Der Lebensraum Lima

Kindheit in der peruanischen Metropole


Seminararbeit, 2006

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mario Vargas Llosas Roman La ciudad y los perros
2.1. Der Mikrokosmos Leoncio Prado
2.2. Die Militärakademie als Lebensraum
2.3. Personen und Personengefüge
2.3.1. Alberto Fernández
2.3.2. Ricardo Arena
2.3.3. Jaguar

3. Alfredo Bryce Echeniques Roman Un mundo para Julius
3.1. Die verschiedenen Welten des Romans
3.2. Die Oberschicht
3.2.1. Julius und die Oberschicht
3.2.1.1. Juan Lucas
3.2.1.2. Susan
3.2.1.3 Die Geschwister Santiago und Bobby
3.2.1.4. Cinthia
3.3. Die Dienerschaft
3.3.1. Julius und die Dienerschaft
3.4. Die Entwicklung Julius’

4. Die Trilogie der Grupo Chaski
4.1. Der Film Gregorio
4.2. Der Film Juliana
4.3. Der Film Gregorio und Juliana: Anda, Corre, Vuela
4.4. Die Realitätsnähe der Trilogie
4.4.1. Die Straße als Lebensraum
4.4.2. Die Kultur der Straße

5. Fazit

6. Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Internet Quellen

Filmographie

1. Einleitung

Am Anfang dieser Arbeit stand die Stadt Lima als einziges verbindendes Element der von mir ausgewählten Quellen im Vordergrund. Nach eingehender Beschäftigung mit dem Thema Lebensraum Lima ließen sich jedoch weitere, tiefgründigere Parallelen zwischen den Publikationen erkennen, so dass die Betrachtung der Metropole zu einer Betrachtung der Lebensumstände der urbanen Gesellschaft mit den damit einhergehenden sozialen Problemen und Positionskämpfen ihrer Mitglieder wurde.

Im Folgenden werde ich den Lebensraum Lima aus unterschiedlichen Perspektiven und unter dem Aspekt der Kindheit und des Heranwachsen betrachten. Dieses soll vordergründig veranschaulicht werden durch die literarischen Großstadtdarstellungen La ciudad y los perros von Mario Vargas Llosa und Un mundo para Julius von Alfredo Bryce Echenique und ergänzt werden durch die Filmtrilogie der Grupo Chaski.

Allen gemein ist ein Leben in einem, den Verhältnissen der realen peruanischen Welt entsprechenden, Mikrokosmos sowie eine zunehmende Marginalisierung der kindlichen Protagonisten im Bezug auf die urbane Gesellschaft und deren vorherrschenden Strukturen. Die unterschiedlichen Aspekte des Zusammenlebens und Überlebens lassen ein individualitätsfeindliches Bild von der Großstadt Lima entstehen, das ich im Folgenden näher erläutern möchte.

2. Mario Vargas Llosas Roman La ciudad y los perros

Schauplatz des 1962 erschienenen Romans La ciudad y los perros ist die Militärakademie Leoncio Prado in La Perla, einem Stadtteil Limas. Die Kadetten der Anstalt stammen nicht nur aus verschiedenen Bezirken der Stadt und des Landes, sondern weisen auch unterschiedliche Familienverhältnisse auf.

Die Akademie genießt den Ruf einer traditionsreichen Institution, in der männliche Jugendliche eine autoritäre Erziehung und Disziplinierung erhalten. Die vorherrschenden reellen Zustände erweisen sich jedoch als eine menschenverachtende Akkumulation aus gewaltsamer Hierarchie, Machismo und Sadismus. Die Schüler der dritten Klasse, von höherrangigen Kadetten und Anstaltspersonal auch die perros genannt, müssen schnell erkennen, dass in der Anstalt interne Regeln gelten, denen es sich anzupassen gilt. Ohne das Wissen der Offiziere und der Anstaltsleitung werden Zigaretten und Alkohol geschmuggelt, konsumiert und weiterverkauft, Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände entwendet und es kommt zu gewaltsamen und sexuellen Übergriffen unter den Kadetten.

Ein Teil der Schülerschaft des unteren Jahrgangs verbündet sich zum Círculo und ein Kadett, genannt der Jaguar, wird ihr Anführer. Dieser Zusammenschluß dient anfänglich dem Selbstschutz vor und der Rache an höheren Jahrgängen, später aber verschafft sich die Gruppe Freiräume im bestehenden System durch eigene Machenschaften und Intrigen.

Cava, ein Mitglied des Círculo, entwendet Prüfungsfragen, aber der Diebstahl wird entdeckt und mit einer Ausgangssperre für den gesamten ersten Jahrgang geahndet. Erst durch die Aufdeckung des Täters soll diese aufgehoben werden und so hat das Verbot wochenlang Bestand, bis schließlich Ricardo Arena, auch genannt der Esclavo, den Dieb verrät. Cava wird daraufhin der Anstalt verwiesen und der Esclavo bei einer Gefechtsübung tödlich verletzt.

Der Vorfall wird von der Schuldirektion heruntergespielt und als Unfall dargestellt. Auch eine anschließende Untersuchung, initiiert von Mitkadett und Freund Alberto, genannt der Poeta, und geleitet von Teniente Gamboa, kann die wahren Todesumstände des Esclavo nicht aufdecken.

2.1. Der Mikrokosmos Leoncio Prado

Der Roman ist gekennzeichnet durch kurze Szenen, die aus der Perspektive verschiedener Romanfiguren erzählt werden und deren Standorte und Zeitpunkte fortwährend variieren. Die Wiedergabe von Abläufen und Geschehnissen erfolgt nicht chronologisch, sondern aufgeteilt in einzelnen Episoden und über den Roman verteilt. Herlinghaus bezeichnet diese Erzähltechnik als ein „Kaleidoskop erzählerischer Instanzen“ das eine „[totalisierende] Sicht“ (1992: 67) auf die peruanische Wirklichkeit ermöglicht.

Erst im Verlauf des Romans wird es dem Leser daher ermöglicht, durch sich wiederholende Merkmale und Gedankenstränge die Szenen in den Gesamtzusammenhang einzubetten und am Ende ergeben die „wechselweise eingefügten Episoden aus den Familiengeschichten der Kadetten [...] zusammen mit dem Geschehen in der Anstalt ein repräsentatives Gesellschaftspanorama“ (Scheerer 1991: 14).

Die Militärakademie kann als Metapher für die peruanische, insbesondere städtische, Gesellschaft gesehen werden, so dass der eigentliche Verlauf des Romans nur vordergründig relevant zu sein scheint. Bedeutsam hingegen ist die gesellschaftliche Allgemeingültigkeit der individualitätsfeindlichen Verhältnisse im Mikrokosmos Leoncio Prado und deren Auswirkungen auf die Kadetten. Die perros erfahren als jüngste Generation der Akademie, und damit auf der untersten Stufe der Hierarchie stehend, eine „ungerechte Gesellschaft in ‚Kleinformat’“ (Herlinghaus 1992: 76), die geprägt ist durch „die eigentlich wirksamen gesellschaftlichen Verhaltensweisen: Machismo[1], Zynismus, Doppelmoral und Resignation“. (Scheerer 1991: 15).

„Todo el mundo sabe que tienes miedo. Hay que trompearse de vez en cuando para hacerse respetar. Si no, estarás reventado en la vida.“

„Yo no voy a ser militar.”

„Yo tampoco. Pero aquí eres militar aunque no quieras. Y lo que importa en el Ejército es ser bien macho, tener unos huevos de acero, ¿comprendes? O comes o te comen, no hay más remedio. A mí no me gusta que me coman.“ (Vargas Llosa 1987: 25-26)

Innerhalb dieses Mikrokosmos nimmt die Akademie jedoch auch die Funktion eines „Versuchsraum[es]“ (Herlinghaus 1992: 76) ein. Verschiedene Romanfiguren erproben erstmalig während ihres Aufenthalts in der Akademie, sich gegen die vorherrschenden gesellschaftlichen Bedingungen aufzulehnen, aus eigener Überzeugung zu handeln und die daraus entstehenden Konsequenzen zu erfahren. Das enttäuschende Resultat ist jedoch das Scheitern der Figuren an den festgelegten und unveränderlich scheinenden Gesellschaftsstrukturen.

2.2. Die Militärakademie als Lebensraum

Herlinghaus deutet auf ein generelles Problem der Kadetten im Bezug auf deren Identitätsentwicklung hin, da sich „deren Relation zur Gesellschaft [...] in einer Übergangsphase befindet, das heißt noch nicht gefestigt ist“ (1992: 69). Auf Grund der vorherrschenden hierarchischen Verhältnisse in der Akademie weicht das Auftreten der Jugendlichen dort von ihren sonstigen Verhaltensweisen ab. Ihr Rollenverhalten ist zwangsweise geprägt von der Anpassung an einen und dem Überleben in einem von ihnen nicht gewählten Raum. In diesem Zusammenhang zweifelt Herlinghaus auch die Legitimität der Protagonisten als selbstbestimmte Subjekte an. Für ihn stellen sie lediglich Personen dar, „die mehr oder weniger provisorische Räume bewohnen, provisorisch in sofern, als sie sich fremden Ordnungen anpassen, um aus ihnen vorübergehend Nutzen zu ziehen“ (1992: 75).

Confusamente, deseó perder la voluntad y la imaginación y ejecutar el plan como una máquina ciega. Pasaba días enteros abandonado a una rutina que decidía por él, empujado dulcemente a acciones que apenas notaba. (Vargas Llosa 1987: 13)

Der Eintritt in die Akademie bedeutet für die Jungen nicht nur eine Assimilierung an das disziplinierte Leben, was die Schule nach außen hin propagiert, sondern auch an ein Leben voller Entwürdigung und Unterwerfung im Kreise der Kadetten.

Los perros estuvieron en manos de los de cuarto desde el almuerzo hasta la comida, unas ocho horas. El Esclavo no recuerda a qué sección fue llevado ni por quién. Pero la cuadra estaba llena de humo y de uniformes y se oían risas y gritos. Apenas cruzó la puerta, la sonrisa en los labios aún, se sintió golpeado en la espalda. Cayó al suelo, giro sobre si mismo, quedó tendido boca arriba. Trató de levantarse, pero no pudo: un pie se había instalado sobre su estómago. […] Y entonces los rostros abrieron las bocas y escupieron sobre él, no una, sino muchas veces, hasta que tuvo que cerrar los ojos. […] El de la derecha golpeó primero y el Esclavo sintió fuego en el antebrazo. El de la izquierda lo hizo casi inmediatamente. [...] El Esclavo se tambaleó con el impacto, pero no llegó a caer: las manos de los cadetes que lo rodeaban lo contuvieron y lo devolvieron a su sitio. […] Después lo volvieron a una cuadra de cuarto y tendió muchas camas y cantó y bailó sobre un ropero, imitó a artistas de cine, lustró varios pares de botines, barrió una loseta con la lengua, fornicó con una almohada, bebió orines […]. (Vargas Llosa 1987: 52-54)

Im Verlauf ihrer Akademielaufbahn lernen die Schüler nicht nur sich anzupassen, sondern sie entwickeln auch „lebensnotwendige Strategien der Selbstbehauptung gegenüber feindseligen Rivalen oder höheren Instanzen“ (Scheerer 1991: 15). Eine dieser Strategien, vorrangig bestimmt durch den Gedanken des Selbstschutzes, ist der Zusammenschluß zum Círculo. Dieser stellt einen Bezugspunkt für die Jugendlichen dar und bildet gleichzeitig einen Gegenpol zur fremdbestimmten Umgebung (vgl. Herlinghaus 1992: 72).

El Círculo había nacido con su vida de cadetes, cuarenta y ocho horas después de dejar las ropas de civil y ser igualados por las máquinas de los peluqueros del colegio que los raparon, y de vestir los uniformes caquis, entonces flamantes, y formar por primera vez en el estadio al conjuro de los silbatos y las voces de plomo. […] La voz del capitán Garrido les anunciaba que la vida civil había terminando para ellos por tres años, que aquí se harían hombres, que el espíritu militar se compone de tres elementos simples: obediencia, trabajo y valor. Pero aquello había venido después […].

La cuadra estaba silenciosa. Los muchachos se miraban unos a otros y, a pesar de haber sido golpeados, escupidos, pintarrajeados y orinados, se mostraban graves y ceremoniosos. Esa misma noche, después del toque de silencio, nació el Círculo. (Vargas Llosa 1987: 51, 55)

Scheerer folgert, dass Gruppensolidarität „nicht so sehr aus freiem Entschluß, als vielmehr aus dem Bedürfnis, sich gegen die Herrschaft anderer zu schützen“ entsteht, und dass sie „so zu einem Zwang [wird], dem einzelne sich bis zur Selbstaufgabe unterwerfen“ (1991: 15).

2.3. Personen und Personengefüge

Vargas Llosa kreiert im Roman Protagonisten mit variierenden Persönlichkeitsmerkmalen, deren Ausprägung abhängig ist von ihren jeweiligen Aufenthaltsorten. Der Kontrast zwischen ihren Lebens- und Verhaltensweisen in Lima und in der Militärakademie erschwert dem Leser gewisse Episoden ein- und demselben Protagonisten zuzuordnen und in den Gesamtzusammenhang einzubetten.

[...]


[1] Laut Scheerer zeigt sich der aktiv erlebte und gelebte Machismo zum einen in den Lebensumständen und familiären Hintergründen der Jungen außerhalb der Akademie, und zum anderen in der Isoliertheit der Kadettenanstalt, in der „Frustrationen mit rüder Sprache, sexuellen Ritualen (wie der kollektiven Masturbation als Wettbewerb) sowie allerlei perversen Praktiken, die von der homosexuellen Vergewaltigung bis zur Zoophilie [...] reichen“ (1991: 18) kompensiert werden.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Lebensraum Lima
Untertitel
Kindheit in der peruanischen Metropole
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Die Stadt in der lateinamerikanischen Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V86437
ISBN (eBook)
9783638021029
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensraum, Lima, Stadt, Literatur
Arbeit zitieren
Nina Probst (Autor), 2006, Der Lebensraum Lima, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86437

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