1. Einleitung
Bei der Beschäftigung mit dem Dokumentarfilm wird deutlich, dass es sich um einen Gegenstand handelt, der sich einem klärenden Zugriff hartnäckig widersetzt. Im alltäglichen Gebrauch wird unter dem Begriff des „Dokumentarischen“ eine Vielzahl filmischer Erscheinungsformen zusammengefasst und auch auf theoretischer Ebene herrscht über die Aspekte des Dokumentarfilms längst kein Konsens. Auf der anderen Seite ist es gerade diese Unschärfe des Begriffs, welche die Anziehungskraft des Dokumentarfilms ausmacht. Mit dieser Ambivalenz beschäftigt sich auch die vorliegende Arbeit, deren Ziel es ist, eine dramaturgische Analyse des Dokumentarfilms „Darwins Alptraum“ von Hubert Sauper durchzuführen. Dabei soll unter anderem untersucht werden, ob und inwiefern sich die dramatische Struktur des ausgewählten Films an einem dramaturgischen Muster orientiert, dem vor allem der populäre Spielfilm folgt. Ein solches Muster wird in fast allen auf den populären Spielfilm bezogenen Drehbuchratgebern beschrieben. Syd Field als sehr bekannter Autor eines dieser „Manuals“ bezeichnet es als „Das Grundmuster der dramatischen Struktur“ , dem angeblich alle guten Drehbücher folgen. Das Anliegen dieser Arbeit ist es, anhand des begrifflichen Inventars Fields die individuelle dramatische Struktur des ausgewählten Dokumentarfilms zu untersuchen und auszuloten, in wieweit die Dramaturgie von „Darwins Alptraum“ dem Muster des populären Films entspricht und welche Abweichungen sich ergeben. Die These ist, dass die dramatische Struktur von „Darwins Alptraum” in ihren grundlegenden Aufbau dem „Grundmuster“ Fields entspricht, in Einzelheiten aber stark davon abweicht. Es handelt sich bei dem „Grundmuster“ nach dieser These um eine sehr verbreitete Variante der dramatischen Struktur, der auch Dokumentarfilme, in unterschiedlicher Ausprägung, folgen können.
Der Film „Darwins Alptraum“ wurde als Analysegegenstand gewählt, da er als internationale Co-Produktion international im Kino und Fernsehen ausgewertet wurde, auf renommierten Festivals Preise gewann und viel Resonanz in der Presse erhielt. Als aktuelles Beispiel für einen international erfolgreichen Dokumentarfilm ist der Film somit für meine Analyse relevant.
Diese beginnt mit der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Dokumentarfilm und Dramaturgie und zunächst mit der Klärung des Begriffes „Dramaturgie“ (Kapitel 2.1 sowie 2.1.1). In Kapitel 2.1.2 wird dann das von Field beschriebene „Grundmuster der dramatischen Struktur“ als ein Analyse-instrumentarium vorgestellt. Kapitel drei beschäftigt sich mit den verschiedenen Arten der dokumentarischen Darstellung sowie den Ansichten zum Verhältnis von Dokumentarfilm, Narration und Dramaturgie. In der Analyse des Dokumentarfilms „Darwins Alptraum“ soll schließlich die dramatische Struktur des Films herausgearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dramaturgie
2.1 Die drei Bedeutungen des Begriffs „Dramaturgie“
2.1.1 Erzählung und Dramaturgie
2.1.2. Das „Grundmuster der dramatischen Struktur“ bei Syd Field
3. Dokumentarfilm
3.1 Überblick über die Arten der dokumentarischen Darstellung
3.2 Dokumentarfilm, Narration und Dramaturgie
4. Dramaturgische Analyse
4.1 Thema und Kurzbeschreibung des Plots
4.2 Die dramatische Struktur
4.3 Exkurs: Erzählmodus und Ästhetik
5. Zusammenfassung
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Dokumentarfilms „Darwins Alptraum“ von Hubert Sauper, inwiefern die dramatische Struktur eines Dokumentarfilms dem „Grundmuster der dramatischen Struktur“ nach Syd Field folgt, das primär aus dem populären Spielfilm bekannt ist. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, die Anwendung dieses dramaturgischen Modells auf den dokumentarischen Film zu analysieren, spezifische Abweichungen zu identifizieren und die Rolle narrativer Strukturen in diesem Genre kritisch zu hinterfragen.
- Vergleich von Dramaturgie-Modellen des Spielfilms mit Dokumentarfilmstrukturen
- Analyse der narrativen Gestaltung und Erzählstrategien in „Darwins Alptraum“
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen Dokumentarfilm, Wirklichkeit und Authentizität
- Evaluation der Bedeutung von Leitmotiven und Plot Points im Dokumentarfilm
- Diskussion über den Einsatz dokumentarischer Modi (expositorisch, beobachtend, interaktiv, reflexiv)
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Erzählung und Dramaturgie
Nach dem Filmwissenschaftler Lothar Mikos besteht die Erzählung „(...) in der kausalen Verknüpfung von Situationen, Akteuren und Handlungen zu einer Geschichte (...)“ wobei die Dramaturgie die Art und Weise ist, „(...) wie diese Geschichte dem Medium entsprechend aufgebaut ist, um sie für den Zuschauer interessant zu machen.“ Um dies weiter zu erläutern, sollen zunächst angelehnt an die Erzähltheoretikerin Monika Fludernik einige allgemeine Merkmale einer sprachlichen, visuellen und sprachlich-visuellen Erzählung benannt werden. Eine Erzählung kann fiktional oder nicht-fiktional sein. Sie ist eine Darstellung in einem sprachlichen und/oder visuellen Medium, in deren Zentrum menschliche oder anthropomorphisierte Subjekte stehen. Diese führen (zumeist) zielgerichtete Handlungen aus und sind zeitlich und räumlich gebunden. Die Geschehnisse einer Erzählung finden in räumlicher und zeitlicher Ausdehnung statt.
Eine Erzählung ist dadurch definiert, dass die Handlungsabläufe so dargestellt werden, dass ihr Endzustand ein anderer ist als ihr Anfangszustand. Dabei genügt die bloße Sukzession von Figuren und Zuständen allerdings nicht. Die Veränderungen müssen kausal motiviert sein, so dass sich der Endzustand erkennbar aus dem Anfangszustand entwickelt. Ein die Geschehnisse vermittelnder Erzähler ist laut Fludernik fakultativ. Bezogen auf das Erzählen im Film ist zu ergänzen, dass auch ohne offensichtliche Erzählinstanz (zum Beispiel in Form eines Voice-Over-Kommentars oder eines Kommentators im On) ein Film von einer bestimmten Position aus kommuniziert. Über die Kamerahandlung (Auswahl des gefilmten Objektes, Wahl der Kameraperspektive, Blickwinkel auf das Objekt und Ähnliches) und die Organisation der Filmbilder durch die Montage wird dem Zuschauer eine bestimmte Perspektive auf die Figuren und deren Handlungen vermittelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Ambivalenz des Dokumentarfilms dar und formuliert das Ziel, die dramatische Struktur von „Darwins Alptraum“ anhand des Modells von Syd Field zu analysieren.
2. Dramaturgie: In diesem Kapitel werden grundlegende Definitionen der Dramaturgie erläutert, insbesondere auf der Ebene des Werks und der Rezeption, und das „Grundmuster“ nach Syd Field eingeführt.
3. Dokumentarfilm: Hier erfolgt eine theoretische Einordnung des Dokumentarfilms durch die Darstellung verschiedener Modi nach Bill Nichols sowie eine Diskussion über das Verhältnis von Dokumentarfilm, Narration und Dramaturgie.
4. Dramaturgische Analyse: Dies ist der Hauptteil, in dem das Thema und der Plot von „Darwins Alptraum“ beschrieben, die dramatische Struktur analysiert und die eingesetzten narrativen sowie ästhetischen Mittel kritisch bewertet werden.
5. Zusammenfassung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach der Film in seiner dreiaktigen Struktur Fields Modell folgt, jedoch in den Details und der Rolle des Erzählers signifikante Abweichungen aufweist.
6. Bibliographie: Hier sind sämtliche wissenschaftlichen Quellen, Texte, Internetquellen und elektronische Medien aufgelistet, die für die Arbeit herangezogen wurden.
Schlüsselwörter
Dramaturgie, Dokumentarfilm, Darwins Alptraum, Syd Field, Narration, Plot, Story, Dokumentarische Modi, Filmanalyse, Struktur, Authentizität, Hubert Sauper, Filmdramaturgie, Erzähltheorie, Weltwirtschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die dramaturgische Struktur des Dokumentarfilms „Darwins Alptraum“ von Hubert Sauper und setzt diese in Beziehung zu klassischen Drehbuchmodellen des Spielfilms.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Dramaturgietheorie, den verschiedenen dokumentarischen Darstellungsmodi nach Bill Nichols und der konkreten filmischen Umsetzung durch den Regisseur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, herauszufinden, inwieweit ein moderner Dokumentarfilm wie „Darwins Alptraum“ die dramaturgischen Grundmuster des populären Spielfilms, konkret das „Paradigma“ von Syd Field, übernimmt oder davon abweicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine dramaturgische Filmanalyse, bei der der Film in Sequenzen unterteilt und auf Grundlage eines Sequenzprotokolls mit den theoretischen Modellen der Filmdramaturgie verglichen wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Plot des Films, gliedert diesen in die drei Akte (Exposition, Konfrontation, Auflösung) und untersucht ästhetische Gestaltungsmittel wie Montage und Kameraführung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die zentralen Begriffe sind Dramaturgie, narrativer Dokumentarfilm, der dokumentarische Modus, Authentizitätsillusion und die spezifische "Grundmuster"-Struktur nach Syd Field.
Welche Bedeutung hat das „Grundmuster“ nach Syd Field für den Dokumentarfilm?
Das „Grundmuster“ dient als normatives Analyseinstrument, um die Linearität und Konfliktdichte einer filmischen Geschichte zu messen, wobei die Arbeit zeigt, dass auch Dokumentarfilme narrativen Strukturen folgen können.
Inwiefern beeinflusst der Erzähler die Dramaturgie in „Darwins Alptraum“?
Der Erzähler fungiert als zentrale Figur, berichtet über die Konflikte der anderen Protagonisten und führt als Bindeglied durch die verschiedenen sozialen Ebenen des globalisierten Fischhandels.
Warum wird „Darwins Alptraum“ als Untersuchungsgegenstand gewählt?
Der Film ist eine international beachtete Co-Produktion, die durch ihre komplexe Erzählweise und ihren gesellschaftskritischen Impetus ein ideales Beispiel für die Verbindung von dokumentarischen und fiktionalen Elementen darstellt.
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- Theresa Dammersbeck (Author), 2007, Dramaturgische Analyse des Dokumentarfilms "Darwins Alptraum", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91043