Die südliche Erweiterung Leningrads entlang dem heutigen Moskovskij prospekt galt vor der Perestrojka als ein Gebiet, in dem die Segnungen der „sozialistischen Stadt“ der Sowjetbevölkerung zugute kommen sollten. Dass die Vorstellungen der Stadtplaner einmal viel weiter gingen und hier im Süden der Stadt das neue Zentrum Leningrads entstehen sollte, war auch in den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion lange vergessen. Heute, im postsowjetischen Russland, finden die einstmals stolz vorgezeigten Neubaugebiete ebenfalls keine Beachtung mehr und im Rückblick erscheint das gesamte Projekt als unbedeutende Episode in der Stadtgeschichte. Es war jedoch nicht nur ein stadtplanerisches, sondern in seiner Symbolhaftigkeit auch ein in höchstem Maße politisches Vorhaben. Das Bild der Stadt St. Petersburg sollte auf immer verändert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bedeutung von Stadt und Stadtplanung in der Sowjetunion
3. Architekturgeschichtliche Einordnung
4. Der Generalplan von 1935
5. Die Wirkungselemente des Generalplans
5.1 Veränderung der städtischen Makrostruktur
5.2 Die Form des neuen Zentrums
5.3 Die Architektur des Dom sovetov
6. Die Rolle Leningrads in der Sowjetunion
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Generalplan von 1935 für Leningrad und seine Rolle als Instrument zur ideologischen und stadtplanerischen Transformation der Stadt. Dabei wird analysiert, wie durch die bewusste Umgestaltung der städtischen Struktur und den Bau eines neuen Zentrums eine Abwertung der historischen Identität zugunsten eines sowjetischen Einheitsmythos forciert wurde.
- Der Einfluss des Sozialistischen Realismus auf die stalinistische Architektur.
- Die symbolische und politische Bedeutung der Verlagerung des Stadtzentrums.
- Der Vergleich der stadtplanerischen Ansätze in Moskau und Leningrad.
- Die Rolle Leningrads als "Wiege der Revolution" versus historische Bedeutung.
- Die Instrumentalisierung von Architektur zur Machtdemonstration und Kontrolle.
Auszug aus dem Buch
5.3 Die Architektur des Dom sovetov
Im Gegensatz zu Moskau gibt es im Stadtbild St. Petersburgs nur wenige Zeugnisse der Ära des Stalinschen Monumentalstils. Der Dom sovetov an der Moskovskaja ploščad’ ist wohl das einzige bedeutende Beispiel. So erinnert nicht nur der Name des neuen Zentrums an Moskau, sondern auch die Architektur. Obwohl der Stalinsche Neoklassizismus eher zum klassizistisch geprägten Petersburg zu passen scheint als zu Moskau, denkt wohl der erfahrene Russlandreisende beim Anblick des Petersburger Dom sovetov sofort an Moskau, dem der Stalinsche Monumentalstil – im Gegensatz zu Petersburg – seinen bleibenden Stempel aufgedrückt hat. Die Verbindung zu Moskau schafft die Stalinsche Architektur jedoch nicht allein dadurch, sondern auch aus sich heraus, wie viele behaupten. James Billington schreibt hierzu:
“The mammoth mosaics in the Moscow subway, the unnecessary spires and fantastic frills of civic buildings, the leaden chandeliers and dark foyers of reception chambers – all send the historical imagination back to the somber world of Ivan the Terrible. Indeed, the culture of the Stalin era seems more closely linked with ancient Muscovy than with even the rawest stages of St. Petersburg-based radicalism.”
Insofern bildet hier auch die Architektur eine Reminiszenz an Moskau. In der ursprünglichen Planung Noj Trockijs, des Architekten, der die bauliche Planung des Ensembles übernahm, waren zwei doppelte Torbögen an der Nord- und Südseite des Platzes vorgesehen, wodurch eine Aufmarschstrecke für Massenkundgebungen entstanden wäre, die die natürlichen Begrenzungen des Platzes durchbrochen hätte. Auffällig ist hier das Zitat des Triumphbogens des ehemaligen Generalstabsgebäudes, durch den die Bol’šaja Morskaja ulica vom Nevskij prospekt auf die Dvorcovaja ploščad’ führt. Auch hier liegt ein doppelter Bogen vor, das innere Kachelmuster der Bögen ist gleich und auch der Streitwagen auf dem Triumphbogen erinnert an die Figuren, die auf den Bögen der Planzeichnung zu erkennen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die südliche Erweiterung Leningrads ein und thematisiert das weitgehend vergessene politische Vorhaben, das Stadtzentrum nach Süden zu verlegen.
2. Die Bedeutung von Stadt und Stadtplanung in der Sowjetunion: Dieses Kapitel erläutert die Rolle der Stadt als Instrument zur Machtdemonstration und die Tradition der zentralistischen Planung in Russland.
3. Architekturgeschichtliche Einordnung: Hier wird der Stalinsche Monumentalstil und der Bruch mit dem Konstruktivismus analysiert.
4. Der Generalplan von 1935: Es wird die Entstehung des Leningrader Generalplans beschrieben, der eine radikale Erweiterung nach Süden vorsah.
5. Die Wirkungselemente des Generalplans: Dieses Kapitel analysiert die städtische Makrostruktur, die Form des neuen Zentrums und die Architektur des Dom sovetov.
6. Die Rolle Leningrads in der Sowjetunion: Der Abschnitt befasst sich mit der Transformation Leningrads in der sowjetischen Propaganda und der bewussten Abwertung der Stadt.
7. Resümee: Das Fazit fasst den Prozess der Uniformierung Leningrads und das Scheitern der materiellen Umgestaltung zusammen.
Schlüsselwörter
Generalplan 1935, Leningrad, St. Petersburg, Stadtplanung, Sozialistischer Realismus, Sowjetunion, Stalinismus, Dom sovetov, Moskovskaja ploščad, Monumentalarchitektur, Stadtzentrum, Transformation, Machtdemonstration, Architekturgeschichte, Urbanismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht den Generalplan von 1935 für Leningrad und analysiert, wie durch städtebauliche Maßnahmen versucht wurde, das Bild und die Rolle der ehemaligen Hauptstadt im sowjetischen Staat zu verändern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Architektur des stalinistischen Monumentalstils, der stadtplanerischen Makrostruktur Leningrads und der politisch-ideologischen Umdeutung der Stadtgeschichte.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist die Deutung der drei Hauptelemente des Vorhabens: die neue Struktur der Stadt, die Form des geplanten neuen Zentrums und die architektonische Gestaltung der Bauten im Kontext des Sozialistischen Realismus.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer architekturgeschichtlichen und stadtplanerischen Analyse, unterstützt durch historische Quellen und Literatur über die sowjetische Stadtentwicklung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der städtischen Makrostruktur, die Analyse der Platzgestaltung um den Dom sovetov sowie die historische Einordnung der Rolle Leningrads innerhalb der Sowjetmacht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind unter anderem Generalplan 1935, Sozialistischer Realismus, stalinistische Architektur, städtische Identität und die Transformation vom historischen Zentrum zum sowjetischen Modell.
Warum wurde das neue Zentrum ausgerechnet im Süden geplant?
Die Planung zielte darauf ab, ein neues, politisch kontrolliertes Zentrum abseits des historisch gewachsenen und westlich geprägten Zentrums um den Newski-Prospekt zu schaffen, um die Stadt ideologisch "auf Linie" zu bringen.
Welche Bedeutung hatte der "Dom sovetov" für das Projekt?
Das Gebäude sollte als administratives Herzstück des neuen Zentrums dienen und die monumentale Staatsmacht repräsentieren, was eine bewusste architektonische Reminiszenz an Moskau darstellte.
Scheiterte das Projekt zur Umgestaltung Leningrads?
Ja, in materieller Hinsicht scheiterte die komplette Umgestaltung; der geplante Platz fungierte eher als regionale Mitte der südlichen Neubaugebiete, während der historische Kern der Stadt erhalten blieb.
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- Stefan Daute (Author), 2005, Der Generalplan von 1935 und seine Bedeutung für die Stadt Leningrad, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86826