Es scheint sich – nicht nur aufgrund der neuen Kultur-Politik-Geschichtsschreibung – fast von selbst zu verstehen, Herrschaft als „kommunikativ-dynamischen Prozess“ zu verstehen. Das zugrundeliegende Modell besitzt eine Reihe sinnvoller Elemente. Es unterscheidet analytisch verschiedene „Figurationen des Kommunikationsphänomens“ und bezieht sie aufeinander: Information, Medium und Öffentlichkeit. Letztere aber als kommunikativen Raum aufzufassen, der „Vorgänge und Handlungen auch in einseitiger, zufälliger oder gewollter Informations-übermittlung sichtbar macht“, führt zu einem diffusen Begriff, der beliebige „Orte“ zu For-men der Öffentlichkeit macht – vom Straßenauflauf, einer Zunft, einer Behörde, einer Lesegesellschaft bis zum Militär. Hier soll dagegen ein deutlich engerer Begriff von Öffentlichkeit verwendet werden. Ihre Teilnehmer kommunizieren bewusst, mit gemeinsamen Kommunikationsabsichten, allen zugänglichen Formen und vor allem mit allen interessierenden Inhalten; Öffentlichkeit reflektiert und bewertet die transportierten Inhalte. Dies trifft sich zumindest mit einer weiteren Prämisse des Modells, das Kommunikation als von beiden Seiten aktive Beziehung von Sender und Empfänger beschreibt. Herrschaft wird damit zum Aushandlungsprozess. Dies geschieht in Abgrenzung zum Herrschaftsbegriff Max Webers, der Herrschaft bekanntlich als Chance zum Befehlsgehorsam definierte. Allerdings wird damit der bewusst eng gehaltene Herrschaftsbegriff Webers mit dem bewusst amorph gehaltenen Begriff der Macht verwischt. Begibt man sich in das Begriffsfeld „soziale Macht“ ist der relationale Charakter dieser Beziehung wie die Bedeutung von Kommunikation ohnehin immanent. Dies gilt im übrigen auch für Weber, der Macht parallel zu sozialen Beziehungen im allgemeinen definiert. Diese werden grundsätzlich als relational und sinnhaft aufgefasst und setzen damit Kommunikation voraus.
Kommunikation ist in mehrfacher Hinsicht Bedingung von Herrschaft bzw. Macht. Dem Modell droht dennoch Gefahr aus zweierlei Richtung. Dass Herrschaft sich erst durch ein funktionierendes Kommunikations- und Verkehrsnetz konstituierte, ist als Forschungsrahmen sinnvoll, als „These“ jedoch ist es trivial. Wenn man Aushandlungsprozesse als fundamental ansieht, darf die Nachricht bzw. die Information nicht hinter den Medien zurückstehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Herrschaft als kommunikativ dynamischer Prozess
2. Ausdehnung und Träger der neuen Öffentlichkeit
3. Aufklärung und Obrigkeit: Herrschaftskritik in der Öffentlichkeit
4. Unruhen und aufgeklärte Öffentlichkeit
5. Grenzen, Weite und Ambivalenz der politischen Öffentlichkeiten: ein Fazit
6. Anlage: Unruhen, Aufruhr, Aufstände in deutschen Zeitschriften der Spätaufklärung
7. Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Quellen
7.2 Literatur
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis von Herrschaft und politischer Öffentlichkeit im Zeitalter der Spätaufklärung. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie sich aufklärerische Diskurse, die Verbreitung von Medien und die Kommunikation zwischen Obrigkeit und Untertanen gegenseitig beeinflussten und ob diese Öffentlichkeit tatsächlich ein herrschaftskritisches oder gar revolutionäres Potenzial entfaltete.
- Die Dynamik des kommunikativen Prozesses als Bedingung von Herrschaft und Macht.
- Die quantitative und qualitative Ausweitung der Öffentlichkeit sowie deren soziale Trägerschichten.
- Die Rolle der Presse als Medium für Herrschaftskritik, Reformdiskurse und deren Grenzen.
- Das Verhältnis der aufgeklärten Öffentlichkeit zu politischen Unruhen, Aufruhr und Aufständen.
Auszug aus dem Buch
1. Herrschaft als kommunikativ dynamischer Prozess
Es scheint sich – nicht nur aufgrund der neuen Kultur-Politik-Geschichtsschreibung – fast von selbst zu verstehen, Herrschaft als „kommunikativ-dynamischen Prozess“ zu verstehen. Das zugrundeliegende Modell besitzt eine Reihe sinnvoller Elemente. Es unterscheidet analytisch verschiedene „Figurationen des Kommunikationsphänomens“ und bezieht sie aufeinander: Information, Medium und Öffentlichkeit. Letztere aber als kommunikativen Raum aufzufassen, der „Vorgänge und Handlungen auch in einseitiger, zufälliger oder gewollter Informationsübermittlung sichtbar macht“, führt zu einem diffusen Begriff, der beliebige „Orte“ zu Formen der Öffentlichkeit macht – vom Straßenauflauf, einer Zunft, einer Behörde, einer Lesegesellschaft bis zum Militär. Hier soll dagegen ein deutlich engerer Begriff von Öffentlichkeit verwendet werden. Ihre Teilnehmer kommunizieren bewusst, mit gemeinsamen Kommunikationsabsichten, allen zugänglichen Formen und vor allem mit allen interessierenden Inhalten; Öffentlichkeit reflektiert und bewertet die transportierten Inhalte.
Dies trifft sich zumindest mit einer weiteren Prämisse des Modells, das Kommunikation als von beiden Seiten aktive Beziehung von Sender und Empfänger beschreibt. Herrschaft wird damit zum Aushandlungsprozess. Dies geschieht in Abgrenzung zum Herrschaftsbegriff Max Webers, der Herrschaft bekanntlich als Chance zum Befehlsgehorsam definierte. Allerdings wird damit der bewusst eng gehaltene Herrschaftsbegriff Webers mit dem bewusst amorph gehaltenen Begriff der Macht verwischt. Begibt man sich in das Begriffsfeld „soziale Macht“ ist der relationale Charakter dieser Beziehung wie die Bedeutung von Kommunikation ohnehin immanent. Dies gilt im übrigen auch für Weber, der Macht parallel zu sozialen Beziehungen im allgemeinen definiert. Diese werden grundsätzlich als relational und sinnhaft aufgefasst und setzen damit Kommunikation voraus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Herrschaft als kommunikativ dynamischer Prozess: Dieses Kapitel führt in das Modell der Herrschaft als Aushandlungsprozess ein und grenzt es von klassischen, autoritären Herrschaftsbegriffen ab.
2. Ausdehnung und Träger der neuen Öffentlichkeit: Hier wird die explosionsartige Zunahme gesellschaftlicher Kommunikation im 18. Jahrhundert sowie die soziale Zusammensetzung der Leserschaft analysiert.
3. Aufklärung und Obrigkeit: Herrschaftskritik in der Öffentlichkeit: Das Kapitel untersucht die ambivalente Rolle der Kritik und wie aufklärerische Diskurse teils als Herausforderung, teils als Legitimationsgrund für Herrschaft dienten.
4. Unruhen und aufgeklärte Öffentlichkeit: Die Analyse konzentriert sich darauf, inwiefern politische Unruhen und die Berichterstattung darüber den Reformdiskurs beeinflussten und wo die Grenzen der Kommunikation lagen.
5. Grenzen, Weite und Ambivalenz der politischen Öffentlichkeiten: ein Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Öffentlichkeit zwar ein weites, aber auch regional und sozial fragmentiertes und letztlich in bestehende Herrschaftsstrukturen eingebundenes Phänomen blieb.
6. Anlage: Unruhen, Aufruhr, Aufstände in deutschen Zeitschriften der Spätaufklärung: Dieser Anhang dokumentiert tabellarisch das Datenmaterial zu Unruhen, die in deutschen Zeitschriften thematisiert wurden.
7. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primärquellen und der wissenschaftlichen Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Spätaufklärung, Herrschaft, Öffentlichkeit, Kommunikation, politische Kultur, Lesekultur, Obrigkeit, Herrschaftskritik, Französische Revolution, Presse, Volksaufklärung, soziale Macht, Aushandlungsprozess, Publizistik, politisches Bewusstsein
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Interaktion zwischen Herrschaft, Kommunikation und der neu entstehenden politischen Öffentlichkeit im späten 18. Jahrhundert in Deutschland.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Arbeit ab?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des Lesepublikums, die Rolle der Presse als Informationsmedium, das Verhältnis zwischen intellektueller Kritik und fürstlicher Herrschaft sowie die öffentliche Wahrnehmung von Unruhen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie Kommunikation als Aushandlungsprozess zwischen Herrschern und Beherrschten fungierte und inwiefern die neue Öffentlichkeit tatsächlich eine emanzipatorische oder kritische Kraft gegenüber dem Absolutismus entwickelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine kulturgeschichtliche und politikwissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung zeitgenössischer Publizistik (Zeitschriften, Schriften) basiert und durch eine quantitative Aufarbeitung von Diskursen zu Unruhen ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Kommunikationsmodellen, der Topographie der Leserschaft, der Adelskritik im Diskurs, dem Umgang mit politischen Unruhen sowie der Frage nach der Konservierung von Herrschaft durch aufklärerisches Räsonnement.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Spätaufklärung, Herrschaft als kommunikativer Prozess, politische Öffentlichkeit, Presse, soziale Macht und das Verhältnis von Untertanen zur Obrigkeit.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Adels?
Die Autorin zeigt eine Ambivalenz auf: Einerseits wird der Adel durch aufklärerische Publizisten als wirtschaftlich antiquiert und privilegiert kritisiert, andererseits anerkennen viele zeitgenössische Diskurse dennoch seine traditionellen Funktionen im Herrschaftssystem.
Welche Bedeutung hatten die "Multiplikatoren" für die Öffentlichkeit?
Multiplikatoren wie Pfarrer oder Anwälte fungierten als Gelenkstellen, die Informationen aus dem Diskurs der Gebildeten in lokale Ebenen und bis in bäuerliche Kreise trugen, was oft zur Radikalisierung oder zur bewussten Steuerung von Debatten führte.
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- Constanze Sowart (Author), 2007, Herrschaft und Kommunikation: Die politische Öffentlichkeit im Zeitalter der Spätaufklärung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86874