Hic Habitat Felicitas (?) Prostitution in der Gesellschaft der römischen Republik


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorbemerkungen

3. Prostitution in der römischen Antike
3.1 Hintergründe und rechtlicher Status
3.2 Angebot und Nachfrage
3.3 Topografie – Orte der Prostitution
3.4 Stellung in der Gesellschaft

4. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit 2002 ist in Deutschland die Prostitution eine legale Erwerbstätigkeit, seit 2017 gilt das Prostituiertenschutzgesetz. Sexarbeiter*innen müssen nun ihre Tätigkeit bei der zuständigen Behörde anmelden, dafür bekommen sie einen Anspruch auf Urlaub und Rente und können ihren Lohn von Freiern einklagen. Das Gesetz wurde lange diskutiert, wobei auch die allgemeinere Debatte, ob Prostitution überhaupt legal sein sollte und wie sich diese Legalität in den letzten 17 Jahren in Deutschland auf die Gesellschaft auswirkte, ebenfalls wieder in Gang kam.

Das Gewerbe der Prostitution gibt es bereits seit Jahrtausenden, auch wenn sich die Arbeits- und Lebensverhältnisse sowie die gesellschaftliche Rezeption von Sexarbeit immer wieder veränderten. Diese Hausarbeit befasst sich mit der gesellschaftlichen Stellung Prostituierter in der römischen Antike, wobei mehreren Leitfragen nachgegangen werden soll. Wer waren die Prostituierten, welche Rechte hatten sie und welche Gründe für die Ausübung dieser Tätigkeit lassen sich in den Quellen finden? Wie kamen Angebot und Nachfrage zustande? Wo arbeiteten die Prostituierten und wie waren diese Orte ins Stadtleben eingebunden? Wie verhielten sich die römischen Bürger aus verschiedenen Schichten Prostituierten gegenüber?

Da erwachsene Frauen den größten Teil, wenn auch nicht die Gesamtheit der römischen Prostituierten bildeten, wird der Fokus ausschließlich auf ihnen liegen. Auch Männer und Kinder wurden in der römischen Republik prostituiert, jedoch würde deren Berücksichtigung den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Des Weiteren gab es sowohl männliche als auch weibliche Zuhälter*innen und Kuppler*innen; hier wird nur auf die Männer Bezug genommen. Im Rahmen dieser Arbeit werden außerdem ausschließlich Prostituierte betrachtet, die in der römischen Republik, beziehungsweise in Rom und Pompeji arbeiteten; über sie berichten die zu analysierenden Quellen. Es lässt sich deutlich mehr Material zur Prostitution im Kaiserreich und im frühen Christentum finden, dies wurde aber meist schon extensiv von Historiker*innen ausgewertet und thematisiert.1 Cicero, Livius und Seneca thematisieren in ihren Werken die Prostitution in der römischen Gesellschaft, während Inschriften an den Wänden Pompejis Aufschluss über den Alltag der Prostituierten und ihrer Kunden in der antiken Stadt geben. Es gibt bereits einen großen Apparat wissenschaftlicher Forschungsliteratur zum Thema der antiken Prostitution. Besonders relevant für diese Arbeit ist Iwan Blochs „Die Prostitution” von 1912, dessen moralische Denkansätze zum Thema zwar nicht mehr dem Standard von heute entsprechen, in dem aber sorgfältig viele literarische Quellen ausgewertet werden, um ein ganzheitliches Bild der antiken Prostitution zu schaffen. Als weitere Grundlagen dienen die Arbeiten von Thomas McGinn, der die ökonomische und politische Lage der Prostituierten in der Republik und im Kaiserreich untersucht, und Jane Gardner, die sich mit der Rolle der Frau im antiken Rom genauer befasst. Zur gesellschaftlichen Stellung der prostituierten Frau in der römischen Republik gibt es jedoch bislang weniger Forschung, weshalb eine genauere Analyse anhand der Quellen aus Rom und Pompeji interessant sein wird. Nach einer kurzen Vorbemerkung und Begriffsklärung wird ein Blick auf die verschiedenen Herkünfte und die rechtliche Lage der Prostituierten geworfen. Dann werden die Hintergründe des Gewerbes betrachtet und festgestellt, wer Teil der Kundschaft war und wie Frauen zu dem Beruf kamen. Im dritten Teil werden die Orte und verschiedenen Arten der Prostitution betrachtet und die Präsenz des Gewerbes im städtischen Alltag Roms und Pompejis analysiert. Schließlich wird der Stand der Prostituierten in der Gesellschaft herausgearbeitet. Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst, weitere interessante und noch zu erforschende Themen aufgeführt und ein Ausblick gegeben.

2. Vorbemerkungen

Der Begriff “Prostitution” stammt vom lateinischen Verb prostituere, was wörtlich übersetzt „öffentlich hinstellen” oder „preisgeben” bedeutet. Prostitution bezeichnet die Ausübung sexueller Handlungen gegen Bezahlung.2 Jedoch wurde nicht jede Prostituierte in der römischen Antike selbst für ihre Arbeit bezahlt, da viele von ihnen Sklavinnen waren oder von Zuhältern und Kupplern in Abhängigkeitsverhältnisse gezwungen wurden. Somit ist diese Definition eher von der Seite des Konsumenten zu betrachten und vernachlässigt die Realität der Sexarbeiterinnen, während “Prostitution” für jene Frauen oft schlichtweg den ständigen Zwang zu sexuellen Handlungen bedeutete.

Die römischen Geschichtsschreiber verwendeten viele, zum Teil vulgäre Begriffe für weibliche Prostituierte, wie beispielsweise meretrix, lupa oder infamis femina.3 Des Weiteren ist zu beachten, dass sämtliche Quellen von Männern der Oberschicht verfasst wurden, die laut Flemming „less interested in describing the phenomenon of prostitution itself than […] describing […] its meanings for the literary élite“ sind.4 Auch der Sprachgebrauch der wissenschaftlichen Arbeiten, die für diese Hausarbeit relevant sind, sollte infrage gestellt werden. Bezeichnungen wie „Hure“, „Dirne“ oder „whorehouse“ sind veraltet und degradierend; sie werden in dieser Arbeit nur zitiert und nicht aktiv verwendet. Auf diesen Sachverhalt wird im Fazit erneut eingegangen.5

3. Prostitution in der römischen Antike 3.1 Hintergründe und rechtlicher Status

Iwan Bloch bezeichnet die Prostitution als typische Begleiterscheinung „der sozialen Misère [sic!], [des] Pauperismus, [der] Überbevölkerung und [des] Wohnungselend[s]“, die auch im antiken Rom die unteren sozialen Schichten besonders stark betrafen.6 Über die persönlichen Schicksale der Frauen ist aufgrund der männlich-elitären Sichtweise der Quellen fast nichts zu finden. Im römischen Theater gab es das beliebte Motiv der „Verschleppung der Tochter aus gutem Hause ins Freudenhaus, die Rettung durch den Liebhaber sowie das […] Motiv der Anagnorisis“, welches aber für die Erschließung des Alltags im Gewerbe wenig aufschlussreich ist, da es weniger der Realität als dem „Bedürfnis der Zuschauer nach spannenden […] oder anrüchigen Szenen“ entsprach.7 Es gab einige Regelungen, die Prostituierte und Zuhälter von politischen und rechtlichen Privilegien ausschlossen, von diesen waren Frauen aber ohnehin exkludiert.

Die großen Eroberungskriege der römischen Expansion zogen „Massenversklavungen ungeheuren Ausmaßes nach sich“, durch die viele Sklavinnen als Prostituierte nach Rom gebracht wurden.8 Ein großer Teil der Frauen wurde entweder an Kuppler verkauft, vermietet, oder selbst von ihren Besitzern zur Prostitution gezwungen.9 Hierzu erzählt Seneca der Ältere : Quaedam virgo a piratis capta venit; empta a lenone et prostituta est.10 Sklavinnen verfügten über „keinerlei wirksamen Schutz durch das römische Recht“ und Schutz vor sexueller Gewalt bekamen sie, wenn überhaupt, nur durch ihre Besitzer.11 Obwohl die meisten Prostituierten in Bordellen oder anderen Geschäften unter einem leno arbeiteten, gab es auch freie meretrices, die selbstständig Zimmer mieteten und arbeiteten.12 Die Prostitution freier Frauen ist bisher weniger erforscht; jedoch lässt sich erschließen, dass es „oft die Armut war, die Eltern zur Prostitution ihrer Kinder zwang oder Mädchen und Frauen ins Bordell trieb“ - das Gewerbe war lukrativer als die harte Arbeit der Textilherstellung und andere typisch weibliche Berufe. 13 Der einzige überlieferte Fall einer meretrix, die einen Kunden zurückwies, ist der des betrunkenen Ädils Hostilius Mancinus, der sie wegen Verletzungen anklagte, die er bei der Zurückweisung an ihrer Tür erhalten hatte.14 Die Tribunen urteilten hier gegen den randalierenden Ädil.15 Es lässt sich also schließen, dass die meisten Prostituierten Sklavinnen oder Gefangene waren, die ohne Rechte und Schutz für Zuhälter arbeiten mussten, wohingegen ein kleiner Teil freier meretrices in ihren eigenen Räumen arbeiten, ihre Kunden selbst aussuchen und mit der Prostitution mehr Geld als mit einem einfachen Beruf verdienen konnten.

3.2 Angebot und Nachfrage

Seit tausenden von Jahren herrscht auf dem Markt eine Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen. Auch in der römischen Republik waren sowohl Angebot als auch Bedarf groß. Bei der Analyse der Auslöser für das florierende Gewerbe ist es wichtig, zwischen der häufigen Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen und persönlichen oder gesellschaftlichen Gründen zur Prostitution zu unterscheiden.

Ein Beispiel für häufige Kunden waren Soldaten, die mit ihren Legionen ins Ausland zogen und denen die Ehe mit Nicht-Römerinnen verboten war, sodass sie die „Befriedigung ihrer geschlechtlichen Bedürfnisse” bei Prostituierten suchten.16 Livius erzählt hierzu, wie Scipio Africanus 133 v. Chr. sein Heer vor einem Feldzug disziplinieren musste: “duo milia scortorum a castris eiecit, militem cotidie in opere habuit ”.17

Ein weiterer Grund, aus dem Männer Prostituierte aufsuchten, war die Umgehung des Ehebruches. Laut Bloch hat „die strenge Auffassung und Bestrafung des Ehebruches die Entwickelung [sic!] der Prostitution ganz außerordentlich begünstigt”.18 Sowohl das stuprum, der „Geschlechtsverkehr mit anständigen unverheirateten Frauen“ als auch das adulterium, der Ehebruch, wurden in der römischen Gesellschaft verachtet und vor den augusteischen Ehegesetzen meist durch den pater familias bestraft.19 Wer Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten hatte, brach aber nicht sein Eheversprechen -eine der heute schwer verständlichen ethischen Prinzipien der Römer, die beim Thema Prostitution immer wieder sichtbar werden.

Auch männliche Sklaven suchten Bordelle auf, um für wenig Geld sexuelle Dienstleistungen zu kaufen; sie bildeten sogar „a significant portion oft the clientele“.20 Durch die niedrigen Preise, die in pompejanischen Graffiti festgehalten wurden, können sich auch die Armen den Besuch im lupanar leisten. Die Graffiti bestanden meist aus einem Namen und einem Preis und können daher als eine Art Werbung betrachtet werden, die die Prostituierten selbst, ihre Zuhälter oder ihre Kunden an die Hauswände schrieben.21 Die Preise reichen von 2 As, wahrscheinlich einer Art „Grundtarif“ und dem Preis für einen Laib Brot, bis zu 23 As bei „Fortunata“, wobei 2 As der am häufigsten zu verzeichnende Preis ist.22 Es lässt sich vermuten, dass der einfache Zugang zu Prostituierten – ohne rechtliche Konsequenzen, ohne lange Wegzeiten, für wenig Geld – dazu führte, dass sie ein relativ normaler Bestandteil im Leben römischer Männer waren. Doch wie kam dieses große Angebot zustande?

Obwohl lenones, die Zuhälter, „were thoroughly despised [and] held in greater disrepute than procuresses and female prostitutes“, waren Bordelle lohnende Investitionen.23 Männer aus den Unterschichten, die geschickt mit Geld umgehen konnten und die Ansprüche der Kunden kannten, nahmen diese Ächtung durch gehobene Bürger wohl in Kauf, da sich der Beruf rentierte und sie im Alltag ohnehin eher mit ihrer Kundschaft als mit Aristokraten in Kontakt kamen. Auch in der Gastronomie oder im Theater lohnte es sich für die Betreiber, ihren Kunden Prostituierte anzubieten. Hierzu im nächsten Kapitel mehr. Einige Prostituierte waren auch als Kinder ausgesetzt, „von Zuhältern […] aufgezogen und von kleinauf zur Prostitution ‚abgerichtet‘“ worden.24 Die Praxis der expositio scheint in der römischen Antike toleriert und tatsächlich ausgeübt worden zu sein, wobei sie „immer vorrangig Mädchen betraf“, da diese gesellschaftlich weniger geschätzt waren und für die Familie mehr Kosten verursachten als Jungen.25 Oft wurden auch uneheliche Kinder aus Furcht vor sozialer Ächtung ausgesetzt.26

[...]


1 McGinn 2014.

2 Vgl. Bloch 1912, 10.

3 Ebd., 276.

4 Flemming 1999, 40.

5 Bloch 1912, 475f.; MacMullen 1974, 182.

6 Bloch 1912, 270.

7 Stumpp 1998, 25.

8 Ebd., 29.

9 Vgl. Bloch 1912, 239f.

10 Sen. Contr. 1,2,1.

11 Stumpp 1998, 27.

12 Vgl. MacMullen 1974, 86f.

13 Stumpp 1998, 38.

14 Vgl. Flemming 1999, 46.

15 Ebd.

16 Bloch 1912, 255.

17 Liv. Perioch. 57,2.

18 Bloch 1912, 224.

19 Ebd., 225; Vgl. Gardner 1986, 121.

20 Flemming 1999, 45.

21 Vgl. Stumpp 1998, 214f.

22 Ebd., 216-218; McGinn 2004, 47.

23 Vgl. McGinn 1998, 34.

24 Stumpp 1998, 29.

25 Ebd., 30f.

26 Ebd., 31.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Hic Habitat Felicitas (?) Prostitution in der Gesellschaft der römischen Republik
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V912108
ISBN (eBook)
9783346208859
ISBN (Buch)
9783346208866
Sprache
Deutsch
Schlagworte
felicitas, gesellschaft, habitat, prostitution, republik
Arbeit zitieren
Anja Schneider (Autor), 2019, Hic Habitat Felicitas (?) Prostitution in der Gesellschaft der römischen Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/912108

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