„Für keine Institution und soziale Gruppe in der deutschen Gesellschaft dürften die 60er Jahre von ähnlich weitreichender Bedeutung gewesen sein, wie für die katholische Kirche und die Katholiken.“ Diese unmissverständliche Aussage in einem recht aktuellen Aufsatz zum Thema soll mir als Hinführung und zugleich These dienen, wenn es darum geht, dieses komplexe und spannungsreiche Jahrzehnt hinsichtlich der Entwicklungen im deutschen Katholizismus zu beleuchten.
Auch wenn es verwundern mag, stellte sich die Thematik als relativ frisches Forschungsthema heraus. Während ein Wandel der Religiosität der Deutschen anhand verschiedener statistischer Untersuchungen bereits in den 70er Jahren festgestellt wurde, sind entsprechende Auswertungen vermehrt erst in den 90er Jahren entstanden.
Aufgrund des begrenzten Umfangs wird sich diese Arbeit – soviel nimmt das Titel vorweg – ausschließlich auf den Katholizismus, vor allem aber auch ausschließlich auf die Bundesrepublik Deutschland beziehen, die im Vergleich zur westdeutschen Sicht gänzlich verschiedene Situation in der DDR möchte ich bewusst ausklammern.
Obwohl der Titel dieser Arbeit den Focus sehr deutlich auf die Jahre ab 1960 setzt, sei vorweg auch erwähnt, dass ein derart präzise zeitliche Abgrenzung an sich nicht möglich ist. Auch wenn die 60er Jahre aus Sicht des Katholizismus die einschneidendsten und sichtbarsten Veränderungen mit sich brachte, möchte und kann ich die unmittelbare Zeit davor nicht ausblenden. So ist es auch Anliegen dieser Arbeit, neben den gesellschaftlichen Aspekten vor allem auf die Besonderheiten des katholischen Milieus einzugehen sowie das II. Vatikanische Konzil als wichtiges innerkirchliches Reformwerk der Zeit und dessen Auswirkungen zu untersuchen bzw. Wechselwirkungen aufzuzeigen.
Der spezifischen Analyse der Entwicklung der Katholischen Kirche in den 60er Jahren in Deutschland sei ein grober Überblick über die deutsche Gesellschaft in dieser Zeit vorangestellt – wohlwissend, dass der Komplexität dieser durch eine ungeheure Dynamik gekennzeichneten Zeit der ausgehenden fünfziger, bzw. sechziger und teils auch siebziger Jahre hier nicht entsprochen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Eine Gesellschaft im Umbruch – Allgemeine Betrachtungen
3. Der deutsche Katholizismus und die Besonderheit des katholischen Milieus
4. Die Nachkriegsjahre und die Hoffnung auf Erneuerung durch das II. Vatikanum
4.1. Der Weg ins Konzil
4.2. Das II. Vatikanische Konzil läutet den Aufbruch ein
5. Dem Aufbruch folgt die Erosion – Der Katholizismus im Kontext der modernisierten Gesellschaft
6. Zusammenfassung
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den tiefgreifenden Wandel des deutschen Katholizismus während der 1960er Jahre. Ziel ist es, den innerkirchlichen Reformprozess durch das II. Vatikanische Konzil in das Spannungsfeld der gesellschaftlichen Modernisierung, Liberalisierung und Säkularisierung einzuordnen, um zu verstehen, warum auf den Aufbruch der Kirche keine dauerhafte Stärkung, sondern eine Erosion des traditionellen katholischen Milieus folgte.
- Die gesellschaftliche Situation der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er Jahren.
- Die historische Bedeutung und die Wirkungsweise des katholischen Milieus.
- Das II. Vatikanische Konzil als innerkirchliches Reformereignis.
- Die Auswirkungen von gesellschaftlicher Säkularisierung und Wertewandel auf den Glauben.
- Der Konflikt zwischen kirchlichem Anspruch und moderner Lebenswirklichkeit.
Auszug aus dem Buch
4.2. Das II. Vatikanische Konzil läutet den Aufbruch ein
Das II. Vatikanum und das davon ausgehende Signal zur Beendigung der katholischen Fundamentalopposition bewirkte tiefgreifende wenn auch unerwartete Veränderungen in der katholische Kirche. Die dadurch eingeläutete, spezifische innerkirchliche Wandlungsdynamik ist wesentliches Charaktermerkmal der 60er Jahre aus religiöser Sicht.
Die Worte, mit denen der Münsteraner Bischof Joseph Höffner 1965 das Selbstverständnis und die Perspektiven des II. Vatikanischen Konzils beschrieb, klingen ausgesprochen blumig. Die Kirche als eine „gesellschaftlich-geschichtliche Erscheinung und als göttliche Institution (...), die nicht von dieser Welt und doch in dieser Welt ist“ solle in der durch Technik und Industrialisierung geprägten modernen Zivilisation neu verortet werden. Und in der Tat erscheint die Zeit der ersten Sitzungsperiode im Jahr 1962, in der wichtige Impulse in Hinblick auf Inhalt und Durchführung des Konzils nicht zuletzt von den deutschen Bischöfen kamen, in einem sehr hoffnungsvollen Licht. Auch die Rede das Papstes zur Konzilseröffnung beinhaltete eine klare Absage an den überkommenen katholischen Doktrinismus und forderte in der Endkonsequenz eine Einheit der Christen und aller Menschen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, skizziert den Wandel des deutschen Katholizismus in den 1960er Jahren als forschungsrelevantes Feld und grenzt den Untersuchungsgegenstand auf die Bundesrepublik ein.
2. Eine Gesellschaft im Umbruch – Allgemeine Betrachtungen: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Modernisierungsprozesse und den gesellschaftlichen Veränderungswillen in der Bundesrepublik, die den Rahmen für die kirchlichen Entwicklungen bildeten.
3. Der deutsche Katholizismus und die Besonderheit des katholischen Milieus: Der Autor erläutert die Entstehung und Struktur des katholischen Milieus als abgrenzende Sozialform und Identifikationsmerkmal bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.
4. Die Nachkriegsjahre und die Hoffnung auf Erneuerung durch das II. Vatikanum: Das Kapitel behandelt die Nachkriegszeit sowie den Weg zum Konzil und analysiert dessen Reformvorhaben wie die Ökumene und Liturgiereform sowie das veränderte Kirchenbild.
5. Dem Aufbruch folgt die Erosion – Der Katholizismus im Kontext der modernisierten Gesellschaft: Hier wird der Prozess der Entkirchlichung und die Auflösung des katholischen Milieus unter dem Druck gesellschaftlicher Pluralisierung und liberaler Wertorientierungen beschrieben.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass der "Aufbruch" des Konzils dem gesellschaftlichen Wandel und der Erosion des Milieus nicht standhalten konnte und die Kirche in eine Phase der Machtlosigkeit führte.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Katholizismus, 1960er Jahre, II. Vatikanisches Konzil, katholisches Milieu, Säkularisierung, Gesellschaft im Umbruch, Liturgiereform, Ökumene, Bundesrepublik Deutschland, Entkirchlichung, Modernisierung, Wertewandel, Humanae vitae, Kirchengeschichte, Sozialform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entwicklung des deutschen Katholizismus in der Bundesrepublik während der 1960er Jahre, einer Dekade, die durch tiefgreifende gesellschaftliche und kirchliche Umbrüche geprägt war.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der Wandel des katholischen Milieus, die Einflüsse des II. Vatikanischen Konzils sowie die Auswirkungen der gesamtgesellschaftlichen Modernisierung und Säkularisierung auf die katholische Kirche.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, wie die katholische Kirche auf die gesellschaftlichen Modernisierungstendenzen reagierte und warum der durch das Konzil eingeleitete Aufbruch letztlich nicht vor einer Erosion des katholischen Milieus schützen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geschichtswissenschaftliche Seminararbeit, die auf einer fundierten Auswertung zeitgenössischer Quellen, statistischer Daten und aktueller zeitgeschichtlicher Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Charakterisierung des katholischen Milieus, die Untersuchung der Konzilsbeschlüsse sowie die darauffolgende Phase der kirchlichen Erosion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Katholizismus, 1960er Jahre, II. Vatikanisches Konzil, Säkularisierung, Milieubildung und gesellschaftlicher Wertewandel.
Welche Rolle spielt die Enzyklika „Humanae vitae“ für die Argumentation des Autors?
Der Autor führt die Enzyklika als ein exemplarisches Ereignis an, das die Spannungen zwischen der kirchlich-konservativen Amtskirche und den Reformerwartungen des Laienkatholizismus verdeutlichte.
Warum spricht der Autor von der „Auflösung des katholischen Milieus“?
Der Autor argumentiert, dass durch den Verlust ländlicher Lebensformen, die Konsumorientierung und den Drang nach individueller Selbstbestimmung die Basis für die geschlossene, abgrenzende Sozialform des Katholizismus endgültig entfiel.
- Citation du texte
- Matthias Buchholz (Auteur), 2007, Der deutsche Katholizismus in den gesellschaftlichen Umbrüchen der 60er Jahre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86420