Die Wirksamkeit ungeleiteter Selbstmanagement-Apps für die klinische Psychologie. Eine hermeneutische Analyse


Hausarbeit, 2019

30 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Digitalisierung und Relevanz internetbasierter psychologischer Interventionen

3. Klassifikation
3.1. Nach Ausmaß menschlicher Beteiligung
3.2. Nach Phase innerhalb der gesundheitlichen Versorgungskette
3.3. Nach Störung und Modell

4. Vor- und Nachteile internetbasierter Interventionen

5. Rechtliche Aspekte
5.1. Berufsordnung
5.2. Datenschutz

6. Wirksamkeitsforschung

7. Empirie
7.1. Methodologie: Hermeneutik
7.2. Deskription und theoriegeleitete Klassifikation der ausgewählten Apps
7.2.1. CoachPTBS
7.2.2. Velibra
7.2.3. SuperBetter

8. Fazit und Diskussion der Ergebnisse

9. Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der psychologischen Wirksamkeit internetbasierter ungeleiteter Selbstmanagement-Programme.

Gesamtgesellschaftlichen Kontext bilden dabei die zunehmende Digitalisierung, wie auch das Ansteigen psychosozialer Störungen. Internetbasierte Interventionen können durch ihre große Reichweite und ihre Niederschwelligkeit eine zentrale Funktion zur annähernd flächendeckenden Bedarfsbefriedigung erfüllen. Großes Potenzial wird ihnen vor allem in Kombination mit Face-to-Face-Therapien zugesprochen. Doch welche Wirksamkeit können Interventionen ohne professionelle menschliche Begleitung haben? Diese Frage setzt den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit. Zu diesem Zwecke wurden, neben der theoretischen Erörterung, auch drei Apps auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Den ausgewählten Selbstmanagement-Programmen liegen Ansätze der kognitiven Verhaltenstherapie zugrunde, sie richten sich jedoch an unterschiedliche Zielgruppen. Die mögliche störungsspezifische Wirksamkeit der Apps wurde durch hermeneutisches Literaturstudium diskutiert und teilweise durch empirische Untersuchungen belegt.

1. Einleitung

Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft, wie auch die Zunahme psychischer Störungen bilden den gesellschaftlichen Rahmen, in dem die Einwicklung internetbasierter psychologischer Interventionen gegenwärtig stattfindet. Interdisziplinär wurde die Entwicklung durch „die zunehmende Spezialisierung und Standardisierung psychotherapeutischer Methoden, die eine computergestützte Vermittlung therapeutischer Inhalte erleichtert, [begünstigt, Anm. Verf.]“ (S. Berger, 2015, S.1). Adressaten internetbasierter psychologischer Interventionen sind vor allem von Depressionen, Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder psychischem Stress Betroffene (Vgl. Apolinário-Hage, u.a., 2015, S.74f.). Sie zielen auf Verhaltensänderungen der Betroffenen zum Abbau schädlicher Verhaltensweisen ab und sollen „den Patienten befähigen und Hilfestellungen geben, selbstständig den eigenen Gesundheitszustand zu verstehen und zu verbessern“ (S. Blankenhagel u.a., u.b., S.685). Im wissenschaftlichen Kanon werden internetbasierte Interventionen vorwiegend als supplementäre Verfahren betrachtet. Sie bieten den Vorteil großer Reichweite mit geringem Aufwand für Betroffene und unter Umständen auch Behandelnde. Im Rahmen der E-Mental-Health-Care können sie Prävention, Nachsorge und Rückfallprävention bei psychischen Störungen sinnvoll ergänzen (Vgl. Berger, 2015, S.3). Aufgrund der niederschwelligen Zugänglichkeit wurde internetbasierten psychologischen Interventionen großes Potenzial zugeschrieben, weshalb sich die Anwendungsmöglichkeiten schnell entwickelten (Vgl. Klein u.a., 2013, S.149). Prinzipiell wird zwischen geleiteten, also „strukturierte internetbasierte Interventionen, die regelmäßige Kontakte mit Therapeuten beinhalten“, und ungeleiteten internetbasierten Interventionen, in Form von „Selbstmanagementprogrammen“, unterschieden (S. ebd.). Der Zugang ungeleiteter Selbstmanagementprogramme ist am ehesten mit jenem von Selbsthilfebüchern zu vergleichen, wobei ein größeres gestalterisches Repertoire, in multimedialer Form und im Sinne der Personalisierung der Anwendung in Blick auf die Bedürfnisse des Betroffenen, zur Verfügung steht. „Diese individuelle Anpassung kann auch erfolgen, indem auf individuelle Vorlieben der Nutzer für die Länge oder das Präsentationsformat der Inhalte im Rahmen eines simulierten Dialogs eingegangen wird. Eine neuere Entwicklung ist auch die Darbietung von Selbsthilfeinhalten in Smartphone-Apps, oder in Form sogenannter Serious Games, d.h. interaktiver Spielformate“ (S. ebd., S. 152). Diese Arbeit fokussiert auf die Analyse internetbasierter, nicht-geleitetet Selbstmanagement-Programme via Apps. Sie untersucht die (klinisch-)psychologischen Verfahren, welche den Apps zugrunde liegen und die Wirksamkeit dieser Selbstmanagement-Programme. Folgende Frage wird konkret beantwortet:

Wie wirksam können ungeleitete Selbstmanagementprogramme für Anwendungsgebiete Klinischer Psychologie sein?

Die in dieser Arbeit angewandte Methode ist jene der verstehenden Hermeneutik in Bezug auf das themenzentrierte Literaturstudium, sowie der Erfahrungsbericht durch praktische Erprobung der ausgewählten Apps. Es werden wissenschaftliche Publikationen, vor allem aus dem Bereich der Klinischen Psychologie und empirische Studienergebnisse hinsichtlich der Wirksamkeit angewandter Verfahren internetbasierter Selbstmanagement-Programme in die Analyse einbezogen. Zu diesem Zwecke werden drei Anwendungen Störungs- und Interventionsspezifisch klassifiziert, analysiert und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit untersucht. Bisherige Theoriebildung und Forschung im Bereich internetbasierter psychologischer Selbstmanagementprogramme werden präsentiert und der daraus resultierende hermeneutische Erkenntnisgewinn auf die drei Anwendungen analytisch bezogen. Hierzu wurde der „CoachPTBS“, „Velibra“ und „SuperBetter“ ausgewählt.

2. Digitalisierung und Relevanz internetbasierter psychologischer Interventionen

Der Begriff Digitalisierung ist ein originär technischer Terminus für das Umwandeln analoger Informationen in diskrete Dateneinheiten. Heute wird er auch für vehemente soziale Transformationen angewandt. Durch die zunehmende Digitalisierung werden Berechnungen und das dadurch erzeugte Wissen zu bedeutsamen gesellschaftlichen Faktoren, die beinahe in allen Lebensbereichen wirksam werden. Individuen handeln über, mit und durch digitale Technologien sozial (Vgl. Jarke, 2018, S. 3ff.). Das Subjekt lebt „in Gesellschaft von Daten, die in sozialer Interaktion produziert werden. Als eines der zentralen Phänomene der Digitalisierung beschreibt der Begriff der Datafizierung die zunehmende Verdatung aller gesellschaftlichen Bereiche und die dadurch zunehmend wichtige Rolle digitaler Daten“ (S. ebd., S. 6). Die Nutzung digitaler Technologien ist zum einen ein verstärkender Einfluss des fortschreitenden Individualisierungsprozesses1, verspricht zum anderen aber auch Kompensation diverser sozialer Bedürfnisse sowie des Bedürfnisses nach Identitätsbildung2 in Wechselwirkung mit „dem Kollektiv“. Dies äußert sich unter anderem in der Nutzung sozialer Netzwerke, welche ursprünglich jedoch Vermarktungsstrategien großer IT-Konzerne waren (Vgl. ebd.). „Kommentare, Likes oder Views in sozialen Netzwerken werden Teil von Vergemeinschaftungspraktiken. […] Soziale Netzwerke rekonfigurieren also, was wir unter Gemeinschaft verstehen“ (S. ebd., S. 8).

Im Zuge der zunehmenden Digitalisierung, ebenso unter dem Vorzeichen der Zunahme des Bedarfs an psychosozialen Interventionen3, erscheint das Aufkommen internetbasierter Interventionen als logische Konsequenz (Vgl. Hautzinger u.a., 2009, S. 11). „Die Zunahme der Nutzung des Internets ganz allgemein führte in den letzten 20 Jahren auch zu einer Zunahme der Nutzung des Internets bei Gesundheitsthemen und psychosozialen Problemen [...]. Entsprechend nahm die Zahl der therapeutischen Angebote zu (S. Berninger-Schäfer, 2018, S. 17f.) . „ Als weitere Einflussfaktoren auf die Entwicklung internetbasierter Interventionen können der gesteigerte Bedarf an „niederschwelligen Zugangsmöglichkeiten zu psychosozialen Angeboten, [die sukzessive, Anm. Verf.] Spezifizierung und Standardisierung psychotherapeutischer Methoden [und, Anm.] die vielversprechenden Wirksamkeitsnachweise für internetbasierte Interventionen betrachtet werden“ (S. Berger, 2015, S.1). Verschiedene Untersuchungen geben Aufschluss darüber, dass die Wirksamkeit internetbasierter Interventionen jener herkömmlicher Psychotherapien vergleichbar ist (Vgl. Klein u.a., 2013, S.149). Renommierte Psychologen betonen die bedarfsorientierte Relevanz internetbasierter Interventionen, da „wir mit traditionellen Behandlungsformen wie der individuellen Psychotherapie nie in der Lage sein werden, dem enormen Bedarf nach psychosozialer Versorgung gerecht zu werden“ (S. ebd., S. 150). Bei steigendem Bedarf besteht derzeit eine Unterversorgung, wodurch viele Betroffene mit langen Wartezeiten rechnen müssen. Dadurch kommt internetbasierten Interventionen eine immer größere Bedeutung zu. Internetbasierte Interventionen zeichnen sich durch ihre große Reichweite, ihre Flexibilität und Niederschwelligkeit aus (Vgl. ebd.). „Die Nutzung dieser niedrigschwelligen Angebote kann emotional entlasten und entstigmatisieren, sowie das Identifizieren und Wahrnehmen effektiver Behandlungsangebote für Betroffene erleichtern“ (S. Ebert u.a., 2012, S.132) . Internetbasierte Interventionen erreichen auch jene Menschen, die ansonsten aus infrastrukturellen, ökonomischen, zeitlichen und persönlichen Motiven eher keine Therapie in Anspruch nehmen würden. Ebenso entfällt die Beschränktheit an Therapieplätzen als Grund für eine Nicht-Inanspruchnahme (Vgl. Urben u.a., 2011, 1037). Grundsätzlich ist zwischen Verfahren zu unterscheiden, welche als Kommunikationsmedium zwischen Therapeuten und Betroffenen, und jenen, welche das Internet als Informationsvermittlungsmedium begreifen (Vgl. Klein u.a., 2013, S.150 und Berger, 2015, S.2). „Bei der Verwendung des Internets als Kommunikationsmedium wird zwischen synchroner (Chat und Skype) und asynchroner Kommunikation (E-Mail) unterschieden. Bei webbasierten Selbsthilfeprogrammen wiederum wird im einfachsten Fall ein Selbsthilfebuch online verfügbar gemacht. Häufig werden aber auch medial sehr aufwendig gestaltete Interventionen angeboten“ (S. Klein u.a., 2014, S. 3). Auch in Deutschland nimmt die Zahl internetbasierter Interventionsangebote stetig zu. Sie differieren vor allem hinsichtlich ihrer Dauer, der anfallenden Kosten, der Zielgruppe und des Ausmaßes menschlicher Beteiligung (Vgl. Foohs, 2017 S.16).

3. Klassifikation

3.1. Nach Ausmaß menschlicher Beteiligung

Man kann internetbasierte Interventionen nach verschiedenen Aspekten klassifizieren. Ein häufig herangezogenes Unterscheidungskriterium ist jenes der Teilhabe von Therapeuten, Facharzt oder medizinisch geschulten Personal. Ungeleitete Selbstmanagement-Programme verzichten weitestgehend auf Begleitung, während „das Ausmaß des Kontaktes und der zeitliche Aufwand der Therapeuten bei E-Mail- oder Chat-Therapien etwa gleich groß wie in Face-to-Face -Therapien [ist, Anm. Verf.]. [...] Webbasierte Selbsthilfeprogramme unterscheiden sich erheblich in der Art und Weise, wie die Inhalte vermittelt werden. Das Spektrum reicht von der Bereitstellung von Dokumenten, über simulierte Dialoge, bis hin zu interaktiven Fantasiespielen. Die Bereitstellung von Dokumenten über das Internet unterscheidet sich zum Teil nur wenig von Bibliotherapien, welche schon seit vielen Jahren als geleitete und ungeleitete Selbsthilfe beforscht werden. Darüber hinaus werden, neben den Angeboten für den Computer zu Hause, auch immer mehr mobile Interventionen entwickelt, die überall genutzt werden können“ (S. Klein u.a., 2014, S.5).

„Wesentliches Ziel dieser Programme ist es, Betroffene bei der selbstgesteuerten Bewältigung ihrer Beschwerden mit evidenzbasierten Methoden zu unterstützen. Die Patienten arbeiten dabei mehr oder wenig selbstständig standardisierte und sich als wirksam erwiesene psychologische Interventionen durch [...]“ (S. Ebert u.a., 2012, S.132) . Die Betroffenen sollen dadurch autonom ihre eigenen Vorgänge begreifen und ihren Zustand verbessern können4 (Vgl. Blankenhagel u.a., u.b., S.686). Dies wird ihnen durch ausführliche fachkundige Anweisungen, welche eine schrittweise Durchführung psychologischer Interventionen ermöglichen, gestattet (Vgl. Klein u.a., 2013, S. 150). Wie bereits erwähnt, ähneln ungeleitete Selbstmanagement-Programme bibliotherapeutischen Ansätzen, doch steht ihnen einen grosses Repertoire an Gestaltungsoptionen zur Verfügung. „Im Weiteren können die Inhalte der Programme an die individuellen Bedürfnisse und Probleme der Nutzer angepasst werden, beispielsweise indem auch Inhalte bezüglich vorhandener komorbider Probleme und Störungen5 zugeschaltet werden. Diese individuelle Anpassung kann auch erfolgen, indem auf individuelle Vorlieben der Nutzer für die Länge oder das Präsentationsformat der Inhalte im Rahmen eines simulierten Dialogs eingegangen wird. Eine neuere Entwicklung ist auch die Darbietung von Selbsthilfeinhalten in Smartphone- Apps oder in Form sogenannter Serious Games, d.h. interaktiver Spielformate“ (S. ebd., S.152).

Ansätze mit hoher Beteiligung von Therapeuten sind in hohem Maß aus der therapeutischen Praxis entsprungen und als Bestreben, mit der technologischen Entwicklung mitzuhalten, aufzufassen (Vgl. Berger, 2015, S.5). Therapeuten, Fachärzte oder medizinisch geschultes Personal überwachen dabei die Genese des Patienten, geben Anstöße, um mittels psychologischer und psychotherapeutischer Verfahren auf affektive und kognitive Vorgänge seitens der Betroffenen einzuwirken. „Je nach Bedarf können Therapeuten aus kompletten Therapiemodulen einzelne Behandlungsbausteine integrieren oder ausschließen und somit eine auf die Bedürfnisse des Patienten individuell abgestimmte Therapie zusammenstellen, die entweder vollständig online oder in Integration mit der herkömmlichen, persönlichen Therapie erfolgt“ (S. Blankenhagel u.a., u.b., S.686). Eine weit verbreitete Zwischenstufe stellen geleitete Selbsthilfeansätze dar, bei denen der therapeutische Kontakt deutlich reduziert ist und die Intervention zum Teil an Selbstmanagement-Programme übertragen wird (Vgl. Klein u.a., 2014, S.5). Diese sind jedoch von gemischten Behandlungen (blended treatments) zu unterscheiden, bei welchen internetbasierte Interventionen herkömmliche Behandlungen unterstützen (Vgl. Klein u.a., 2013, S. 150).

3.2. Nach Phase innerhalb der gesundheitlichen Versorgungskette

Abgesehen vom Ausmaß menschlicher Beteiligung lassen sich internetbasierte Interventionen nach deren Anwendung binnen der gesundheitlichen Versorgungskette (Prävention, Nachsorge und Rückfallprävention) unterscheiden (Vgl. Berger, 2015, S.3f). Durch den hohen Wirkungsbereich des Internets eignen sich entsprechende Interventionen für die Anwendung im Bereich von Präventions- und Gesundheitsförderungsprogrammen, simplifizieren allerdings auch die Nachbetreuung (Vgl. Klein u.a., 2014, S.6). Im Zuge der Prävention und frühen Intervention richten sich die Programme an Personen, die noch nicht an psychischen Störungen leiden, sowie an spezifische Risikogruppen (Vgl. Klein u.a., 2013, S. 155f.). „Als Maßnahme im Rahmen der Prävention können internetgestützte Screeningverfahren helfen, Gruppen zu identifizieren, die einen oder mehrere Risikofaktoren für eine psychische Erkrankung aufweisen. Diesen Risikogruppen können dann internetbasierte, störungsspezifiische Self-Help-Präventionsangebote zur Verfügung gestellt werden“ (S. Ebert u.a., 2012, S.136). Internetgestützte Screening-Verfahren identifizieren Risikofaktoren für eine psychische Erkrankung, sodass es aufgrund frühzeitiger Kenntnis gar nicht erst zu einer voll ausgeprägten psychischen Störung kommt. [...] Demgegenüber stehen therapeutische Angebote, die bereits vorhandene psychische Störungen anhand von online zur Verfügung gestellten Interventionen und Hilfestellungen therapieren“ (S. Blankenhagel u.a., u.b., S.686). In der Primärversorgung sind internetbasierte Interventionen beispielsweise dann sinnvoll, wenn auf medikamentöse Behandlung verzichtet wird und wenn sie diagnostisch verordnet werden“ (S. Klein u.a., 2013, S. 155f.). In psychiatrisch-psychotherapeutischen Kontexten können internetbasierte Interventionen herkömmliche Behandlungen komplementieren und erweitern und die Therapeuten können zeitaufwendige Routinearbeiten an internetbasierte Interventionen auslagern (Vgl. Ebert u.a., 2012, S.136). „Dabei kann zwischen therapievorbereitenden und therapiebegleitenden Interventionen unterschieden werden. Vorbereitend ist eine Intervention, wenn während der Wartezeit auf eine Psychotherapie Inhalte vermittelt werden, die in ähnlicher Form auch im Lauf der Behandlung thematisiert werden. […] Im Weiteren können internetbasierte Selbsthilfeprogramme im Sinne eines blended treatment den Patienten auch therapiebegleitend als zusätzliches Element während einer ambulanten, stationären oder tagesklinischen Behandlung angeboten werden“ (S. Klein u.a., 2013, S.157). Im Rahmen von blended treatments kommt internetbasierten Interventionen häufig psychoedukative Funktionen bei, ebenso werden sie häufig hinsichtlich der Durchführung verhaltenstherapeutischer Übungen eingesetzt (Vgl. Lin u.a., 2013, S.158). Am Ende einer Intervention können Betroffene mit internetbasierten Interventionen bekannt gemacht werden, um auch nach der Behandlung autonom in ihrem Lebensalltag fortzufahren (Vgl. ebd., S.162). „Internetbasierte Nachsorgeprogramme erlauben die kontinuierliche Überwachung des Gesundheitszustandes und wenn nötig das rechtzeitige Ergreifen geeigneter therapeutischer Maßnahmen“ (S. Berger, 2015, S.4). Manche Autoren betonen die Relevanz internetbasierter Interventionen für Stepped-Care-Ansätze. „Dabei sind die Übergänge oft mit einem „Stepping Up“ (von der Prävention zur Therapie) und „Stepping Down“ (von der Therapie zur Nachsorge) des persönlichen Kontaktes mit Therapeuten verbunden“ (S. Klein u.a., 2014, S.6). Beim Stepping Up dienen internetbasierte Interventionen als primäre, niederschwellige Behandlungen, eventuell binnen einer mehrstufigen Versorgungskette. Beim Stepping Down finden sie ihre Anwendung vor allem im Zuge der weniger intensiven Nachsorgebehandlung (Vgl. Lin u.a., 2013, S.158). „Beispielsweise können internetbasierte Konzepte Patienten einer stationären Psychotherapie dabei unterstützen, die dort erzielten Behandlungen langfristig zu stabilisieren. […] In Stepped-Care-Konzepten wird angestrebt, das Ausmaß der therapeutischen Unterstützung in Abhängigkeit des tatsächlichen individuellen Bedarfs zu gestalten“ (S. Ebert u.a., 2012, S.135).

3.3. Nach Störung und Modell

Internetbasierte Interventionen orientieren sich meist an psychodynamischen6 7 oder lerntheoretischen8 Ansätzen. Bezogen auf die Gesamtheit internetbasierter Interventionen kommen am häufigsten kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren9 zum Einsatz. Sie eignen sich durch ihren hohen Grad an Strukturiertheit, Standardisierung und Methodenfokussierung ausgezeichnet für internetbasierte Interventionen. „Bewährte Face-to-face-Elemente, die üblicherweise auch in Online-Interventionen genutzt werden, sind z. B. Psychoedukationsmodule, Verhaltenstraining, Entspannungstraining, Expositionsverfahren, oder auch Techniken der kognitiven Umstrukturierung“ (S. Ebert u.a., 2012, S.133). Störungsspezifische Psychoedukationsprogramme ermöglichen es den Betroffenen, Informationen über das Erscheinungsbild, die Ursachen und eventuelle Behandlungen zu erhalten (Vgl. ebd., S.131). Vor allem für von Phobien und Depressionen Betroffene gibt es vielfältige internetbasierte Angebote, welche auf die jeweils spezifischen Symptome abgestimmt sind. Darüber hinaus gibt es aber auch allgemeinere Programme, welche unabhängig von spezifischen Störungen Unterstützung bieten (Vgl. Blankenhagel u.a., u.b., S.688). Davon abgesehen lassen sich störungsübergreifende Verfahren unterscheiden, etwa in Form von „internetbasierten transdiagnostischen Ansätze bei Depressionen und Angststörungen, oder individualisierten Interventionen, in welchen die Inhalte der Selbsthilfeprogramme aus einem Pool verschiedener Interventionsmodule individuell zusammengestellt und auf komorbide Störungen und Probleme der Patienten abgestimmt werden“ (S. Berger, 2015, S.5 ).

4. Vor- und Nachteile internetbasierter Interventionen

Ein Hauptvorteil ist die örtliche und zeitliche Flexibilität internetbasierter Interventionen, so müssen etwa keine Termine vereinbart werden, die Intervention kann zu beliebigen Zeiten angewandt werden, die Programme können dem Lernprozess des Nutzers angepasst und auch beliebig wiederholt werden. Ihre Niederschwelligkeit wirkt entstigmatisierend auf die Nutzer und fördert die Inanspruchnahme (Vgl. Klein u.a., 2014, S. 3f.). Kritisch werden eventuelle monetäre Interessen der Entwickler und Wissenschaftler (Publikations-Bias), der eingeschränkte Nachweis, der Mangel an therapeutischer Beziehungen und an Barrierefreiheit für Menschen mit geistigen, physischen oder finanziellen Einschränkungen betrachtet. Weiters kann sich durch die Nutzung internetbasierter Interventionen die Inanspruchnahme herkömmlicher Therapien hinaus zögern, oder es können Programme von fragwürdiger Qualität genutzt werden. Ein weiteres Problem ist der Datenschutz im Sinne der Betroffenen. Auch das Setting in dem die Interventionen stattfinden ist nicht geschützt, wie etwa in einer Praxis (Vgl. Apolinário-Hage u.a., 2015, S.72f.).

Es lassen sich auch Interventionsspezifische Vor- und Nachteile unterscheiden. So liegt einer der großen Vorteile von Internetpsychotherapien in ihrer örtlichen und zeitlichen Flexibilität begründet. Dies macht sie auch für dislozierte, inmobile und infrastrukturell-benachteiligte Personen zugänglich. „Praktische Vorteile wie die Tatsache, dass keine Termine gefunden werden müssen, gelten nur für asynchron nutzbare Anwendungen (z. B. E-Mail-Therapie; Selbsthilfeprogramme), nicht aber für synchrone Kommunikationsformen (chat- oder videokonferenzbasierte Therapie)“ (S. Berger, 2015, S. 11). Im Unterschied zu Selbstmanagement-Programmen sind Internetpsychotherapien nicht skalierbar und bedürfen derselben Mittel wie herkömmliche Therapien, doch müssen sie auf diagnostische Informationen aus der nonverbalen Kommunikation verzichten und können in akuten Krisen keine Hilfestellungen bieten (Vgl. Klein u.a., 2013, S.151). „Ein rein textlich basierter Informationsaustausch zwischen Klient und Therapeut birgt ein erhöhtes Risiko,dass Geschriebenes falsch aufgefasst wird. Ein direktes Nachfragen ist aufgrund der zeitlich verzögerten Kommunikation nicht möglich. Das Schreiben über vielschichtige Erlebnisse und der schriftliche Ausdruck von Gefühlen und Gedanken können leicht missverstanden werden, und häufig wird der Irrtum nicht bemerkt“ (S. Urben u.a., 2013, S. 1037). Selbstmanagement-Programme hingegen zeichnen sich durch ihre große Reichweite, den geringen Kostenaufwand für den Nutzer und ihre invariable Qualität aus. „Allen Patienten können die gleichen standardisierten und empirisch validierten Inhalte geboten werden. Bei E-Mail oder Chat-Therapien sind Patienten sehr viel stärker von der Qualität der Leistung der einzelnen Therapeuten abhängig. Diese Option hat jedoch den Vorteil, dass deutlich individueller auf die Probleme der Patienten eingegangen werden kann“ (S. Klein u.a., S.151). Großen Anklangs erfreuen sich zunehmend Portale, welche durch Interaktivität10 und virtuelle soziale Vernetzung punkten. „Auch in internetbasierten Therapien werden vermehrt Elemente eingebaut, in denen Patienten untereinander vernetzt werden und teils Inhalte der Informationsseiten und Selbsthilfeprogramme verändern und mitgestalten können“ (S. Berger u.a., 2009, S.161). Die Betroffenen unterstützen sich dadurch gegenseitig, fühlen sich weniger isoliert und können niederschwellige Hilfestellungen eventuell eher annehmen als konventionell-therapeutische (Vgl. ebd., S.161).

5. Rechtliche Aspekte

5.1. Berufsordnung

Medizinische und psychologische Psychotherapien sind nach deutschem Recht standesrechtlichen Berufsordnungen unterworfen. Dementsprechend sind reine Fernbehandlungen nicht zulässig, es besteht eine Obliegenheit zum persönlichen Kontakt. Ausnahmen stellen Modell- und Forschungsprojekte dar. Internetbasierte Beratungsangebote jedoch, worunter auch Selbstmanagement-Programme fallen, unterliegen keinen berufsständischen Einschränkungen (Vgl. Berger u.a., 2009, S.161 und Klein u.a., 2013, S.151). „In berufs- und standespolitischen Diskussionen wird häufig die Frage aufgeworfen, ob es sich bei internetbasierten Interventionen um Beratung oder Therapie handelt“ (S. Berger, 2015, S.5). „Entsprechend müssen in Deutschland auch approbierte Psychotherapeuten ihre Angebote im Internet momentan als psychologische Beratung bezeichnen. Häufig wird dabei gleichzeitig auf die Qualifikation als approbierte Psychotherapeuten verwiesen“ (S. ebd.). In jüngerer Vergangenheit haben verschiedene Berufsverbände Qualitätskriterien für internetbasierte Beratungsangebote erarbeitet. Diese beschäftigen sich vor allem mit den Nachteilen und Risiken internetbasierter Beratungsangebote. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf das Manko gelegt, dass internetbasierte Interventionen keine Hilfe in akuten Krisensituationen bieten kann (Vgl. ebd., S.11).

5.2. Datenschutz

Datenschutzfragen11 sind derzeit hoch im Kurs und auch im Kontext internetbasierter Interventionen von großer Bedeutung. Die Risiken gehen nicht nur von der Anbieterseite, sondern auch von Seiten des Nutzers und dessen Verhalten aus. Aus diesem Grund müssen die Patienten über die Risiken aufgeklärt werden (Vgl. Berger, 2015, S. 12). „Von Seiten der Anbieter sollten einerseits technische Maßnahmen getroffen werden. Dazu gehören die verschlüsselte Datenübertragung und die verschlüsselte Datenspeicherung“ (S. ebd.). „Herausforderungen wie der Datenschutz sind besonders in E-Mail- und Chat-Therapien relevant, da Patienten in ihren Nachrichten sehr persönliche Informationen preisgeben. Der Datenschutz ist selbstverständlich auch bei Selbsthilfeansätzen wichtig, allerdings sind die Eingabemöglichkeiten der Patienten hier oft beschränkt“ (S. ebd., S. 11) und „die Informationen werden typischerweise anonymisiert und in einer gesicherten Umgebung gespeichert“ (S. Klein u.a., 2013, S.151).

6. Wirksamkeitsforschung

Die Wirksamkeitsforschung evaluiert Behandlungserfolge und trägt durch die Reziprozität von Praxis und Theoriebildung zur Weiterentwicklung des Gegenstandes bei12 (Vgl. Wick, 2019, S.18). Obgleich das Feld der internetbasierten Interventionen noch jung an Jahren ist, ist es bereits relativ gut erforscht: in etwa hundert Wirksamkeitsstudien, deren Resultate auch schon in Übersichtsarbeiten und Metaanalysen gefasst wurden. Besonders gut erforscht wurden Interventionen mit minimalem menschlichen Austausch, „die als Hauptkomponente der Behandlung die Bearbeitung von internetbasierten Selbsthilfemodulen beinhalten“, während die Studienlage zu E-Mail-, Chat-Therapien, oder blended treatments bislang unzureichend ist (Vgl. Berger u.a., 2009, S. 161). Weiterer Forschungsbedarf besteht in Bezug auf den Präventionsbereich und Stepped-Care-Ansätze (Vgl. Ebert u.a., 2012, S.137). Beinahe alle untersuchten Programme orientierten sich an kognitiv-verhaltenstherapeutischen Zugängen. Die Studien wurden in der Regel randomisiert kontrolliert durchgeführt und es wurden Manipulation- und Kontrollgruppen gebildet13. „Die Kontrollbedingung bestand dabei meist aus einer Wartekontrollgruppe“ (S. Berger u.a., 2009, S.162). „Sehr gut gesichert ist, dass internetbasierte geleitete Selbsthilfeprogramme bei Patienten [...] bei verschiedenen Störungen wirksam sind. Dies gilt insbesondere für Angststörungen und Depressionen. [...] In verschiedenen Metaanalysen werden mittlere bis große Effekte sowohl im Prä-Post-Vergleich als auch im Vergleich mit Wartelisten- oder Placebokontrollbedingungen gefunden. Katamnesestudien belegen die Aufrechterhaltung der Effekte. In direkten Vergleichen zwischen internetbasierten und Face-to-Face-Behandlungen konnten bisher keine Unterschiede zwischen den beiden Bedingungen gefunden werden. Mehrere neuere sogenannte Effectiveness-Studien verweisen aber darauf, dass geleitete Selbsthilfeprogramme bei Angststörungen und Depressionen auch in der Routinepraxis erfolgsversprechend sind. […] Gut gesichert ist, dass auch ungeleitete Selbsthilfeprogramme wirksam sein können“ (S. Klein u.a., 2014, S. 10f.). Die wenigen Studien zur Wirksamkeit von blended treatments zeigen, dass diese über eine höhere Wirksamkeit als herkömmliche Behandlungen verfügen (Vgl. Krieger u.a., 2018, S.5). Richards und Richardson (2012) unterschieden die Untersuchungsergebnisse nach therapeutischer Beteiligung und stellten fest, dass sich die Wirksamkeit der Interventionen nach Grad der Beteiligung erhöhte und sich die Drop-Out-Raten ebenso senkten (Vgl. Foohs, 2017, S.18). Eine Übersichtsarbeit legte Ott (2003) vor, in der festgehalten wurde, dass beinahe 90 Prozent der untersuchten Interventionen positive Effekte aufwiesen. Besonders hohe Wirksamkeit wurde jenen internetbasierten Interventionen attestiert, die sich an Menschen mit Panikstörungen, Essstörungen und PTBS bezogen. Die Ergebnisse bezüglich depressiver Störungen sind hingegen durchwachsen (Vgl. Rainer u.a., 2010, S. 22f). „Zu anderen psychischen Störungen (z. B. Zwangsstörungen, somatoforme Störungen, bipolare Störungen) liegen bislang deutlich weniger randomisiert, kontrollierte Studien vor und die Evidenz zur Wirksamkeit ist weniger eindeutig“ (S. Lin u.a., 2013, S.158). Generell konnten die Ergebnisse bisheriger Untersuchungen zeigen, dass die Effekte herkömmlicher Face-to-Face-Behandlungen jener der internetbasierten Interventionen vergleichbar sind. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze verzeichnen dabei die stärksten positiven Effekte. „Bei sozialer Phobie, Panikstörung sowie posttraumatischer Belastungsstörung sind die Behandlungseffekte am stärksten und über aufwendig durchgeführte Studien hinweg konstant“ (S. Urben u.a., 2013, S.1034 ). „In allen Studien konnte eine signifikante Überlegenheit der Onlinebedingung im Vergleich zur Kontrollgruppe gezeigt werden. Sowohl die hohen Effekte der Onlineintervention, als auch der Anteil derjenigen Patienten, die nach der Behandlung geheilt waren, [...] sind vergleichbar mit berichteten Veränderungen in evidenzbasierten Face−to−Face−Therapien“ (S. Berger u.a., 2009, S.162f.). Bisherige Untersuchungen Deutschland betreffend die Wirksamkeit von internetbasierten Interventionen bekräftigen deren Effektivität zur Selbsthilfe (Vgl. Buntrock u.a., 2016; Ebert u.a., 2013; Klein u.a., 2017; Klein u.a., 2016; Meyer u.a., 2009; Moritzu.a., 2012). Bisher ist allerdings „wenig über spezifische Indikatoren und Kontraindikationen internetbasierter Konzepte bekannt. Bisherige Studien [...] konnten darüber hinaus jedoch noch keine konsistenten Moderatoren und/oder Prädikatoren identifizieren, die beispielsweise Aussagen darüber zulassen, für welche spezifischen Patientenpopulationen solche Konzepte geeignet scheinen [...]. Gleichzeitig ist wenig darüber bekannt, welche therapeutischen Wirkmechanismen für erzielte positive Veränderungen verantwortlich sind“ (S. Ebert u.a., 2012, S.137).

Wie bereits erwähnt, besteht bereits Evidenz über die Wirksamkeit ungeleiteter Selbstmanagement-Programme, wobei aufgrund hoher Abbruchraten geleiteten Selbsthilfeprogrammen im Allgemeinen höhere Wirksamkeit attestiert werden. Bisherige Forschungsergebnisse zeigten auf, dass der Umfang, in dem sich Betroffene mit internetbasierten Interventionen gemäß den Anleitungen beschäftigen, bei ungeleiteten Selbstmanagement-Programmen niedriger ausfällt als bei anderen Behandlungsformen. Durch die Unpersönlichkeit erhöht sich das Risiko eines Abbruchs, ebenso wie mangelndes Pflichtgefühl und Disziplin bei der Durchführung der Übungen (Vgl. Krieger u.a., 2018, S.4). Gleichzeitig konnte nachgewiesen werden, dass die Effektstärke proportional mit dem Beschäftigungsgrad zunimmt. Die mangelnde Adhärenz bzw. Abbruchwahrscheinlichkeit der Nutzer ist Befunden zufolge stark von deren Geschlecht (Männer), Bildungsnähe (Bildungsferne), Alter (Jugend) und Komorbidität ab (Vgl. ebd., S.4). „Werden im Gegensatz zu Intention-to-treat Stichproben, in welchen alle randomisierten Studienteilnehmer (auch die Abbrecher) berücksichtigt werden, nur die Ergebnisse von Completer-Stichproben betrachtet, sind die Effekte in der Regel deutlich höher“ (S. Klein u.a., 2014, S.12). „Cuijpers et al. (2010) zeigten in einer Metaanalyse, dass Ansätze, die auf empirisch fundierten Self-Help-Methoden aufbauen [...] nicht unbedingt weniger wirksam sein müssen als face-to-face durchgeführte psychotherapeutische Interventionen. [...] Weder für Depression noch für Angststörungen zeigte sich eine Überlegenheit der face-to-face durchgeführten psychotherapeutischen Interventionen gegenüber den Guided-Self-Help-Ansätzen“ (S. Ebert u.a., 2012, S.133f.). Da ungeleitete Selbstmanagement-Programme vor allem im Bereich der Prävention Anwendung finden, sind die Nutzer auch häufig weniger belastet als andere Gruppen. Dies kann ebenfalls ein Faktor für die bisher erhobenen geringeren Effekte dieser Interventionen sein. „Dies könnte erklären, weshalb in internetbasierten Ansätzen bei Sozialen Angststörungen und Depressionen die zu Beginn stärker belasteten Patienten besonders stark zu profitieren scheinen“ (S. Klein u.a., 2014, S. 11f.).

[...]


1 Individualisierung ist wie die Digitalisierung eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, welche in den Sozialwissenschaften einen Prozess beschreibt, der beginnend mit der Aufklärung vor allem mit dem Aufkommen der modernen bürgerlichen Gesellschaft im Zuge der Industrialisierung einen wesentlichen gesamtgesellschaftlichen Einfluss ausübt. Damit ging der Bedeutungsgewinn ökonomisch-determinierter Beziehungen und die Abnahme althergebrachter großfamiliärer Lebens- und Wirtschaftsweisen sowie dörflicher Gemeinschaften einher. Einen neuerlichen Schub erhielt die Individualisierung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: „Auf Grund einer qualitativ neuen radikaleren und allumfassenden Individualisierung werden in dieser Phase die traditionellen gesellschaftlichen Zuordnungen wie Stand und Klasse obsolet, ein zunehmender Zwang zur reflexiven Lebensführung geht mit einer drastischen Verbesserung des durchschnittlichen Bildungsniveaus [einher und nimmt, Anm. Verf.] weiter zu“ (S. Schwenke, 2006, S. 1).

2 Für Mead (1968) ist Identitätsbildung ein Entwicklungsprozess, der sich im Zuge der Sozialisation vollzieht: „Identität [...] entsteht innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heisst im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses" (S. Mead, 1968, S. 177). Das zunehmende Aufbrechen sozialer Rollenbilder, die Pluralität der Lebensstile, die gesteigerten Anforderungen an Offenheit und Flexibilität des Einzelnen und andere gesellschaftliche Wandlungsprozesse machen es zunehmend schwer, „eine biographische Kohärenz, Kontinuität und Authentizität gewährleistende Identität auszubilden, welche die Voraussetzung dafür darstellt, sich als ein handlungsfähiges Subjekt zu begreifen, Entscheidungen zu treffen und sich wandelnden Lebensumständen anzupassen“ (S. Kühn u.a., 2010, S. 2).

3 Sowohl Therapie, als auch Beratung sind psychologische Interventionen, welche Menschen mit Schwierigkeiten physiologischer, psychologischer oder sozialer Natur zu unterstützen trachten. Beratung und Intervention unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Zwecke, Zielorientierungen, der Methoden und der Dauer voneinander (Vgl. Wick, 2019). „Die klinisch-psychologischen Behandlungsmethoden sind eine Teilmenge der psychologischen Interventionsmethoden. Sie lassen sich durch sechs Merkmale charakterisieren: 1.) die Wahl der Mittel, 2.) die spezifischen Behandlungsfunktionen, 3.) die Zielorientierung, 4.) die theoretische Fundierung, 5.) die empirische Evaluation und 6.) die Professionalität des Handelns“ (S. Baumann u.a., 2006, S. u.b.).

4 Die Selbstbestimmungstheorie betont die Auswirkungen von Autonomie auf die intrinsische Motivation. Intrinsische Motivation ist die prototypische Manifestation der menschlichen Lern- und Kreativitätstendenz. Autonomie nährt diese Motivation, indem sie dem Einzelnen Möglichkeiten zur Selbststeuerung und -entscheidung bietet und die Selbstwirksamkeit fördert (Vgl. Gagné u.a., 2014).

5 Der Begriff der psychischen Störung ist von zentraler Bedeutung für die Klinische Psychologie, welcher auf der bipolaren Differenzierung von „normal“ und „abnormal“ beruht. „Es gibt keine feststehende Entität psychischer Störungen, Sondern ihre Definitionen werden jeweils nach dem aktuellen Stand der sozialen Normen, der grundlagenwissenschaftlichen Forschung und dem Stand der Praxis gestellt. Psychische Störungen sind damit methodisch betrachtet Konstrukte, auf welche sich die Gesellschaft und Experten nach bestem Wissen und Gewissen geeinigt haben“ (S. Petermann u.a, 2018 S. u.b.). Sowohl die Vorstellung von „Abnormalität“, als auch deren Ursache und die entsprechende Therapie ist stark von gesellschaftlichem Wandel betroffen. „Es ist erkennbar, dass Erklärungsmodelle und der Umgang mit psychisch Kranken vorherrschende gesellschaftliche Bedingungen und Anschauungen in deutlicher Weise wiedergeben“ (S. Jungnitsch, 2009, S. 22). „Es gibt [aus zeitgenössischer, wissenschaftlicher Sicht, Anm. Verf.] keine isolierten Verhaltensweisen, die einen Menschen als abnorm oder abweichend klassifizieren würden. Aus diesem Grund war die Definition psychischer Störungen schon immer problematisch. Jedoch gibt es mit Sicherheit bestimmte Elemente, der Merkmale abweichenden Verhaltens“ (S. Butcher u.a. 2009, S.6). Ein grundlegendes Verständnis von psychischen Störungen als Teil sozialer Konstruktionen macht erforderlich, sie stets im Bezugssystem bestimmter Normen zu betrachten. Dabei sind psychische Störungen in Hinblick auf verschiedene, idealtypische Norm-Kategorien zu verstehen: der subjektiven Norm, das heißt in Bezug auf den empfundenen Normalfall der eigenen Befindlichkeit; die statistische Norm, in Bezug auf Häufigkeitsverteilungen; die Ideal- bzw. Funktionsnorm, welche sich auf ein ideales Konstrukt psychischen Funktionierens bezieht und die soziale Norm, in Hinblick auf gesellschaftliche, kulturell-geprägte Konventionen. Studien zum Perfektionismus belegen, dass die übermäßige Orientierung an äußeren Normen ebenfalls als psychische Störung zu betrachten ist (Vgl. Petermann u.a., 2018). Es können Kategorien unterschieden werden, deren akkumulierte Beeinträchtigung Indizien für eine Störung darstellen: „1. Leid: wenn Menschen psychisch leiden, so wird dies in der Regel als Indikator für Verhalten betrachtet. […] Obwohl Leid in vielen Fällen ein Merkmal abweichenden Verhaltens darstellt, so ist es dennoch weder eine hinreichende Bedingung noch eine notwendige Bedingung dafür, etwas als abweichend zu betrachten. [...] 2. Unangemessenes Verhalten ist oft ein Indikator für abweichendes Verhalten. [...] Abweichendes Verhalten interferiert mit unserem Wohlergehen und unserer Fähigkeit, bei unserer Arbeit und unseren sozialen Beziehungen Freude zu empfinden. Jedoch beinhalten nicht alle Störungsbilder abweichendes Verhalten. [...] 3. Devianz: Der Begriff Devianz bedeutet „Abweichung“, der Begriff abnorm bedeutet „Jenseits der Norm“. […] Bei der Definition von Abnormalität wird ein Werturteil gefällt. [...] Deshalb wird der Begriff „abweichendes Verhalten“ oft vorgezogen. […] 4. Verletzung gesellschaftlicher Standards: Alle Kulturen haben Regeln. Manche davon sind in Form von Gesetzen niedergeschrieben, andere bestehen in Normen und moralischen Standards, die uns in der Erziehung beigebracht werden. Obwohl viele soziale Regeln bis zu einem gewissen Grad willkürlich sind, wird das Verhalten von Personen, die konventionelle soziale und moralische Regeln verletzen, dennoch als abweichend betrachtet. [...] 5. Soziales Unbehagen: Wenn eine Person soziale Regeln verletzt, so empfinden die Menschen in ihrem Umfeld oft Unbehagen oder Besorgnis“ (S. Butcher u.a., 2009, S.6f.).

6 „Unter Modellen versteht man Leitbilder, die die Richtung vorgeben, in der im Wissenschaftsbetrieb Phänomene und deren Erklärungen gesucht werden. […] In der Klinischen Psychologie sind Krankheitsmodelle als Grundlage und Rahmen beruflichen Handelns anzusehen. Sie werden zumeist nicht explizit benannt, stellen aber trotzdem in der Regel eine Richtschnur für praktisches Handeln dar. Ein für die Praxis sozialer Arbeit hinaus wesentlicher Aspekt besteht darin, dass über entsprechende Rahmenmodelle psychosoziale Ansätze in klinischen Arbeitsfeldern zu begründen sind“ (S. Jungnitsch 2009, S.27f). Psychologische Erklärungsmodelle fokussieren soziale und psychologische Faktoren psychischer Erkrankungen. Psychosozialen Modellen liegen vier Prämissen zugrunde: zwischen „normalem“ und „gestörtem“ Verhalten besteht ein kontinuierlicher Übergang. „Ob ein Verhalten normal der abweichend ist, lässt sich im Wesentlichen aus seiner Intensität, seiner Häufigkeit und der Umgebung bzw. der sozialen Situation, in der es auftritt, bestimmen“ (S. Jungnitsch, 2009, S.30). Beginn und Verlauf normaler wie gestörter Prozesse unterliegen denselben Gesetzmäßigkeiten. Normales wie auch gestörtes Verhalten sind Kontextgebunden, da soziale Bedingungen wesentlich zur Selbstkonstruktion des Individuums beitragen. „Entstehungsbedingungen psychischer Störungen [sind, Anm. Verf.] als ein komplexes Zusammenwirken von Faktoren unterschiedlicher Art [zu begreifen, Anm. Verf.]“ (S. Jungnitsch, 2009, S.30). Sie beruhen in Wesentlichen auf zwei Grundlagenmodellen, dem psychodynamischen und dem lerntheoretischen.

7 Das psychodynamische Modell, basierend auf dem Werk Freuds, stellt frühkindliche Prägungen und damit im Zusammenhang stehende Verdrängungsmechanismen ins Zentrum. Diese sind die Ursachen für im späteren Leben auftretende Störungen, welche somit intrapersonell begründet sind. In der Behandlung werden die verdrängten Konflikte an die Oberfläche geholt und in Verbindung mit aktuellen Problemen des Betroffenen analysiert (Vgl. Petermann u.a., 2018).

8 Das lerntheoretische Modell geht davon aus, dass psychische Störungen durch Lernerfahrungen und soziale Einflüsse entstehen, also in einem überwiegend intrapersonellen Prozess, wobei biologischen und sozialen Faktoren eine wechselwirkende Funktion zugesprochen wird. Differenziert werden dabei die Konditionierung, operantes Lernen, Lernen am Modell und Lernen durch Einsicht. Die Behandlung umfasst Gegenkonditionierungen, operante Verfahren, Übung sozialer Fähigkeiten und mentale Neuordnung (Vgl. Petermann u.a, 2018).

9 Kognitive Modelle gehen davon aus, dass Menschen durch Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse Erwartungshaltungen generieren. Dadurch „ist es möglich, dass Handlungen in Bezug auf ihren möglichen Effekt beurteilt werden und damit in ihrem Einsatz vorausgeplant werden können. […] Für das Verhalten in jeweils gegebenen Situationen sind Gedächtnisstrukturen von Bedeutung, die bis hin zu diesem konkreten Zeitpunkt gebildet wurden. Ferner sind bestimmte Verhaltensregeln ausgebildet, die auf dem Hintergrund der bisherigen Erwartungen und Erfahrungen das Handeln in jeweils gegebenen konkreten Situationen bestimmen“ (S. Jungnitsch, 2009, S.48). Für die kognitive Verhaltenstherapie sind Störungsmodelle hinsichtlich der Psychoedukation zentral. Befunde und Störungsursachen werden mit dem Betroffenen gemeinsam analysiert, der letztlich zum Sachverständigen seiner eigenen psychischen Störung wird. In die Analyse werden auch aufrechterhaltende Faktoren einbezogen (Vgl. Steinkopf, 2019, S. 11).

10 „Das Wort „Prosument“, eine Kombination der Wörter „Produzent“ und „Konsument“, stammt von Alvin Toffler. Mit dem Begriff „Prosument“ wollte er damals auf die verstärkte Mitarbeit der Kundinnen und Kunden bei der Fertigstellung von Dienst- und Sachleistungen aufmerksam machen“ (S. Apolinário-Hage u.a., 2015, S.72f.).

11 Die zunehmende Digitalisierung hat zu einer bedeutenden Verschiebung der Wahrnehmung der Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit geführt und wird vielerorts stark kritisiert bzw. eine Verschärfung der Kontrolle gefordert (Vgl. Ulbricht u.a., 2017, S.269f.). „Der Begriff des Privaten wird häufig gebraucht um ein gesellschaftliches Gut markieren zu können, welches gegen den scheinbar unaufhaltsamen Fortentwicklungs- und Ausweitungsdrang vernetzter informationstechnischer Systeme ins Feld geführt werden kann. […] Informationelle Privatheitskonzepte definieren Privatsphäre über die Kontrolle, welche eine Person über ihre sozialen Outputs ausübt“ (S. Hagendorff, 2017, S. 115). Bezüglich des Datenschutzes wurde der Begriff „Information Privacy“ geprägt. Datenschutz, basierend auf sozialer Kontrolle und Informationskontrolle, führt zu vier Graden des Datenschutzes: totale Kontrolle, Umweltkontrolle, Offenlegungskontrolle und keine Kontrolle (Vgl. Lanier u.a., 2008, S.15). „Menschen sind permanent mit der Notwendigkeit konfrontiert abzuwägen, ob und in welcher Hinsicht die Nutzung digitaler und vernetzter Dienste selbstbestimmte Handlungsspielräume vergrössert oder einschränkt. Einerseits versprechen die fraglichen Dienste den Nutzenden, ihr Leben zu erleichtern und zu bereichern [sowie, Anm. Verf.] ihnen zusätzliches Wissen und Steuerungsmöglichkeiten zu bieten. Andererseits ist die Nutzung oftmals mit zeitlich fernliegenden, abstrakten oder sich gar nicht individuell, sondern sich gesellschaftlich niederschlagenden Risiken und Problemen verbunden, welche in der individuellen Abwägung pragmatisch kaum abzuschätzen sind. In der Folge ergibt sich oftmals eine Höherbewertung unmittelbarer Vorteile. […] Für die betroffene Person wird es immer schwieriger, ihre Rechte in einer technischen Umwelt mit umfangreicher, vielfältiger, unmerklicher, komplexer und zersplitterter Verarbeitung ihrer Daten gezielt und effektiv zu nutzen“ (S. Roßnagel u.a., 2018, S. 3f.). Die Notwendigkeit einer Regulierung, sowohl in rechtlicher als auch in technischer Hinsicht, stellt die betreffenden Autoritäten vor große Herausforderungen. Juristische Entwicklungen und technologische Innovationen stehen dabei in Wechselwirkung. Aus den rechtlichen Verordnungen lassen sich Umsetzungsideen ableiten, dem rasanten technischen Fortschritt entsprechend muss sich das Recht immer wieder nachjustieren (Vgl. Schwenke, 2006, S. 5).

12 „Klinisch-psychologische Interventionsmethoden benötigen bezüglich zweier Aspekte der empirischen Überprüfung: Empirisch überprüfte Theorien, die die Wirksamkeit erklären; Empirisch überprüfte Wirksamkeit. Letztlich sind sogar Behandlungsmethoden legitimiert, wenn die theoretische Fundierung unzureichend, aber die Wirksamkeitsprüfung zureichend ist“ (S. Baumann u.a., 2006, S. u.b.).

13 „Das Experiment ist das klassische Design der quantitativen Forschung. Das experimentelle Design mit der größten Aussagekraft ist die randomisierte kontrollierte Studie. […] Ein experimentelles Forschungsdesign muss drei wesentliche Charakteristika aufweisen: Manipulation, Kontrolle und Randomisierung. Manipulation bedeutet, dass eine Gruppe von Teilnehmern eine bestimmte Intervention erfährt und eine andere Gruppe keine oder eine andere. Kontrolle bedeutet, Störfaktoren, die das Ergebnis verfälschen könnten, so gut wie möglich auszuschließen. […] Unter Randomsierug wird die zufällige Zuordnung der Teilnehmer zur Interventions- und Kontrollgruppe verstanden“ (S. Stahl, 2007, S. 1186 ff.).

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Wirksamkeit ungeleiteter Selbstmanagement-Apps für die klinische Psychologie. Eine hermeneutische Analyse
Hochschule
APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
30
Katalognummer
V892008
ISBN (eBook)
9783346241146
ISBN (Buch)
9783346241153
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psychologischer Interventionen, hermeneutische Analyse, Smartphone-Apps
Arbeit zitieren
Mike Jäpel (Autor), 2019, Die Wirksamkeit ungeleiteter Selbstmanagement-Apps für die klinische Psychologie. Eine hermeneutische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/892008

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