Beschäftigt man sich mit einem bestimmten Thema, dem der Herrschaftsformen, in den Epen, muss man als erstes fragen, inwieweit die homerischen Epen als historische Quelle verwendet werden können. Unter der ,Homerischen Frage` versteht man also im allgemeinen die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Verfasser, der Entstehung und der zeitlichen Einordnung der Werke. Dabei gibt es viele verschiedene Ansichten zu dieser Thematik. Einige Forscher sind der Auffassung, dass Homer der Dichter ist, der beide Epen als einheitliches Werk verfasst hat (unitarische Betrachtungsweise). Andere dagegen glauben, dass es zwei oder mehr Dichter gab und dass die Werke eine Sammlung von Einzelgedichten bzw. –liedern zu einem Gesamtwerk sind. Diese Forscher stützen ihre Ansicht auf die Beobachtung, dass in beiden Epen Unstimmigkeiten auftreten und sich sogar selbständige Einheiten aus dem Gesamtepos herauslösen lassen (z.B. Telemachie).
Weiterhin gehen einige Forscher davon aus, dass Sage und Dichtung den Stoff umgestaltet haben und dass die Epen daher als Quelle für Ereignisse unbrauchbar sind, aber als Quelle für die Zustände einer Zeit, von der keine anderen schriftlichen Quellen Zeugnis geben, wichtig sind. Diese Forschungsrichtung geht daher auch im großen und ganzen von der Zeit aus, in der die Epen verfasst wurden (8. Jh.). Andere datieren die Epen in das mykenische Zeitalter.
Das Ziel meiner Hausarbeit soll eine Erläuterung und Interpretation der Herrschaft und des Königtums in der Ilias anhand des Beispiels des Agamemnon sein. Dies werde ich unter dem folgenden Gesichtspunkt behandeln:
Macht und Gefährdung der Anführerstellung Agamemnons.
Danach möchte ich auf die traditionelle und neure Homerforschung in diesem Zusammenhang eingehen und abschließend meine eigene Position zu dieser Thematik erläutern.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1.) Zur historischen Quellenlage der beiden Epen: ,Die Homerische Frage`
2.) Das Ziel meiner Hausarbeit
II. Hauptteil
1.) Macht und Gefährdung der Anführerstellung des Agamemnon
1.1) Warum ist Agamemnon der Oberbasileus?
1.2) Welche Position nimmt Agamemnon in Bezug auf die anderen Basilees ein und wie stehen sie zu ihm?
1.3) Welche Position hat Agamemnon in der Boule und warum nimmt Nestor eine Sonderstellung ein?
1.4) Welche politische Position und welche Privilegien hat Agamemnon?
1.5) Ist die Position eines Basileus erblich und welche Funktion hat die Nennung der Vorfahren für einen Basileus?
2.) Die Forschungsrichtungen
2.1) Die traditionelle Homerforschung
2.2) Die neuere Homerforschung
III. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit interpretiert das Herrschaftsverständnis und das Königtum in der Ilias am Beispiel der Figur des Agamemnon, um die Debatte zwischen traditionellen und neueren Forschungsansätzen zur homerischen Staatsstruktur zu beleuchten.
- Analyse der Machtgrundlagen und der Anführerstellung Agamemnons.
- Untersuchung der politischen Dynamiken zwischen den Basilees.
- Einordnung der Rolle des Rates (Boule) und der Sonderstellung Nestors.
- Kritische Gegenüberstellung der "traditionellen" vs. "neueren" Homerforschung.
- Diskussion über die Erblichkeit von Herrschafts- und Prestigepositionen.
Auszug aus dem Buch
1.1) Warum ist Agamemnon der Oberbasileus?
Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten und Belege.
„Noch wolle du, Peleus-Sohn, gegen den König streiten
Gewaltsam, da niemals eine nur gleichartige Ehre zusteht
Dem stabführenden König, dem Zeus Prangen verliehen.
Denn bist du stark und eine Göttin gebar dich als Mutter,
So ist er mächtiger, weil er über mehr Volk gebietet.“
„[...] niemals eine nur gleichartige Ehre [...]“Zum einen ist Agamemnon der Oberbasileus, da er die höchste Time (Ehre, Achtung, Ansehen) hat. Tatsächlich besitzt jeder im Demos ein bestimmtes Maß an Time. Das Ausmaß an Time ist nicht durch die Geburt festgelegt und es ist steuer- und veränderbar. Time wird von den Göttern gegeben und kann durch besonderen Leistungen und Fähigkeiten (Aretai) erlangt und vergrößert werden. Der Erfolg im Kampf vermittelt und vergrößert Time. Aber auch Besonnenheit und Klugheit, wie die des Odysseus, können zu einer Vermehrung der Time beitragen. Agamemnon besitzt weiterhin auch Agathos. Agathos bezeichnet ganz einfache Regeln, die sich an den geltenden Normen und Verhaltensweisen orientieren und die so beherrscht und ausgeführt werden müssen, dass sie zum Erfolg führen. Hektor und Aias sollen ihren Zweikampf abbrechen, da der Tag zu Ende geht und es Agathos ist, der Nacht zu gehorchen.
„[...] weil er über mehr Volk gebiete [...]“ Agamemnon hat auch die meisten Laoi (Krieger), die ihm folgen und die meisten Schiffe, was auch Indizien dafür sind, dass er der mächtigste, reichste und oberste der Basilees ist. Außerdem besitzt er das größte Herrschaftsgebiet, „Daß er über viele Inseln und ganz Argos gebiete“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Erläutert die "Homerische Frage" bezüglich der historischen Verwertbarkeit der Epen und definiert das Ziel der Arbeit, das Königtum am Beispiel Agamemnons zu untersuchen.
II. Hauptteil: Untersucht differenziert die Machtverhältnisse, die Rolle des Rates und die wissenschaftliche Debatte zwischen traditioneller und neuerer Homerforschung.
III. Schluss: Fasst die Ergebnisse zusammen und begründet die methodische Entscheidung für die neuere Homerforschung, die von fließenden sozialen Verhältnissen statt festen Institutionen ausgeht.
Schlüsselwörter
Ilias, Agamemnon, Basileus, Oberbasileus, Herrschaftsform, Time, Aretai, Homerische Frage, Boule, Königtum, traditionelle Homerforschung, neuere Homerforschung, soziale Normen, politische Macht, antikes Griechenland.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit beschäftigt sich mit den Herrschaftsstrukturen und dem Konzept des Königtums in Homers Ilias, speziell fokussiert auf die Rolle Agamemnons.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Analyse der Machtlegitimation eines Basileus, die Bedeutung von Ehre (Time) und Leistung (Aretai) sowie die Abgrenzung verschiedener Forschungsansätze zur homerischen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erläuterung und Interpretation von Agamemnons Position als "Oberbasileus" innerhalb eines Systems, das keine festen staatlichen Institutionen besitzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Interpretation primärer Textstellen aus der Ilias in Verbindung mit einer theoretischen Auseinandersetzung mit der Homerforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Schwachstellen von Agamemnons Macht, seine Rolle im Rat (Boule), die Bedeutung der Ahnenreihen sowie den Gegensatz zwischen der traditionellen und der neueren Homerforschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen zählen Basileus, Time, Aretai, Ilias, Herrschaftsform und der wissenschaftliche Diskurs um die homerische Gesellschaft.
Warum nimmt Nestor in der Boule eine Sonderstellung ein?
Nestor fungiert als maßgeblicher Berater, dessen Worte Gewicht haben und an deren Ratschläge sich selbst der oberste Anführer Agamemnon orientiert.
Ist die Position eines Basileus erblich?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass es zwar Tendenzen zur Erblichkeit gibt, die Position jedoch primär durch eigene Leistungen und die Anerkennung durch das Volk (Laoi) gesichert werden muss.
Zu welcher Forschungsmeinung neigt die Autorin?
Die Autorin schließt sich der neueren Homerforschung an, die davon ausgeht, dass in der Ilias keine festen Institutionen, sondern fluide Verhältnisse auf Grundlage von Sitte und Norm existieren.
- Citation du texte
- Katharina Meyer (Auteur), 2002, Herrschaft und Königtum in der Ilias, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87023