Das Gefühl der Harmlosigkeit in "Das Karussell" von Rainer Maria Rilke

Analyse der Bildlichkeit, Akustik und Semantik


Hausarbeit, 2020

8 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Beschreibung von Inhalt und Aufbau des Gedichts

3 Analyse des Gedichts

4 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Rainer Maria Rilke schrieb das Gedicht Das Karussell im Jahr 1906. Zusammen mit dem Panther ist Das Karussell eines der berühmtesten Gedichte der Sammlung Neue Gedichte (vgl. Henke 2003: 2). Es handelt sich hierbei um Dinggedichte, wobei ein Objekt im Fokus steht (vgl. Oppert 1926: 747f.). Wie der Titel des Gedichts bereits verrät, ist das im Fokus stehende Objekt das Karussell. Dieses steht in einem in Paris gelegenen Vergnügungspark, worauf der Untertitel Jardin du Luxembourg hinweist. (Vgl. Rilke 1906)

Die Berühmtheit des Gedichts „verdankt sich wohl dem aufs erste Hören harmlosen Charakter des Gedichts“ (Henke 2003: 3). Dieses beim Hörer beziehungsweise beim Leser entstehende Gefühl lässt sich hinsichtlich der Bildlichkeit, der Akustik und der Semantik des Gedichts begründen (vgl. ebd.). Da das lyrische Ich im Gedicht das sich bewegende Karussell und die darauf sich befindenden Tiere und Kinder beobachtet, entsteht die Verweisung auf das Motiv der Kindheit. Auf diesem Grund soll im Verlauf dieser Ausarbeitung die folgende Fragestellung beantwortet werden: Auf welche Weise erzeugen Bildlichkeit, Akustik und Semantik im Gedicht Das Karussell von Rainer Maria Rilke ein Gefühl von Harmlosigkeit?

Um die formulierte Fragestellung zu beantworten, wird zunächst der Inhalt und der Aufbau des Gedichts erläutert. Darauf aufbauend werden unterschiedliche Aspekte des Gedichts analysiert, zu denen die Bildlichkeit, Akustik, Semantik und das Kindheitsmotiv gehören. Mithilfe dieser Analyseaspekte soll die aufgeworfene Fragestellung beantwortet werden und in einem Fazit zusammenfassend dargestellt werden.

2 Beschreibung von Inhalt und Aufbau des Gedichts

Rilkes Gedicht Das Karussell handelt von einer Karussellfahrt, die durch verschiedene Mittel sowie der Passung von Inhalt und Form nachgeahmt wird (vgl. de Man 1988: 57f.).

Es gliedert sich in sieben Strophen, wobei jeweils unterschiedliche Anzahlen von Versen enthalten sind und steht somit der geschlossenen Sonett-Form gegenüber (vgl. Henke 2003: 4). Die erste Strophe besteht aus acht Versen, die zweite und dritte Strophe aus drei Versen (Terzett (vgl. Siedler 1965: 30). In der vierten und sechsten Strophe steht ausschließlich ein Vers. Die fünfte Strophe besteht aus vier Versen und in der siebten Strophe sind sieben Verse vorhanden. Das Versmaß ist im gesamten Gedicht der fünfhebige Jambus mit fast ausschließlich männlichen Kadenzen. (Vgl. Rilke 1906) Das Reimschema ist wechselnd und in unregelmäßigen Abständen wiederkehrend, wobei Übergange von umarmenden Reim und Kreuzreim eingearbeitet wurden (Reimschema: a-b-b-a-b-c-c-b-d-e-d-f-b-f-b-e-f-f-e-b-g-h-g-h-g-g-h). Es „spiegelt kein Nacheinander, sondern ein Ineinander der Elemente wider“ (Henke 2003: 5) und verdeutlicht die drehende Bewegung des Karussells.

In der ersten Strophe wird das Karussell, ein bestimmtes, wie am Artikel des Wortes deutlich wird, beschrieben und erste Tiere genannt und beschrieben. Hierzu gehören bunte, mutig aussehende Pferde, „ein böser roter Löwe […] und […] ein weißer Elefant“ (Rilke 1906: V. 7f.) (vgl. ebd., V. 1-8). Die Szenerie wird aus Sicht einer außenstehenden erwachsenen Person beschrieben. In der zweiten Strophe kommt der Hirsch als ein weiteres Tier dazu. Er wird mit einem lebensechten Wildtier verglichen, der jedoch einen Sattel trägt, auf dem ein Mädchen reitet. Hierbei wird eine zweite Perspektive hinzugenommen, die eines Kindes. Das Kind erkennt in seiner Perspektive, dass ein Hirsch im normalen Leben keinen Sattel trägt. In den weiteren Strophen werden die Beschreibungen aus der kindlichen und erwachsenen Perspektive vermischt. (Vgl. Henke 2003: 8f.) In der dritten Strophe wird eine ähnliche Szenerie beschrieben, wie zuvor (vgl. ebd.: V. 9-11). Ein Junge reitet auf dem bereits beschriebenen Löwen, der wild seine Zähne und Zunge zeigt (vgl. ebd.: V. 12-14). In der darauffolgenden Strophe, der aus Vers 15 besteht, wird erneut der Elefant als Tier benannt. Strophe fünf beschreibt Mädchen, die den Karussellfahren auf Pferden „fast schon entwachsen“ (ebd.: V. 18) sind. Es folgt erneut eine Strophe mit einem Vers, in der erneut der Elefant benannt wird. In der letzten Strophe werden das scheinbar nicht endende Drehen des Karussells und das Lächeln der Kinder beschrieben. Zunächst selig, dann blendend und verschwendend für ein „atmenlose[s] blinde[s] Spiel“ (ebd.: V. 27).

Das Karussell als Objekt symbolisiert das Motiv der Kindheit, die beschriebenen Situationen weisen darauf hin, dass diese für das lyrische Ich möglicherweise zu schnell vergeht. „[…] [A]lle aus dem Land, das lange zögert, eh es untergeht“ (ebd.: V. 4), verdeutlicht eben diesen Aspekt. Die Kindheit besteht über längere Zeit, ist jedoch auch zerbrechlich und vergänglich. (Vgl. Berendt 1957: 158)

3 Analyse des Gedichts

Im Folgenden werden unterschiedliche Aspekte des Gedichts analysiert, mit dem Ziel herauszuarbeiten, auf welche Weise diese dazu beitragen bei dem Leser beziehungsweise Hörer ein Gefühl der Harmlosigkeit zu erzeugen (vgl. Henke 2003: 6).

Analyse hinsichtlich der Bildlichkeit

Im Gedicht Das Karussell wird vermehrt mit bildlichen Darstellungen gearbeitet. Diese entstehen beispielsweise durch die häufige Verwendung von Adjektiven, wie für die Beschreibung der Tiere: „bunten Pferden“, „böser roter Löwe“ (Rilke 1906: V. 3, 7). Die hier verwendeten Farbadjektive wiederholen sich fortwährend und verstärken das Bild des sich drehenden Karussells. Hierbei verschwimmen die Farben am Ende des Gedichts und unterstreichen zusammen mit dem Metrum die „mechanischen Bewegungen des Gefährts“ (Henke 2003: 5). (Vgl. Rilke 1906: V. 3, 7; Seidler 1965: 29). Die näheren Beschreibungen der Tiere unterstreichen die Bildlichkeit im Gedicht, dadurch erscheinen diese lebendig: „Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald“ (Rilke 1906: V. 9), „dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge“ (ebd.: V. 14). Neben diesen lebensnahen Beschreibungen wird fortwährend der Bezug zum Karussell hergestellt, wodurch das Bild dieses verstärkt wird: „[N]ur da[ss] er einen Sattel trägt und drüber ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt“ (ebd.: V. 10f.), „[u]nd auf dem Löwen reitet weiß ein Junge“ (ebd.: V. 12).

Analyse hinsichtlich der Akustik

Neben der Bildlichkeit, die im Gedicht erzeugt wird, spielt die Akustik eine besondere Rolle um beim Leser beziehungsweise Hörer ein Gefühl der Harmlosigkeit zu erzeugen.

Mithilfe des Metrums, welches im gesamten Gedicht ohne Wechsel als Jambus vorliegt, wird das Bild eines sich unermüdlich, mechanisch funktionierenden und sich drehenden Karussells unterstützt (vgl. Henke 2003: 5; Seidler 1965: 29). Die kreisende Bewegung des Karussells wird durch das Stilmittel der Alliteration verstärkt. Sie lassen sich in „Mut/ Mienen“ (Rilke 1906: V. 6), „heiße Hand“ (Rilke 1906: V. 13), „Zähne/ zeigt/ Zunge“ (Rilke 1906: V. 14), „Grün/ Grau“ (Rilke 1906: V. 23) erkennen und verdeutlichen die Verbindung der einzelnen Elemente auf dem Karussell. Ein weiteres akustisches Element ist der Einsatz von Enjambements. Durch das Verbinden der einzelnen Verse wird das Bild des sich drehenden Karussells verstärkt, wodurch der Inhalt von der äußeren Form des Gedichts in Einklang gebracht werden. Das Karussell dreht sich unermüdlich und dieses Drehen, ohne eine Veränderung der Bewegungsabläufe wird durch den Einsatz von Enjambements realisiert. „Die Strophen reihen sich aneinander wie die Bilder des Karussells” (Groß 1962: 161). Der wiederkehrende Vers „und dann und wann ein weißer Elefant“ (Rilke 1906: 8, 15, 20) deutet ein Lied für Kinder an, wobei der Vers an einen Refrain erinnert (vgl. Henke 2003: 6). Im Gedicht zeigt dieser Vers erneut die Wiederkehr der einzelnen Elemente auf dem Karussell und verstärkt die Drehbewegung. (Vgl. Groß 1962: 161) Auch hier unterstützt die äußere Form den Inhalt des Gedichts.

Zum Ende des Gedichts finden das und häufiger Verwendung, was die zunehmende Geschwindigkeit der Drehbewegung beim Karussell unterstützt. Dies hat zur Folge, dass auch das Sprechen atemlos erscheint: „Und das geht hin und eilt sich, da[s] endet, und kreist und dreht sich nun und hat kein Ziel“ (Rilke 1906: V. 21f.). Der entstandene Schwung des Karussells wird zudem durch die Unvollständigkeit der Sätze in den letzten Zeilen des Gedichts unterstützt. Dies ist „typisch für Rilkes Dinggedichte” (Siedler 1965: 29) und verdeutlicht, dass das Drehen nun stetig ist. (Vgl. ebd.)

Analyse hinsichtlich der Semantik

Bei der Betrachtung des wechselnden Reimschemas fällt auf, dass der Reim b nicht ausschließlich zu Beginn des Gedichts verwendet wird, sondern im Verlauf des Gedichts dreimal erneut eingesetzt wird (a-b-b-a-b-c-c- b -d-e-d-f- b -f-b-e-f-f-e- b -g-h-g-h-g-g-h). Der wiederholte Vers ist stets der gleiche: „[U]nd dann und wann ein weißer Elefant“ (ebd.: V. 8, 15, 20). Durch die Wiederholung dieses Verses wird die unaufhörliche und immer wiederkehrende Drehbewegung des Karussells symbolisiert. Die Wiederholung des Verses kann als zusammenfügendes Element beschrieben werden. Ein weiteres Element, welches die Drehbewegung verdeutlicht ist die Verwendung des Wortes und, welches im gesamten Gedicht 16 Mal Verwendung findet.

Die (zu) schnell vergehende Kindheit wird im Gedicht durch die Drehgeschwindigkeit des Karussells manifestiert. Zu Beginn des Gedichts werden die einzelnen tierischen Figuren und Kinder detailliert beschrieben, was darauf schließen lässt, dass sich das Karussell langsam bewegt und es dem lyrischen Ich, welches hier als Beobachter des Karussells fungiert, ermöglicht wird, Details zu erkennen (vgl. ebd.: Strophe 1). In der letzten Strophe wird erkennbar, dass die Drehgeschwindigkeit zunimmt. Das lyrische Ich erkennt keine Details mehr, sondern nur die Farben: „Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet, ein kaum begonnenes Profil“ (ebd.: V. 23f.). Nach dieser Darstellung des schnellen Drehens findet das Gedicht relativ abrupt ein Ende.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Das Gefühl der Harmlosigkeit in "Das Karussell" von Rainer Maria Rilke
Untertitel
Analyse der Bildlichkeit, Akustik und Semantik
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
8
Katalognummer
V916130
ISBN (eBook)
9783346224637
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gefühl, harmlosigkeit, karussell, rainer, maria, rilke, analyse, bildlichkeit, akustik, semantik
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Das Gefühl der Harmlosigkeit in "Das Karussell" von Rainer Maria Rilke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/916130

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