Die Unterschiede zwischen fremdem und eigenem Land sind ein Thema, das nahezu zwangsläufig jeden beschäftigt, der einmal eine Region mit genügend geographischem Abstand zum Heimatland besucht hat. Nur einen Schritt von solchen Reflexionen entfernt folgt dann - nahezu ebenso zwangsläufig - eine Abstraktion des Beobachteten auf so etwas wie einen „Nationalcharakter“ (meist verbunden mit einem kurzen Anfall von Heimweh). Dieses fruchtbare Konversationsthema findet seinen Widerhall aber auch in ernsthafteren Unternehmungen wie Politik und leider auch militärischen Aggressionen, wie nicht nur die jüngere Geschichte lehrt. Ausgangspunkt in beiden Fällen ist stets eine über Urlaubsgespräche hinausgehende intellektuelle Beschäftigung mit dem Thema. Ironischerweise scheint es in deren Ausmaß ebenfalls nationale Unterschiede zu geben - Nietzsche spöttelte einst, es kennzeichne die Deutschen, dass die Frage nach ihrem „Deutschsein“ bei ihnen nie aussterbe (Nietzsche 1978 in Coulmas 1993: 20) - und auf der Rangliste der mit diesem im sozialwissenschaftlichen Sprachgebrauch als „Ethnizität“ oder „ethnischer Identität“ bezeichnetem Phänomen stark beschäftigten Nationen dürfte interessanterweise ein für die Europäer sonst eher unauffälliges Land weit oben stehen, nämlich Japan.
Bücher über die Besonderheiten der Japaner bilden dort ein eigenes Genre mit beachtlichen Verkaufszahlen (Coulmas 1993: 20) und wurden und werden keineswegs von einer denkbaren wie klischeehaften Gruppe konservativer provinzieller Nationalisten geschrieben, sondern häufig von ausgebildeten Intellektuellen mit wissenschaftlichem Anspruch (Davis 1992: 254). Dass diese japanische „Nabelschau“ im frühen 19 Jhdt. begann (Romppel 1994: 25) und im Zweiten Weltkrieg einen vorläufigen Höhepunkt fand (Romppel 1994: 28) erstaunt dabei weit weniger als die Tatsache, dass das Weltkriegsende nicht auch solch geistiger Beschäftigung ein Ende bereitete, denn nach einem kurzen Schweigen nationalistischer Stimmen bis etwa 1950 (Yoshino 1992: 206) begann die Diskussion um die japanische Identität mit einer massiven Flut von Büchern über nationale Besonderheiten in den 70er Jahren (Coulmas 1993: 22) erneut. An diesem bis heute andauernden Diskurs um das Besondere des „Japaner-Seins“ ist im religionswissenschaftlichen Kontext eine Eigenart besonders interessant: Das Moment des Religiösen.
Inhaltsverzeichnis
1.) Theoretische und methodische Vorüberlegungen
1.1) Ethnizität
1.2) Religion
1.3) Religion und Ethnizität
1.4) Methodik
2. Identität und Religion
2.1) Shintoismus, „National Learning“ und Ultranationalismus
2.1.1) Kokugaku und die Wiederentdeckung des Shinto
2.1.2) Die Meiji-Restauration: Shinto als Staatsreligion
2.2) Nihonjinron - die „Japaner - Theorie“
2.2.1) Das geheimnisvolle Japanisch
2.2.2) Die sprachlose Kommunikation der Japaner
2.3) Identität und japanisches „New Auge“
2.3.1) Yamaori Tetsuo und die impersonalen Götter der Japaner
3.) Auswertung: Identität und Religion in der Geschichte der japanischen Selbstfindung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht chronologisch die Suche nach einem nationalen japanischen Selbst im Bereich des Religiösen. Dabei soll der Zusammenhang zwischen Religion und Identitätsbildung analysiert sowie zugrundeliegende Muster und Tendenzen innerhalb verschiedener historischer und gesellschaftlicher Phasen Japans aufgezeigt werden.
- Die theoretische Verknüpfung von Ethnizität und Religion
- Konstruktion von Identität in der Tokugawa- und Meiji-Zeit (Staatsshinto)
- Die „Japaner-Theorie“ (Nihonjinron) und ihre Mythenbildung
- Die Rolle der „spirituellen Intellektuellen“ und das japanische „New Age“
Auszug aus dem Buch
Die sprachlose Kommunikation der Japaner
Darstellung. Eng mit dem vorigen Phänomen der besonderen Eigenheiten der japanischen Sprache verwandt ist die im nihonjinron gern vertretene These der Fähigkeit der Japaner zur sprachlosen Kommunikation. Mit verschiedenen Konzepten und Begriffen wie ishin denshin6 oder haragei7 belegt, wird diese eigenartige Fähigkeit zur telepathischen Kommunikation glorifiziert und der lauten und wortreichen Kommunikation „des Westens“ gegenübergestellt (Dale 1996: 103).
Dabei hat diese Fähigkeit verschiedene Seiten und reicht von der Überzeugungskraft durch Stärke der Persönlichkeit und ohne Worte bis zum stillen Einfühlungsvermögen in Wünsche von Familienangehörigen oder des Vorgesetzten (Dale 1986: 103 – 109). Auffällig an dieser behaupteten „Kommunikation in Stille“ der Japaner ist eine soziale Qualität, ermöglicht sie doch eine harmonische Beziehung zu anderen in Familie, Gesellschaft und Betrieb und ist derart gar ein Schlüsselfaktor zu dem japanischen Wirtschaftswunder des letzten halben Jahrhunderts (Dale 1986: 110-112); diese soziale Qualität unterscheidet sich deutlich von der - von japanischen Autoren so aufgefaßten - „westlichen“ Auffassung von Kommunikation als Kampf.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Theoretische und methodische Vorüberlegungen: Einführung in die zentralen Begriffe Ethnizität und Religion sowie Erläuterung der systemtheoretischen Arbeitsdefinition, die der Untersuchung zugrunde liegt.
2. Identität und Religion: Analyse der historischen Entwicklung der Identitätssuche, beginnend bei der Wiederentdeckung des Shintoismus bis hin zum Staatsshinto und der späteren Nihonjinron-Literatur.
3.) Auswertung: Identität und Religion in der Geschichte der japanischen Selbstfindung: Synthese der Ergebnisse, wobei die wiederkehrende Rolle von Ideologie, verletztem nationalen Stolz und Exotisierung für die japanische Selbstdefinition herausgearbeitet wird.
Schlüsselwörter
Japan, Identität, Ethnizität, Religion, Shintoismus, Nihonjinron, Nationalismus, New Age, Kommunikation, Staatsshinto, Ideologie, Kultur, Tradition, Identitätssuche, Yamaori Tetsuo
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische und gesellschaftliche Konstruktion der japanischen Identität unter besonderer Berücksichtigung religiöser Elemente.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle des Shintoismus, die „Japaner-Theorie“ (Nihonjinron), den Einfluss des Nationalismus auf religiöse Konzepte sowie das Phänomen des japanischen „New Age“.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie religiöse und spirituelle Elemente chronologisch in den Diskurs um das „Japaner-Sein“ eingebunden wurden, um eine spezifische nationale Identität zu konstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch orientierte Darstellung kombiniert mit diskursanalytischen Abschnitten, um die Plausibilität und die Hintergründe der Identitätskonstruktionen zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entwicklung vom „National Learning“ über den Staatsshinto der Meiji-Zeit bis hin zur modernen Literatur über nationale Besonderheiten und die Rolle spiritueller Intellektueller.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Identität, Shintoismus, Nihonjinron, Nationalismus und die kritische Auseinandersetzung mit der japanischen Selbstdarstellung.
Welche Rolle spielt die Sprache im Nihonjinron?
Die Sprache wird als essenzieller, oft mystifizierter Bestandteil der nationalen Identität behandelt, wobei ihr eine „Einzigartigkeit“ und Unübersetzbarkeit zugeschrieben wird.
Wie bewertet der Autor den Begriff des „New Age“ in Japan?
Der Autor ordnet das japanische „New Age“ als ein Phänomen ein, das wissenschaftliche Theorien vereinnahmt und spirituelle Lösungen für eine vermeintliche „spirituelle Krise“ des Westens anbietet.
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- M.A. Christopher Knapp (Author), 2001, Japan: Ethnizität und Religion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89788