Erzähler als identisch bezeichnen?
Die Autorin verneint eine Identität zwischen Alfred Kubin und der Romanfigur, da die Handlung phantastisch-surrealistisch ist und somit nicht mit der realen Biografie des Autors gleichgesetzt werden kann.
- Citation du texte
- Anett Hobe (Auteur), 2005, Alfred Kubins Roman "Die andere Seite" betrachtet in der Gattungstradition des Reiseberichts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85043