Ein willkürlicher und liebeskranker Prinzen; sein intriganter Kammerdiener Marinelli; die verlassene Geliebte, Gräfin Orsina; das Objekt des Prinzen Begierde, die bürgerliche Emilia Galotti nebst gestrengem Herrn Papa und Mama Galotti: Das sind die Figuren von Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Emilia Galotti“. Regisseur Michael Thalheimer jedoch gesellt in seiner Inszenierung dem Reigen der Charaktere einen weiteren Protagonisten bei:die unablässigen Töne einer Violine.[...] Symbolträchtig sind die Deutungen der ratlosen Zeitungs-Rezensenten. Ralph Hammerthaler: „Michael Thalheimer inszeniert Lessings ‚Emilia Galotti’ im Walzertakt des Herzklopfens.“ Herzklopfen im Walzerrhythmus: Immer mehr drängt nach dieser umfassenden Zeitungsschau die Frage, welche Bedeutung der Musik in der Inszenierung zukommt.
Dazu soll zunächst die Musik im Allgemeinen unter inszenierungsanalytischen Gesichtspunkten beleuchtet und schließlich in die Theorie eines Globalen Inszenierungsrhythmus eingebettet werden. Hierfür ist es nötig, den Begriff des Rhythmus generell und im Speziellen den Begriff des Rhythmus am Theater mit Hilfe einschlägiger Literatur aus philosophischen, natur-, geistes-, und musikwissenschaftlichen Bereichen zu untersuchen. Die allgemeine Theorie soll nun am Beispiel der Thalheimerschen Inszenierung „Emilia Galotti“ unterfüttert werden, wozu der Walzer, um seiner umfassenden symbolischen Bedeutung gerecht zu werden, in die soziokulturelle Geschichte des Tanzes eingeflochten werden muss.
Mit diesem Hintergrundwissen kann erst der Versuch einer Interpretation des „Walzers“ in der Inszenierung Thalheimers geschehen. Diese soll hauptsächlich auf den auditiven Eindrücken beruhen, aber auch Querverweise auf Ebenen der Visualität gestatten. Die Interpretation aber führt direkt zum Rezipienten. Er muss schließlich entscheiden, ob ein Walzertakt für ihn Herzklopfen symbolisiert, ob Musik überhaupt eine semiotische Bedeutung tragen kann, welche Wirkung die Musik im Theater Thalheimers hervorruft. Das Publikum schließlich entscheidet, ob der Musik im Schauspiel der Stellenwert beigemessen werden kann, den die Theorie ihr erteilt.
Inhaltsverzeichnis
1. Ein schöner Violinabend: ein paar Takte vorneweg
2. Die Bedeutung der Musik im Theater
3. Der Rhythmus in der Inszenierung
3.1 Rhythmus: eine Begriffsbeleuchtung
3.2 Rhythmus in der Inszenierung
4. Sinnsuche in der Musik: Der Walzer bei Thalheimer
4.1 Ein historischer Abriss
4.2 (Un)sittlichkeit im ¾-Takt
4.3 Der Walzer in Michael Thalheimers „Emilia Galotti“
5. Im Korsett des Walzertakts
5.1 Sprache
5.2 Mimik und Gestik
5.3 Bewegung
6. Der Rhythmus der Inszenierung
7. Ein schöner Theaterabend : ein paar Takte zum Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die funktionale und symbolische Bedeutung von Musik, insbesondere des Walzers, in Michael Thalheimers Inszenierung von Lessings „Emilia Galotti“ am Deutschen Theater Berlin. Dabei wird analysiert, wie der musikalische Rhythmus die dramaturgische Struktur und das Körperbild der Figuren beeinflusst und als strukturgebendes Element für die Inszenierung fungiert.
- Die Funktion und Semiotik von Musik im modernen Theater
- Die philosophische und musikwissenschaftliche Definition von Rhythmus
- Die soziokulturelle Geschichte des Walzers und dessen Wandel
- Die Interaktion von Sprache, Mimik, Gestik und Bewegung mit dem Walzertakt
- Die Wirkung von Musik als „globaler Rhythmus“ und Puls der Inszenierung
Auszug aus dem Buch
4.1 Ein historischer Abriss
Als der Gesellschaftstanz schlechthin gehört der Walzer heutzutage obligatorisch in das Standard-Repertoire eines jeden Tanzkurses, auf jeden Ball, auf jedes Tanzturnier, auf jede Hochzeitsfeier. Der Nationaltanz Walzer [...] ist ein Paarentanz, und zwar nach seiner Form ein Rundtanz, dessen alter Name ‚Dreher’ [...] sehr bezeichnend war. Er stellt die zur Fröhlichkeit sich einigenden, traulich umfassenden Paare in leicht drehender (walsender) Bewegung dar, die eine doppelte ist: denn einmal dreht sich jedes Paar um seinen eigenen Mittelpunkt, und zweitens bewegt es sich in einer größeren Kreislinie fort, bis es wieder an seinen Ort gelangt.
Dieses Kreisen erklärt auch die Wortherkunft des „Walzers“, der schon, bevor er unter diesem Namen Musikgeschichte schrieb, in verwandter Form unter Bezeichnungen wie Weller, Spinner, Dreher, Ländler oder Teutscher weite Verbreitung fand. Bereits vor dem internationalen Siegeszug des „Wiener Walzers“ wurde im 18. Jahrhundert, zunächst nur in ländlichen Gegenden, verspätet in den Städten, eifrig „gewalzt“. Die Wiege des Walzers ist wohl im Schwabenland zu vermuten. Von dort dehnte sich die neue Tanzmode rasch aus: 1765 gebietet eine würzburgische Tanzverordnung, dass „die ärgerlichen Walz- und Schleifertänze ein für allemal gänzlich verboten seyn und bleiben sollen.“ Solche Behördenverbote konnten den Walzer schwerlich in die Schranken weisen. Mit der Entwicklung vom Gruppen- zum Paartanz begeisterte der Walzer immer mehr das junge Bürgertum. Schließlich konnte der Tanz als Spiegel sozialer Verhältnisse Ausdruck des aufkommenden neuen bürgerlichen Selbstverständnisses sein und gegen den Lebensstil des Ancien Régime provozieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ein schöner Violinabend: ein paar Takte vorneweg: Einführung in die Inszenierung durch eine Collage von Pressestimmen, die die präsente Rolle der Musik unterstreichen.
2. Die Bedeutung der Musik im Theater: Theoretische Auseinandersetzung mit der Funktion von Musik im Schauspiel unter theaterwissenschaftlichen Gesichtspunkten.
3. Der Rhythmus in der Inszenierung: Definition und Untersuchung des Begriffs „Rhythmus“ in philosophischen und theatralen Kontexten.
4. Sinnsuche in der Musik: Der Walzer bei Thalheimer: Historischer Abriss des Walzers und Analyse seiner spezifischen Verwendung in der Lessing-Inszenierung.
5. Im Korsett des Walzertakts: Analyse der Auswirkungen des Walzertakts auf Sprache, Mimik, Gestik und Bewegung der Schauspieler.
6. Der Rhythmus der Inszenierung: Zusammenfassung, wie die Teilrhythmen einen globalen dramatischen Rhythmus der gesamten Aufführung bilden.
7. Ein schöner Theaterabend : ein paar Takte zum Schluss: Reflexion über die Rezeption und die unbewusste Wirkung der Musik auf den Zuschauer.
Schlüsselwörter
Emilia Galotti, Michael Thalheimer, Musik im Theater, Walzer, Rhythmus, Takt, Inszenierungsanalyse, Körperbild, Semiotik, Dramaturgie, Schauspielmusik, Bert Wrede, Bühnengeschehen, Rezeption, Tanz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die funktionale und symbolische Rolle der Musik, insbesondere des Walzers, in der Inszenierung von „Emilia Galotti“ durch Michael Thalheimer am Deutschen Theater Berlin.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Musiksemiotik im Theater, die Theorie des Rhythmus, die historische Entwicklung des Walzers sowie die theatrale Umsetzung von Körpersprache und Regiekonzepten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Einfluss des „Walzerprinzips“ auf die dramatische Struktur der Inszenierung zu ergründen und aufzuzeigen, wie Musik über eine bloße Kulisse hinaus zur zentralen Verklanglichung der Handlung wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine inszenierungsanalytische Herangehensweise mit philosophischen und musikwissenschaftlichen Theorieansätzen, um das Verhältnis von Takt, Rhythmus und Bühnenhandlung zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung von Rhythmus, die historische Einordnung des Walzers und eine detaillierte Analyse der Auswirkung des Walzertakts auf die Ausdrucksmittel der Schauspieler.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Emilia Galotti, Walzer, Rhythmus, Takt, Inszenierungsanalyse, Semiotik und Dramaturgie.
Warum spielt der Walzer bei Thalheimer eine so zentrale Rolle?
Er fungiert als „Klang gewordene Bürgerlichkeit“ und als Rhythmusgeber, der die Zerrissenheit der Figuren zwischen individuellem Empfinden und gesellschaftlichem Zwang unterstreicht.
Was bedeutet das „Korsett des Walzertakts“ für die Schauspieler?
Das „Korsett“ steht für die Unterwerfung der Schauspieler unter ein strenges, rhythmisches Reglement, das eine natürliche Entfaltung der Emotionen behindert und die Figuren oft fragmentiert wirken lässt.
- Citation du texte
- Sarah Wendel (Auteur), 2007, Herzschlag im Walzertakt? - Musik und Rhythmus in Thalheimers Inszenierung "Emilia Galotti" am Deutschen Theater Berlin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86435