Wählerverhalten


Seminararbeit, 1999
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Bestimmungsfaktoren der Wahlentscheidung

3. Theorien des Wählerverhaltens: drei Erklärungs- ansätze der empirischen Wahlforschung
3. 1. Der soziologische Erklärungsansatz
3. 1. 1. Die mikrosoziologische Perspektive
3. 1. 2. Die makrosoziologische Perspektive
3. 2. Der individualpsychologische Erklärungsansatz
3. 3. Das Modell des rationalen Wählers

4. Wandel im Wählerverhalten - Veränderung des Partizipationsverhaltens
4. 1. Die These vom Wandel der Sozialstruktur
4. 2. Die Realignment - These
4. 3. Die Dealignment - These

5. Das Wählerverhalten in Ostdeutschland

5. 1. Interpretationen zum Wählerverhalten in den östlichen Bundesländern
5. 1. 1. Die Kontinuitätsthese
5. 1. 2. Die Tabula – Rasa – These
5. 1. 3. Die Konvergenzthese
5. 1. 4. Die Kristallisationsthese
5. 2. Die Bundestagswahl 1998 – Analyse des ostdeutschen Wählerverhaltens

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Keine Form der politischen Beteiligung wird in modernen Demokratien von mehr Bürgern ausgeübt als die Stimmabgabe am Wahltag. Dabei bezeichnet der Wahlakt sowohl den geringsten als auch den höchsten Grad politischer Partizipation. Mit seiner Entscheidung setzt der Wähler seine Stimme bei Wahlen in politische Macht um, da er in den demokratischen Prozeß der Herstellung gesamt- gesellschaftlich verbindlicher Entscheidungen eingreift. Indem er sich auf eines von mehreren Bündeln sach- und personalpolitischer Alternativen festlegt, übt der Wähler einen wichtigen Einfluß auf das politische Geschehen aus. Die Bemühungen der Regierungs- wie auch der Oppositionsparteien gelten dem Wähler. Aber was weiß man über ihn ?

Aufgrund der vielfältigen politischen Konsequenzen von Wahlen will die Wahlforschung die politische Verhaltensstruktur in der Demokratie erklären und Rückschlüsse auf ihr Funktionieren ziehen1. Im engeren Sinne befaßt sich die Wahlforschung dabei mit der Analyse der Wählerschaft. Sie beschäftigt sich mit der Dokumentation von Wahlkämpfen und der Prognose von Wahlergebnissen, analysiert die Grundlagen und Bestimmungsfaktoren des Wahlverhaltens. Sie versucht, das Wählerverhalten von Individuen und Gruppen zu beschreiben und zu erklären2. Bei der Erforschung des komplexen Gegenstandes des Wählerverhaltens stellen sich etwa folgende Fragen: Welche Personengruppen wählen welche Parteien, und aus welchen Gründen entscheiden sie sich für diese oder jene Partei. Wie bildet der Einzelne seine politische Meinung und welche Gründe sind für die Wahlentscheidung ausschlaggebend ?

Von Bundestagswahl zu Bundestagswahl kann man eine stetig steigende Anzahl von Publikationen zum Thema “Erforschung von Wählerverhalten“ ausmachen. Bei deren Durchsicht läßt sich feststellen, daß die empirische Wahlforschung, aufgrund eines großen Interesses an den Ergebnissen, hoch entwickelt und methodisch differenziert ist. Die Erforschung der Wahlen ist ein zentraler Gegenstand mehrerer Disziplinen, so der Politikwissenschaft, der Soziologie, der Kommunikationswissenschaft und der neueren Geschichte. Die interdisziplinäre, empirische Wahlforschung beschäftigt sich mit der Kernfrage: Wer wählt wie, was, warum und mit welcher Wirkung ?3

Dieser Beitrag wird der Frage nachgehen, welche relevanten Konzepte der Analyse des Wählerverhaltens der Forschungspraxis als Grundlage zur Verfügung stehen und wie brauchbar sie zur Erklärung von Wandlungstendenzen sind. Auch stellt sich die Frage nach der Deutung des ostdeutschen Wählerverhaltens, da die deutsche Einigung aufgrund der vergrößerten Zahl der Länder auch Auswirkungen auf Parteien- und Wahlentwicklungen hat.

Überlegungen zu diesen Fragen sind wichtig, da die Funktionsfähigkeit des demokratischen, politischen Systems auch in Zukunft nicht zuletzt davon abhängt, wie sich der Wähler in seiner Entscheidung verhält.

Ebenso das Jahr 1998 war mit der Wahl zum Deutschen Bundestag für mich als Erstwählerin und Wahlhelferin ein Anstoß diesen Forschungsgegenstand näher zu betrachten. Auch das Jahr 1999 beinhaltet mit der Europawahl, der Kommunalwahl und der Landtagswahl in Sachsen eine unmittelbare Brisanz und Nähe zum Themenkomplex.

Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich einen Überblick geben, welche Faktoren demnach insgesamt die Entscheidung des Wählers bestimmen4. Da die einzelnen Einflußfaktoren in verschiedenen Konzepten der Wahlforschung unterschiedlich gewichtet werden, möchte ich die klassischen Forschungsgruppen vorstellen, die mit Hilfe unterschiedlicher theoretischer Ansätze die wichtigsten Erklärungsversuche unternommen haben5. Nach einer Darstellung der relevanten Positionen der empirischen Wahlforschung, möchte ich die unterschiedlichen Ansätze zur Erklärung des ab Ende der sechziger Jahre erkennbaren Wandels des Wählerverhaltens vorstellen6. Des weiteren werden in dieser Arbeit die seit der Wende vorliegenden Interpretationen zum ostdeutschen Wählerverhalten aufgezeigt7 und das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 1998 in Ost-West-Perspektive8 analysiert.

2. Bestimmungsfaktoren der Wahlentscheidung

Die Entscheidung des Wählers in der liberalen Demokratie wird von einer Vielzahl von Faktoren bestimmt. Es gibt unterschiedliche Ansätze in der empirischen Wahlforschung zur Bestimmung von Faktoren, die für das Wahlverhalten maßgebend sind. Mit dem Politologen Rainer - Olaf Schultze kann man die Faktoren für die Wahlentscheidung in vier grobe Kategorien teilen9.

Die Entscheidung ist demnach zum einen geprägt von strukturellen Determinanten (1), zu denen auf der Makroebene die Gesellschaftsstruktur, das politische System mit seinem besonderen Institutionengefüge, die Struktur der Öffentlichkeit sowie das Mediensystem zählen. Auf der Mikroebene ist der Wähler verankert in das soziale und kulturelle Milieu, in seine Primär - und Sekundärumwelten und in gesellschaftliche Organisationen. Die Berichterstattung der Massenmedien als auch Gespräche im per- sönlichen Umfeld sind für den Wähler Quellen politischer Information. Diese beeinflussen als Vermittlungsinstanzen die politische Meinungsbildung.

Von Einfluß wird gesprochen, wenn Informationen, denen ein Wähler ausgesetzt ist, diesen dazu veranlassen, anders zu stimmen, als er gestimmt hätte, wenn ihn diese Informationen nicht erreicht hätten. Die Informationen werden dabei interpretiert vor dem Hintergrund von stabil in der Persönlichkeit verankerten Vororientierungen, die als “Prädispositionen” bezeichnet werden10. Zu nennen wären hier unter anderem die politische Kultur eines Landes, wie auch gesellschaftliche Wertorientierungen und die Identifikation mit einer Partei. Solche Eigenschaften, Normen und Verhaltensweisen, die im Prozeß der Sozialisation dauerhaft erworben wurden, gehören zu den Persönlichkeitsfaktoren (2). In der dritten Kategorie werden politisch - situative Faktoren (3) aufgeführt. Als Beispiel dienen hierbei die Bedingungen des Parteienwettbewerbs, die Zahl und Aussichten der Parteien- und/oder Kandidaten-Alternativen, das Meinungsklima sowie die Einschätzung, welche Partei oder Parteikoalition die Aussicht hat, die Wahl zu gewinnen. Auch politisch - konjunkturelle Einflüsse (4) spielen im Wahlkampf eine Rolle. Von Interesse ist die internationale politische “Großwetterlage“, die Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung, ebenso Sachfragen und der Wahlkampf. Zusammenfassend stellte R. - O. Schultze fest, daß sich Wählerentscheidungen in einem Spannungsverhältnis von langfristig - strukturellen Determinanten und andererseits von politischen Kurzzeiteinflüssen formieren. “Die Wählerentscheidung ist (..) geprägt sowohl von makropolitischen und makrosozialen als auch von mikrosoziologischen und sozialpsychologischen Bestimmungsgründen.”11 Die Wahlentscheidung ist also das Ergebnis von sich wechselseitig beeinflussenden kurzfristig, mittelfristig oder langfristig wirkenden Faktoren. In der Wahlforschung ist man sich über diese Tatbestände weitgehend einig. Jedoch wird die Frage nach den Kausalitäten der verschiedenen Einflüsse, die in die Wahlentscheidung münden, kontrovers beurteilt. So bestehen in verschiedenen Konzepten unterschiedliche Gewichtungen der einzelnen Einflußfaktoren.

3. Theorien des Wählerverhaltens: drei Erklärungsansätze der empirischen Wahlforschung

Eine umfassende Theorie des Wählerverhaltens ist noch nicht in Sicht. Die Existenz mehrerer leistungsstarker Erklärungsansätze mit unterschiedlichen Perspektiven und Schwerpunkten ermöglicht es der Wahlforschung den komplexen Prozeß der Wahlentscheidung in unterschiedlichen Facetten differenziert untersuchen zu können. Innerhalb der theoretischen Erklärungsmodelle erhalten die Datensätze der empirischen Wahlforschung ihren Sinn und ihre Erklärungskraft12.

Die drei wichtigsten Erklärungsmodelle der Wahlforschung basieren auf Studien zum amerikanischen Wählerverhalten in den 40´er und 50´er Jahren des 20. Jahrhunderts. In Deutschland setzten sich die berühmten Forschungstraditionen zeitlich verzögert durch.

Diese klassischen Konzepte bilden auch heute den Rahmen beziehungsweise eine Grundlage für Analysen von Wahlverhalten. Deshalb möchte ich sie im Folgenden näher vorstellen.

3.1. Der soziologische Erklärungsansatz

3.1.1. Die mikrosoziologische Perspektive

Der erste klassische Ansatz, der die verhaltensrelevante Bedeutung der Einbindung des Wählers in sein soziales Umfeld betont, wurde zuerst als mikrosoziologisches Konzept formuliert von Lazarsfeld und der Columbia School, welche den Meinungsbildungsprozeß bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1940 untersuchten. Dieser auch als sozialstrukturell oder gruppentheoretisch bezeichnete Ansatz sieht das individuelle Wählerverhalten sozialstrukturell determiniert. Die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen mit festen politischen Verhaltensnormen bestimmt die individuelle Wahlentscheidung. Das Wählerverhalten ist in dieser mikrosoziologische Perspektive also vor allem Gruppenverhalten. Zur Identifikation von sozialen Gruppen, die erkennbare Wahlnormen haben, dienen soziale Hintergrundvariablen wie sozioökonomischer Status, Einkommen, Konfessionszugehörigkeit, Beruf, Alter, Geschlecht und Wohnortgröße. Darüber hinaus werden politische Einstellungen zu Sachfragen, Kandidaten und Parteien bestimmt durch die Einbindung in Primär- und Sekundärumwelten und in soziale und kulturelle Milieus auf der Mesoebene13.

[...]


1 Eine Charakteristik der Forschungslage in Deutschland bietet: Schultze, R.-O., 1991: Außengeleitete Innovation

und innengeleiteter Methodenrigorismus – Deutsche Wahlsoziologie auf dem Prüfstand internationalen Vergleichs.

S. 481-494 in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Jg. 22, Heft 3.

2 Zu den Methoden der Wahlforschung siehe: Woyke, W., 1994: Stichwort: Wahlen. 8. Auflage. Opladen, S. 206-

217. Ebenso: Gallus, A. / Lühe, M., 1998: Öffentliche Meinung und Demoskopie. Berlin · Opladen, S. 119-131.

3 Wichtige Publikationen der Wahlforschung: Bürklin, W., 1988: Wählerverhalten und Wertewandel.

Opladen. Wehling, H.-G. ( Red.), 1991: Wahlverhalten. Stuttgart · Berlin · Köln. Korte, K.-R., 1998: Wahlen in

der Bundesrepublik Deutschland. Bonn.

4 Vgl. als Kontext die Übersicht von: Schultze, R.-O., 1991: Wählerverhalten und Parteiensystem. S. 11-43 in:

Wehling, H.-G. (Red.): Wahlverhalten. Stuttgart • Berlin • Köln.

5 Vgl. als Kontext die Darstellungen in: Korte, K.-R., 1998: Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn,

S. 81-93. Bürklin, W., 1988: Wählerverhalten und Wertewandel. Opladen, S. 49-60. Schultze, R.-O., 1991:

Wählerverhalten und Parteiensystem. S. 12-17 in: ( a. a. O. ; Anm. 4 ).

6 Vgl. als Kontext vor allem: Schultze, R.-O., 1994: Aus Anlaß des Superwahljahres: Nachdenken über Konzepte

und Ergebnisse der Wahlsoziologie. S. 472- 493 in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Jg. 25, Heft 3.

7 Vgl. als Kontext vor allem: Winter, T. von, 1996: Wählerverhalten in den östlichen Bundesländern:

Wahlsoziologische Erklärungsmodelle auf dem Prüfstand. S. 298-316 in: ZParl, Jg. 27, Heft 2.

8 Vgl. als Kontext: Arzheimer, K./ Falter, Jürgen, J.W., 1998: „ Annäherung durch Wandel “?: Das Wahlverhalten

bei der Bundestagswahl 1998 in Ost-West-Perspektive. S. 33-43 in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 52.

9 Vgl. Schultze, R.-O., 1991: (a.a.O.; Anm. 4. ), S.11/12.

10 Vgl. Schmitt-Beck, R., 1998: Wähler unter Einfluß. Massenkommunikation, interpersonale Kommunikation und

Parteipräferenz. S. 300 - 308 in: Sarcinelli, U. (Hg.): Politikvermittlung und Demokratie in der

Mediengesellschaft. Bonn.

11 Schultze, R.-O., 1991: ( a.a. O ; Anm. 4 ) , S.11.

12 Vgl. Korte, K.-R., 1998: ( a.a.O.; Anm. 5 ), S. 93.

13 Vgl. Schultze, R.-O, 1991: ( a. a. O. ; Anm. 4 ), S. 12.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Wählerverhalten
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Der deutsche Bundestag im Wahljahr 1998
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
21
Katalognummer
V8599
ISBN (eBook)
9783638155328
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wählerverhalten, Seminar, Bundestag, Wahljahr
Arbeit zitieren
M.A. Saskia Gerber (Autor), 1999, Wählerverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8599

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