"Jakob der Lügner" ist nicht nur einzige DEFA-Film, der für den 'Oscar' in der Kategorie "Bester ausländischer Film" nominiert war, also für den bedeutendsten Filmpreis Hollywoods. Er ist auch der einzige Film in der 40-jährigen DEFA-Produktion, der jemals von Hollywood neuverfilmt wurde. So liegt ein Vergleich zwischen beiden Verfilmungen nahe, der auch die beiden Systeme berücksichtigt, innerhalb derer die Filme entstanden sind. Da sowohl die DEFA als auch Hollywood stilprägend für die Filmproduktion ihres Landes waren bzw. sind, versucht die vorliegende Arbeit eine vergleichende Stilanalyse von "Jakob der Lügner", dem Film von Frank Beyer (1974), und "Jakob the Liar", dem Remake von Peter Kassovitz (1998).
Beginnend mit einer Gegenüberstellung der beiden Studiosysteme werden zunächst die äußeren Bedingungen der jeweiligen Produktionsweisen verglichen. Anhand der unterschiedlichen ideologischen Ausrichtung von DEFA und Hollywood werden anschließend die Wirkungsintentionen abgeleitet, die mit der Produktion von Filmen in beiden Systemen verbunden waren bzw. sind.
Auf der morphologischen Ebene befasst sich diese Arbeit mit dem Genre beider "Jakob"-Verfilmungen sowie der Bedeutung von Genres im jeweiligen System. Im weiteren Verlauf sind die Narration, die Figurenzeichnung, die Musikgestaltung sowie die visuellen Gestaltungsmittel Gegenstand der vergleichenden Stilanalyse.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Kunstexterne Ebene
1.1. Vergleich der Studiosysteme
1.2. Primäre Wirkungsintention
2. Kunstinterne Ebene
2.1. Genre
2.2. Narration
2.3. Figurenzeichnung
2.4. Musikgestaltung
2.5. Visuelle Gestaltungsmittel
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, einen vergleichenden stilanalytischen Blick auf die DEFA-Produktion "Jakob der Lügner" (1974) von Frank Beyer und das Hollywood-Remake "Jakob the Liar" (1998) von Peter Kassovitz zu werfen, um die Auswirkungen unterschiedlicher Produktionssysteme auf die filmische Gestaltung zu untersuchen.
- Vergleich der gegensätzlichen Produktionsbedingungen von DEFA und Hollywood
- Analyse der primären Wirkungsintentionen und ideologischen Einflüsse auf die Filme
- Untersuchung der morphologischen Ebene: Genre, Narration und Figurenzeichnung
- Vergleichende Betrachtung der audiovisuellen Gestaltung, insbesondere Musik und Kameraführung
Auszug aus dem Buch
2.2. Narration
Die Geschichte von "Jakob der Lügner" entspricht dem Grundtypus des kanonischen Story-Formats: Sie weist die Aristotelische Drei-Akt-Struktur auf, bestehend aus Anfang/Exposition, Mitte/Konfrontation/Durchführung und Ende/Lösung. Zudem besteht das Storygerüst aus zwei zentralen Handlungssträngen: einer äußeren bzw. sozialen und einer inneren bzw. privaten Plotline (Lina-Story).17 Damit erfüllt die Geschichte die Minimalanforderung des 'Classical Narrative Style', dem das Hollywood-Kino verpflichtet ist.
Darüber hinausgehend entspricht die Geschichte aber auch der Forderung des Hollywood-Kinos nach einer linearen, geschlossenen, prägnanten und emotionalisierenden Story: Diese soll nämlich einen handfesten, zielgerichteten Plot mit einem klaren roten Faden aufweisen, auf kausale Ursache-Wirkungs Zusammenhänge mit eindeutigen, psychologisch plausiblen Figurenmotivationen basieren sowie auf einem starken Konflikt, der aus persönlichen Beziehungen erwächst. Dies trifft im Wesentlichen nicht nur auf Kassovitz’ Hollywood-Verfilmung, sondern auch auf Beyers DEFA-Film zu.18
Der 'Classical Narrative Style' Hollywoods hat sich aufgrund bestimmter Rezeptionsanforderungen des Hollywood-Films entwickelt: Das Mainstream-Kino Hollywoods hat den Anspruch, massenkompatibel zu sein, daher muss die Allgemeinverständlichkeit der filmischen Erzählung gewährleistet werden: Jeder Zuschauer soll der Geschichte problemlos folgen und die Message begreifen können, unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit, seiner Sozialisation oder seinen intellektuellen Fähigkeiten. Als Maßstab gilt dabei sprichwörtlich "slow Joe in the last row", weshalb man in Hollywood auch inhaltliche Doppelungen und bewusste Redundanzen (in den Dialogen) in Kauf nimmt, um möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Die Narration kommt also dem Massenpublikum entgegen, indem sie das Verständnis durch Genre-Konventionalisierung, Chunkbildung und Konzeptualisierung bzw. Emotionalisierung simplifiziert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt das Vorhaben einer vergleichenden Stilanalyse der beiden Verfilmungen von "Jakob der Lügner" vor und bettet diese in den Kontext der jeweiligen Produktionssysteme ein.
1. Kunstexterne Ebene: Dieses Kapitel vergleicht die staatlich gelenkte DEFA-Struktur mit dem kommerziellen Hollywood-System und analysiert die daraus resultierenden unterschiedlichen Wirkungsintentionen.
2. Kunstinterne Ebene: Hier findet die detaillierte Analyse der filmsprachlichen Mittel wie Genre, Narration, Figurenzeichnung, Musik und visueller Gestaltung statt, um stilistische Unterschiede herauszuarbeiten.
Schlüsselwörter
Jakob der Lügner, Jakob the Liar, DEFA, Hollywood, Stilanalyse, Filmgeschichte, Narration, Tragikomödie, Studiosystem, Zensur, Figurenzeichnung, Musikgestaltung, Continuity Style, Holocaust, Verfilmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit einer vergleichenden Stilanalyse zwischen dem DEFA-Film "Jakob der Lügner" von Frank Beyer und dem Hollywood-Remake "Jakob the Liar" von Peter Kassovitz.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Im Zentrum stehen die Produktionskontexte (DEFA vs. Hollywood), die ideologischen Wirkungsabsichten sowie die filmgestalterischen Mittel wie Narration, Musik und Bildsprache.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie sich die grundlegend unterschiedlichen Produktionssysteme – ein staatlicher Betrieb in der DDR versus das marktwirtschaftliche Hollywood-System – auf die stilistische Umsetzung desselben Stoffes auswirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine vergleichende Stilanalyse durchgeführt, die sowohl die kunstexternen (ideologischen/ökonomischen) als auch die kunstinternen (morphologischen) Aspekte der Filme betrachtet.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Genredefinitionen, narrativen Strukturen nach dem "Classical Narrative Style", der psychologischen Tiefe der Figurenzeichnung sowie der eingesetzten Musik- und Kamerakonzepte.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Stilanalyse, DEFA, Hollywood, Narration, Tragikomödie und Filmgeschichte einordnen.
Wie unterscheidet sich die Genre-Einordnung der beiden Filme?
Während Beyer den DEFA-Film als Tragikomödie konzipiert, die das Komische mit dem Tragischen verbindet, stößt das Hollywood-Remake auf Schwierigkeiten, den Holocaust-Stoff authentisch mit den Konventionen der Komödie in Einklang zu bringen.
Welche Rolle spielt die Musikgestaltung in den Filmen?
Der DEFA-Film nutzt sparsam ein leitmotivisches Geigenmotiv, um Hoffnung auf unbewusster Ebene zu vermitteln, während das Hollywood-Remake auf klassisches "Underscoring" setzt, um die Narration bildaffirmativ zu verstärken.
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- Evi Goldbrunner (Author), 2005, "Jakob der Lügner" und "Jakob the Liar" , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91671