Mehr soziale Gerechtigkeit durch Bildung?

Die Aktualität des Habitus-Konzepts von Pierre Bourdieu


Hausarbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1 Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Soziale Selektivität des Bildungswesens

3 Das Habituskonzept Bourdieus als Erklärungsansatz der Reproduktion sozialer Ungleichheit
3.1 Die frühkindliche Sozialisation des Habitus
3.2 Unbewusste Habituserwartungen der Lehrkräfte
3.3 Hypothese zur Überprüfung des Zusammenhangs von Habituskonzept, sozialer Selektion und Reproduktion im Bildungswesen

4 Empirische Überprüfung der Hypothese anhand der PISA-Studien

5 Fazit

Literaturverzeichnis

2 Einleitung

Knapp 40 Jahre nach der Bildungsexpansion erlebt die Diskussion um Chancengleichheit im Bildungswesen infolge der Veröffentlichung der PISA-Studien eine Renaissance. Nicht nur das im internationalen Vergleich unterdurchschnittliche Abschneiden der deutschen Schüler ist bemerkenswert, sondern auch die Tatsache, dass in keinem anderen untersuchten Land der Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft so eng miteinander verknüpft ist wie in Deutschland (vgl. Loeber & Scholz 2003, S. 250). Im Zuge der Bildungsexpansion der 1960er Jahre sollte durch den Ausbau des sekundären und tertiären Bereiches des Bildungswesens mehr Chancengleichheit hinsichtlich des Zugangs zu Bildung geschaffen werden. Während 1960 lediglich 6 % eines Jahrgangs die Abiturprüfung ablegte, ist dieser Anteil im Jahr 2006 um das Fünffache auf 31 % gestiegen (vgl. Prenzel et al. 2007, S. 329). Dennoch bleibt eine soziale Selektivität bestehen. Im Jahr 2006 haben Fünfzehnjährige aus der oberen Dienstklasse[1] eine fast viermal höhere Chance ein Gymnasium zu besuchen als gleichaltrige Jugendliche aus Arbeiterfamilien (vgl. Prenzel et al. 2007, S. 330). Dies verdeutlicht das paradoxe Ergebnis der Bildungsexpansion, die zwar die Bildungsbeteiligung aller Schichten erhöht hat, es jedoch nicht geschafft hat, die Selektivität beim Zugang zu Bildung zu beseitigen (vgl. Geißler 2006, S. 286).

In Deutschland wird die spätere soziale Lage in der Gesellschaft maßgeblich durch den Bildungsstand bestimmt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass ein enger Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Erfolg auf dem Arbeitsmarkt festzustellen ist (vgl. OECD 2007, S. 5 f.). Darüber hinaus bestätigen die Ergebnisse der PISA-Studien (Baumert et al. 2000; Prenzel et al. 2004; Prenzel et al. 2007) ungleiche Bildungschancen für Kinder unterschiedlicher sozialer und regionaler Herkunft. Vor diesem Hintergrund kommt dem engen Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft eine besondere Bedeutung zu. Es stellt sich die zentrale Frage, mit welchen Mechanismen die soziale Ungleichheit trotz einer breiteren Teilhabe an Bildung durch die Bildungsverläufe reproduziert wird.

In der vorliegenden Arbeit soll die Hypothese überprüft werden, dass die frühkindliche Sozialisation in der Familie und die unbewusste Selektivität der Lehrer entsprechend des Habituskonzepts von Pierre Bourdieu einen wichtigen Beitrag zur Erklärung der „sozialen Vererbung“ von Bildungserfolgen im heutigen Deutschland leisten können. Als zentrales Problem bzgl. des engen Zusammenhangs zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft wird dabei die frühe Selektion im deutschen Bildungssystem herausgearbeitet. Um diese Hypothese zu überprüfen werden im Folgenden zunächst die Probleme der sozialen Selektivität des Bildungssystems herausgearbeitet werden. Anschließend wird das Habituskonzept Bourdieus vorgestellt werden. Daraufhin soll anhand der drei PISA-Studien überprüft werden, inwieweit das Habituskonzept dazu beitragen kann, die Selektivität des deutschen Bildungssystems zu erklären. Dabei wird deutlich, dass die frühkindliche Sozialisation in der Familie und die unbewussten Habituserwartungen der Lehrer als Erklärung für die Kontinuität von Bildungsbenachteiligung herangezogen werden können

3 Soziale Selektivität des Bildungswesens

Zunächst werden die Probleme der sozialen Selektivität des Bildungswesens herausgearbeitet, um im Folgenden die Hypothese, dass das Habituskonzept von Bourdieu einen wichtigen Beitrag zur Erklärung der „sozialen Vererbung“ von Bildungserfolgen im heutigen Deutschland leisten kann, zu überprüfen. Aufgrund der sozialen Platzierungs- und Selektionsfunktion beeinflusst das Bildungssystem die vertikale soziale Mobilität in einer Gesellschaft in hohem Maße. Problematisch wird dies vor dem Hintergrund der Chancengleichheit bzgl. der Bildungsbeteiligung und den aus dem Bildungserfolg resultierenden späteren Lebenschancen. Deshalb soll im Folgenden zunächst die soziale Selektivität an den Gelenkstellen des deutschen Bildungswesens als zentrale Ursache der sozialen Ungleichheit herausgearbeitet werden.

Zu den wichtigsten sozialen Funktionen des Bildungswesens gehört neben der Platzierungsfunktion die Selektionsfunktion. Zwar sollen Bildungssysteme idealerweise nach Leistung differenzieren, jedoch findet immer auch – gewollt oder ungewollt – eine soziale Selektion statt (vgl. Geißler 2006, S. 273). Das heißt, die sozialen Merkmale der Schüler, wie ethische, soziale und regionale Herkunft sowie das Geschlecht, beeinflussen ihre Bildungskarrieren. Diese Beeinflussung findet einerseits unabhängig von ihrer Leistung statt und andererseits abhängig von ihrer Leistung, weil diese zum Teil mit ihren Lebensbedingungen zusammenhängt, die wiederum mit den oben genannten sozialen Merkmalen verknüpft sind (vgl. ebd.).

In der internationalen Sozialstrukturforschung besteht Einigkeit darüber, dass die Übergangsstellen von Bildungskarrieren die entscheidenden Situationen der Entstehung von Bildungsungleichheiten darstellen (vgl. Baumert et al. 2000, S. 163). Diese Übergangsstellen können nach Loeber und Scholz (2003, S. 258) auch als „Gelenkstellen“ bezeichnet werden, an denen primäre und sekundäre Ungleichheiten zusammenwirken. Dabei sind die bis zu einer Übergangsstelle erworbenen und für die nächste Etappe vorausgesetzten Kompetenzen als primäre Ungleichheiten, welche typischerweise nicht unabhängig von der sozialen Herkunft sind, zu verstehen. Soziale Disparitäten, welche bei gleichen Kompetenzen aus den Entscheidungen im Bildungsverlauf resultieren und ebenfalls von der sozialen Lage abhängig sind, werden hingegen als sekundäre Ungleichheiten bezeichnet. Motive des intergenerationellen Statuserhalts, unterschiedliche sozialschichtabhängige Erfolgserwartungen – von Eltern und Lehrern – und Kosten-Nutzen-Relationen von Bildungsentscheidungen stellen wichtige Einflussgrößen der sekundären Ungleichheit dar (vgl. Loeber & Scholz 2003, S. 258). Infolge der oben genannten Auswirkungen auf die Bildungsgerechtigkeit sind die sekundären sozialen Disparitäten von besonderer Bedeutung.

Das deutsche Bildungswesen zeichnet sich durch eine frühe Selektivität aus (vgl. Hradil 2005, S. 154). Bereits im Alter von 10-11 Jahren muss die Entscheidung für einen der drei Schulzweige und das damit verbundene Anforderungsprofil getroffen werden. Schüler, die aufgrund sozialer oder familiärer Hemmnisse nicht bereits zu diesem Zeitpunkt ihr Leistungspotential entfalten können, werden somit dauerhaft auf leistungsniedrigere Schulformen verwiesen. An der ersten Gelenkstelle, dem Übergang von der Primarstufe zur Sekundarstufe, wird die entscheidendste Weichenstellung (vgl. Becker 2004, S. 254), die nur selten revidiert wird (vgl. von Below 2002, S. 68), vorgenommen.

In der vorliegenden Arbeit soll die Hypothese überprüft werden, dass an dieser ersten und zugleich zentralen Gelenkstelle die ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen des Elternhauses einen zentralen Mechanismus darstellen, der die Übergangsentscheidung maßgeblich beeinflusst. In diesem Zusammenhang sind neben dem Schülerhabitus, der sich u.a. in Lebensstil, Sprache, Ausdruckvermögen und logischem Denken widerspiegelt, auch die Bildungsempfehlungen der Lehrkräfte zu berücksichtigen. Diese werden wiederum von der oben genannten Ressourcenausstattung der Familien beeinflusst (vgl. Becker 2004, S. 253). Ditton (1992, S. 132) konstatiert bereits in den 1990er Jahren, dass ein ausgeprägter Zusammenhang zwischen Lehrerempfehlung nach der Primarstufe und sozialer Herkunft der Schüler besteht. So ist für die höheren Sozialschichten bei mittleren oder unterdurchschnittlichen Leistungen ein deutlicher Vertrauensvorsprung bzw. Sozialbonus erkennbar (vgl. Ditton 1992, S. 133).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Gelenkstellen die entscheidenden Situationen der Entstehung von Bildungsungleichheiten darstellen. Besonders an der ersten und zugleich zentralen Gelenkstelle, dem Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe, beeinflussen der in der frühkindlichen Sozialisation im Elternhaus angeeignete Habitus als auch die Bildungsempfehlungen der Lehrer die Bildungskarrieren der Schüler. Wird davon ausgegangen, dass Lehrer bei ihren Bildungsempfehlungen nicht bewusst soziale Ungleichheit reproduzieren wollen, sondern dies unbewusst geschieht, stellt sich die Frage nach den zentralen Mechanismen, die dieser Selektivität zugrunde liegen.

[...]


[1] Das deutsche PISA-Konsortium nimmt eine Einteilung der elterlichen Berufe in sieben Sozialschichten vor. Unter Berufung auf Erikson, Goldthorpe, Portocarero werden diese Schichten auch als EGP-Klassen bezeichnet (vgl. Ehmke & Baumert 2007, S. 313). Folgende EGP-Klassen wurden in der PISA-Studie 2006 zugrunde gelegt: Obere Dienstklasse; untere Dienstklasse; Routinedienstleistungen in Handel und Verwaltung; Selbständige; Facharbeiter und Arbeiter mit Leitungsfunktion; un- und angelernte Arbeiter, Landarbeiter (vgl. ebenda).

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Details

Titel
Mehr soziale Gerechtigkeit durch Bildung?
Untertitel
Die Aktualität des Habitus-Konzepts von Pierre Bourdieu
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V92190
ISBN (eBook)
9783638060462
ISBN (Buch)
9783640781133
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mehr, Gerechtigkeit, Bildung
Arbeit zitieren
Bjoern Cebulla (Autor), 2008, Mehr soziale Gerechtigkeit durch Bildung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92190

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