Dass der Sprache im Werk Heinrich von Kleists eine besondere Rolle zukommt, ist wohl unstrittig. So bezeichnet beispielsweise Holz die Sprache als „das Urmotiv Kleistscher Dichtung“ . Viele Autoren legen allerdings bei der Betrachtung der Sprache in Kleists Werken das Hauptaugenmerk einseitig auf ihre problematischen Gesichtspunkte, so ihre allgemeine Unzulänglichkeit, gerade wenn es darum geht, etwas Subjektives mitzuteilen, ihre Mehrdeutigkeit, die das Verstehen der Menschen erschwert und Missverständnissen und Missbrauch Tür und Tor öffnet, und noch andere sprachkritische Themen mehr.
Und tatsächlich kann es ja angesichts der sprachkritischen Aussagen Kleists kaum Zweifel über seine Sprachskepsis geben. Die folgende, vielfach zitierte Passage stammt aus einem Brief Kleists an seine Halbschwester Ulrike vom 5. Februar 1801:
„Gern möchte ich Dir alles mitteilen, wenn es möglich wäre. Aber es ist nicht möglich, und wenn es auch kein weiteres Hindernis gäbe als dieses, daß es uns an einem Mittel zur Mitteilung fehlt. Selbst das einzige, das wir besitzen, die Sprache taugt nicht dazu, sie kann die Seele nicht malen und was sie uns gibt sind nur zerrissene Bruchstücke. (…) Ach, es gibt kein Mittel, sich andern ganz verständlich zu machen und der Mensch hat von Natur aus keinen andren Vertrauten als sich selbst.“
Es wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit diesen sprachskeptischen Momenten im Werk Kleists zweifellos berechtigt und notwendig ist. Jedoch sollte im Hinblick auf sein Werk „Der zerbrochne Krug“ nicht vollkommen vernachlässigt werden, dass Kleists Sprache nicht nur als Gegenstand von Kritik und Sprachverzweiflung betrachtet werden kann, sondern dass dem komischen Moment der Sprache - schließlich handelt es sich bei diesem Werk nach Kleists eigener Titulierung um ein „Lustspiel“ - ebenfalls Rechnung zu tragen ist. Es scheint, manche Autoren hätten in der Tradition der Sprachproblematisierung der Dramen Kleists die Sprachkomik weitgehend aus den Augen verloren.
Diese Arbeit will nun beiden Seiten der Sprache des „Zerbrochnen Kruges“ Rechnung tragen, sowohl den sprachkritischen Komponenten, als auch den komischen und eine Wertung der ambivalenten Rolle der Sprache dieses Stückes versuchen, im Sinne der Fragestellung: Wie synthetisiert Kleist im „Zerbrochnen Krug“ problematische und komische Aspekte der Sprache?
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Begründung des Themas
2. Sprachkritik und Sprachkomik
2.1.Sprachkritik
2.1.1. Adams „sprachliche[r] Seiltanz über dem Abgrund“
2.1.2. Die Unzuverlässigkeit sprachlicher Äußerungen
2.2. Sprachkomik
3. Die ambivalente Rolle der Sprache im „Zerbrochenen Krug“
4. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht das komplexe Wechselspiel zwischen Sprachkritik und Sprachkomik in Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“. Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, wie Kleist die problematischen, sprachskeptischen Aspekte der Sprache mit den komischen Momenten des Stückes synthetisiert, um eine ambivalente Gesamtrolle der Sprache herauszuarbeiten.
- Sprachskepsis und die Unzulänglichkeit der Kommunikation bei Kleist
- Die Manipulationsstrategien durch Sprache am Beispiel des Richters Adam
- Entmetaphorisierung und Mehrdeutigkeit als komische Gestaltungsmittel
- Die Rolle der außersprachlichen Wirklichkeit bei der Wahrheitsfindung
- Das Verhältnis von komischen und tragischen Elementen im Lustspiel
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Adams „sprachliche[r] Seiltanz über dem Abgrund“
Sprachkritisch muss vor allem der Richter Adam Gegenstand der Betrachtung sein, wenngleich auch die sprachlichen Äußerungen anderer Figuren des Stückes durchaus kritisch zu beurteilen sein werden. Die Figur des Richters ist jedoch besonders hervorzuheben, da sie vor allem anderen die Verhüllung der durch sie begangenen Straftat und die Verwirrung der anderen Personen des Stückes beabsichtigt und sich somit eines klaren Sprachmissbrauchs, der Manipulation durch Sprache, schuldig macht.
Durch die Sprachverwirrung, das Auseinanderfallen von Ausdruck und Inhalt, wird Adams Sprachmissbrauch erst ermöglicht, wie Heimböckel konstatiert, „weil zu ihrer [der Wahrheit] Verifizierung außersprachliche Parameter nicht zur Verfügung stehen.“ Durch die allgemeine Unverlässlichkeit der Sprache wird es möglich, dass Adam „Recht so jetzt, jetzto so erteilen“ (635) kann, und auch, dass Eves Aussage vor Gericht von Adam folgendermaßen kommentiert wird: „Sagst du, dass es der Lebrecht war: nun gut; Und sagst du, dass es Ruprecht war: auch gut! Sprich so, sprich so, (…) Es wird sich alles, wie du’s wünschest finden.“ (1106 ff.). Hier wird deutlich, dass die Sprache Adams Auffassung nach die Realität nicht nur nicht abbilden kann, sondern es auch nicht muss, dass sie also nicht wirklichkeitsadäquat sein kann, aber auch, dass durch sie sogar eine gewisse Möglichkeit zur Einflussnahme auf die außersprachliche Wirklichkeit möglich werden kann, was uns wieder auf die Ebene der Manipulierbarkeit durch Sprache führt: Eve steht es angeblich frei, sich für einen der beiden Männer als Täter zu entscheiden, solange sie nur Adam aus dem Spiel lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Begründung des Themas: Diese Einleitung etabliert Kleists Sprachskepsis als zentrales Forschungsthema und postuliert, dass neben der Sprachkritik auch die Sprachkomik als wesentliches Element des Lustspiels gewürdigt werden muss.
2. Sprachkritik und Sprachkomik: Dieses Kapitel analysiert verschiedene theoretische Ebenen der Sprachproblematik und differenziert die unterschiedlichen Arten der Komik im Drama.
2.1.Sprachkritik: Hier werden die Forschungspositionen zur Krise des Sprachgebrauchs dargelegt und die sprachkritischen Momente im Stück systematisiert.
2.1.1. Adams „sprachliche[r] Seiltanz über dem Abgrund“: Dieser Abschnitt untersucht den Richter Adam als zentralen Manipulator, der Sprache gezielt einsetzt, um die Wirklichkeit zu verhüllen und Lügen zu verschleiern.
2.1.2. Die Unzuverlässigkeit sprachlicher Äußerungen: Dieses Kapitel weitet den Blick auf die anderen Figuren des Stückes und zeigt auf, wie ein allgemeines Misstrauen gegenüber der Sprache die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört.
2.2. Sprachkomik: Hier wird untersucht, wie Kleist durch offensichtliche Lügen, Wortspiele und den Wissensvorsprung des Publikums gezielte komische Effekte erzeugt.
3. Die ambivalente Rolle der Sprache im „Zerbrochenen Krug“: Im Fazit wird festgehalten, dass Sprache zwar als Medium der Erkenntnis versagt, aber als Mittel der Entlarvung fungiert, wodurch sich die Sprachkritik in eine absichtsvolle Komik integriert.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug, Sprachkritik, Sprachkomik, Sprachskepsis, Sprachmanipulation, Richter Adam, Kommunikationsproblematik, Entmetaphorisierung, Wirklichkeitsadäquatheit, Lustspiel, Sprachmissbrauch, Inauthentizität, Wahrheit, Lüge
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Sprachkritik und Sprachkomik in Kleists „Der zerbrochne Krug“, um die ambivalente Rolle der Sprache in diesem Lustspiel zu definieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Sprachskepsis, die Manipulierbarkeit von Realität durch Sprache, die Rolle von Lügen als Strategie und das Zusammenspiel von komischen sowie tragischen Elementen.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie Kleist im „Zerbrochenen Krug“ problematische sprachskeptische Aspekte mit komischen Aspekten der Sprache synthetisiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext unter Einbeziehung relevanter Forschungsmeinungen zur Sprachproblematik bei Kleist interpretiert.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die sprachkritischen Ebenen (insbesondere durch den Richter Adam) analysiert und anschließend die verschiedenen Formen der Sprachkomik sowie deren Bedeutung für das Verständnis des Stückes herausgearbeitet.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Sprachkritik, Sprachkomik, Sprachmanipulation, Entmetaphorisierung und die epistemologische Funktion der Sprache.
Inwiefern spielt der "Wissensvorsprung" des Publikums eine Rolle?
Der Wissensvorsprung des Zuschauers gegenüber den Figuren, die im Dunkeln tappen, ist eine wesentliche Voraussetzung für den komischen Effekt und die Überlegenheit des distanziert Lachenden.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von "Fakten" im Stück?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Sprache als Verschleierungsmittel scheitert, da am Ende die außersprachliche Wirklichkeit (Fakten wie die Perücke) die Wahrheit erzwingt.
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- Christine Reff (Autor), 2006, Sprachkritik und Sprachkomik in Kleists „Der zerbrochne Krug“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88021