Wohl selten zuvor haben sich Kirchen und Gemeinden aus gegebener Not heraus mit der gleichen seelsorgerlichen Intensität um Geschiedene und Wiederverheiratete küm-mern müssen. Dabei gehen die Meinungen zu diesem Thema gerade in christlichen Krei-sen z.T. weit auseinander.
Ziel dieser Arbeit soll deshalb sein, den biblischen Aussagen zu diesem Thema nach-zugehen. Aufgrund der gebotenen Kürze wird der Schwerpunkt dabei auf den paulini-schen Anweisungen in 1.Kor.7,10-16 liegen - und auch da werden die für das Thema besonders relevanten Stellen intensiver behandelt, während die anderen etwas mehr in den Hintergrund treten. Im Vorfeld wird der Verstehenshorizont der Gemeinde in Korinth umrissen: dazu gehören die Aussagen des Alten Testaments samt ihrer rechtlichen Interpretation, die Aussagen Jesu sowie die Rechtspraxis von Scheidung und Wiederheirat in der hellenistischen Kultur. Zunächst aber soll ein Forschungsüberblick zeigen, wie die biblischen Aussagen im Laufe der Kirchengeschichte interpretiert wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsüberblick
2.1 Keine Scheidung und Wiederheirat
2.2 Scheidung und Wiederheirat nur nach biblisch explizit genannten Gründen
2.3 Scheidung und Wiederheirat aus verschiedenen Gründen
3. Kultureller Hintergrund der Adressaten in Korinth
3.1 Das jüdische Rechtsverständnis von Scheidung und Wiederheirat
3.1.1 Genesis 1,28
3.1.2 Deuteronomium 24,1-4
3.1.3 Der Scheidebrief
3.1.4 Exodus 21, 10-11
3.2 Das christlich-ethische Verständnis von Scheidung und Wiederheirat
3.3 Das hellenistische Rechtsverständnis von Scheidung und Wiederheirat
4. Exegetischer Befund zu 1. Korinther 7, 10-16
4.1 Anweisungen für christliche Ehen (V10-11)
4.1.1 Das Herrenwort als grundsätzliches Scheidungsverbot
4.1.2 Die Anweisung des Herrenwortes im ethischen Grenzfall
4.2 Aussagen über religiöse Mischehen (V12-16)
4.2.1 Das Bleiben im Stand der Ehe (Vers 12-14)
4.2.2 Die christliche Freiheit im Falle der Scheidung (Vers 15-16)
4.3 Warum bezieht sich das Herrenwort nicht auf religiöse Mischehen?
5. Theologische Einordnung der Ethik Jesu
5.1 Allgemeine Beobachtungen
5.2 Anwendung auf 1.Kor.7,10-16
6. Schlussfolgerungen für die pastorale Praxis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die biblischen Aussagen zu Scheidung und Wiederheirat mit einem besonderen Fokus auf die paulinischen Anweisungen in 1. Korinther 7,10-16, um deren Relevanz für die seelsorgerliche Praxis in christlichen Gemeinden zu ergründen. Dabei werden der kulturelle Kontext, die Ethik Jesu und die historische Auslegung kritisch analysiert, um eine fundierte biblische Orientierung zu bieten.
- Paulinische Anweisungen zu Ehen und religiösen Mischehen
- Jüdische und hellenistische Rechtsverständnisse der Antike
- Die eschatologische Ethik Jesu im Kontext der Gemeindepraxis
- Die Differenzierung zwischen rechtlichem Verbot und seelsorgerlichem Auftrag
- Kritische Würdigung der verschiedenen historischen Interpretationsansätze
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Deuteronomium 24,1-4
Über die richtige Auslegung dieser Stelle hat es unter den Rabbinen große Meinungs- verschiedenheiten gegeben. Die Stelle selbst beabsichtigt lediglich, die Rückkehr einer geschiedenen Frau zu ihrem Ex-Mann (nach einer erneuten Eheschließung) zu verbieten, und dürfte darum vor allem als rechtlicher Schutz der Frau vor einer leichtfertigen Scheidung durch den Mann zu verstehen sein. Dabei werden Scheidung und Wiederheiratung an sich weder legitimiert noch sanktioniert. Sie werden vielmehr als bereits gegebene Vorgehensweisen aufgegriffen und durch das Gesetz geordnet.
Die Rabbinen hingegen verstanden die Angabe „…wenn er etwas Anstößiges an ihr gefunden hat“ aus Vers 1 in einem die Scheidung rechtfertigenden (teilweise sogar in einem fordernden) Sinne. Dies ist jedoch streng genommen lediglich eine Ableitung der explizit gemachten Aussagen, die sich aus der Angabe eines Scheidungsgrundes bei fehlender Verurteilung derselben ergibt. Inwieweit ihr im Rahmen der gesamtbiblischen Aussagen widersprochen werden muss, ist an dieser Stelle noch nicht zu entscheiden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der seelsorgerlichen Relevanz des Themas und Hinführung zur paulinischen Fragestellung in 1. Korinther 7.
2. Forschungsüberblick: Systematisierung der drei hauptsächlichen historisch-theologischen Strömungen zum Thema Scheidung und Wiederheirat.
3. Kultureller Hintergrund der Adressaten in Korinth: Analyse der jüdischen und hellenistischen Rechtsauffassungen sowie des ethischen Kontextes der frühen christlichen Gemeinde.
4. Exegetischer Befund zu 1. Korinther 7, 10-16: Detaillierte exegetische Untersuchung der paulinischen Anweisungen für christliche Ehen und religiöse Mischehen.
5. Theologische Einordnung der Ethik Jesu: Reflexion über den eschatologischen Charakter der Ethik Jesu und deren normative Anwendung.
6. Schlussfolgerungen für die pastorale Praxis: Zusammenfassende Bewertung und konkrete Empfehlungen für den Umgang mit Scheidung und Wiederheirat in der Gemeinde.
Schlüsselwörter
Scheidung, Wiederheirat, Paulus, 1. Korinther 7, Exegese, Ehebund, Ethik Jesu, religiöse Mischehen, Jüdisches Recht, hellenistischer Kontext, Seelsorge, Gemeindepraxis, Ehelosigkeit, Versöhnung, neutestamentliche Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die biblischen Aussagen zur Scheidung und Wiederheirat, insbesondere die Anweisungen des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, um eine fundierte Grundlage für den seelsorgerlichen Umgang mit diesen Themen zu schaffen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen das jüdische und hellenistische Rechtsverständnis zur Zeit des Neuen Testaments, die Ethik Jesu zur Unauflöslichkeit der Ehe sowie die paulinische Auslegung dieser Prinzipien in konkreten, teils komplexen Lebenssituationen.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, den biblischen Texten gerecht zu werden, indem die historischen Hintergründe beleuchtet werden, um zu zeigen, dass paulinische Anweisungen keine legalistische Gesetzgebung darstellen, sondern konkrete seelsorgerliche Wegweisungen in der Nachfolge Jesu sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine exegetische Untersuchung, die den griechischen Urtext sowie den historisch-kulturellen Kontext der biblischen Aussagen analysiert und durch einen Forschungsüberblick und theologische Einordnung ergänzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Exegese von 1. Korinther 7,10-16, unterteilt in Anweisungen für christliche Ehen und den Umgang mit religiösen Mischehen, sowie der theologischen Einordnung der Ethik Jesu.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Scheidung, Wiederheirat, Paulus, Exegese, Ehebund, Ethik Jesu, religiöse Mischehen und seelsorgerliche Praxis.
Wie bewertet der Autor den Begriff "privilegium paulinum"?
Der Autor diskutiert diesen Begriff vor dem Hintergrund der Schwierigkeiten, die sich aus einem allumfassenden, normativen Verständnis der Scheidungsverbote ergeben, und ordnet die paulinischen Aussagen als notwendige Ergänzung ein.
Welche Rolle spielt der kulturelle Kontext für das Verständnis der Scheidung?
Der kulturelle Kontext (insbesondere die Unterschiede zwischen jüdischer Scheidebrief-Tradition und hellenistischer Praxis) ist laut Autor entscheidend, um zu verstehen, dass Paulus' Anweisungen nicht als allgemeingültige, zeitlose Gesetze, sondern als Antworten auf spezifische Situationen in der Gemeinde zu lesen sind.
- Citation du texte
- René Debus (Auteur), 2005, Scheidung und Wiederheirat bei Paulus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91814