Die deutsche Synchronfassung des US-amerikanischen Films Queen Christina (1933) des Regisseurs Rouben Mamoulian sowie die in dem Buch Die Diva. Eine Geschichte der Bewunderung (2002) von Elisabeth Bronfen verfasste Diventheorie, die unbewertet übernommen wird, sind Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit. Vom Film als Analysebasis ausgehend, wird die These von Wayne Koestenbaum, dass die Königin und die Diva hinsichtlich ihrer Doppelkörperlichkeit Seelenverwandte sind, sowie die Frage, ob Greta Garbo eine Diva darstellte, parallel analysiert, wobei Beschreibung und Interpretation synthetisch miteinander verbunden werden. Bei der Verwendung biografischer Fakten und Informationen ist zu beachten, dass Biographien, die dem Leser scheinbar einen Einblick in die Privat- und Intimsphäre des Stars bzw. der Diva erlauben, bereits Teil dessen Öffentlichkeit sind, was die exakte Abgrenzung zwischen privatem Leib und öffentlichem Image erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht.
Im ersten Teil ‚Genre: ein semi-authentisches Historienmelodrama’ wird untersucht, inwiefern sich die vorliegende Genre-Synthese aus Historienfilm und Filmmelodrama zur Inszenierung einer Diva eignet und diese gegebenenfalls sogar begünstigt. Die genrespezifischen Merkmale des Historienfilms sowie des Filmmelodramas werden diesbezüglich im Kontext der Diventheorie betrachtet.
Im zweiten Teil ‚Königin Christine, die Diva und Greta Garbo: heimliche Seelenverwandte’ wird die filmästhetische Umsetzung des stufenweisen, den Haupthandlungsstrang bildenden Identitätswandels der Protagonistin Königin Christine vom body politic zum body natural in Relation zu der Diventheorie sowie der Theorie von Ernst Kantorowicz über die Doppelkörperlichkeit des Königs betrachtet. Die filmästhetische Vermittlung einzelner, für die Identitätsentwicklung der Protagonistin bedeutender Sequenzen bzw. Szenen wird diesbezüglich detailliert analysiert. Die psychoanalytisch ausgerichtete Filmanalyse erfolgt, aufgrund der besseren Nachvollziehbarkeit der identitätsbildenden Entwicklung der Protagonistin, größtenteils in chronologischer Reihenfolge. Der Kapiteleinteilung entsprechend, werden im Rahmen des Entwicklungsprozesses wesentliche Kriterien der Diventheorie an der Protagonistin Königin Christine sowie an der, diese darstellenden Greta Garbo überprüft.
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
2. Genre: Ein semi-authentisches Historienmelodrama
2.1 Der Historienfilm: das Verschmelzen von Authentizität und Kunstprodukt
2.2 Das Filmmelodrama: das Leiden mit System
3. Königin Christine, die Diva und Greta Garbo: heimliche Seelenverwandte
3.1 Die Krönung des body politic: Auserwählte im System
3.2 Transvestismus und Bisexualität: die sexuelle Grenzgängerin
3.3 Frieden, Kultur und Wissenschaft: eine Ideologiekritik
3.4 Der Eskapismus: die Flucht vor dem body politic
3.5 Die geschlechtliche Metamorphose: die Entdeckung des body natural
3.6 Liebesphantasien: Projektionen auf ein leeres Gefäß
3.7 Die Abdankung des body politic: Verzicht auf den unausweichlichen Absturz
4. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Film "Queen Christina" (1933) unter Anwendung der Diventheorie von Elisabeth Bronfen. Ziel ist es, den Identitätswandel der Protagonistin sowie die Parallelen zwischen der Filmfigur und der Schauspielerin Greta Garbo zu analysieren und zu hinterfragen, inwiefern Greta Garbo den Kriterien einer Diva entspricht.
- Analyse der Genre-Synthese aus Historienfilm und Filmmelodrama.
- Untersuchung der Doppelkörperlichkeit (body politic vs. body natural) der Protagonistin.
- Deutung von Transvestismus und Bisexualität als Ausdruck sexueller Grenzgängerei.
- Ideologiekritische Auseinandersetzung mit den Machtstrukturen am Königshof.
- Synthetische Betrachtung von biografischen Fakten und filmästhetischer Inszenierung.
Auszug aus dem Buch
3.6 Liebesphantasien: Projektionen auf ein leeres Gefäß
Ihren Liebhaber ignorierend bewegt sich Christine in einem langen, weißen, ihre weiblichen Konturen verhüllenden Morgenmantel wie ein Geist, in einer Art Sonett-Rhythmus tanzend durch den halbdunklen Raum (0:42:56-0:45:50). Das Fehlen verbaler Kommunikation zwischen den Protagonisten, während Christines Tanz, erinnert an die Konventionen des Stummfilms. „Wie Pantomime und Ballett ist der Stummfilm stilisierte Bewegung, die durch die Abwesenheit des gesprochenen Wortes an Intensität gewinnt. Die Ausdrucksmittel Mimik und Körper übernehmen zusätzlich die Aufgabe der Stimme“.92 Die ebenso freudig wie leidend wirkenden Bewegungen und Gesten sowie die verhüllten weiblichen Konturen lassen Christine neutral, wie ein leeres Gefäß, erscheinen, wodurch sie, nach Bronfen, einer Diva ähnelt. „Wenn die Diva einerseits das mythische Zeichen mit ihrem Körper füllt, so ist sie andererseits als unbegrenzt verfügbarer Medienkörper, auf den andere uneingeschränkt ihre Phantasien projizieren können, ihrer Individualität entleert“.93 Auch Greta Garbo, deren persönliche Identität nie besonders ausgeprägt gewesen sein soll, litt unter diesem Syndrom. Die sie umgebenden Geheimnisse und Illusionen verbargen geschickt die Leere, den Keim einer Persönlichkeit, die sich nie wirklich entfaltet hat bzw. entfalten durfte.94
Die visuelle Kommunikation zwischen Christine und Antonio lässt eine klassische Schauspielerin-Zuschauer-Konstellation erkennen. Autoerotisch, auf sich selbst und die Fetische ihrer Liebkosung konzentriert, nimmt Christine Antonio kaum wahr, wohingegen sein männlicher Blick sie als Objekt der Begierde ununterbrochen fixiert. „Freud bezeichnete den ‚kontrollierten erotischen Blick’ als elementaren Sexualtrieb, bei dem der Mann der Betrachter und die Frau die Betrachtete ist“.95 Diese geschlechtsspezifische Rollenzuweisung ist seit Christines Entlarvung als Frau (0:40:11-0:40:43) etabliert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit: Einführung in die Analysebasis des Films und der Diventheorie sowie die Darlegung der zentralen Fragestellung.
2. Genre: Ein semi-authentisches Historienmelodrama: Untersuchung der Gattungsmerkmale des Films als Synthese von Historienfilm und Melodrama.
3. Königin Christine, die Diva und Greta Garbo: heimliche Seelenverwandte: Hauptteil, der den Identitätswandel der Königin und die Parallelen zur Schauspielerin in verschiedenen Unterkapiteln detailliert beleuchtet.
4. Zusammenfassung der Ergebnisse: Synthese der Analyseergebnisse und abschließende Bewertung der Eignung von Greta Garbo für den Diva-Status.
Schlüsselwörter
Greta Garbo, Queen Christina, Diventheorie, Elisabeth Bronfen, Filmmelodrama, Historienfilm, body politic, body natural, Doppelkörperlichkeit, Identitätswandel, Gender, Transvestismus, Bisexualität, Filmstars, Inszenierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Film "Queen Christina" von Rouben Mamoulian aus dem Jahr 1933 unter Anwendung der Diventheorie von Elisabeth Bronfen, um das Phänomen des "Diva-Seins" bei der Protagonistin und der Hauptdarstellerin Greta Garbo zu untersuchen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten zählen die Genre-Synthese, die Darstellung von Geschlechterrollen (Transvestismus/Bisexualität), die theoretische Konzeption der Doppelkörperlichkeit sowie die Spannung zwischen privatem Leib und öffentlichem Image.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob die Figur der Königin Christine und die Schauspielerin Greta Garbo als "Seelenverwandte" gelten können und inwieweit Greta Garbo durch ihr Auftreten und ihren Werdegang die Kriterien einer Diva erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine psychoanalytisch ausgerichtete Filmanalyse durchgeführt, die den Film chronologisch entlang der Handlungselemente untersucht und diese in den Kontext der theoretischen Arbeiten von Elisabeth Bronfen sowie Ernst Kantorowicz stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine genretheoretische Einordnung sowie eine detaillierte, in sieben Abschnitte unterteilte Analyse des Identitätswandels von Königin Christine, von ihrer Krönung bis zur Abdankung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit maßgeblich?
Wesentliche Begriffe sind "body politic" und "body natural", "Diventheorie", "Genre-Synthese", "androgynes Image" und "ideologische Diskrepanz".
Inwiefern spielt der historische Kontext für die Diva-Theorie eine Rolle?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass der historische Rahmen oft nur eine Projektionsfläche für das Image bietet, wobei die Diva durch ihre Inszenierung eine eigene, un reproduzierbare Authentizität schafft.
Warum wird das Karriereende der Garbo als Kriterium herangezogen?
Elisabeth Bronfen sieht im plötzlichen Rückzug der Garbo aus der Öffentlichkeit ein wesentliches Indiz, das gegen den typisch tragischen Absturz einer Diva spricht, da Greta Garbo ihr Privatleben erfolgreich vom öffentlichen Image abzugrenzen wusste.
- Citar trabajo
- Astrid Wolffram (Autor), 2003, War Greta Garbo eine Diva? Anwendung der Diventheorie von Elisabeth Bronfen auf Rouben Mamoulians "Queen Christina" (1933), Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86810