Gibt es einen idealen Erziehungsstil?

Eine Gegenüberstellung autoritärer und antiautoritärer Erziehung


Hausarbeit, 2019

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Erziehung?
2.1 Erziehungsziele
2.2 Erziehungsmittel
2.3 Erziehungsstil

3 Autoritäre Erziehung
3.1 Was ist Autorität?
3.2 Die autoritäre Persönlichkeit
3.3 Merkmale des autoritären Stils

4 Antiautoritäre Erziehung
4.1 Merkmale antiautoritärer Erziehung liberaler Prägung nach A. S. Neill
4.2 Kritische Analyse

5 Das Dilemma des Erziehers
5.1 Fremdbestimmte Einwirkung
5.2 Selbstbestimmung des Kindes

6 Schlusswort

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Erziehung ist weitestgehend die Aufgabe der Eltern. Meist können sich bereits die werdenden Eltern schon nicht vor einer Flut aus Ratschlägen retten. Ratschläge, wie erzogen werden soll, kommen beispielsweise von den eigenen Eltern, aus dem Freundeskreis, aus Zeitschriften, Foren im Internet, Erziehungsratgebern und vielem mehr. Dies führt nicht selten zu einem Gefühl der Unsicherheit, sodass Eltern häufig nicht wissen, wie sie sich in erzieherischen Situationen verhalten sollen. So sind sich die meisten Eltern über die Ziele der Erziehung zwar einig; bei der Frage um den richtigen Erziehungsstil und die richtige Herangehensweise gehen die Meinungen dagegen weit auseinander. Das liegt nicht zuletzt an der Vielzahl der Erziehungsstile und den kontroversen Diskussionen um diese. Aufgrund der Umfangsbegrenzung der vorliegenden Arbeit, soll im Folgenden nur auf die beiden Extremstile der Erziehung, also die autoritäre und die antiautoritäre Erziehung und das damit Verbundene Spannungsverhältnis von Fremdbestimmung und Selbstbestimmung eingegangen werden.

Die Uneinigkeit über Erziehungsstile ist nichts völlig Neuartiges. Sie hat sich jedoch im Gegensatz zu früheren Zeiten verschärft und zeigt sich besonders durch extreme antiautoritäre Bewegungen, die sich völlig und ohne Wenn und Aber gegen jede Art von Autorität stellen. Diese Verteufelung der Autorität geschieht aus einer sehr emotionalen Haltung heraus und macht eine kritische, rationale Auseinandersetzung mit der Autoritätsproblematik und damit den Wandel von Autoritätsstrukturen fast unmöglich (vgl. Weber 1974, S. 10).

Häufig sind Erzieher, vor allem verunsicherte Eltern, in einem Schwarz-Weiß-Denken gefangen. Sie fühlen sich in dem Spannungsverhältnis aus Freiheit und Fremdbestimmung verloren. Aus der Sicht der Vertreter extremst antiautoritärer, freiheitlicher Erziehung ist die autoritäre Erziehung und fremdbestimmte Einwirkung beispielsweise völlig abzulehnen. Aber kann so einfach bestimmt werden, dass eine Form der Erziehung besser ist als die andere? Ist es sinnvoll, eine Seite des Spannungsverhältnisses anzupreisen und die andere abzulehnen? Gibt es also einen idealen Erziehungsstil und was ist die „ideale Erziehung“?

Dieser Frage soll in den folgenden Überlegungen nachgegangen werden. Zunächst muss aber geklärt werden, was genau unter dem Begriff „Erziehung“ verstanden wird. Daraufhin werden die beiden Extremstile, also der autoritäre und der antiautoritäre Stil, dargestellt und letztlich das daraus folgende Spannungsverhältnis zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung analysiert.

2 Was ist Erziehung?

Der Begriff „Erziehung“ ist aufgrund seiner Komplexität vielfältig definiert. Im alltäglichen Wortgebrauch versteht man unter dem Begriff des Erziehens die Interaktion zwischen Eltern und ihren Kindern, die sich in einer Vielzahl von Situationen zeigt. Einige Beispiele für diese Interaktion sind: Loben und Tadeln des Kindes, Arbeitsaufträge erteilen, Sachverhalte erklären, Hilfe leisten, Empathie wecken, Streit schlichten, Trost spenden usw. Im Kern bedeutet „erziehen“ die Konfrontation des Kindes, mit von den Eltern als förderlich angesehenen Einflüssen und die Behütung und Abschirmung des Kindes vor schlechten Einflüssen (vgl. Brezinka 1990, S. 49). Die erzieherische Tätigkeit wird durch das Bewusstsein bestimmt, als Eltern Verantwortung für das Kind und seine Entwicklung zu haben. So sehen Eltern es als ihre Aufgabe an, das Kind zu fördern und zu unterstützen, sodass es sich zu einem handlungsfähigen, selbstbestimmten Menschen entwickelt (vgl. ebd., S. 49).

Eine in der pädagogischen Fachsprache bekannte Begriffsdefinition von Erziehung ist die Folgende von Brezinka:

„Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“ (Brezinka 1990, S. 95).

Brezinka sieht Erziehung bei seiner Definition also als eine intentionale Handlung, durch die versucht wird, die geistigen Veranlagungen sowie die Persönlichkeitsmerkmale eines anderen Menschen zu verändern und dauerhaft zu verbessern. Mit Erziehung wird außerdem „eine längerdauernde Handlungseinheit oder ein Handlungssystem gemeint, das sich unter Umständen über Jahre hinweg erstreckt, - also nicht nur eine kurzdauernde Einzelhandlung“ (Brezinka 1990, S. 97).

Biologisch betrachtet gilt der Mensch als ein Mängelwesen, das auf eine erzieherische Einführung in bestimmte Werte, Normen, kulturelle Praktiken und in die Sprache angewiesen ist, weil seine Handlungen nicht direkt durch Instinkte vorgegeben sind (vgl. Stein 2009, S. 37). Obwohl der Mensch sich also manches von selbst aneignen kann, ist er doch auf Erziehung und Unterstützung angewiesen. Je komplexer und umfangreicher die modernen Lebenswelten und -verhältnisse werden, umso mehr ist der Mensch auf Erziehung angewiesen. Die Lernhilfe „Erziehung“ ist immer dann nötig, wenn der Mensch eine notwendige Lernaufgabe nicht von allein bewältigen kann; also immer dann, wenn es zu Schwierigkeiten beim Lernen kommt, die der Lernende nicht von allein überwinden kann (vgl. Weber 1986, S. 25–26).

Es gibt somit viele verschiedene Definitionen von Erziehung. Bei der Vielzahl der Erziehungsbegriffe ist jedoch auffällig, dass fast alle miteinander gemeinsam haben, dass es sich bei Erziehung um einen aktiven, intentionalen Vorgang handelt, bei dem versucht wird, einen anderen Menschen zu beeinflussen und zu verändern (vgl. Brezinka 1981, S. 185). D. h. Erziehung ist eine Handlung, die dazu dient, bestimmte Zwecke zu verwirklichen bzw. Erziehungsziele zu erreichen (vgl. ebd., S. 187). Wenn Erziehung dazu dient, bestimmte Erziehungsziele zu erreichen, muss als nächstes der Begriff des „Erziehungsziels“ geklärt werden.

2.1 Erziehungsziele

Grundsätzlich ist erzieherisches Handeln nicht ohne die Festlegung der Erziehungsziele möglich, denn Erziehung orientiert sich an den Zielen. Zunächst muss also die Frage beantwortet werden, wozu das auf Erziehung angewiesene und hochgradig formbare Wesen Mensch erzogen werden soll (vgl. Gudjons und Traub 2012, S. 199).

Eine Umfrage, bei der 686 Eltern mit Kindern im Alter von bis zu 12 Jahren befragt wurden, hat gezeigt, dass folgende Erziehungsziele für Eltern besonders wichtig sind: Höflichkeit und gutes Benehmen, Gewissenhaftigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Toleranz usw. Neben Bescheidenheit, Zurückhaltung und festem Glauben kommt auch der Einpassung in eine Ordnung und Anpassungsbereitschaft eine vergleichsweise geringe Bedeutung zu (vgl. Statista 2009). Eltern wünschen sich also zwar höfliche, „anständige“ Kinder, diese sollen aber trotzdem Selbstständig und Selbstbestimmt sein. Weniger wichtig ist die Einfügung in eine Ordnung, also sich dem Willen anderer zu beugen.

In der pädagogischen Fachsprache wird „Erziehungsziel“ von Brezinka wie folgt definiert: „Als Erziehungsziel wird eine Norm (oder ein Ideal) für Educanden bezeichnet, die fordert, daß ein bestimmter Zustand der Persönlichkeit, d. h. eine bestimmte psychische Disposition bzw. ein bestimmtes Dispositionsgefüge sein soll“ (Brezinka 1981, S. 86–87). Pädagogische Ziele sind also Vorstellungen, die sich einerseits auf lernbare Inhalte und andererseits auf den Soll-Zustand des Zu-Erziehenden beziehen. Erziehungsziele sind daher verbindliche Lerninhalte, die sich bestimmte Personen in einer bestimmten Phase der Entwicklung aneignen oder bewahren sollen (vgl. Domke 1991, S. 60).

Durch Erziehung sollen Zwecke oder Zielzustände erreicht werden. Ziel ist immer die Veränderung des Zu-Erziehenden und dessen geistiger Dispositionen. Was genau durch die Erziehung erreicht werden soll, ist abhängig von der Situation und lässt sich unterscheiden in einfache Eigenschaften die erlernt werden sollen (wie z. B. das Schuhe binden) oder umfangreiche Eigenschaftsgefüge (wie z. B. das Lernen einer Fremdsprache) oder eine bestimmte Verfassung der gesamten Persönlichkeit (z. B. eine religiöse oder politische Prägung der Persönlichkeit). Das Bezweckte wird allgemein als Ziel der Erziehung bezeichnet. Dies ist jedoch ungenau, da die Erziehung selbst ja keine Ziele haben kann, sondern nur die Menschen. Erziehungsziele sind daher die Ziele der Erzieher bzw. ihrer Auftraggeber oder ganz allgemein: der Gesellschaft (vgl. Brezinka 1981, S. 149). D. h. Erziehungsziele sind weniger Ziele der Erziehung, sondern eher Ziele der Erzieher. Zudem werden Erziehungsziele nicht immer offen gelegt und direkt kommuniziert. Sie werden teilweise nur indirekt durch das Verhalten des Erziehers schlüssig (vgl. Stein 2009, S. 51).

Selten soll nur ein einzelnes Erziehungsziel erreicht werden. Meist sollen mehrere Erziehungsziele zugleich oder nacheinander verwirklicht werden. Dadurch entsteht ein komplexes System von Zwecken, Bedingungen und deren Verwirklichung (vgl. Brezinka 1981, S. 167).

Neben den Zielvorstellungen, die der Erzieher von außen an Lernende heranträgt, gibt es auch Erwartungen, die die Lernenden selbst an sich stellen. Es werden also auch eigene, persönliche Lernziele gesetzt (vgl. Domke 1991, S. 60). Wenn die Ziele des Erziehers und die persönlichen Ziele des Zu-Erziehenden allerdings nicht übereinstimmen, ist es aus Motivationsgründen von großer Bedeutung, dass der Erzieher zumindest die hinter seinen Mitteln stehenden Lernziele und deren Bedeutung angibt (vgl. ebd., S. 60–61). Die Erziehungsmittel und Erziehungsziele sind also eng miteinander verknüpft und das Ziel geht dem Mittel voraus (vgl. Geissler 1973, S. 15). Da die Erziehungsziele nun bestimmt wurden, kann zur Beschreibung der Erziehungsmitteln übergegangen werden.

2.2 Erziehungsmittel

Erziehungsmittel dienen einem Ziel. Umgekehrt ist das Ziel aber auch davon abhängig, was methodisch erreicht werden kann (vgl. Domke 1991, S. 60). Es besteht also ein wechselseitiger Zusammenhang von Mittel und Ziel der Erziehung.

Grundsätzlich kann man als Erziehungsmittel den Einsatz von Verstärkern zur Aufrechterhaltung und zum Aufbau erwünschter Verhaltensweisen, sowie zum Abbau unerwünschten Verhaltens bezeichnen. Die Erziehungsmittel erfolgen als Antwort auf das Verhalten des Kindes und umfassen sowohl materielle als auch soziale Verstärker (z. B. Belohnungen, Lob oder Tadel). Erziehungsmittel können einerseits in direkte und indirekte Mittel eingeteilt werden. Bei direkten Erziehungsmitteln handelt es sich um die Vermittlung positiver Anreize, wie Lob oder Belohnungen, wohingegen es sich bei indirekten Erziehungsmitteln um das Herstellen einer bestimmten Umgebung, z. B. durch die Auswahl bestimmter Kinderbücher und Themen, handelt. Andererseits können Erziehungsmittel nach der Art der Verstärkung, also in soziale Verstärkung oder Bestrafung, sowie materielle Verstärkung oder Bestrafung unterschieden werden. Ebenfalls unterschieden werden verschiedene Arten der Bestrafung. Beispiele für Bestrafungsarten sind Tadeln oder Schimpfen, Liebesentzug, körperliche Bestrafungen, Androhung von Konsequenzen, aber auch Appelle an die Reife des Kindes und das Darstellen der Enttäuschung des Erziehers über das Verhalten des Kindes (vgl. Stein 2009, S. 55–56).

Erich Weber bevorzugt den Begriff „Erziehungspraktiken“ anstelle von „Erziehungsmitteln“, da dieser Begriff am wenigsten vorbelastet ist und neutral ist, aber auch, weil der Begriff sich bereits im wissenschaftlichen Sprachgebrauch etabliert hat (vgl. Weber 1986, S. 31).

„Mit Erziehungspraktiken meint man das Insgesamt des sozialen Interaktionsverhaltens der Enkulturationshilfe (im umfassenden Sinne). Dabei kann diese, eine Lernhilfe bezweckende, soziale Interaktion direkt (d. h. unmittelbar, von Person zu Person) und indirekt (d. h. vermittelt, entweder durch die Herbeiführung von erzieherisch förderlichen Umweltbedingungen oder durch Medien) erfolgen“ (Weber 1986, S. 29).

Hier werden demnach ebenfalls direkte und indirekte Erziehungsmittel, welche in der Erziehung als Enkulturations- und Lernhilfe angewendet werden, unterschieden. Nach Weber sind Erziehungspraktiken die Verhaltensweisen des Erziehers, durch die sich Erziehung erfolgreich umsetzen lässt (vgl. Weber 1986, S. 29). Erziehungsmittel sind also Handlungen, durch die eine beabsichtigte erzieherische Wirkung angestrebt wird (vgl. ebd., S. 35).

Erziehungsmittel richten sich auf ein bestimmtes Erziehungsziel, das es zu erreichen gilt. Die Qualität der Erziehungsmittel hängt vom Grad ihrer Wirksamkeit ab, mit dem die gewünschten Ziele erreicht werden und vom Umfang der unerwünschten Nebenwirkungen, die mit dem jeweiligen Erziehungsmittel einhergehen (vgl. Geissler 1973, S. 24).

Eine wichtige Anmerkung ist außerdem, dass Erziehungspraktiken nur da wirksam sind, wo ein Beziehungsverhältnis zwischen Erzieher und Zu-Erziehendem besteht. D. h. Lob und Tadel haben nur dann eine Wirkung, wenn der davon Angesprochene sich auch etwas daraus macht. Besteht keine Beziehung zwischen den Parteien, bleiben Äußerungen des Erziehers wirkungslos oder bewirken sogar das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war (vgl. Weber 1986, S. 38).

Je einheitlicher der Stil der jeweiligen Erziehungsmittel ist, und je mehr die Praktiken in Bezug auf die jeweiligen Erziehungsziele Sinn ergeben, desto wirksamer ist die Erziehung. Erziehungsmaßnahmen dürfen also nicht isoliert voneinander betrachtet werden und nicht von einem Stil zum nächsten springen. Sie sollten sich möglichst innerhalb eines erzieherischen Gesamtfeldes oder „Erziehungsstils“ bewegen um stimmig zu sein (vgl. Weber 1986, S. 39). Aber was genau ist ein Erziehungsstil?

2.3 Erziehungsstil

Bei einem Erziehungsstil handelt es sich um individuell variable, aber doch vergleichsweise stabile Verhaltenstendenzen von Erziehern im Umgang mit Zu-Erziehenden. Erziehungsstile sind kurz gesagt demnach Muster von Erziehungsmitteln und -maßnahmen (vgl. Latzko 2006, S. 14).

Nach Weber sind Erziehungsstile „relativ sinneinheitlich ausgeprägte Möglichkeiten erzieherischen Verhaltens, die sich durch typische Komplexe von Erziehungspraktiken charakterisieren lassen“ (Weber 1986, S. 33). Der Erziehungsstil besteht also aus zusammengehörigen und sinneinheitlichen Erziehungspraktiken, die auf ein gemeinsames Erziehungsziel hinarbeiten und ausgerichtet sind. Beim Erziehungsstil werden nicht nur einzelne Erziehungspraktiken oder -mittel betrachtet, sondern deren Verbindung zu einem sinneinheitlichen Gefüge.

Es muss beachtet werden, dass von Erziehungsstilen im Sinne des Individualstils aber auch im Sinne des Gruppenstils gesprochen werden kann. Der Individualstil ist die einzigartige Persönlichkeit bzw. die individuelle Eigenart eines jeden Erziehers, die sich auf die jeweiligen Erziehungsziele und -praktiken dieses Erziehers auswirkt. Der erzieherische Gruppenstil hingegen meint die voneinander unterscheidbaren Grundformen des pädagogischen Verhaltens. Diese Grundformen werden von ganzen Erziehergruppen gewählt und sind typisch für diese Gruppen (vgl. Weber 1986, S. 33).

Außerdem ist die Erforschung der Erziehungsstile von großer Bedeutung, da ihre Betrachtung dazu führt, dass einzelne Erziehungspraktiken nicht als isolierte Mittel verstanden werden, durch die sich der gewünschte Erfolg einstellt, sondern als kleiner Teil eines Gesamtgefüges. Ebenso hat sich durch die Lehre der Erziehungsstile herausgestellt, dass es eine Vielzahl an Stilen und nicht nur einen Weg der Erziehung gibt. Unterschiedliches erzieherisches Vorgehen führt also, mit den jeweils unterschiedlichen Vorteilen und Nachteilen, zu den Zielzuständen (vgl. Weber 1986, S. 46).

Die Erforschung der Erziehungsstile führt demnach dazu, dass diese nicht als starre Anleitung für die Bewältigung von Erziehungssituationen verstanden werden, sondern als ein System, an dem sich der Erzieher orientieren und in dem er sich bewegen kann.

Nach Margit Stein haben „die Elternpersönlichkeit, die kindliche Persönlichkeit, die Qualität der Partnerbeziehung, die finanzielle Situation der Familie und das soziale Netz“ (Stein 2009, S. 54) Einfluss auf den Erziehungsstil. Demnach fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, wie viele Arten und Abwandlungen von Erziehungsstilen es gibt. Im Folgenden werden die zwei wohl kontroversesten und meist diskutierten Erziehungsstile, nämlich der autoritäre und der antiautoritäre Stil, beschrieben um der Frage nach dem idealen Erziehungsstil nachzugehen.

3 Autoritäre Erziehung

3.1 Was ist Autorität?

Autorität ist eine Form der Beziehung, die gekennzeichnet ist durch einen Autoritätsträger (den Erzieher), einen Autoritätsempfänger (den Zu-Erziehenden) und durch eine Art der Überlegenheit des Autoritätsträgers, auf einem oder mehreren Gebieten. Die Autorität beschränkt sich auf die Gebiete, auf denen der Autoritätsträger dem Autoritätsempfänger gegenüber überlegen ist und daher eine Orientierungs- und Regulierungsfunktion ausüben kann. Erst durch die Anerkennung der Überlegenheit kommt das Autoritätsverhältnis zustande (vgl. Weber 1974, S. 186–187).

Kurzgesagt ist Autorität also eine Beziehung zwischen dem Autoritätsträger und dem Autoritätsempfänger, die durch eine freiwillige und subjektive Anerkennung der Überlegenheit des Autoritätsträgers auf einem oder mehreren Gebieten entsteht (vgl. ebd., S. 210).

Der Autoritätsträger verfügt über Macht. Unter Macht versteht man ganz allgemein die Fähigkeit das Verhalten andere Menschen sozial zu beeinflussen und zu regulieren, was nicht unbedingt gegen deren Willen geschehen muss. Man unterscheidet zwischen Zwangsmacht und Vollmacht. Zwangsmacht wirkt determinierend. Der Mächtige legt das Verhalten des Unterlegenen durch äußere Einflussmaßnahmen ohne Zustimmung des Beeinflussten zwingend fest. Bei der Vollmacht hingegen wird die Macht nicht zwingend oder fixierend ausgeübt. Der Machtträger kann Personen, die seine Überlegenheit anerkennen, dazu bringen, sich von ihm beeinflussen zu lassen, ohne dass diese dadurch abhängig gemacht werden. Der Beeinflusste stimmt der Einflussnahme also innerlich zu und akzeptiert sie (vgl. Weber 1974, S. 194–198). Der Einsatz von Zwangsmacht findet sich besonders bei autoritären Verhältnissen, wohingegen Vollmacht typisch für ein pädagogisches Autoritätsverhältnis ist.

Pädagogische Autorität, d. h. ein erzieherisches Autoritätsverhältnis, ist dort gegeben, wo Erzieher, als Autoritätsträger, eine auf Vertrauen oder Einsicht des Autoritätsempfängers basierende Vollmacht besitzen. Diese Vollmacht ermöglicht es dem Erzieher, aufgrund der zumindest partiellen Überlegenheit, den Zu-Erziehenden förderlich zu beeinflussen und zu regulieren. Die pädagogische Autorität ist nur Mittel zum Zweck und lässt sich nur durch den Zweck rechtfertigen (vgl. Weber 1974, S. 236). Pädagogische Autorität ist also nur ein Mittel, um das Ziel der Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und des Lernzuwachses des Zu-Erziehenden zu erreichen. Pädagogische Autorität und Erziehung sind für die Entwicklung des Menschen und das individuelle sowie gesellschaftliche Leben unverzichtbar. Dennoch darf ein pädagogisches Autoritätsverhältnis keineswegs generell akzeptiert und in jeder Form angenommen werden (vgl. ebd., S. 240–241). Ohne Autorität gäbe es keine Erziehung, aber trotzdem muss stets kritisch hinterfragt werden, ob die Anerkennung der jeweiligen Autorität gerechtfertigt ist.

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Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Gibt es einen idealen Erziehungsstil?
Untertitel
Eine Gegenüberstellung autoritärer und antiautoritärer Erziehung
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V915946
ISBN (eBook)
9783346214034
ISBN (Buch)
9783346214041
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Erziehungsstil, Erziehungsziele, Erziehungsmittel, Autoritäre Erziehung, Antiautoritäre Erziehung, autoritäre Persönlichkeit, Selbstbestimmung des Kindes, Fremdbestimmte Einwirkung, antiautoritäre Erziehung liberaler Prägung, A. S. Neill
Arbeit zitieren
Janina Kronthaler (Autor), 2019, Gibt es einen idealen Erziehungsstil?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/915946

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