Wie kontingent ist der Kontingenz-Intrakranialismus wirklich?

Fred Adams und Ken Aizawas Verständnis von Kognition in "Die Grenzen der Kognition"


Hausarbeit, 2019

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Adam und Aizawa über das alltägliche Verständnis von Kognition
2.1 Adams und Aizawas notwendigen Bedingungen für Kognition
2.2 Die erste Bedingung: Nichtabgeleiteter Gehalt
2.3 Die zweite Bedingung: Kausale Individuierung

3. Exkurs: Wann gelten Bedingungen als notwendig oder hinreichend?

4. Anwendung auf Adams und Aizawa

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Zwischen Internalisten und Externalisten herrscht in der Philosophie eine ungeklärte Debatte bezüglich kognitiver Prozesse: Der Internalist vertritt die These, dass kognitive Prozesse hirngebunden sind, während der Externalist die Gegenposition einnimmt, indem er davon ausgeht, dass auch externe Prozesse kognitiv sein können.

In „Die Grenzen der Kognition” argumentieren Adams und Aizawa für den Common Sense, worunter sie unser alltägliches Verständnis von Kognition verstehen, und vertreten somit eine internalistische Position. Dabei unternehmen sie den Versuch, notwendige Bedingungen für kognitive Prozesse zu definieren.

In der folgenden Arbeit möchte ich rekonstruieren, was genau Adams und Aizawa als alltägliches Verständnis von Kognition begreifen. Außerdem werde ich die zwei von ihnen genannten notwendigen Bedingungen für kognitive Prozesse erläutern und untersuchen. Meine These ist, dass Adams und Aizawa diese notwendigen Bedingungen in ihrer Argumentation als hinreichende Bedingungen benutzen, obwohl sie keinen expliziten Anspruch auf ihr Hinreichen erheben. Sollte dies der Fall sein, hätte das zur Folge, dass Adams und Aizawa vorgeben, eine schwächere Position zu vertreten als sie tatsächlich tun. Das würde dazu führen, dass nicht mehr klar ist, welche Position sie innerhalb der Debatte zwischen Internalisten und Externalisten einnehmen. Sie selbst bezeichnen sich als Kontingenz-Intrakranialisten, aber ich frage mich, wie kontingent ihr Kontingenz-Intrakranialismus wirklich ist.

Mein Vorgehen werde ich in drei Schritte gliedern. Zunächst rekonstruiere ich Adams und Aizawas Position zum alltäglichen Verständnis von Kognition, sowie die von ihnen genannten notwendigen Bedingungen. Daraufhin setze ich mich mit der klassischen Logik von notwendigen und hinreichenden Bedingungen auseinander. Zuletzt möchte ich die aus dem zweiten Schritt gefolgerten Ergebnisse konkret auf die notwendigen Bedingungen von Adams und Aizawa anwenden.

2. Adam und Aizawa über das alltägliche Verständnis von Kognition

Unter Kognition verstehen Adams und Aizawa Prozesse wie „Lernen, Erinnern, Empfinden, Wahrnehmen und Denken”,1 setzen dies aber nicht mit dem Mentalen gleich.2

In der Debatte, ob Kognition als internalistischer oder externalistischer Prozess zu begreifen ist, positionieren sie sich laut eigener Aussage explizit als Internalisten mit dem Ziel, das alltägliche Verständnis von Kognition3 zu verteidigen.4 Ihrer Meinung nach umfasst dieses Verständnis die „kontingente Tatsache, dass alle kognitiven Prozesse, die es in der realen Welt gibt, zufällig an das Gehirn gebunden sind.”5

Konkret verstehen sie darunter folgendes: Ein Mensch P, der eine mathematische Gleichung löst, wendet seine kognitiven Fähigkeiten (hier: rechnen) an. Es handelt sich um einen kognitiven Prozess, den Adams und Aizawa als intrakorporal bezeichnen, weil er sich in dem Gehirn von P abspielt. Sollte P einen Taschenrechner als Werkzeug nutzen, ändert sich laut Adams und Aizawa der Prozess insofern, als dass P ein anderes Bündel an kognitiven Prozessen nutzt (hier: die manuelle Bedienung des Taschenrechners). Diese Prozesse bleiben dabei allerdings hirngebunden, d. h. die Grenzen der Kognition ändern sich nicht. P erleichtert sich die Arbeit lediglich durch ein externes, nicht-kognitives Hilfsmittel, welches seine kognitiven Fähigkeiten unterstützen soll. Die externalistische Gegenposition zu dieser Annahme würde behaupten, dass der Prozess sich in einem signifikant anderen Ausmaß geändert habe und nun transkorporal wäre. P würde den Taschenrechner nicht als Hilfsmittel nutzen, sondern der kognitive Prozess würde sich auf den Taschenrechner ausdehnen, sodass dieser Teil des Prozesses selbst werden würde.6

Adams und Aizawas Begründung zur Verteidigung der internalistischen These liegt hauptsächlich in dem Argument, dass unser bisher gesammeltes Wissen über psychologische und physische Prozesse keine Fälle von nicht-hirngebundenen kognitiven Prozessen beinhalten würde.7

2.1 Adams und Aizawas notwendigen Bedingungen für Kognition

Adams und Aizawa gehen zwar davon aus, dass kognitive Prozesse hirngebunden sind, behaupten allerdings, dass „In-einem-Gehirn-Sein nicht das Kennzeichen des Kognitiven sein kann.”8 Deswegen kommen sie zu dem Schluss, dass ein anderes Merkmal für Kognition gefunden werden muss, um zwischen Kognitivem und Nicht-Kognitivem unterscheiden zu können. Aus dieser Überlegung heraus entwickeln sie die zwei besagten notwendigen Bedingungen für Kognition.9

Bevor ich konkret auf ihren Inhalt eingehe, ist jedoch noch zu erwähnen, dass Adams und Aizawa zum Einen hervorheben, dass sie das Merkmal des Kognitiven nicht als eine vollwertige Theorie behandeln, sondern lediglich versuchen zwei Bedingungen für Kognition aufzustellen10, welche sie für „notwendige Elemente [dieses Merkmals] halten.”11 Zum Anderen erheben sie nicht den Anspruch, „ein erschöpfendes Verständnis vom Merkmal des Kognitiven zu bieten.”12 Mit anderen Worten: Die Bedingungen seien notwendig, aber nicht hinreichend, um Prozesse als kognitiv zu identifizieren. Darüber hinaus verweisen sie zuletzt darauf, dass mit diesem Merkmal „keine Aussage in Bezug auf den Ort der Kognition getroffen wird.”13 Diese Aussage greift erneut auf, dass Hirngebundenheit nicht als Kriterium für Kognition gelten soll. An späterer Stelle werde ich auf diese Annahme zurückkommen und ihre Plausibilität behandeln.

2.2 Die erste Bedingung: Nichtabgeleiteter Gehalt

Die erste notwendige Bedingung für Kognition formulieren Adams und Aizawa wie folgt: „[K]ognitive Zustände [müssen] intrinsischen, nichtabgeleiteten Gehalt beinhalten.”14 Eine mentale Repräsentation ist also nur dann kognitiv, wenn ihr Gehalt nichtabgeleitet ist. Die Verbindung zwischen Kognition und intrinsischem Gehalt setzen sie dabei voraus, um dies behaupten zu können.15

2.3 Die zweite Bedingung: Kausale Individuierung

Die zweite Bedingung von Adams und Aizawa besagt, dass kognitive Prozesse kausal individuiert werden müssen. Diese Bedingung ist ein Kriterium, um kognitive von nicht-kognitiven Prozessen im Gehirn unterscheiden zu können.16

Viel lässt sich von der zweiten Bedingung im Bezug auf meine Fragestellung nicht ableiten. Zum einen offerieren Adams und Aizawa diesbezüglich nur Negativ-Beispiele, indem sie erklären, was es nicht ist. Zum anderen, geht aus ihr hervor, dass die Mechanismen eines kognitiven Prozesses so sein müssen, dass nichtabgeleiteter Gehalt als Output heraus kommt. Dies bringt uns aber wieder zur ersten Bedingung, weswegen ich den weiterem Verlauf meiner Arbeit auf eben diese ausrichten werde.

3. Exkurs: Wann gelten Bedingungen als notwendig oder hinreichend?

Notwendige und hinreichende Bedingungen sind ein Mittel, um Begriffe aber auch Phänomene präzise zu definieren. In der klassischen Logik werden solche Wahrheitsbedingungen durch eine Subjunktion (A → B, d. h. wenn A, dann B.) dargestellt. Das Vorderglied der Subjunktion (A) ist das Antezedens, das Hinterglied (B) das Konsequens. Dabei gilt: Eine Subjunktion ist nur dann falsch, wenn das Antezedens wahr, aber das Konsequens falsch ist.17 Wahrheitsbedingungen für notwendige und hinreichende Bedingungen lassen sich somit wie folgt darstellen:

- Hinreichende Bedingung (A → B): Sobald A der Fall ist, ist auch B der Fall.
- Notwendige Bedingung (A → B): Sobald B der Fall ist, ist auch A der Fall.

Eine Bedingung ist also genau dann notwendig für einen Sachverhalt, wenn dieser nur bestehen kann, wenn sie erfüllt ist; sie ist genau dann hinreichend, wenn er bestehen muss, sobald die Bedingung erfüllt ist. Demnach nimmt die klassische Logik an, dass die Bedingungen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander stehen und in jedem wahrheitsfunktionalen Satz sowohl notwendige als auch hinreichende Bedingungen vorkommen.18

Auf Adams und Aizawa angewandt würde die Subjunktion wie folgt aussehen:

- p: kognitive hirngebundene Prozesse
- q: nichtabgeleiteter Gehalt
- r: kausale Individuierung
- p → q ∧ r

Diese Formel drückt aus, dass p hinreichend für q und r ist; und q und r zugleich notwendig für p sind. Adams und Aizawas Anspruch auf die Notwendigkeit der Bedingungen ist somit erfüllt, sofern sie als wahr akzeptiert werden. Die Frage ist, ob auch „q ∧ r → p“ gilt, also ob q und r gemeinsam hinreichend für p sind.

Es bestehen diesbezüglich aber zwei Probleme. Erstens ist nicht klar, ob der Begriff „Kognition” tatsächlich durch notwendige Bedingungen, die gemeinsam hinreichend sind, definiert sein muss. Adams und Aizawa äußern sich nicht dazu. Allerdings liegt das oben genannte klassische Modell von Begriffen ihrer Redeweise sehr nahe. Zweitens bleibt ebenso ungeklärt, ob ihre notwendigen Bedingungen ein notwendiger Teil von nicht hinreichenden Bedingungen sein könnten. Es könnten beispielsweise auch weitere, bisher unbekannte notwendige Bedingungen x existieren und alle Bedingungen (die zwei hier behandelten und die Bedingungen x) wären gemeinsam hinreichend dafür, dass kognitive Prozesse hirngebunden sind.

4. Anwendung auf Adams und Aizawa

Wir haben nun gesehen, dass laut Adams und Aizawa kognitive Prozesse hirngebunden sind. Zugleich könne dieses Charakteristikum aber keine notwendige Bedingung für den Internalismus sein. Das ist kontra-intuitiv und widersprüchlich: Wir können nicht sagen, dass Kognition hirngebunden, aber ‚hirngebunden sein’ nicht notwendig ist. Wir können maximal sagen, dass ‚hirngebunden sein’ notwendig, aber allein nicht hinreichend ist. Allerdings behaupten Adams und Aizawa sogar, dass es „ logisch möglich [ist], dass es transkraniale oder außerkraniale kognitive Prozesse gibt.”19 In diesem Fall wäre Hirngebundenheit tatsächlich keine angemessene notwendige Bedingung. Allerdings können Adams und Aizawa mit dieser Aussage auch nicht den Kontingenz-Intrakranialismus verteidigen. Was bringt sie also dazu, sich diese Hintertür zum Externalismus offen zu halten? Sie selbst sagen: „Bestimmt möchten wir ‚Kognition’ nicht als eine Art intrakranialen Prozess definieren. Es ist nur ein rein zufälliges, nicht wesentliches, begriffliches, definitorisches oder analytisches Merkmal der Kognition, dass sie intrakranial ist.”20 Aber zu sagen, dass etwas so ist, weil es so ist, ist eine schlechte Begründung und daher kein gutes Argument.

[...]


1 Fred Adams/Ken Aizawa. 2013. Die Grenzen der Kognition. Suhrkamp Verlag: Berlin, S. 232.

2 Vgl. Ebd. S. 232.

3 Ob dieses Verständnis von Kognition tatsächlich eine alltägliche Auffassung ist, ist unklar, soll für die Zwecke meiner Arbeit aber zunächst als Gegeben angenommen werden.

4 Vgl. Ebd. S. 228.

5 Ebd. S. 229.

6 Vgl. Ebd. S. 228ff.

7 Vgl. Ebd. S. 229.

8 Ebd. S. 229.

9 Vgl. Ebd. S. 229f.

10 Vgl. Ebd. S. 231.

11 Ebd. S. 231.

12 Ebd. S. 230.

13 Ebd. S. 241.

14 Ebd. S. 232.

15 Vgl. Ebd. S. 234.

16 Vgl. Ebd. S. 237ff.

17 Brennan, Andrew (15.08.2003) „Necessary and Sufficient Conditions”, <https://plato.stanford.edu/entries/necessary-sufficient/>, (05.02.2019, 15:45 Uhr).

18 Ebd.

19 Fred Adams/Ken Aizawa. 2013. Die Grenzen der Kognition. Suhrkamp Verlag: Berlin, S. 241, meine Hervorhebung.

20 Ebd. S. 257.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Wie kontingent ist der Kontingenz-Intrakranialismus wirklich?
Untertitel
Fred Adams und Ken Aizawas Verständnis von Kognition in "Die Grenzen der Kognition"
Hochschule
Universität Bielefeld  (Abteilung Philosophie)
Veranstaltung
Philosophisches Schreiben: Verkörperung & Erweiterter Geist
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V911126
ISBN (eBook)
9783346205322
ISBN (Buch)
9783346205339
Sprache
Deutsch
Schlagworte
logik, logic, notwendige und hinreichende Bedingungen, kontingenzintrakranialismus, Adams und Aizawa, Kognition
Arbeit zitieren
Kim Ann Woodley (Autor:in), 2019, Wie kontingent ist der Kontingenz-Intrakranialismus wirklich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/911126

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