Corporate Governance in den USA und in Deutschland


Hausarbeit, 2020

32 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Relevanz des Themas
1.2 Ziel und Gang der Untersuchung

2 Theoretische Fundierung
2.1 Corporate Governance
2.2 Good Governance

3 Vergleich der Corporate Governance-Systeme in Deutschland und den USA
3.1 Entwicklungen der Corporate Governance
3.1.1 Deutschland
3.1.2 USA
3.2 Gegenüberstellung des deutschen und des US-amerikanischen Corporate Governance Systems
3.3 Anforderungen des S-OX als Herausforderungen für SAP

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Fachbücher:

Internet:

Fachzeitschriften:

Rechtssprechungsverzeichnis

Verzeichnis der Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsanweisungen

Ein Hinweis vorab:

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten im Sinne der Gleichbehandlung für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Gegenüberstellung des deutschen und des US-amerikanischen Corporate Governanace Systems

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Relevanz des Themas

Der Mannesmann-Prozess, in den Jahren 2004 bis 2006, war ein Aufsehen erregendes Wirtschaftsverfahren (Martin et al 2015, S. 46). Es ging um Prämienzahlungen bei der Übernahme der Mannesmann AG durch die Vodafone Group. Das Verfahren richtete sich gegen die führende Belegschaft und Mitglieder der Mannesmann AG. Die Aussage der Staatsanwaltschaft, dass bei den Mitgliedern des Aufsichtsratspräsidiums keine Orientierung am Unternehmensinteresse vorgelegen hätte, wird vom Bundesgerichtshof im Revisionsurteil aufgegriffen und explizit in den Fokus der Betrachtungen gerückt (Hüffer 2003, S. 20). In Folge dessen, wird das Unternehmensinteresse als Maxime für Entscheidungen von Aufsichtsrat und Vorstand, manifestiert (BGHSt 50, 331 (335, 338). Der Begriff Corporate Governance ist in Deutschland seither in der breiten akademischen Öffentlichkeit bekannt (Schneider AG 2004, S. 429; Hamacher 2015, S. 9) und insbesondere in den letzten Jahren international und national in vielen verschiedenen Ländern in den Fokus wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Diskussionen gerückt (Maucher 2002, o.S.; Werner 2008, o.S.). Die mit der Corporate Governance in Zusammenhang stehende Problematik der Unternehmensführung und -kontrolle gewannen nicht allein durch den Mannesmann-Prozess an Relevanz. Träger jener Entwicklungen sind zudem die fortlaufende Internationalisierung der Weltwirtschaft (Werner 2008, S. 11), sowie zahlreiche weitere Unternehmenskrisen mit nationaler und internationaler Wirkung (Marcharzina/Wolf 2005, S. 13). Das, in der Vergangenheit gängige, Verfolgen nationaler Sonderwege, im Bereich der Corporate Governance, wird durch die Globalisierung sukzessiv schwieriger. Ergo ist künftig eine Konvergenz der Systeme denkbar (Witt 2003, S. 141-142).

Insbesondere in Deutschland und den USA belegen Studien ein außergewöhnlich hohes Misstrauens-Ausmaß gegenüber Konzernen und deren Führungskräften: Nach den Ergebnissen einer Umfrage des Emnid-Institutes für das World Economic Forum (WEF), welche in die Studie „Voice of People“ aus dem Jahre 2004 eingeflossen sind, halten 70 Prozent der Deutschen ihre Konzernchefs für nicht ehrlich. Darüber hinaus geben 37 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung an, bei ihren Managern unmoralische Verhaltensweisen zu vermuten. Im Vergleich dazu zweifeln in Frankreich 22 Prozent an der Glaubwürdigkeit, der Unternehmenslenker (Die Welt, 19.11.2004). Die in den genannten Ländern ausgeprägte Skepsis, gegenüber dem Markt, muss auch in Zusammenhang zu dem, als nicht moralisch wahrgenommenem, Handel, einzelner Manager, betrachtet werden (Frey/Schmalzried 2013, S. 5). Ein von restriktiver Risikobereitschaft geprägtes Verhalten kann, wie oben beschrieben, Folge eines Vertrauensdefizits sein. Dies wiederum kann langfristig die Gewinnmaximierung und Steigerung des Nutzens, aller Beteiligten, beeinträchtigen. Grund dafür ist, dass das gegenseitige Vertrauen der Akteure eine relevante Prämisse für die Funktionsfähigkeit einer Marktwirtschaft darstellt (Petersen 2011, S. 589).

Für eine komplexe Interaktions- und Entscheidungssituation ist ein Vertrauen schaffendes Grundniveau gegenseitiger Kooperationsbereitschaft unabdingbar. So können bspw. Transaktionskosten reduziert werden (Becker/Ulrich 2010, S. 23). Umso größer das Misstrauen zwischen den Akteuren ist, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Bedrohung für die Existenz des freien (Tausch) Handels. Folge dessen können Nutzeneinbußen der Anleger, aufgrund fehlender Markteintrittsbarrieren, sowie auch ein theoretisches Marktversagen sein. Nicht zuletzt aus diesem Grund, implementieren Unternehmen, unter dem Stichwort „Corporate Governance“, Leitlinien, Sätze und Kodizes zu einer verantwortungsvollen Unternehmensführung (KICG 2012, S. 5).

1.2 Ziel und Gang der Untersuchung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine ausführliche Betrachtung von Corporate Governance. Im speziellen sollen die Corporate Governance-Systeme, in Deutschland und den USA, vergleichend dargestellt werden. Dabei werden verschiedene Aspekte aufgegriffen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Systeme herauszuarbeiten. Betrachtungszeitpunkt sind die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre, da bis zu den 2000er Jahren davon ausgegangen werden konnte, dass das Regime, der deutschen Corporate Governance, relativ stabil ist. Seither hat sich das deutsche Corporate Governance System nachhaltig gewandelt: Die Unternehmensstrategien werden auf die Steigerung des Werts für die Aktionäre ausgerichtet, institutionelle Investoren gewinnen an Relevanz und traditionelle Netzwerkbeziehungen zu den Banken verlieren an Relevanz (Lippert/Jürgens 2012, S. 9). Erwähnung finden zudem die vorangegangenen wichtigen Meilensteine, vor 2000, welche die Grundlage für die jüngsten Entwicklungen bilden. Thematisiert werden auch aktuelle Trends, welche trotz landesspezifischer Regelungen, auf eine Konvergenz der Systeme und Umfeldvariablen hindeuten. Dies ist notwendig, da die Corporate Governance Systeme der Länder sich im Zuge der dynamischen Prozesse wechselseitig beeinflussen und nicht mehr isoliert betrachtet werden können. Zur weiteren Eingrenzung dieses umfangreichen Themenkomplexes, liegt der Fokus der Untersuchungen auf der Betrachtung großer und börsennotierter Unternehmen. Mittelständische und öffentliche Unternehmen weisen in der Regel stark abweichende Corporate Governance Strukturen auf (Welge/Witt 2013, S. 1). Dessen Betrachtung würde allerdings den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten. Ferner beschreibt die vorliegende Arbeit die Herausforderungen, welche einem deutschen Unternehmen, wie bspw. der SAP, begegnen, sobald es an die US-amerikanische Börse notiert ist.

Zugrunde gelegt, wird die folgende These: Es besteht eine Konvergenz zwischen den Corporate Governance Systemen der USA und Deutschland.

Zur eingehenden Analyse der aufgestellten These wird eine umfangreiche Literaturrecherche betrieben. Zu Beginn der Fallstudie wird der Begriff Corporate Governance definiert (Kapitel 2.1) und herausgearbeitet was mit einer Good Governance gemeint ist (Kapitel 2.2). Der Vergleich der Corporate Governance Systeme in Deutschland und den USA, bildet den Hauptteil der vorliegenden wissenschaftlichen Ausarbeitung. Hierzu werden zunächst die landesspezifischen Entwicklungen, der vergangenen 20 Jahre aufgezeigt (Kapitel 3.1) und anschließend Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet (Kapitel 3.2). Den Praxisbezug erhält die Ausarbeitung mit der Analyse der Herausforderungen, welche einem deutschen Unternehmen begegnen, dass über die eigenen Landesgrenzen hinweg in den USA tätig werden möchte. Die Erkenntnisse beziehen sich auf die SAP AG (Kapitel 3.3). Das Fazit schließt die Arbeit mit einem kurzen Ausblick ab (Kapitel 4). Diesbezüglich besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Dieses Vorgehen dient der sukzessiven Untersuchung der aufgestellten These zur Konvergenz der Systeme.

2 Theoretische Fundierung

2.1 Corporate Governance

Corporate Governance ist in Fachkreisen ein gängiger Begriff und seit 40 Jahren auch über die Grenzen der Rechtswissenschaften hinaus bekannt (Aoki 2004, S. 31). Die Verwendung des Anglizismus „Corporate Governance“ ist auch innerhalb der deutschen Sprache üblich. Dies lässt sich durch die Schwierigkeit den Begriff in andere Sprachen, insbesondere ins Deutsche, zu übersetzen, begründen (Berrar 2001, S. 24). Oftmals wird als Übersetzung der Begriff der Unternehmensverfassung verwendet. Durch die einseitige Fokussierung, auf die rechtlichen Gegebenheiten, werden unter dem Begriff der Unternehmensverfassung nicht alle Aspekte des englischen Terminus erfasst. So werden bspw. die Marktmechanismen vernachlässigt, weshalb diese Übersetzung, zur Überprüfung der in Kapitel 1.2 aufgestellten These, zu kurz greift (Gerig 2003, S. 7 und Wentges 2002, S. 72).1 Im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch meint Corporate Governance die Auseinandersetzung mit den Verantwortlichkeiten der Institutionen, von Kapitalgesellschaften in der Marktwirtschaft, mit dem Ziel der langfristigen Wertsteigerung (Gerig 2003, S. 7 und Wentges 2002, S. 72). Cadbury definiert Corporate Governance als System „[…] by which companies are directed and controlled“ (2002, S. 1). Demb und Neubauer beschreiben Corporate Governance als „[…] the process by which corporations are made responsive to the rights and wishes of stakeholders“ (1992, S. 187).

Im Rahmen dieser Fallstudie bezeichnet Corporate Governance die Leitung und Überwachung von Unternehmen. Gemeint ist in diesem Zusammenhang das Zusammenspiel von Anteilseignern, Managern, Kreditgebern, Angestellten und Überwachungsregimen. Nationale Regeln, Gesetze und Institutionen sind für die Corporate Governance maßgeblich (Hopt et al 1998, S. v).

Im internationalen Vergleich existieren verschiedene Systeme der Corporate Governance.2 Ziel aller Systeme ist es, dass mit der Trennung von Eigentum und Management, einhergehende Prinzipal-Agent-Problem zu lösen. Demgegenüber stehen die Transaktionskosten.

Ein relevantes Unterscheidungskriterium von Corporate Governance Systemen ist die formale Struktur von Leitung und Kontrolle, innerhalb eines Unternehmens. Differenziert wird diesbezüglich zwischen dem einstufigen (monistisches oder One-Tier-Modell) und dem zweistufigen (dualistisches oder Zwo-Tier-Modell) Modell. Ersteres umfasst die Entscheidungs- und Kontrollgewalt in einem Organ, während das zweistufige Modell eine Trennung von Unternehmensführung (Vorstand) und Kontrolle (Aufsichtsrat) vornimmt (Zöllner 2007, S. 18 -19).

Corporate Governance Systeme differenzieren sich darüber hinaus nach dem Shareholder- und dem Stakeholder-Ansatz. Erster orientiert sich an der Ausrichtung der Interessen der Inhaber und Anteilseigner (Agents). Die Beziehung in der die Manager als Agenten risikoavers auftreten und opportunistisch handeln und die Aktionäre risikoneutral sind und als Prinzipale nach der Maximierung der Rendite streben, wird als Prinzipal-Agenten-Beziehung bezeichnet (Alparslan 2006, S. 11-12). Zum Schutz der Aktionäre vor dem Informationsvorsprung und dem unterstellten Eigeninteresse der Manager, rückt der Corporate Governance Ansatz in den Fokus (Hansch 2018, S. 12). Demgegenüber steht der Stakeholder-Ansatz, welcher auf den Interessensausgleich aller Anspruchsgruppen abzielt. Dieser Auffassung liegt die Maxime zu Grunde, dass für den Unternehmenserfolg nicht nur das Interesse der Anteilseigner von Relevanz ist, sondern das sämtlicher Anspruchsgruppen (Hausch 2004, S. 53).

Die Art und Weise, in der die Interessen von den verschiedenen Anspruchsgruppen vertreten werden, bildet eine weitere Möglichkeit der Unterscheidung der Corporate Governance Systeme. Als Differenzierungsmöglichkeiten gelten in diesem Zusammenhang Wiederspruch (Voice) und Abwanderung unter Nutzung der Marktkräfte (Exit) (Hansch 2018, S. 13). Kennzeichnend für das Exit-System ist das Lösen von (Ziel) Konflikten, durch die Abwanderung einer der beteiligten Parteien. So verkaufen die Kapitaleigner im Konfliktfall ihre Anteile, um Verzinsungsoptionen wahrnehmen zu können. Voraussetzung hierfür ist die Existenz eines liquiden und transparenten Kapitalmarktes, auf denen die Unternehmensanteile gehandelt werden (Brühl 2009, S. 96). Im Voice-System hingegen werden Zielkonflikte durch Verhandlungen und aktiven Wiederspruch gelöst. Sowohl Arbeitnehmer als auch Kapitaleigner haben die Möglichkeit Einwände zu äußern (Brühl 2009, S. 98)

In den vergangenen Jahren hat sich eine internationale Diskussion darüber entwickelt, inwiefern unterschiedliche Corporate-Governance Strukturen zum Erfolg führen und welche Probleme sich für die Unternehmensführung und -kontrolle ergeben (Nassauer 2000, S. 1 und Edwards/Fischer 1994, Kap. 1). Gründe für diese Schwerpunktsetzung liegen zum einen in der sich verstärkenden Internationalisierung (Globalisierung), sowie den zahlreichen Unternehmenskrisen mit transnationaler Wirkung (Werner 2008, S. 11/Marcharzina und Wolf 2005, S. 13). Die unterschiedlichen Ausprägungen der Corporate Governance Systeme, in den USA und Deutschland, werden im nachfolgenden Kapitel näher erläutert und gegenübergestellt.

2.2 Good Governance

Zur Sicherstellung einer guten Corporate Governance (Good Governance) sind in der Vergangenheit eine Vielzahl von Kodizes verabschiedet worden. Als primäres Ziel der Good Governance gilt das Erwirken einer „Rundum-Qualität“ der Unternehmensleitung. Eine optimale Verteilung der Aufgaben soll dazu führen, dass der Erfolg des Unternehmens gesichert und Vertrauen innerhalb des Unternehmens geschaffen wird (Haeseler/Gampe 2002, S. 108). Als ökonomisches Ziel einer Good Governance, kann die Vermittlung relevanter Informationen an die Interessens- und Anspruchsgruppen bezeichnet werden. Eine über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehende Transparenz ist dabei als Maßnahme zur Vertrauensbildung zu werten (Dörner/Orth 2005, S. 8). Zudem zeigen Beispiele, wie das des institutionellen Anlegers CaIPERS (Pensionsfond in den USA), dass eine gute Corporate Governance zu einer verbessersten Kursentwicklung beitragen kann. CaIPERS hat innerhalb einer Studie die Entwicklung der Kurse, in den Jahren 1987 bis 1995 in 62 Unternehmen, untersucht. Vor den ersten Gesprächen mit CaIPERS zu Corporate Governance-Fragen lagen die Aktien etwa 85 Prozent hinter dem S&P 500*-Index zurück. In den nachfolgenden fünf Jahren übertrafen die untersuchten Unternehmen den Index um durchschnittlich 33 Prozent. So lässt sich Schlussfolgern, dass eine gute Corporate Governance mit einer Senkung der Kapitalkosten einhergeht (Dörner/Orth 2005, S. 13.). Dörner und Orth begründen dies durch die Annahme, dass Anleger geringere Risikozuschläge fordern. Aktionäre (Eigenkapitalgeber) können ihre Ansprüche erst nach Befriedigung aller Ansprüche der Fremdkapitalgeber geltend machen. Aus diesen Gründen fordern sie oftmals eine höhere Rendite als Fremdkapitalgeber (Dörner/Orth 2005, S. 13.). Empirische Untersuchungen zeigen, dass Unternehmen mit einer Good Governance eine höhere Bewertung genießen als Unternehmen mit einer schlechten Corporate Governance (Goncharov/Werner/Zimmermann 2006, S. 442).

3 Vergleich der Corporate Governance-Systeme in Deutschland und den USA

3.1 Entwicklungen der Corporate Governance

Die Festlegung der Grundsätze der Unternehmensverfassung und Unternehmensüberwachung erfolgt traditionell auf nationaler bzw. transnationaler Ebene (z.B. EU). So sind aus der Praxis unterschiedliche Corporate Governance Systeme bekannt. Diese sind durch gesellschaftliche, rechtliche, soziokulturelle und historische Besonderheiten des jeweiligen Landes geprägt (Welge/Eulerich, 2005, S. 159).

Ihren Ursprung hat die Diskussion zum Thema Corporate Governance in den USA. Sie lässt sich auf die Entstehung des modernen Unternehmens zurückführen (Shleifer/Vishny 1997, S. 738). In den ersten Jahren nach der Entstehung der Corporate Governance wurde Eigentum und Kontrolle bei der Mehrheit der Unternehmen durch eine Institution gemanagt. Während die Wachstumsfinanzierung in den USA traditionell vom Kapitalmarkt finanziert wurde ist in Kontinentaleuropa die Finanzierung über das Banksystem gängige Praxis gewesen (Nötzli Breinlinger 2007, S. 29). Folge der externen Finanzierung ist die Problematik, der Trennung von Eigentum und Kontrolle (Wentges 2002, S. 80-82). Adam Smith hat dies bereits 1776 in seinem Werk „An Inquiry into the Nature and Causes oft he Wealth of Nations“ erörtert und als „other peoples money“ -Problem beschrieben. Er konstatiert, dass ein Individuum dazu neigt, dass eigene Interesse und die persönlichen Angelegenheiten verantwortungsbewusster wahrzunehmen als das Interesse und die Aufgaben Dritter (Hirschey 2003, S. 72).

Diese Diskussion wurde von Berle und Means in ihrem Werk „The modern Corporation and Private Property“ 1932 wieder aufgenommen und untersucht. Die Komplexität des Interessenkonfliktes zwischen dem Eigentümer (Prinzipal) und der Unternehmensführung (Agenten) gewann zunehmend an Komplexität. Im Wesentlichen geht es in dem genannten Pionieraufsatz um die Ausgestaltung der Beziehung des Agenten und des Prinzipals. Der Agent muss seine Aufgaben im Interesse der Prinzipale wahrnehmen. Es muss gewährleistet werden, dass nicht die persönlichen Interessen der Unternehmensführung überwiegen (Jensen/Meckling 1976, S. 308).

3.1.1 Deutschland

Die Unternehmensleitungs- und Kontrollstruktur wird in der deutschen Aktiengesellschaft durch das Two-Tier System organisiert (La Porta et al 1998, S. 1152). Dabei wird, durch die Aktionäre als Prinzipale, die Leitung des Unternehmens an den Vorstand und die Kontrolle an den Aufsichtsrat übertragen. Mitgliedern ist das zeitgleiche Vertreten von Vorstand und Aufsichtsrat untersagt (v. Werder 2003, S. 16). Auf Grundlage der strengen Trennung der Geschäftsführung und der Kontrollfunktion wird vom Trennungsmodell gesprochen.

Nach Reichelt vereint der moderne Aufsichtsrat die Funktionen der Überwachung und der Mitbestimmung (1998, S. 20-22). Seit 1861 besteht in Deutschland die Option einen Aufsichtsrat zu bilden (Witt 2003, S. 86). Der Staat zieht sich 1870 mit dem Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuch (ADHGB) aus der Aufsicht von Aktiengesellschaften zurück. Die staatliche Genehmigungspflicht wird durch den Aufsichtsrat ersetzt (Reichelt 1998, S. 271).

Nach dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch am Ende des zweiten Weltkriegs kommt es zur Institutionalisierung der Mitbestimmung. Es besteht weniger eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, als vielmehr das Bestreben die Wirtschaft zu demokratisieren (v. Werder 2004, S. 232). Im Jahr 1951 wird das Gesetz über die Mitbestimmung der Arbeitnehmer, in den Vorständen und Aufsichtsräten, im Bereich des Bergbaus, sowie der Eisen- und Stahlindustrie verabschiedet (vgl. MontanMitbestG).

Ein Jahr später tritt das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG), was die Interessenvertretungskompetenzen, der Arbeitnehmer in wirtschaftlichen, sozialen und personellen Angelegenheiten regelt, in Kraft. Um bei Betriebsübergängen, von Deutschland ins Ausland, einem Mitbestimmungsverlust zu entgehen wird im Jahr 1994 das Mitbestimmungsbeibehaltungsgesetz (MitbestBeiG) verabschiedet.

In den darauffolgenden Jahren haben Unternehmensskandale, wie der Mannesmannprozess (s. o.) den europäischen Gesetzgeber dazu veranlasst Maßnahmen in Bezug auf die Corporate Governance zu ergreifen. Dabei stellen die Änderungen der 4. Und 7. EU-Richtlinien eine relevante Initiative zur Veränderung der Corporate Governance europäischer Unternehmen dar. Mit den Anpassungen ergeben sich folgende Neuerungen:

- Die Abgabe einer Erklärung zur Unternehmensführung (eine so genannte Erklärung zur Corporate Governance) von Unternehmen, deren Wertpapiere an einem geregelten Markt zum Handel zugelassen sind, ist verpflichtend.
- Es erfolgt eine Beschreibung der relevantesten Punkte des internen Risikomanagements- und Kontrollsystems, welche der Einklangsprüfung durch den Abschlussprüfer unterliegen.

Zudem wird über eine neue 8. EU-Richtlinie geregelt, dass jedes Unternehmen von öffentlichem Interesse verpflichtet ist einen Prüfungsausschuss zu initiieren. Dieser muss die Überwachung des Rechnungslegungsprozesses, des internen Kontrollsystems und der Abschlussprüfung übernehmen (vgl. Amtsblatt der Europäischen Union 2013). Mit diesen Änderungen müssen Unternehmen angeben welchem Kodex sie unterliegen und gemäß des „comply or explain“ Prinzips, welche Standards sie nicht befolgen.

Der deutsche Gesetzgeber hat als Konsequenz, auf die in der Vergangenheit geschehenen Unternehmensskandale im Jahr 1998, das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) verabschiedet. Dessen Fokus liegt auf der Erhöhung der Transparenz der Verbesserung der Aufsichtsrattätigkeit, der Qualität der Abschlussprüfung und der Zusammenarbeit von Aufsichtsrat und Abschlussprüfer (Hansch 2018, S. 72). Im Jahr 2001 empfiehlt die Regierungskommission „Corporate Governance Unternehmensführung-Unternehmenskontrolle-Modernisierung des Aktienrechts“ die bisher gewählte Richtung des KonTraG weiter zu verfolgen. Die Kommission empfiehlt eine stärkere Einbindung des Aufsichtsrats, sowie eine Erhöhung der Verantwortlichkeit bei zeitgleicher Flexibilisierung (Peltzer 2002, S. 594). Das Aufgabenfeld des Aufsichtsrats verändert sich je nach Situation vom Aufpasser und Kontrolleur, zum strategischen Überwacher und Berater (Peltzer 2002, S. 594). Trotz hoher Relevanz für die deutsche Corporate Governance, ist aufgrund der internationalen Veränderungen, sowie aufgrund von zeitlichen und politischen Gründen, der Bereich der Mitbestimmung aus den Beratungen weggelassen worden (Dilger et al 1999, S. 19-21 und Baums 2003, S. 6). Schlussendlich wird im Jahr 2002 der Deutsche Corporate Governance (DCGK) verabschiedet. Ziel des Kodexes ist es das Corporate Governance System transparent und nachvollziehbar zu gestalten. Sämtliche Standards (Grundsätze, Empfehlungen und Anregungen) des DCGK sind (inter)national anerkannt und dienen dem Zweck das Vertrauen der Stakeholder in die Leitung und Überwachung deutscher börsennotierter Unternehmen zu fördern (DCGK 2019, Präambel). Seit seiner Verabschiedung werden die Inhalte des DCGK, vor dem Hintergrund nationaler und internationaler Entwicklungen regelmäßig überprüft und ggf. angepasst. Die aktuelle Fassung ist aus dem Jahr 2019. Der Kodex umfasst wesentliche gesetzliche Vorschriften (Grundsätze) zur Führung und Kontrolle börsennotierter Unternehmen. Als Beispiel sei hier die eigenverantwortliche Unternehmensleitung, durch den Vorstand, im Interesse des Unternehmens genannt (DCGK 2019, Grundsatz 1). Zu den Empfehlungen des DCGK gehört bspw. das Beachten des Vorstandes, der Diversität bei der Besetzung von Führungsfunktionen (DCGK 2019, A1). Gemäß §161 AktG muss jedes börsennotierte Unternehmen einmal jährlich erklären, ob es den Empfehlungen des Kodexes folgt und wenn nicht, an welcher Stelle Abweichungen gegeben sind. Diese Ergebnisse müssen den Aktionären zugänglich gemacht werden (Tödtmann/Schauer 2009, S. 995). Anregungen sind im Kodex durch den Begriff „sollte“ gekennzeichnet. Abweichungen sind ohne Offenlegung zulässig (DCGK 2019, Präambel).

In der Vergangenheit ist die Qualität der Corporate Governance in Deutschland regelmäßig bewertet worden. Drobez et al kommen im Jahr 2004 zu zwei unterschiedlichen Tendenzen. Ein Teil der Unternehmen betrachtet Corporate Governance als „lästige Verpflichtung“ ohne Wertsteigerung (Drobez et al 2004, S. 22). Der andere Teil sieht eine positive Beziehung zwischen Corporate Governance Qualität eines Unternehmens und der Rendite der Aktien (Drobez et al 2004, S. 22). Seidl kommt in seinen Untersuchungen zur Effektivität von Coporate Governance zu dem Ergebnis, dass Kodizes die auf dem Prinzip „Comply or Explain“ insbesondere bei öffentlichkeitswirksamer Auslebung gut funktionieren. Dies ist beim DCGK gegeben (Hansch 2018, S. 76).

Im Jahr 2006 untersuchten Groncharov et al 61 DAX bzw. MDAX Unternehmen auf Basis ihrer Entsprechenserklärung. Im Ergebnis zeigt sich eine um zehn Prozentpunkte höhere Aktienperformance bei Unternehmen mit einer höheren Befolgungsquote der Empfehlungen des DCGK (Stiglbauer 2010, S. 61).

Andere Länder haben in der Vergangenheit den bewährten comply or explain-Ansatz durch einen apply and explain-Ansatz ergänzt. Im November 2018 erfolgte der Vorschlag zur Ergänzung des apply and explain-Prinzips, auch für den DCGK. Die Erwägung Unternehmen zu verpflichten anzugeben, wie sie die Grundsätze anwenden, soll bspw. bei der konkreten und vollständigen Darstellung und Ausgestaltung der Corporate Governance unterstützen (Hopt/Roth 2019, S. 342). In der jüngsten Stellungnahme, aus dem Jahr 2019 des deutschen Aktieninstituts zum DCGK, wird empfohlen die folgende Anregung in den DCGK zu integrieren: Es sind die wesentlichen Corporate-Governance-Grundsätze darzulegen. Das Verlangen vieler Erläuterungen, zu allgemeinen Grundsätzen, ist nicht notwendig. Durch diesen neuen Ansatz der Umsetzung, könnten Neuerungen auch leichter auffindbar gemacht werden (Deutsches Aktieninstitut 2019, S. 5). Der Vorschlag zum „apply and explain-Prinzip“ ist in der aktuellen Fassung vom 16. Dezember 2019 nicht aufgenommen worden (DCGK 2019).

Schlussendlich lässt sich zusammenfassen, dass der DCGK und folglich die aktuelle Corporate Governance in Deutschland, in der Praxis eine äußerst positive Resonanz erfährt (Hansch 2018, S. 76). Dies unterstreichen auch die Ergebnisse einer Studie von McKinsey, nach der Investoren bereit sind, eine Prämie von 20 Prozent für deutsche Unternehmen mit einer Good Governance im Vergleich zu weniger gut geführten Unternehmen zu zahlen (Kleinfeld/Martens 2018, S. 199).

[...]


1 Einzelne Autoren lehnen die Differenzierung zwischen Unternehmensverfassung und Corporate Governance ab und verwenden die Begriffe als Synonym (vgl. Gerum 2004, S. 11).

2 Einen Überblick zu den verschiedenen Corporate Governance Systemen findet sich bei Witt 2003, S. 61-116 und bei Zöllner 2007, S. 13-27.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Corporate Governance in den USA und in Deutschland
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
2,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V889396
ISBN (eBook)
9783346186935
Sprache
Deutsch
Schlagworte
corporate, deutschland, governance
Arbeit zitieren
Vivien Reinke (Autor), 2020, Corporate Governance in den USA und in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/889396

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