Der Klimawandel war im Jahr 2007 das Top-Thema auf der medialen Agenda. Einige Medien dramatisierten die Folgen (BILD: „Die Erde stirbt“), andere verharmlosten sie (Cicero: „Die Klima-Lüge“). Der SPIEGEL tat beides. Noch im November 2006 warnte er vor dem „Weltuntergang“, sechs Monate später konstatierte er eine „Klima-Hysterie“. In der Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie sich dieser Deutungswandel erklären lässt.
Die Klimawandel-Berichterstattung des SPIEGEL und der ZEIT werden zu diesem Zweck miteinander verglichen. Als Untersuchungsmethoden dienen eine quantitative Inhaltsanalyse und eine Diskursanalyse. Die Ergebnisse zeigen, dass das Deutungsmuster bei der ZEIT in allen Phasen konstant bleibt. Beim SPIEGEL kommt es dagegen zu einem doppelten Deutungswandel, der durch die Schlüsselereignisse EU-Gipfel und G8-Gipfel ausgelöst wird. Als Gründe können eine skeptische Haltung gegenüber erneuerbaren Energien, einem Wandel des Lebensstils sowie eine mangelnde kritische Distanz zur Energiewirtschaft ausgemacht werden.
Der Chefredakteur Stefan Aust sowie der Leiter des Wissens-Ressorts, Olaf Stampf, scheinen als Gate-Keeper erheblichen Einfluss auf den Tenor der Berichterstattung gehabt zu haben.
Damit erweitert die Arbeit die Erkenntnisse von sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeiten über den Klimawandel-Diskurs der Massenmedien. Das Schema der „skeptischen Kommunikation“ über den Klimawandel ist nicht, wie von Weingart, Engels und Pansegrau (2002) angenommen, allein mit einer medienimmanenten Dynamik zu erklären. Vielmehr steht es in enger Verbindung mit der redaktionellen Linie eines Mediums hinsichtlich der Bewertung der Klimapolitik.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. THEORETISCHER TEIL
1. Die Wahrheiten über den Klimawandel
1.1 Komplexe Anforderungen an die Politik
1.1.1 Die Botschaften des IPCC
1.2 Die Rolle des Journalismus
1.2.1 Resonanz für Umweltprobleme erzeugen
1.3 Zusammenfassung
2. Wie der Journalismus Wirklichkeit konstruiert
2.1 Der Umweltjournalismus – ereignisorientiert und auf Sensationen fixiert
2.2 „Themenkarriere“ der Ökologie in Deutschland
2.3 Zusammenfassung
3. Der Klimawandel in den Medien
3.1 Merkmale der medialen Bearbeitung
3.2 Skeptische Kommunikation zum Klimawandel
3.2.1 Gründe für die skeptische Kommunikation
3.2.2 Balance as bias – das Versagen der US-Medien
3.2.3 Lobby-Einflüsse in Deutschland
3.3 Anmerkungen zur sozialwissenschaftlichen Forschung
3.4 Zusammenfassung
4. Selektionskriterien der Medien
4.1 Bedeutung der Redaktion für die Themenauswahl
4.2 Agenda-Setting: Wer setzt die Themen?
4.2.2 Agenda-Building
4.2.3 Intermedia-Agenda-Setting
4.3 Zusammenfassung
5. SPIEGEL und ZEIT im Vergleich
5.1 Besondere Funktion der politischen Wochenzeitschriften
5.2 Eigenschaften von Leitmedien
5.2.1 Wertschätzung durch andere Journalisten
5.2.2 Reichweite
5.2.3 Struktur der Rezipienten
5.2.4 Zitierhäufigkeit
5.2.5 Publizistische Intention und Qualitätsbegriff
5.3. Zusammenfassung
5.4 Bedeutung des Themas Klimawandel
5.4.1 Der SPIEGEL: Wandel unter Aust
5.4.2 Die ZEIT: Sympathie für Bürgerinitiativen und kontroverse Debatten
5.4.3 Zusammenfassung
III. EMPIRISCHER TEIL
6. Untersuchungsdesign
6.1 Analyse des Deutungswandels
6.1.1 Aufteilung in Themenkategorien
6.1.2 Aufteilung in Phasen
6.1.3 Zusammenfassung
6.2 Auswahl des Untersuchungsmaterials
6.3 Analysekonzept und Kategoriensystem
6.4 Analyse der Qualität der Berichterstattung
7. Hypothese und Forschungsfragen
7.1 Hypothese zum Deutungswandel
7.2 Forschungsfragen zur Qualität der Berichterstattung
8. Ergebnisse der Verlaufsanalyse
8.1 Beschreibung und Interpretation der ersten Phase (Ausgaben 45/06 – 10/07)
8.2 Beschreibung und Interpretation der zweiten Phase (Ausgaben 11/07 – 22/07)
8.2.1 Der „Klima-Hysterie“-Titel und seine Folgen
8.3 Beschreibung und Interpretation der dritten Phase (Ausgaben 23/07 – 35/07)
8.4 Phasenvergleich Bewertung Klimawandel – Klimapolitik
8.5 Fazit der Verlaufsanalyse
9. Ergebnisse der quantitativen Inhaltsanalyse
9.1. Formale Faktoren
9.1.1 Ressorts
9.1.2 Journalistische Darstellungsformen
9.1.3 Autoren
9.1.4 Fazit
9.2 Erstes Qualitätskriterium: Vielfalt der Quellen
9.2.1. Fazit
9.3 Zweites Qualitätskriterium: Angebot an meinungsbildungs-relevantem Wissen
9.3.1 Fazit
9.4 Drittes Qualitätskriterium: Darstellung der gesellschaftlichen Entscheidungsprobleme
9.4.1 Fazit
10. Schlussbetrachtung
IV. ANHANG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Diplomarbeit untersucht und vergleicht die Berichterstattung über den Klimawandel in den beiden deutschen Wochenzeitschriften DER SPIEGEL und DIE ZEIT. Das Hauptziel der Untersuchung ist es, den Deutungswandel in der medialen Klimawandel-Berichterstattung im Laufe des Jahres 2007 nachzuvollziehen und zu analysieren, welche Faktoren diesen Wandel beeinflussen und inwieweit die beiden Leitmedien ihren publizistischen Qualitätsansprüchen gerecht werden.
- Vergleichende Diskursanalyse der Klimawandel-Berichterstattung
- Rolle von Leitmedien und ihre Einflussnahme auf die öffentliche Debatte
- Themenkarriere des Klimawandels im medialen Aufmerksamkeitszyklus
- Mediale Framing-Strategien und deren Einfluss auf klimapolitische Entscheidungen
- Qualitätskriterien journalistischer Berichterstattung im Spannungsfeld von Politik und Wirtschaft
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Gründe für die skeptische Kommunikation
Aus der 2005 ermittelten starken Co-Orientierung zwischen Klimawissenschaftlern und Journalisten, die nur durch „milde Irritationen“ getrübt werde, sind inzwischen also ernst zu nehmende Bedenken von Wissenschaftlern gegen Teile der Medien geworden. Grund genug zu fragen, welche Ursachen dieses Schema der „skeptischen Kommunikation“ hat. Ist angesichts des Aktualitätsdrucks und der medialen Konkurrenz eine „wahrheitsgetreuere“ Berichterstattung überhaupt zu leisten? Und welchen Einfluss kann die skeptische Kommunikation auf die politische Handlungsfähigkeit haben? Das hier Klärungsbedarf zwischen Wissenschaftlern und Journalisten besteht, zeigen nicht nur die vielfältigen, medial veröffentlichten Reaktionen auf Rahmstorfs Zwischenruf. Auch auf anderen Ebenen wurde über diese Fragen reflektiert. Im Mai 2007 diskutierten Journalisten, Sozialwissenschaftler und Politiker in einem öffentlichen Forum im Rahmen der Jahrestagung des „netzwerk recherche“ (vgl. Engels, 2007), im Herbst versuchten Wissenschaftler, Wissenschaftsjournalisten und Sozialwissenschaftler im „Quarterly“, dem Magazin der Wissenschafts-Pressekonferenz, Antworten zu geben (vgl. Lehmkuhl, 2007a+b; Hornschuh, 2007).
Hier wie dort begründeten Sozialwissenschaftler die Existenz der oben beschriebenen Schemata mit einer medienimmanenten Dynamik, die mit den medialen Aufmerksamkeitszyklen zusammenhängt. Zunächst verstärken die Medien die Warnungen der Wissenschaftler, nach einiger Zeit nutzen diese sich jedoch ab; in der Öffentlichkeit treten Sättigungseffekte auf. Es kommt zu einer Resonanzspirale, in der die „skeptische Kommunikation als Nachricht attraktiv“ wird (Lehmkuhl, 2007a). Manche Medien nutzen dies, um „Profilierungschancen im Wettbewerb“ wahrzunehmen (Hornschuh, 2007).
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die massive Zunahme der medialen Aufmerksamkeit für das Thema Klimawandel im Jahr 2007 und führt in die zentralen Problemstellungen ein.
II. THEORETISCHER TEIL: Der theoretische Teil definiert die Rolle des Journalismus in der gesellschaftlichen Kommunikation über komplexe wissenschaftliche Themen und erarbeitet Konzepte für die Untersuchung von MedienDiskursen.
III. EMPIRISCHER TEIL: Der empirische Teil beschreibt das methodische Design der Untersuchung, bestehend aus Verlaufs- und Inhaltsanalyse, und stellt die Ergebnisse der vergleichenden Medienstudie dar.
IV. ANHANG: Der Anhang bietet eine detaillierte Literaturliste, das für die Analyse verwendete Codierbuch sowie die vollständige Materialbasis der untersuchten Artikel.
Schlüsselwörter
Klimawandel, Journalismus, Diskursanalyse, Leitmedien, SPIEGEL, ZEIT, Agenda-Setting, Klimapolitik, Energieversorgung, Medienethik, Klimaskeptizismus, Medienwirkung, Framing, Themenkarriere, Qualitätsjournalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht und vergleicht die mediale Berichterstattung der politischen Wochenzeitschriften DER SPIEGEL und DIE ZEIT zum Thema Klimawandel im Jahr 2007.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die mediale Konstruktion von Wirklichkeit, die Themenkarriere des Klimawandels, der Einfluss von Lobbygruppen auf die Berichterstattung sowie die journalistische Qualität der beiden untersuchten Medien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Deutungswandel in der Berichterstattung nachzuvollziehen und zu analysieren, welche Faktoren (z.B. redaktionelle Linie, Lobbyismus, Framing) diesen Wandel bewirken und wie die Medien ihre Verantwortung als "vierte Gewalt" wahrnehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine quantitative Inhaltsanalyse mit einer deskriptiven Diskursanalyse, basierend auf dem Themenzykluskonzept von Kolb und den Problemdeutungstypen von Weßler.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Rolle des Journalismus und einen empirischen Teil, der das Untersuchungsdesign, die Verlaufsanalyse und die quantitative Inhaltsanalyse zur Bewertung der journalistischen Qualität darlegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Klimawandel, Diskursanalyse, Agenda-Setting, Leitmedien, Framing und journalistische Qualitätskriterien.
Inwiefern beeinflusste die Absetzung des Chefredakteurs Stefan Aust die Untersuchung?
Die Studie ordnet die inhaltliche Debatte innerhalb der SPIEGEL-Redaktion um die Berichterstattung zum Klimawandel und die damit verbundene Modernisierungsdebatte im Kontext der vorzeitigen Vertragsauflösung von Stefan Aust ein.
Wie unterscheidet sich die Berichterstattung der beiden Medien konkret?
Die ZEIT verfolgt einen konsistenteren Kurs mit einem stärkeren Fokus auf ökonomische Hintergründe und wissenschaftliche Quellen, während der SPIEGEL stärkere Framing-Verschiebungen zeigt, insbesondere bei der Berichterstattung über Lösungsoptionen wie erneuerbare Energien.
- Quote paper
- Diplom-Journalist Robin Avram (Author), 2008, Der Klimawandel im "Spiegel" der "Zeit". Eine vergleichende Diskursanalyse der Klimawandel-Berichterstattung der beiden politischen Wochenzeitschriften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89747