Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Dimensionen des Nationenbegriffs exemplarisch in literaturhistorischer Perspektive aufzuzeigen und zum Nachdenken anzuregen.
In einem ersten Schritt soll untersucht werden, in welchem Entwicklungsstadium des Nationenbildungsprozesses sich die deutschen Lande in der Zeit um 1200 und der Folgezeit befanden und wie sich dessen Ursachen belegen lassen können. Anhand ausgewählter Quellen soll diese Frage darauf aufbauend, interdisziplinär durch die schwerpunktmäßige Analyse von Walther von der Vogelweides Preislied "Ír sult sprechen willekomen" und weniger ausführlichen Ausschnitten aus Alexander von Roes "Notitia Seculi" diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung.
2 Gibt es einen mittelalterlichen Nationenbegriff? Erklärungsansätze im philologisch-historischen Vergleich.
3 Der Nationenbegriff im philologisch-historischen Vergleich: Walther von der Vogelweide und Alexander von Roes
3.1: Walther von der Vogelweide: Ír sult sprechen 'willekomen'
3.1.1: Zur Person Walthers
3.1.2: Überlieferung und Entstehung des Liedes
3.1.3: Gab es für Walther eine deutsche Nation?
3.2: Von der deutschen Nation in Alexanders Notitia Seculi
3.2.1: Zur Person Alexanders
3.2.2: Eine deutsche Nation bei Alexander?
4 Fazit: Der deutsche Nationenbegriff im Werkvergleich.
5 Mittelhochdeutsche Lyrik und Literatur im Deutschunterricht. Didaktisch-methodologische Überlegungen zur Aktualität des Mittelalters am Beispiel der Nation.
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit in den Werken von Walther von der Vogelweide und Alexander von Roes Ansätze eines mittelalterlichen Nationenbegriffs erkennbar sind, und hinterfragt kritisch, ob und wie diese historischen Vorläufer ein Verständnis für nationale Identität widerspiegeln.
- Philologisch-historische Analyse des Nationenbegriffs im Mittelalter
- Vergleichende Untersuchung von Walther von der Vogelweide (Preislied) und Alexander von Roes (Notitia Seculi)
- Reflektion über die Konstruktion von Identität, Sprache und Tugend im 13. Jahrhundert
- Didaktische Überlegungen zur Vermittlung mittelalterlicher Literatur im Deutschunterricht
Auszug aus dem Buch
3.1.3: Gab es für Walther eine deutsche Nation?
Von der Elbe unz an den Rîn / ûnde wider únz an Ungerlant / sô mugen wol die besten sîn, / die ich in der werlte hân bekant. (5,1-4). Von der Elbe bis an den Rhein und weiter bis nach Ungarn definiert Walther seine Wanderschaft durch die deutschen Lande. Doch hat Walther in keiner Weise die Intention, hier von den tiutschen als eine Nation zu sprechen. Obgleich er von geographischen Grenzen spricht, geht es ihm nicht darum, eine Nation geographisch oder politisch abzugrenzen. Vielmehr zeichnet er ein Tugend- und Sittengemälde der deutschen Bevölkerung, was er unter anderem durch Männer- und Frauenlob (2,1-3 und 3,2) erreicht.
Das lyrische Ich tritt als Berichterstatter von Neuigkeiten auf (1,1-2), die nach dessen Ansicht von solcher Tragweite sind, daz allez daz ir habt vernomen, / daz ist gar ein wint (1, 3-4), diese also völlig unbedeutend erscheinen lassen. Der Dichter, hier als Sangspruchdichter, nimmt eine Botenrolle ein und richtet seine Rede an ein höfisches Publikum, was durch die Lohnforderung ich wil aber miete (1,5) untermauert wird. Zudem spricht der Dichter von frouwen , der mittelhochdeutschen Bezeichnung für eine Frau höheren Ranges. Die Neuigkeit, die vom Ankömmling angepriesen wird, ist zunächst an einen Lohn gebunden. Durch die konditionale Formulierung wirt min lôn iht guot, / ich gesage iuch lîhte, daz iuch sanfte tuot (1, 6-7) unterstreicht er, dass er nur etwas Angenehmes sagen werde, wenn die Vergütung gerecht sei. Die Verknüpfung von Neuigkeit und Lohn wird durch das vrouwen-lop , das Frauenlob, in Strophe 2 transferiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung.: Die Einleitung führt in das Thema des Nationenbegriffs ein und umreißt die wissenschaftliche Vorgehensweise anhand einer philologisch-historischen Untersuchung ausgewählter Quellen.
2 Gibt es einen mittelalterlichen Nationenbegriff? Erklärungsansätze im philologisch-historischen Vergleich.: Dieses Kapitel erläutert den Forschungsstand zur Entstehung von Nationen im Mittelalter und differenziert zwischen dem modernen Nationenbegriff und den mittelalterlichen Formen der Identitätsstiftung durch ethnische Gruppenbezeichnungen.
3 Der Nationenbegriff im philologisch-historischen Vergleich: Walther von der Vogelweide und Alexander von Roes: Das Hauptkapitel analysiert die Werke von Walther von der Vogelweide und Alexander von Roes im Hinblick auf deren Verständnis von "Nation", Tradition und nationaler Identität.
4 Fazit: Der deutsche Nationenbegriff im Werkvergleich.: Das Fazit stellt die Erkenntnisse aus dem Vergleich der beiden Autoren gegenüber und stellt fest, dass beide zwar nationale Aspekte aufzeigen, jedoch keinen modernen Nationenbegriff definieren.
5 Mittelhochdeutsche Lyrik und Literatur im Deutschunterricht. Didaktisch-methodologische Überlegungen zur Aktualität des Mittelalters am Beispiel der Nation.: Dieses Kapitel erörtert die didaktische Bedeutung und praktische Umsetzung der Behandlung mittelalterlicher Literatur im modernen Deutschunterricht.
Schlüsselwörter
Nation, Nationenbegriff, Mittelalter, Walther von der Vogelweide, Alexander von Roes, Philologie, Identität, Sangspruchdichtung, Notitia Seculi, Deutschunterricht, Mittelalterrezeption, Nationalbewusstsein, Tugend, Ständegesellschaft, Kulturgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Anfänge eines deutschen Nationalbewusstseins im hohen Mittelalter anhand literarischer und historischer Quellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Vergleich zwischen dem mittelalterlichen Verständnis von ethnischen Gemeinschaften und dem modernen Nationenbegriff sowie die Rolle von Sprache und Tugend als Identitätsmarker.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Thema Nation aus einer philologisch-historischen Perspektive zu hinterfragen, um einen Vermittlungswert für den schulischen Unterricht zu generieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine interdisziplinäre Methode verwendet, die philologische Textanalysen mit historischen Kontextualisierungen verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse von Walthers Preislied und Alexanders Werk Notitia Seculi sowie deren Aussagen zur deutschen Bevölkerung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Nation, Mittelalter, philologische Analyse, Identität und didaktische Vermittlung.
Wie unterscheidet sich Walthers Verständnis von einer Nation von der heutigen Definition?
Walther nutzt geographische Fixpunkte eher zur Beschreibung seiner Wanderschaft und weniger zur politischen Abgrenzung, während er primär ein Tugend- und Sittengemälde entwirft.
Welche Rolle spielt die "Ständegesellschaft" bei Alexander von Roes?
Alexander unterteilt die Nationen in drei Stände, um Charaktereigenschaften den jeweiligen Gruppen (Volk, Adel, Klerus) zuzuordnen und politische Beschreibungen zu präzisieren.
- Quote paper
- Christopher Muhler-Carrera (Author), 2013, Gibt es einen mittelalterlichen Nationenbegriff?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/900546