Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung des Bindungsstils für die Soziale Arbeit mit Kindern. Der englische Kinderpsychiater John Bowlby ist Gründer der modernen Bindungstheorie. Bowlby arbeitete im klinischen Kontext mit Kindern, die bei und nach Trennungen von ihren Eltern wegen bevorstehender Operationen auffällige Reaktionen zeigten. In Zusammenarbeit mit der Sozialarbeit entwickelte er 1944 "The 44 Juvenile Thieves Study". Diese erste bindungsthematische Studie belegte einen Zusammenhang zwischen Delinquenz und frühen Verlusterfahrungen. Als Leiter der "Abteilung für Eltern und Kind" einer Kinderklinik implementierte er eine Forschungsgruppe, zu der auch der Sozialarbeiter James Robertson und die Psychologin Margret Ainsworth gehörten, die vor allem experimentell arbeiteten.
James Robertsons Hausbesuch-Dokumentationen beschrieben die Bedeutung der Mutter-Kind-Aktion für die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung des Kindes. Sie inspirierten Ainsworth im Jahr 1969 zu ihrem berühmten Versuchsaufbau Fremde Situation ("Strange Situation"). Das Experiment belegte, dass bereits Babys Bindungsmuster verinnerlicht haben, die sich messen und in sichere und unsichere bzw. desorganisierte unterscheiden lassen. Der Versuchsaufbau fand seinen Weg in die Praxis zum Erfassen der Bindungsqualität zwischen einem Kind und seiner Hauptbezugsperson. Bis heute folgt die Psychologie der Einteilung in vier Bindungsstile, welche im 2. Kapitel mit Gewichtung auf den desorganisierten Bindungsstil vorgestellt werden. Die Soziale Arbeit ist mit diesem Bindungsstil häufig konfrontiert und er macht im Umkehrschluss deutlich, was für die kindliche Entwicklung aus welchen Gründen unentbehrlich ist.
Ausgehend von der Fremden Situation entwickelte die Entwicklungspsychologie Erhebungsverfahren zur Erfassung von Bindungsstilen älterer Kindern und auch Erwachsener. Zwei Verfahren, das "Geschichtenergänzungsverfahren zur Bindung (GEV-B)" sowie den "Bochumer Bindungstest (BoBiTe)" werden in Kapitel 3 präsentiert, darauf aufbauend, diskutiert, inwiefern sich Bindungsstil-Kenntnisse und Tests in der Sozialen Arbeit wie nutzen lassen. Zusammenführen werden die Erkenntnisse in einer bindungstheoretischen Analyse des preisgekrönten Films „Systemsprenger“ (Fingscheidt, 2019) erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bindungsstile nach John Bowlby
2.1. Sichere Bindung
2.2. Unsichere Bindung
2.2.1. Unsicher-vermeidende Bindung
2.2.2. Unsicher-ambivalente Bindung
2.3. Desorganisierte Bindung
3. Bindungsstil und Soziale Arbeit
3.1. Erkennen des Bindungsstils
3.2. Bearbeitung des Bindungsstils
4. Fazit: Bindungsstil-Arbeit in „Systemsprenger“
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht die theoretischen Grundlagen der Bindungstheorie nach John Bowlby und deren zentrale Bedeutung für die Soziale Arbeit mit Kindern, insbesondere im Umgang mit desorganisierten Bindungsstilen und sogenannten "Systemsprengern".
- Grundlagen der Bindungstheorie und die Differenzierung der Bindungsstile.
- Methoden zur Erfassung von Bindungsrepräsentationen im Kindesalter.
- Die Rolle der Sozialen Arbeit bei der Bearbeitung von Bindungsstörungen.
- Analyse der Dynamik von Bindung und Traumatisierung am Beispiel des Films „Systemsprenger“.
- Herausforderungen in der praktischen Umsetzung einer verlässlichen pädagogischen Basis.
Auszug aus dem Buch
3.2. Bearbeitung des Bindungsstils
Kinder mit unsicherem bzw. desorganisierten Bindungsstil haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Emotionen nicht gespiegelt wurden und dass die HBP auf ihr Bindungsverhalten unangemessen, also kaum oder übertrieben reagiert hat. Kinder mit sicherem Bindungsstil hingegen haben überwiegend Feinfühligkeit seitens ihrer HBP erfahren, wobei „Feinfühligkeit die Fähigkeit [bedeutet], kindliche Signale wahrnehmen, richtig interpretieren sowie angemessen und prompt auf sie reagieren zu können“ (Lenging & Lüpschen, 2012, S. 24).
Kinder, die wenig Feinfühligkeit erfahren haben, zeigen nicht nur als Babys, sondern auch im weiteren Verlauf ihres Lebens ein ihrem Alter oft unangemessenes Bindungsverhalten, etwa in Form erhöhter Aggression, als Opfer/Täter von Mobbing, mangelnder Distanz zu Fremden etc. Brisch ist der Ansicht, dass vor allem Angst hinter dem aktivierten Bindungsverhalten liegt: „Angst ist ein ständiger Begleiter dieser Kinder in allen möglichen Bindungssituationen. [...] Mit ihrem aktivierten Bindungsbedürfnis richten sich die Kinder an die Pädagogin, den Pädagogen, Sozialarbeiter mit der Hoffnung, es möge sich für sie vielleicht erstmals im ganzen Leben eine neue Chance zu einer sicheren Bindung eröffnen.“ (2012, S. 23)
Die Hoffnung kann vom Kind allerdings nicht geäußert werden, es realisiert seinen Wunsch nach Bindung in der Regel gar nicht. Für den/die Sozialarbeiter/in, der/die Kenntnisse in der Bindungstheorie besitzt, tritt er jedoch klar zutage. Ein Kind, das zu heftigen emotionalen Ausbrüchen neigt oder etwa wankelmütig wirkt, scheint Bindungsangebote abzuwehren, fordert sie letztlich aber ein bzw. bittet um sie – auf die Art und Weise, die ihm seit jeher vertraut ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Entwicklung der Bindungstheorie von John Bowlby ein und erläutert die Relevanz für die Soziale Arbeit sowie die Zielsetzung der Analyse.
2. Bindungsstile nach John Bowlby: Dieses Kapitel definiert den Begriff Bindung und differenziert zwischen sicherem, unsicher-vermeidendem, unsicher-ambivalentem und desorganisiertem Bindungsstil.
3. Bindungsstil und Soziale Arbeit: Das Kapitel befasst sich mit der praktischen Anwendung, inklusive diagnostischer Verfahren wie dem GEV-B und dem BoBiTe, sowie Ansätzen zur pädagogischen Bindungsarbeit.
4. Fazit: Bindungsstil-Arbeit in „Systemsprenger“: Die bindungstheoretische Analyse des Films „Systemsprenger“ verdeutlicht das Scheitern institutioneller Ansätze bei schwerwiegenden Bindungsstörungen.
Schlüsselwörter
Bindungstheorie, John Bowlby, Soziale Arbeit, desorganisierte Bindung, Systemsprenger, Feinfühligkeit, Fremde Situation, GEV-B, BoBiTe, Kreis der Sicherheit, Bindungsstörung, Trauma, Pädagogik, Beziehungsarbeit, Übertragung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung der Bindungstheorie für die Soziale Arbeit, um das Verhalten von Kindern mit Bindungsstörungen besser zu verstehen und professionell intervenieren zu können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Klassifikation von Bindungsstilen, diagnostischen Erhebungsmethoden und der praktischen, bindungsorientierten Unterstützung durch Sozialarbeiter.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Nutzen der Bindungstheorie für die professionelle Arbeit mit Kindern aufzuzeigen und durch eine Filmanalyse die Herausforderungen bei der Behandlung des desorganisierten Bindungsstils kritisch zu reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse der Bindungsforschung sowie eine fallorientierte, bindungstheoretische Filmanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung nach Bowlby, die Vorstellung diagnostischer Instrumente und die Diskussion der praktischen Bearbeitung von Bindungsstilen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Bindungstheorie, Desorganisation, Systemsprenger, Feinfühligkeit und Sozialpädagogische Intervention sind zentrale Begriffe.
Was unterscheidet einen „Systemsprenger“ von anderen Kindern in der Sozialen Arbeit?
Systemsprenger zeichnen sich durch ein extremes Verhalten aus, das zu häufigen Abbrüchen in institutionellen Betreuungskontexten führt, weil sie keinen stabilen Ort zum Leben finden.
Warum spielt der „Kreis der Sicherheit“ eine besondere Rolle in dieser Arbeit?
Das Modell wird als praxisnahe Ergänzung zur akademischen Bindungstheorie hervorgehoben, da es Bedürfnisse wie Sicherheit und Exploration in einfacher Sprache visualisiert und für die Sozialarbeit handhabbar macht.
- Quote paper
- Christina Mermillod-Blondin (Author), 2020, Die Bedeutung des Bindungsstils für die Soziale Arbeit mit Kindern. Am Beispiel des Films "Systemsprenger", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/882482