Darstellung von Gesellschaftsschichten im Roman "Jahrgang 1902" von Ernst Glaeser


Seminararbeit, 2009

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Figuren als Repräsentanten ihrer Schicht
2.1. Herr Dr. Brosius als Vertreter der Kaisertreuen
2.2. Der „Rote Major“ Herr v. K. als Vertreter der Aristokratie
2.3. Herr Dr. Hoffmann als Vertreter der Sozialdemokratie
2.4. Herr Kremmelbein als Vertreter der Arbeiter

III. Fazit

IV. Literatur:

I. Einleitung

Diese Ausarbeitung beschäftigt sich mit dem Roman „ Jahrgang 1902 “ von Ernst Glaeser (1902 bis 1963), der 1928 veröffentlicht wurde und den Autor national wie international bekannt machte. In Glaesers Werk wird die Geschichte des Protagonisten Ernst erzählt, der im Jahre 1902 geboren ist und in einer süddeutschen Kleinstadt aufwächst. Er erlebt in seiner Heimatstadt, wie sich der Erste Weltkrieg abzeichnet und wie dieser beginnt. Außerdem schildert die Hauptfigur, welchen Verlauf der Krieg nimmt und wie sich dadurch die Gesellschaft verändert. Die Handlung setzt wenige Wochen vor Kriegsbeginn ein und endet kurz vor Deutschlands Kapitulation. Dementsprechend lassen sich eine Vorkriegs- und Kriegsphase unterscheiden.1

Im Gegensatz zu den Kriegsromanen, die überwiegend von Frontsituationen berichteten und in der Zeit der Weimarer Republik (1918 bis 1933) verfasst wurden, thematisierte „ Jahrgang 1902“ allein das Kriegserlebnis in der Heimat. Der Autor war nämlich, wie seine Hauptperson im Roman, bei Kriegsausbruch erst 12 Jahre alt und konnte somit für die Niederschrift des Buches nicht auf eigene Fronterfahrungen zurückgreifen. Besonders in diesem Zusammenhang wurde in der Forschung darauf hingewiesen, dass der Roman eine Reihe von biographischen Details aus Glaesers eigenem Leben aufwies.2

Die Eindrücke des Ich-Erzählers werden in Anekdoten- und Episodenform als Erinnerung an „berichtenswerte“ Sachverhalte gestaltet. Auf diese Weise erhalten diese Impressionen Tagebuchcharakter und der Schriftsteller erhebt damit einen Wahrheitsanspruch für seine Erzählung. Deswegen kann man den Roman der „Neuen Sachlichkeit“ zuordnen, weil sich diese Literaturrichtung stets bemühte Begebenheiten wirklichkeitsgetreu darzustellen.3 Ebenso charakteristisch für die „Neue Sachlichkeit“ ist der Umstand, dass der Protagonist Ernst häufig eine beobachtende Position einnimmt, um von dort aus das Geschehen distanziert zu betrachten, ohne in dieses selbst mit einbezogen zu sein. Als erlebendes und berichtendes Ich reflektiert der Ich-Erzähler folglich in erster Linie solche Erfahrungen, die andere gemacht haben. Glaeser macht deutlich, dass zwar ein einzelner Jugendlicher mit seinen persönlichen Erfahrungen im Vordergrund der Erzählung steht, aber er ihn eher als Repräsentanten eines historisch bedeutsamen Jahrgangs sieht. Die beschriebenen Erfahrungen können darum auf eine ganze Generation geschlossen werden und sie stehen somit in einem gesellschaftskritischen Kontext.

Jedoch kann die zwölfjährige Hauptperson nur einen Teilbereich der tatsächlich vorhandenen Lebenswirklichkeit wahrnehmen, sodass Glaeser den kindlichen Blickwinkel durch die Darstellung von erwachsenen „Außenseiterpositionen“ (z.B. des „Roten Majors“) ergänzt. Zudem übernimmt der Erzähler anhand der Freunde Ferd und August die Perspektive „der konstruierten idealen Welt der adeligen Erwachsenen“.4 Darum ist der Roman von vorbildlichen Erwachsenen beherrscht, die dem Erzähler und den Lesern einen Blick auf die wilhelminische Gesellschaft ermöglichen.5

Genau dieser Aspekt soll in dieser Arbeit näher analysiert werden, da es offensichtlich ein zentrales Anliegen von Glaeser war die Vorkriegsgesellschaft und ihren Beitrag zum Kriegsausbruch 1914 darzustellen.6 So tritt in „ Jahrgang 1902“ eine Reihe von Personen auf, die in ihrer Gesamtheit das gesellschaftliche Leben einer deutschen Kleinstadt repräsentiert. Die Frage soll nun geklärt werden, wie es Ernst Glaeser mit literarischen Mitteln gelingt seine Romanfiguren als prototypische Vertreter einer bestimmten Gesellschaftsschicht darzustellen. Folglich stehen bei dieser Untersuchung die erwachsenen Personen im Fokus der Betrachtung, die im besonderen Maße ihre jeweilige Schicht vertreten und die ausführlich charakterisiert werden sollen.

Hierzu werden exemplarisch vier Romanfiguren analysiert, die das Kriterium erfüllt haben besonders aussagekräftig und beispielhaft für Glaesers Darstellungsmethoden zu sein. Zuerst befasst sich die Hausarbeit mit dem kaisertreuen Dr. Brosius und dem „Roten Major“ Herr von K., der zur Aristokratie gehört. Im Anschluss werden Dr. Hoffmann als Vertreter der Sozialdemokratie und der Proletarier Kremmelbein näher untersucht. Im Schlussteil werden schließlich die Ergebnisse nochmal zusammenfassend wiedergegeben. Natürlich beinhaltet der Roman noch weitere Figuren (z.B. Persius, Familie Silberstein und die Eltern der Erzählers), die ihre jeweilige Schicht auf ihre spezielle Art repräsentieren. Allerdings konnte auf diese im Rahmen dieser Ausarbeitung nicht mehr eingegangen werden, was noch einen Raum für zukünftige Untersuchungen offen lässt.

In der Zeit der Weimarer Republik bildete der Roman den Gegenstand detaillierter Besprechungen, die teilweise die Basis für eine umfangreiche Debatte darstellten, an der sich der Autor selbst aktiv beteiligte. Doch das heutige Forschungsinteresse bezüglich der Kriegsliteratur beschäftigt sich indessen kaum mit Glaesers „ Jahrgang 1902 “ und seinem Engagement in der Weimarer Republik.7 Aus diesem Grund werde ich in meiner Analyse der Romanfiguren hauptsächlich auf eigene Erkenntnisse zurückgreifen, die ich bei der vertieften Auseinandersetzung mit dem Roman gewinnen konnte. Natürlich gibt es trotzdem einige Literaturwissenschaftler, die sich mit Ernst Glaesers Werk beschäftigten. Hierzu gehören Bartz, Koebner, Mörchen, Moser und Sommer, deren Aufsätze ich in meiner Forschungsarbeit miteinbeziehen werde. Um zusätzlich die Resultate im historischen Kontext einordnen zu können, beziehe ich Zeitschriften und eine Monographie der Geschichtswissenschaft mitein.

II. Figuren als Repräsentanten ihrer Schicht

2.1. Herr Dr. Brosius als Vertreter der Kaisertreuen

Von den untersuchten Romanfiguren nimmt Dr. Brosius den geringsten Platz im Roman ein. Trotzdem gehört er zu den wichtigen Figuren im Roman, die zum besseren Verständnis der wilhelminischen Gesellschaft beisteuern. Entsprechend symbolisiert der Turnlehrer in „ Jahrgang 1902 “ die bedeutende Gesellschaftsgruppe der Kaisertreuen.

Glaeser stellt den Anhänger des Kaisers als eine stark militärisch geprägte Person dar, die sehr autoritär und dadurch sehr negativ wirkt. So eröffnen die abgehackt gebrüllten Befehle des Turnlehrers den Roman: „Stillgestanden!“ „Augen rechts!“ „Abzählen!“ Das Abzählen kommt quasi einer militärischen Übung gleich, wobei Brosius einen militärischen Umgangston pflegt, den er auch von seinen Schülern fordert. Als zum Beispiel der jüdische Schüler Leo Silberstein, der falsch abgezählt hat, ihm nicht militärisch antwortet, entgegnet er: „Was ist das für eine unmilitärische Antwort?!“ Oder als dieser nicht ruhig stehen kann, schreit Brosius ihn an: „Stillgestanden, wenn ich mit dir Rede!“ Des Weiteren geht der Lehrer dreimal um den Jungen herum und macht sich über dessen armselige Gestalt lustig. Demzufolge schüchtert er den verunsicherten Schüler ein und führt ihn regelrecht vor. Auf diese Weise erreicht er wiederum die Einschüchterung der ganzen Klasse und setzt so die militärische Disziplin durch.8 Dies gelingt ihm letztlich auch, da die Schüler nur stramm stehen und zur offensichtlichen Misshandlung ihres Mitschülers schweigen: „Die Quarta steht stramm und schweigt.“9 Diese Beschreibung seines demütigenden und soldatischen Umgangs mit den Schülern macht Brosius zu einem klassischen Beispiel für die preußisch-straffe Maschinerie von Inspektion, Gehorsam, Strafe, Ordnung und Disziplin, die nicht allein bei den konservativen und kaisertreuen Kreisen, sondern ebenso in Schulen auf der üblichen Tagesordnung stand. In der Kaiserzeit waren gewissermaßen viele Lehrkräfte ehemalige Angehörige der Armee oder waren Reserveoffiziere.10 Darum ist es nicht verwunderlich, dass der „forsche Erzieher“ ebenfalls Reservist ist.11

Im Roman wird eine zusätzliche negative Eigenschaft des Klassenführers vorgestellt, die zugleich kennzeichnend für die konservative Schicht ist: So ist das diskriminierende Verhalten von Brosius gegenüber Leo vermutlich aus einer antisemitischen Haltung heraus zu erklären. Er sagt zum Beispiel, dass Leo höchstens den Dienstgrad eines Train erreichen wird, was für „einen deutschen Jungen [...] die größte Deklassierung“ bedeutet. Dazu macht er eine abfällige Bemerkung über Leos Vater: „Silbernes Steinchen, was soll das werden, wenn er nicht zählen kann? Was wird der Papa sagen, der doch den lieben langen Tag nichts als Geld zählt…Nu...?“12 Der Verfasser lässt hier Brosius eindeutig typische Klischees aufgreifen, die antisemitischen Charakter haben (z.B. Juden sind besessen von Geld). Seine antijüdische Einstellung charakterisiert ihn noch mehr als Gefolgsmann des Kaisers, weil sie dem Gedankengut der konservativen Schicht entspricht, die im Kaiserreich sehr antisemitisch eingestellt war.13 Obendrein fordert Brosius den Leo auf 25 Kniebeugen zu machen, obwohl er um dessen schlechte Gesundheit weiß. Der Erzähler erklärt diesen Umstand, indem er betont, dass die „zimperliche Not des Knaben“ dem Turnlehrer Freude bereitet hat, was eine sadistische Neigung andeutet.14

Als Leo schließlich zusammenbricht, offenbart sich der wahre furchtsame Charakter des Klassenführers, der sich hinter seinem autoritärem Verhalten verbirgt hat. Er fürchtet um seine Karriere, weil dieser Vorfall mit einem jüdischen Schüler einen Skandal in der Presse hervorrufen kann: „Denn wie alle Menschen seines Standes hatte er eine heillose Frucht vor der Öffentlichkeit.“15 Der Freund des Erzählers Ferd fasst die Persönlichkeit seines Lehrers aussagekräftig zusammen: „Er ist feige […] wie alle Leute, die laut reden.“16

Zum negativen Bild von Brosius trägt ferner die Beschreibung seines Aussehens und seiner typischen Attribute bei: „Er schiebt den Kopf etwas vor, macht den Hals, der immer ein wenig entzündet aus dem steifen Kragen herausschraubt, lang wie ein Papagei, bevor er den Zucker schnappt; dann stampft er mit dem Fuß auf, dass der graublaue Steinschotter des Schulhofs hochspritzt. Sein scharfgeschliffener Zwicker wackelt bedenklich. Nur die silberne Kette über dem Ohr rettet ihn vor dem Absturz. Auf Dr. Brosius` Backen schwellen die Schmisse.“17 Die Schilderung des Aussehens passt gleichermaßen zu dessen Charaktereigenschaften, da Brosius vom Erzähler als Spaßvogel bezeichnet wird, der bei „Liebhabervorstellungen“ als Tierstimmenimitator agiert, was Papageien bekanntlich gut beherrschen. Glaeser möchte hiermit sicherlich darlegen, dass man die Person Brosius und seine Gesellschaftsschicht nicht wirklich ernst nehmen kann. Trotzdem machen solche Leute Karriere und erlangen politische Macht, wie Ferd feststellt: „im Landtag sind noch viele wie er.“18

Außerdem ist Brosius ein eitler Mensch, spricht nur über sich selbst oder den Kaiser.19 Darüber hinaus gibt der Erzähler an, dass er Vorsitzender des Flottenvereins ist,20 was seine Zugehörigkeit zu den Kaisertreuen betont. Schließlich ist es bekannt, dass Kaiser Wilhelm II. eine große Flottenbegeisterung an den Tag legte und sich für eine verstärkte Flottenaufrüstung einsetzte. Zudem wies der 1908 gegründete Flottenverein, der Millionen Mitglieder umfasste, eine „radikalnationalistische“ und vaterländische Gesinnung auf, die sich stets bemühte ihre nationalistische Denkweise zu verbreiten, das Deutschtum zu fördern, das Militär zu unterstützen und das Deutsche Reich zu erweitern.21 Folglich betont der Autor mit der Erwähnung der Mitgliedschaft zum Flottenverein die patriotische Einstellung des Klassenführers.

Daher verwundert es nicht, dass Brosius eine Abneigung gegenüber den „kaiserkritischen“ Herrn K. empfindet und ihm den Spitznamen „Roter Major“ gibt, um ihn als linken Revolutionär zu tadeln und ihn in ein schlechtes Licht zu rücken. Zur weiteren Diskreditierung des Aristokraten von K. verbreitet er innerhalb seiner gesellschaftlichen Kreise skandalöse Geschichten, wo dem Major ein Verhältnis zum Erbfeind Frankreich nachgesagt wird: „Geflissentlich verbreitete er in den Salons eines ihm geistesverwandten Beamtentums Geschichten aus dem Privatleben des Majors; darunter spielte natürlich das Verhältnis mit der Tochter des französischen Militärattachés die Hauptrolle.“ Denn in „den einflußreichen [sic!] Kreisen von dem Niveau des Dr. Brosius wurde französisch mit degeneriert, syphilitisch und pervers gleichgesetzt.“22

Bei Kriegsausbruch wird Brosius als treuer Anhänger des Kaisers natürlich von der allgemeinen Kriegseuphorie erfasst, wodurch sich wiederum seine Gesinnung ändert und er sich mit allen gesellschaftlichen Klassen verträgt. Dies wird besonders deutlich als er den Erzähler zum ersten Mal lobt23 und der Familie Silberstein wegen des Todes von Leo Silberstein eine Beileidskarte schickt.24

Im Krieg erfährt der Erzähler, dass sein Lehrer gefallen ist. Möglicherweise symbolisiert sein Tod im Roman den kommenden Untergang des Kaiserreichs, für das er eingestanden ist und gekämpft hat.25

2.2. Der „Rote Major“ Herr v. K. als Vertreter der Aristokratie

Obwohl der Major als Militärpflichtiger an die Ostfront abkommandiert wird und schon früh im Krieg fällt, gehört er zu den Schlüsselfiguren des Romans. Er ist nämlich die einzige Figur im Roman, die ein öffentlicher Gegner des Kaisers ist. Im Übrigen repräsentiert er allein den Stand des traditionsbewussten Adels.26

Zur Einordnung des Herrn von K. zu der traditionsgebundenen Aristokratie bringt ihn Glaeser gekonnt in Verbindung mit dem ehemaligen Reichskanzler Bismarck: „Wenige Jahre nach Bismarcks Sturz hatte der Herr v. K. den Militärdienst quittiert. Er war dabei der Parole seiner Familie gefolgt, die gegen alles, was Wilhelm II. sagte und unternahm, frondierte.“ Bei seinem dreijährigen Aufenthalt heiratet er noch dazu eine Frau, die aus dem Hochadel stammt und deren Vater einer der größten Bewunderer Bismarcks ist.27 Es ist eine historische Tatsache, dass sich die Politik im Kaiserreich nach dem Rücktritt des Reichskanzlers (1890) verändert hatte: Kaiser Wilhelm II. leitete mit der Durchsetzung seines „Neuen Kurses“ einen kompletten politischen Kurswechsel ein, der die „Bismarcksche Politik“ vollständig verwarf.28 Demgegenüber hatte Bismarck trotz seines Rücktritts noch viele Anhänger im konservativen und traditionellen Adel, der die Politik des Kaisers missbilligte.29 Mit Hilfe dieses Sachverhalts akzentuiert Glaeser die Feindschaft des „Roten Majors“ gegenüber den Kaiser: „Er haßte [sic!] Wilhelm II. als einen Verräter der altpreußischen Tradition, die sich immer kontinental erprobt hätte und sich nicht wie jetzt in kostspieligen Flotten- und Kolonialmanövern verzetteln dürfte. Sein konservativer Instinkt wandte sich gegen die laute, aufdringliche Art des „neuen Kurses“ [sic!], der seiner Meinung nach das wahre Bild des Deutschen in der Welt verfälschte.“30

Die traditionellen Eliten wollten die Erhaltung des Status quo und waren gegen den Krieg.31 Auf Grund dessen überrascht es nicht, dass der Verfasser den Aristokraten von K. als eine Person vorführt, der sich um den Frieden bemüht: „Er war überzeugt davon, dass eine deutsch-britische Verständigung […], das Gleichgewicht Europas auf Jahrhunderte sicherte.“32 Dieses Anliegen schickt der Major als Denkschrift an das Auswärtige Amt die zusätzlich die Gefahren für die Monarchie bei Ausbruch eines Krieges thematisiert. Schließlich bekommt er sie mit Randglossen des Kaisers zurück, die ihn zeigen, dass Deutschland nicht mehr zu retten ist. Herr von K. flüchtet ins Ausland und kehrt erst zurück nachdem er einen Band des Schriftstellers Jean Paul gelesen hat, wo ein verklärtes Deutschland beschrieben wird.33 Indem Glaeser die von der Romantik geprägten Werke von Paul als bevorzugte Lektüre des „Roten Majors“ nennt, macht er aus ihm eine Person, die stark in der verklärten Vergangenheit verhaftet ist und ihr nachtrauert, was die traditionelle Gesinnung des Majors weiter bekräftigt. Ferner wird im Roman dieser Aspekt weiter ausgeführt: „Seine Fronde gegen den herrschenden Kurs entsprang nur seine Liebe für eine Vergangenheit, die er heute bedroht sah.“34 Allerdings existiert diese Vergangenheit längst nicht mehr, wie er selbst bei seiner Rückkehr feststellen muss: „Als der Major in Berlin eintraf, erkannte er, dass er einer Romantik zum Opfer gefallen war. Jenes Deutschland, dessen Geruch ihm in Tokio vor einem Buch Jean Pauls das Herz betäubt hatte, existierte nicht mehr. Es würde überall verleugnet. Deutschland lag nicht mehr unter dem milden Licht seiner fruchtbaren, geduldigen Sommer, die Gedanken, die es dachte, kamen nicht mehr auf den leisen Sohlen eines großen, weltgeborenen Wissens – sie trompeteten, sie schrien, gebärdeten sich absolut – alles war laut, überschwenglich und ohne Kritik. In gleichem Schritt und Tritt glaubten alle jenem Platz an der Sonne entgegenzumarschieren, den ihr Kaiser mit schönen Worten polsterte.“35 Das von ihm geliebte und verehrte Deutschland befindet sich also seiner Ansicht nach im Niedergang. Der Höhepunkt bildet die „Ansprache des Kaisers in der Offiziersmesse eines großen Linienschiffs“, die ihn „endgültig von der eitlen Blindheit der verantwortlichen Stellen“ überzeugt.36

Weiter kann man sagen, dass der Adelige einen sehr geschärften Weitblick besitzt, weil Glaeser sicherlich die Intention hat ihn als Beispiel einer Bewegung, die Bescheid wusste, zu zeigen: Seine Schlussfolgerungen aus der politischen Lage bewahrheiten sich, wenn er zum Beispiel dem Sozialdemokraten Hoffmann einen Krieg prophezeit: „Jawohl! […] ein Krieg! Ein fürchterlicher Krieg, den weder ihr noch der Kaiser überlebt...“37 Doch zu ändern vermag der Major trotz seiner Einblicke nichts, das Gegenteil ist sogar der Fall, da er im Krieg fällt und somit am System, das den Krieg herbeigeführt hat, scheitert. Der Grund hierfür liegt in seiner Resignation und der Flucht vor der Verantwortung. Er weiß zwar, dass es menschliche Dummheit ist, die Deutschland bedrohen und er fühlt sich auch verantwortlich dafür. Es werden sogar Überlegungen angefangen den deutschen Botschafter in London zu kontaktieren.38 Letzten Endes zieht er sich, nachdem ein politischer Aufsatz von ihm in der Öffentlichkeit auf starken Widerspruch gestoßen ist, auf das Land zurück und entzieht sich, wie bei vielen anderen Zeitgenossen, jeglicher Verantwortung: „Er verzichtete darauf, einem Volk die Wahrheit zu sagen, das die Erfolge seiner günstig gelegenen Industrie mit seinem Schicksal verwechselte. Er flüchtete in die Landschaft. Er wurde Bauer.“39 Sein Schweigen signalisiert deutlich einen Rückzug aus der Gesellschaft und er ist somit nicht geeignet soziale Veränderungen herbeizuführen.40 Daraus lässt sich ein Vorwurf des Autors an die konservativen Kreise ableiten, der deren Untätigkeit und Verantwortungslosigkeit, die durch den Major repräsentiert wird, kritisiert.

Die geistig unabhängige Haltung des Aristokraten führt ihn schlussendlich in eine gesellschaftliche Isolierung: Der „Rote Major“ geht nie zu den Kaisergeburtstagen, schreibt mahnende bzw. regierungskritische Schriften und spricht mit seinem Sohn Englisch, was ihn politisch sehr verdächtig macht. Infolgedessen wird ihm eine Beziehung zum Proletariat nachgesagt, obwohl er keinerlei Kontakte zur Arbeiterschicht hat. Dann wird er aus dem Adelsclub ausgeschlossen und gesellschaftlich geächtet.41 Zwar waren die konservativen Eliten gegen den politischen Kurs des Kaisers. Sie lehnten jedoch eine Zusammenarbeit mit dem Proletariat schon aus Standesgründen kategorisch ab und waren sogar antidemokratisch ausgerichtet.42

Zum Bild des verdächtigen Außenseiters trägt das Faktum bei, dass „Herr v. K. glattrasiert“ ist. Er trug keinen Schnurrbart. Für die Frauen ist er kein richtiger Mann und für die Männer ist er schlicht „undeutsch“, da sie selbst Schnurrbärte haben und sich damit auf den Kaiser berufen.43 Erst als der Krieg ausbricht und der Major in seiner Armeekleidung vor die Leute tritt, wird er von der Gesellschaft rehabilitiert. Denn wie schon im „Hauptmann von Köpenick“ ist eine Uniform in einer militärisch geprägten Gesellschaft ehrfurchtgebietend.44

Die Beziehung zwischen dem „Roten Major“ und dem Sozialdemokraten Dr. Hoffmann ist eine ungewöhnliche Freundschaft, zumal der Adel und die Sozialdemokratie in der Kaiserzeit gänzlich unterschiedliche Interessen hatten.45 In diesem Zusammenhang bringt der Schriftsteller die beiden ungleichen Figuren zusammen, indem er ihre Gemeinsamkeit aufzeigt: Sie beide verachten Brosius und legen damit gleichzeitig ihre Abneigung gegen den Kaiser offen, dessen Anhänger der Turnlehrer bekanntlich ist.46

Die Bekanntschaft mit Hoffmann ermöglicht dem „Roten Major“ einen Ausbruch aus seiner gesellschaftlichen Isolation und die Äußerung seiner Ansichten. Zu diesem Zweck hat er sich intensiv mit dem wissenschaftlichen Sozialismus beschäftigt, hat diesbezüglich gründlich alle Schriften gelesen und debattiert mit Hoffmann darüber. Zweimal in der Woche kommt dieser dann aufs Gut zum Abendessen, wo sie sich dauernd streiten. Trotzdem kann man sie als Freunde bezeichnen.47 Man kann feststellen, dass die Gespräche zwischen dem „Roten Major“ und Dr. Hoffmann letztlich dazu dienen sollen die oppositionellen Meinungen der beiden einzubringen.

Der aristokratische Freund des Erzählers Ferd verteidigt das mutige Außenseitertum seines Vaters,48 der „ihn streng in der ritterlichen Tradition des Offiziersadels der vorbürgerlichen Epoche“ erzogen hat.49 Beide gleichen sich folglich in ihren persönlichen bzw. politischen Ansichten und deswegen hat der Tod des Vaters zur Folge, dass Ferd dem weiteren Verlauf der Romanhandlung ebenfalls entzogen wird, was im Endeffekt das endgültige Scheitern der „individualisierten Außenseiterhaltung“ noch weiter unterstreicht.50

2.3. Herr Dr. Hoffmann als Vertreter der Sozialdemokratie

Der Sozialdemokrat und Rechtsanwalt Dr. Hoffmann ist ein wichtiger Protagonist in „Jahrgang 1902.“ Glaeser hat ihn letztlich so konzipiert, sodass dieser in der Lage ist die sozialdemokratische Partei zu verkörpern und wichtige Einblicke zu liefern, wie die Sozialdemokratie im Kaiserreich politisch ausgerichtet war.

[...]


1 Bartz, S. 78.

2 Bartz, S. 90.

3 Sommer, S.121.

4 Sommer, S.122.

5 Sommer, S. 122 f.

6 Bartz, S. 90 f.

7 Bartz, S. 78 f.

8 Glaeser, S. 6.

9 Glaeser, S. 9.

10 Saltzwedel, S. 144.

11 Glaeser, S. 8.

12 Glaeser, S. 6 f.

13 Halder, S. 88.

14 Glaeser, S. 9.

15 Glaeser, S. 10.

16 Glaeser, S. 11.

17 Glaeser, S. 7.

18 Glaeser, S. 15.

19 Glaeser, S. 15.

20 Glaeser, S. 7.

21 Halder, S. 89 f.

22 Glaeser, S. 23.

23 Glaeser, S. 181.

24 Glaeser, S. 186.

25 Glaeser, S. 250.

26 Bartz, S. 92.

27 Glaeser, S. 17.

28 Halder, S. 80 f.

29 Schwarz, S. 55.

30 Glaeser, S. 16.

31 Schwarz, S. 55.

32 Glaeser, S. 17.

33 Glaeser, S. 18.

34 Glaeser, S. 22.

35 Glaeser, S. 18 f.

36 Glaeser, S. 96.

37 Glaeser, S. 41.

38 Glaeser, S. 96.

39 Glaeser, S. 20.

40 Bartz, S. 123.

41 Glaeser, S. 19 ff.

42 Schwarz, S. 60.

43 Glaeser, S. 38.

44 Glaeser, S. 204.

45 Halder, S. 26.

46 Glaeser, S. 14 f.

47 Glaeser, S. 39.

48 Koebner, S. 195.

49 Glaeser, S. 22.

50 Bartz, S. 94.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Darstellung von Gesellschaftsschichten im Roman "Jahrgang 1902" von Ernst Glaeser
Hochschule
Universität Bremen  (Fachbereich Germanistik)
Veranstaltung
Modul IID (Sek): Literaturgeschichte 1: Autoren und Epochen (neuere [NL] Literatur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V921412
ISBN (eBook)
9783346249234
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernst Glaeser, 1902, Erster Weltkrieg, Weltkriegsliteratur, Roman, Neuere Deutsche Literatur
Arbeit zitieren
David Duong (Autor), 2009, Darstellung von Gesellschaftsschichten im Roman "Jahrgang 1902" von Ernst Glaeser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/921412

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Darstellung von Gesellschaftsschichten im Roman "Jahrgang 1902" von Ernst Glaeser



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden