Die Grundzüge des Gesellschaftsvertrags von Rousseau und der Theorien von Rawls


Essay, 2020

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Institut: Institut für Politische Wissenschaft (IPW)

Seminar: Einführung in die Politische Theorie

Sommersemester 2020

Gesellschaftsvertrag II

Essay basierend auf den Texten:

1. Rousseau, Jean-Jacques (1977 1762): Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundzüge des Staatsrechts. Stuttgart: Reclam. [Erstes Buch Kapitel 6 und 7, Zweites Buch Kapitel 1, 2 und 7, Drittes Buch Kapitel 12, 13, 14 und 15.]
2. Rawls, John (1979 1971): Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. S. 27–39.

Abgabedatum: 25.05.2020

Eingereicht von:

Name: Ariatani Wolff

Studiengang: Politikwissenschaft (75%), Soziologie (25%)

Fachsemester: 2. Fachsemester

„Wo ein Volk sich Vertreter gibt, ist es nicht mehr frei.“ (Rousseau 1977 1762: 105) Diese Worte stellen nur eine der vielen revolutionären und bis heute kontrovers diskutierten Thesen des politischen Theoretikers Jean-Jacques Rousseau dar. Insbesondere mit Blick auf moderne demokratische Verfassungsstaaten wie Deutschland, wo die Freiheitsrechte zumindest in virusfreien Zeiten mehrheitlich als umfassend eingestuft werden (vgl. Ackermann 2017), drängt sich die Frage auf, wie Rousseau zu dieser Auffassung gelangte.

In seinem 1762 erstmalig erschienenen Hauptwerk „Du contrat social ou Principes du droit politique“, zu deutsch bekannt als „Der Gesellschaftsvertrag“, schließt Rousseau an die Konzeptionen der ihm vorangegangenen Kontraktualisten an, indem er sie weiterführt, aber auch neue Aspekte und alternative Argumentationsmuster formuliert. Während Hobbes und Locke sich vorrangig mit dem Wesen des Naturzustandes, der Notwendigkeit der Vertragsschließung und den Aufgaben des Staates beschäftigten, legte Rousseau seinen Fokus auf die Frage, wer den Souverän ausmachen sollte. Seine Antwort: Wir alle.

Im Folgenden möchte ich Rousseaus Konzeption des Gesellschaftsvertrages und des daraus hervorgehenden Staates vorstellen. Anschließend werfen wir einen kurzen Blick auf die Thesen von Rawls, der als moderner Vertragstheoretiker an Rousseau anknüpfte und betrachten zuletzt beispielhaft zwei Aspekte unseres modernen Gemeinwesens vor dem Hintergrund ihrer Theorien.

Bei Rousseau begegnet uns erneut der große Dreischritt aus Naturzustand, Vertragsschluss und Staatlichkeit. Laut ihm erfolge der Ausgang aus dem Naturzustand aufgrund der vernünftigen und freien Entscheidung aller Gesellschaftsmitglieder, wäre ihnen doch bewusst, dass ihr Ziel der Selbsterhaltung nur so langfristig zu gewährleisten sei. In seinem Gedankenexperiment entscheiden sich die Menschen aus einer Situation völliger Gleichheit heraus dafür, all ihre Interessen dem Gemeinwohl unterzuordnen – dies führe einerseits zur Bündelung ihrer Kräfte und sichere andererseits die individuelle Freiheit eines jeden.

Hobbes und Locke beantworteten die Frage nach eventuellen Individualrechten der Bürger gegenüber dem Staat sehr unterschiedlich und auch Rousseau brachte hier einen eigenen Aspekt mit ein: Da der Souverän sich nur aus seinen einzelnen Mitgliedern konstituiere, also eine aus allen Bürgern bestehende Gesamtkörperschaft sei, wolle und könne er keinem von ihnen schaden. Sein oberstes Interesse richte sich deshalb auf das Wohl der Allgemeinheit, weshalb er immer so handeln würde, wie es für das Gemeinwesen am besten sei. Dabei darf dieser bei Rousseau so zentrale Gemeinwille nicht mit dem Gesamtwillen, im Sinne der Summe aller Einzelinteressen, verwechselt werden.

Die Frage, wie besagter Gemeinwille gefunden werden kann, wird nicht in aller Klarheit beantwortet, weshalb sie bis heute einen der umstrittensten Diskussionspunkte in der Rezeption der rousseauschen Theorie darstellt. Rousseau schrieb seinerzeit lediglich, dass der Gemeinwille unter bestimmten Umständen zwar fehlbar sein könne, normalerweise aber den Willen aller angemessen verkörpere, denn nehme man „von ebendiesem das Mehr und das Weniger weg, das sich gegenseitig aufhebt, so bleibt als Summe der Unterschiede der Gemeinwille“ (Rousseau 1977 1762: 31).

John Rawls gilt als moderner Vertragstheoretiker und schließt als solcher vor allem an die klassischen Kontraktualisten Rousseau und Kant an. Schon der Titel seiner „Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß“ (Rawls 1979 1971: 28) deutet an, dass er den Fokus auf die Frage nach dem Wesen einer gerechten Gesellschaft legt.

Rawls macht von Anfang an deutlich, dass seine Konzeption noch mehr als die seiner Vorgänger auf einem abstrakten Gedankenexperiment beruht. So überlegt er, welche Rechte, Verpflichtungen und Gesetze sich eine Gesellschaft geben würde, wenn ihre Mitglieder aus einer Situation der Freiheit, Gleichheit und Unwissenheit über ihr künftiges Gemeinwesen entscheiden müssten. Ohne natürliche Hierarchien und hinter dem „Schleier des Nichtwissens“ (Rawls 1979 1971: 29) würden die Menschen einzig nach moralischen Maßstäben, nicht nach persönlichem Kalkül, entscheiden und eine Gesellschaftsordnung konzipieren, die allen gleichermaßen Autonomie, Freiheit und Selbstverwirklichung ermöglichte. Gleichzeitig setzt Rawls die Vernunft der Vertragsschließenden voraus, weshalb anzunehmen sei, dass sie sich selbst Gesetze zur Gewährleistung von Sicherheit und Frieden auferlegen würden.

Auch wenn eine diesen Regeln folgende Staatsgründung empirisch beispiellos ist und auch in Zukunft wohl kaum umzusetzen wäre, wird ihre Vorstellung insofern als hilfreich angesehen, als dass reale Staaten an ihr gemessen werden können. Gerecht wären folglich jene Gemeinwesen bzw. Gesetze, denen sich im beschriebenen Urzustand befindliche Menschen freiwillig zugestimmt hätten. Dass Sklaverei, extreme Ungleichheit, Körperstrafen und ähnliches einer solchen Prüfung kaum standhalten würden, ist ersichtlich: Unwissend, ob man nicht selbst zu den Opfern gehören würde, spräche sich niemand für derartige Konzepte aus.

Zuletzt möchte ich als beispielhafte Denkimpulse jeweils einen rousseauschen und rawlsschen Gedanken auf unsere Zeit, konkret die Bundesrepublik Deutschland, beziehen.

Wie das anfängliche Zitat bereits andeutete, würde Rousseau wohl vor allem unser Repräsentationssystem kritisieren.

Souveränität bedeute nichts anderes als die Ausübung des Gemeinwillens und könne unmöglich veräußert werden. Deshalb dürfe der Souverän durch niemanden als sich selbst, also das gesamte Volk, vertreten werden – hier begegnet uns also ein zentraler Unterschied zu Hobbes, bei dem das Volk einen „externen“ Souverän ermächtigt.

In diesem Sinne sprach Rousseau sich mit Blick auf Vorbilder wie das antike Athen und das Genf seiner Zeit für eine direkte Versammlungsdemokratie aus. Sowohl in der griechischen Polis als auch in der unabhängigen schweizerischen Stadtrepublik partizipierten die Bürger direkt an politischen Entscheidungen und diese freie Willensbekundung ermöglichte es, sich letztendlich dem Gemeinwillen unterzuordnen, ohne seine individuelle Freiheit zu verlieren. Nun betrafen die angeführten Beispiele jeweils ein überschaubares Gebiet, weshalb sie sich nicht ohne weiteres auf moderne Flächenstaaten wie die BRD übertragen lassen, doch stärkere Bürgerbeteiligung wäre auch bei uns durchaus möglich. Gerade das bereits existierende föderalistische Organisationsprinzip könnte für Rousseau ein gewisses Weiterentwicklungspotenzial besitzen, um flächendeckend Plebiszite auf niedriger Ebene einzuführen. Die Notwendigkeit dazu ergäbe sich, der rousseauschen Argumentation folgend, aus der Tatsache, dass die Gesetzgebung als ureigener Akt des Gemeinwesens nicht delegiert werden dürfte. Während eine Exekutive (als lediglich ermächtigte, nicht jedoch entscheidungsbefugte Gewalt) vom Volk eingesetzt werden sollte, müsste die Legislativmacht vollständig in allgemeiner Hand verbleiben.

Rawls seinerseits würde mit dem Grundgesetz gewiss einige seiner Forderungen erfüllt sehen, garantiert es doch jedem Menschen sein Recht auf Würde, Freiheit, Gleichheit und Partizipation. Als vermutete Kritikpunkte seien beispielhaft unsere ungleiche Einkommensverteilung sowie die immer noch nicht verwirklichte Bildungs- und Geschlechtergerechtigkeit angeführt. Ohne Kenntnis des späteren Berufes, des sozialen Kontextes und des eigenen Geschlechts würden die Menschen wohl ein System schaffen, in dem selbst die unterste soziale Hierarchiestufe und die niedrigste Einkommensklasse noch gesellschaftliche Teilhabe und ein wirtschaftlich gesichertes Leben garantieren würden – schließlich könnte man sich selbst dort wiederfinden. Obgleich wir in Deutschland „nur“ von relativer Armut sprechen und jeder sein Geschick bis zu einem gewissen Grad selbst in der Hand hat, kann der Gedanke, ob wir die vorhandenen Strukturen auch von einer weniger privilegierten Position aus als legitim empfänden, uns allen vielleicht einen Denkanstoß geben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Die Grundzüge des Gesellschaftsvertrags von Rousseau und der Theorien von Rawls
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
5
Katalognummer
V914124
ISBN (eBook)
9783346305039
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschaftsvertrag, Vertragstheorien, Kontraktualisten, Rousseau, Rawls, Gerechtigkeit, Anwendung auf die BRD, Übertrabarkeit, Schleier des Nichtwissens, Naturzustand, Urzustand, Gerechtigkeitstheorien, Politische Theorie
Arbeit zitieren
Ariatani Wolff (Autor:in), 2020, Die Grundzüge des Gesellschaftsvertrags von Rousseau und der Theorien von Rawls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/914124

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