In unserer von gesellschaftlichen Umbrüchen gezeichneten Zeit ist eine gute qualifizierte Fachberatung für Kindertagesstätten, besonders in ihrer Scharnierfunktion zwischen Trägersystem und Kindertagesstätten, wichtiger denn je. Kindertagesstätten sind für Kinder in ihrem Alltag wichtige Lebensräume, in denen sie viel und wertvolle Zeit verbringen. Die Beziehungs-, Spiel-, Lebens- und Bildungserfahrungen, die sie dort sammeln, sollten von einer unübertroffenen Qualität sein. „Die Qualität vorhandener Bildungseinrichtungen von der Krippe an ist zu sichern und weiterzuentwickeln, dazu ist ein unterstützendes System von Fachberatung für alle Bildungsstufen zu installieren.“ Immer mehr Hochschulen übernehmen den schwedischen Bildungsslogan: „Die Besten für die Jüngsten! Das sind Anforderungen in einem noch nie gekannten Ausmaß, die das fachliche Herz höher schlagen lassen. Dennoch scheitern allzu oft die hohen fachlichen Ansprüche der Bildungskongresse nicht am Willen der einzelnen Vertreter von politischen Parteien oder Trägern, sondern an der finanziellen Umsetzung. Aber auch auf Grund mangelnder Ressourcen bei der Konzeptualisierung und Konkretisierung des Bildungsauftrages war Deutschland lange Zeit ein „Entwicklungsland“ . Die Basis, d.h. die ErzieherInnen, ist jetzt aufgefordert den Bildungsauftrag in den Einrichtungen zu konkretisieren, das verlorene Bildungsimage zu retten, ohne dass wirkliche Standards für verbesserte Rahmenbedingungen vom Bund, Land oder von den Trägern folgen. Die Stadt Stuttgart hat für die Implementierung des anspruchsvollen innovativen „Infans-Konzeptes“ zwanzig Prozent mehr Stundendeputat vorgesehen. Dafür waren die Laborkindergärten in der Pflicht, aufwändige Hospitationen durchzuführen und Multiplikatoren für andere Kindertagesstätten zu werden. Sind diese ausgedünnten Rahmenbedingungen auf Dauer in der Praxis tragbar? Kommunalisierung, neue Finanzierungssysteme, Personaleinsparungen bei steigender Qualitätsanforderung, die Verschuldung von Städten und Gemeinden zeugen von einem großen Dilemma zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Hemmen rigide und föderalistische Strukturen den fachlichen Motivations- und Entwicklungsdrang? Steckt Fachberatung durch die gestiegenen Anforderungen in der Klemme? Wie muss sie sich zukünftig positionieren? Führt das Stadt-Land-Gefälle in Bezug auf Fachberatung (je ländlicher, desto dünner ist Fachberatung gesät), zu Bildungs- und Chancenungleichheit?
Inhaltsverzeichnis
Vorspann
1 Einleitung
2 Geschichte der Fachberatung im pluralen Trägersystem
2.1 Das „Berliner Modell“ im Vergleich mit anderen Fachberatungsmodellen
2.2 Fachberatung in katholischen Kindertagesstätten am Beispiel des Deutschen Caritasverbandes
2.3 Fachberatung in evangelischen Kindertagesstätten am Beispiel des Diakonischen Werkes
2.4 Vorbildliche Zusammenarbeit zweier Bundesverbände
3 Fachberatung in der „Klemme“
3.1 Kein objektiv definiertes Berufsbild
3.2 Die eingequetschte Funktion der Fachberatung
3.3 Die unterschiedlichen Strategien des Zwischen-den-Stühlen-Phänomens
3.4 Ziele, Aufgaben und Schlüsselfunktionen von Fachberatung
3.4.1 Das Dilemma Ziele von Fachberatung ohne ein einheitliches Beratungskonzept zu formulieren
3.4.2 Definition von Beratung
3.4.3 Aufgaben der Fachberatung auf sechs verschiedenen Ebenen
3.5 Weitere Kompetenzen von Fachberatung
4 Die Methode der qualitativen Sozialforschung
4.1 Vorstellung der Hypothesen
4.2 Kriterien der Fragebögen für die vier Zielgruppen
4.3 Die Auswertungsmethode
5 Zusammenfassung der qualitativen Interviews
5.1 Perspektive der Fachberatung
5.2 Perspektive der Träger
5.3 Perspektive der ErzieherInnen
5.4 Perspektive der Politik
5.5 Das etwas andere Interview
5.6 Die unvorhergesehenen Interviews
6 Auswertung der Interviews
6.1 Perspektive der Fachberatung
6.2 Perspektive der Träger
6.3 Perspektive der Einrichtungen
6.4 Perspektive der Politik
6.4.1 Spärlich, aber dennoch vorhanden – Empirische Befunde zu Fachberatungseffekten
6.4.2 Axiome zur Sensibilisierung der Politik
6.5 Hypothesenreflexion
7 Perspektiven
7.1 Kurzfristige Perspektive
7.1.1 Landesweite Kommunikationsinitiative starten
7.1.2 Interkommunale Zusammenschlüsse (Verbünde) für Fachberatungsstellen
7.1.3 Schaffung von überregionaler Transfer- und Vernetzungsprozessen
7.2 Mittelfristige Perspektiven
7.2.1 Verbesserung der Rahmenbedingungen der Fachberatung
7.2.2 Verbesserung der Rahmenbedingungen in den Einrichtungen
7.3 Langfristige Perspektive
7.3.1 Errichtung von kommunalen und interkommunalen Fachdienststellen
7.3.2 Bundes- oder landeseinheitliche Regelungen
7.3.3 Errichtung einer intermediären Dienstleistungsstelle „Fachberatung für Fachberatung (FfF)“
8 Fazit
Nachtrag
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das aktuelle Berufsbild und die Rahmenbedingungen der Fachberatung für Kindertagesstätten, um herauszuarbeiten, ob eine stärkere Profilierung notwendig und erwünscht ist, um die Fachberatung als verlässliche Schnittstelle zwischen Trägern und Einrichtungen zu etablieren. Ziel ist es, Ansätze für ein bundesweit einheitliches Berufsbild und verbesserte Strukturen zu entwickeln, die den gestiegenen Anforderungen an Bildung, Erziehung und Betreuung gerecht werden.
- Historische Entwicklung und aktuelle Situation der Fachberatung
- Analyse des „Zwischen-den-Stühlen-Phänomens“ und Rollenkonflikten
- Untersuchung der Perspektiven von Fachberatungen, Trägern, ErzieherInnen und Politik
- Entwicklung von Strategien zur Professionalisierung und Sichtbarkeit (Öffentlichkeitsarbeit)
- Konzeption von Zukunftsperspektiven und neuen Organisationsformen (Fachdienste)
Auszug aus dem Buch
3.2 Die eingequetschte Funktion der Fachberatung
Das Bild vom Eingequetscht sein wird von Beate Irskens fast phobisch beschrieben. Die Butterstulle mit ein bisschen eingequetschtem Belag zwischen Träger- und Einrichtungsscheibe. Oder anders: Oben zu und unten zu, dazwischen eingebunden! Es ist bewundernswert wie ausharrend und trotzdem flexibel Fachberatung mit Linienfunktion in dieser eingeengten Sandwich-Position ihre tägliche Arbeit verrichtet. Kann dieser enge Platz auf Dauer ausreichend und zufriedenstellend sein? Braucht Fachberatung mehr Platz? Kann Fachberatung mit Linienfunktion allen Interessenvertretungen gerecht werden? Wie dehnbar ist dieser Belag? Die Beratungstätigkeit ist das Stiefkind der Fach- und Dienstaufsicht und kann nicht schön geredet werden. Selbst der Begriff „Auf-Sicht“ implementiert schon etwas Beängstigendes. Die MitarbeiterInnen spüren deutlich die Unterworfenheit ihrer Position. Somit kann in der Beratungssituation die Vorgesetztenrolle nicht ausgeblendet werden. Auch aus humanpsychologischer Sicht ist dieser Rollenkonflikt nicht vertretbar. Niemand der ein Konflikt mit sich selbst oder mit seinem Kollegium hat und Beratung aufsucht, wird sich dem/der Vorgesetzten in Beratungsfunktion gegenüber in dem Maße öffnen können, wie es die Grundsätze einer partizipierenden Beratung erfordern, um zu guten Konfliktabkommen und Ergebnissen gelangen zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die steigenden Anforderungen an Kindertagesstätten und die zentrale Scharnierfunktion der Fachberatung, die aktuell unter diffusen Rahmenbedingungen leidet.
2 Geschichte der Fachberatung im pluralen Trägersystem: Dieses Kapitel zeichnet die Entstehung der Fachberatung nach und kontrastiert das „Berliner Modell“ mit anderen trägerspezifischen Strukturen.
3 Fachberatung in der „Klemme“: Der Autor beschreibt hier die schwierige Position der Fachberatung zwischen Trägeraufsicht und Beratungsauftrag, die zu einem diffusen Berufsbild führt.
4 Die Methode der qualitativen Sozialforschung: Es wird das methodische Vorgehen erläutert, das auf narrativen Interviews mit vier verschiedenen Zielgruppen (Fachberatung, Träger, ErzieherInnen, Politik) basiert.
5 Zusammenfassung der qualitativen Interviews: Hier werden die Ergebnisse der Befragungen strukturiert nach Zielgruppen und inhaltlichen Schwerpunkten gerafft dargestellt.
6 Auswertung der Interviews: Das Kapitel analysiert die erhobenen Daten, reflektiert die Hypothesen und diskutiert Lösungsansätze für die identifizierten Problemlagen.
7 Perspektiven: Basierend auf der Analyse werden kurz-, mittel- und langfristige Handlungsempfehlungen formuliert, um die Fachberatung professionell neu auszurichten.
8 Fazit: Das Fazit fasst die Kernaussagen zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit einer bundeseinheitlichen Professionalisierung der Fachberatung.
Schlüsselwörter
Fachberatung, Kindertagesstätten, Berufsbild, Trägersystem, Rollenkonflikt, Profilierung, Qualitätssicherung, Bildungsauftrag, Pädagogische Arbeit, Vernetzung, Postmoderne, Kommunalisierung, Organisationsentwicklung, Professionalisierung, Beratungstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der aktuellen Situation der Fachberatung für Kindertagesstätten, die unter einem unklaren Berufsbild, mangelnder Sichtbarkeit und strukturellen Rollenkonflikten leidet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Berufsbild der Fachberatung, ihr Verhältnis zu Trägern und Einrichtungen, die Auswirkungen der Kommunalisierung sowie die Notwendigkeit einer professionelleren Ausrichtung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, herauszufinden, ob eine stärkere Profilierung der Fachberatung gewünscht ist und wie ein einheitliches Berufsbild zur Lösung der aktuellen Problemlagen beitragen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde eine qualitative Sozialforschung mittels narrativer Interviews mit vier Zielgruppen durchgeführt, ergänzt durch eine Literaturanalyse und Situationsanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Wurzeln, das Rollenkonflikt-Potenzial (Zwischen-den-Stühlen), die sechs verschiedenen Arbeitsebenen von Fachberatung und liefert eine Auswertung der Interviews.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Professionalisierung, Profilierung, Rollenkonflikt, Fachdienst, Bildungsauftrag und Qualitätsentwicklung sind die zentralen Konzepte.
Was ist das „Zwischen-den-Stühlen-Phänomen“ in dieser Arbeit?
Es bezeichnet die Zwickmühle der Fachberatung, wenn sie gleichzeitig beratend tätig sein soll und die Dienst- oder Fachaufsicht innehat, was echtes Vertrauen erschwert.
Welche Vision entwickelt die Autorin für die Zukunft?
Die Autorin schlägt die Schaffung von eigenständigen „Fachdiensten für Bildung und Erziehung“ vor, die eine klare Trennung von Beratung und Aufsicht ermöglichen und Fachberatung als professionelle Institution etablieren.
- Citar trabajo
- Theresia Friesinger (Autor), 2008, Braucht Fachberatung ein Gesicht?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88230