Quellenberufungen und die Gleichsetzung von Erzähler-Ich und handelndem Ich im Märe

Zur Autorisierung von Perspektiven und Lehren am Beispiel der Mären „Der Rosendorn“ und „Das Rädlein“


Seminararbeit, 2001
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorstellung der Mären
2.1. Der Rosendorn (Autor unbekannt, 14. Jahrhundert):
2.1.1. Inhalt
2.1.2. Einordnung
2.2. Das Rädlein (Johannes von Freiberg, Ende des 13. Jahrhunderts):
2.2.1. Inhalt
2.2.2. Einordnung

3. Quellenberufungen
3.1. Das Publikum als Anlass der Quellenberufung
3.2. Die drei Typen der Quellenberufung
3.3. Der Rosendorn
3.4. Das Rädlein

4. Gleichsetzung von Erzähler-Ich und handelndem Ich
4.1. Der Rosendorn
4.2. Das Rädlein

5. Autorisierung von Perspektiven und Lehren im Märe
5.1. Der Rosendorn
5.2. Das Rädlein

Schluss

6. Schluss

Literaturverzeichnis

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Das Märe ist uns als eine typische Textform des Mittelalters bekannt. In unserem heutigen „Märchen“ lebt der Begriff weiter.

Doch mit der genauen Definition von „Märe“ hatte die Wissenschaft von Beginn an Schwierigkeiten, denn solch eine Art von Text kann in vielen Gestalten auftreten, sei es als moralisierende Beispielerzählung, sei es als grobschlächtiges Erotikon.

Zahlreiche Aufsätze und Abhandlungen verweisen auf diese Problematik der Abgrenzung; erwähnt seien nur Veröffentlichungen wie Fischers „Studien zur deutschen Märendichtung“[1] und Heinzles „Kleine Anleitung zum Gebrauch des Märenbegriffs“[2].

Haug verdeutlicht das Problem mit folgenden Worten: „Das Märe wird durch das gekennzeichnet, was es nicht ist: es ist nicht bispel, nicht Fabel, nicht Rede, nicht Lied, nicht historische Darstellung, nicht geistliche Erzählung, nicht Spiel und nicht Roman. Ferner werden die nicht-deutschsprachigen Zeugnisse, die Literatur nach 1500, die Prosaerzählung und die mündlichen narrativen Typen ausgeklammert.“[3]

Man muss also sehr vereinfachen, will man den Begriff „Märe“ dennoch positiv definieren: Mären umfassen demnach mittelhochdeutsche Verserzählungen, die zwischen 1250 und 1500 entstanden sind und aus etwa 100 bis 2000 Versen bestehen. Ihr Inhalt ist schwankhaft, höfisch-galant oder moralisch-exemplarisch[4].

Ein konventionelles Erzählmuster dient als Gerüst des Märes, darauf aufbauend werden oft gesellschaftliche Probleme der Zeit - wie zum Beispiel die Geschlechterrollen - auf mehr oder weniger witzige Weise behandelt. Dazu gibt es verschiedene Erzählstrategien.

In meiner Seminararbeit beschäftigt mich die Frage, mit welcher Strategie der Autor versucht, dem Publikum sein Märe glaubhaft und interessant zu machen: Woher hat der Erzähler eigentlich seinen Stoff? Auf welche Quellen beruft er sich dabei? War er selbst am Geschehen beteiligt? Wie möchte der Erzähler seine Perspektive plausibel machen? Woher nimmt er sich das Recht, seine Lehre als allgemeingültig hinzustellen?

Diese und weitere Fragen versuche ich in meiner Seminararbeit zu klären. 2. Vorstellung der Mären

Um die theoretischen Hintergründe meiner Arbeit besser verdeutlichen zu können, habe ich die zwei Mären „Der Rosendorn“ (Zit. als RD) und „Das Rädlein“ (Zit. als Rä) als Beispiele herangezogen.

2.1. Der Rosendorn (Autor unbekannt, 14. Jahrhundert):

2.1.1. Inhalt

Eine junkfrau besitzt einen wunderschönen Garten, den sie sich bereits umzäunen ließ. Im Zentrum des Gartens steht eine riesige Rosenhecke. Jeden Morgen geht sie nackt in diesen Garten und übergießt sich mit Rosenwasser.[5]

Der Erzähler des Märes, der ihren Garten eigentlich betreten wollte, um eine Rose zu stehlen, beobachtet sie heimlich. Er sieht, wie ihr Geschlechtsteil, die fut, durch die Wirkung einer Wurzel plötzlich sprechen kann. Sie behauptet ihrer „Besitzerin“ gegenüber, dass diese nur wegen ihr bei den Männern so begehrt sei. Die junge Frau entgegnet, dass sie allein wegen ihrer Tugend beliebt sei und nicht wegen ihrer fut. Sie geraten in Streit, der damit endet, dass sich die fut von der junkfrau trennt und sich allein auf den Weg macht.

Nach diesem Vorfall geht die junge Frau mit einem Mann ins Bett, um zu testen, warum er sie mag - wegen ihrer fut oder durch ir jugent, durch ir schön oder durch ir tugent (Der Rosendorn, Version I, Vers 183 f.)? Als der Mann bemerkt, dass sie kein Geschlechtsteil mehr hat, sucht er das Weite.

Seitdem wird das Mädchen als die fudlos (RD I, V.196) verspottet und gemieden. Auch der fut ergeht es alleine nicht besser: Sie erntet nur Fußtritte.

Aus diesem Grund vereinigen sich die junkfrau und ihre fut wieder. Damit sie sich nicht erneut trennen, lässt sich das Mädchen auf Anraten des Erzählers regelmäßig „die fut an den Leib nageln“ (RD II, V. 246).

2.1.2. Einordnung

Hanns Fischer, der sich intensiv mit der Märenforschung beschäftigt hat, hat in seinen „Studien zur deutschen Märendichtung“ diese Geschichte zu den Grenzfällen gerechnet. Seiner Ansicht nach zeige „Der Rosendorn“ gewisse Züge eines Märes, genüge aber den Gattungsbedingungen nicht völlig[6], da „die Bedingung ‚menschliches Personal’ nicht hinreichend erfüllt“[7] sei. Die Personifikation von Körperteilen sei ein Element der Fabel, das auch ins Streitgedicht aufgenommen worden sei.[8]

Fischer hat die Mären in zwölf Themenkreise untergliedert, welche sich meist um Liebe, Lust, Leidenschaft und Betrug drehen[9]. „Der Rosendorn“ könnte in den sechsten Themenkreis, die ‚Priapeia’, eingeordnet werden, wäre „Der Rosendorn“ ein Bestandteil des Fischer'schen Märenkanons. In der ‚Priapeia’ spielen nämlich die Genitalien eine „zentrale, manchmal sogar personenhafte Rolle“.[10]

2.2. Das Rädlein (Johannes von Freiberg, Ende des 13. Jahrhunderts):

2.2.1. Inhalt

Der Schreiber eines hochangesehenen Bürgers begehrt dessen wunderschönes Dienstmädchen. Sie weist ihn jedoch immer wieder schroff ab. Eines Nachts schläft sie, von der Arbeit erschöpft, auf der Küchenbank ein. Der Schreiber findet sie, zieht ihr unbemerkt das Kleid hoch, so dass sie fast nackt vor ihm liegt. Er malt ihr ein Rädlein auf den Bauch, jedoch wagt er es nicht, sie an intimen Stellen anzufassen. Am nächsten Morgen behauptet der Schreiber dem Dienstmädchen gegenüber listig, dass sie miteinander geschlafen hätten. Das Rädlein auf ihrem Bauch diene als Beweis, den das Mädchen schließlich akzeptieren muss. Letztendlich willigt sie ein, diese Liebesnacht zu „wiederholen“, womit das Ziel der List erreicht ist.[11]

Die verlorene Ehre der jungen Frau wird nicht durch Heirat wiederhergestellt, da der Schreiber sie nach dieser Liebesnacht verlässt.

2.2.2. Einordnung

„Das Rädlein“ stammt von Johannes von Freiberg, dessen Identität nicht eindeutig geklärt ist; sicher ist nur, dass er Ende des 13. Jahrhunderts im östlichen Mitteldeutschland lebte. Durch die genaue Schilderung der Lebenswelt eines Schreibers liegt die Vermutung nahe, dass Johannes von Freiberg - wie der Held in seinem Märe - selber ein schribaere gewesen ist.[12].

Im Fischer'schen Sinne lässt sich dieses Märe in den fünften Themenkreis ‚Verführung und erotische Naivität’ einordnen[13] besitzt dasselbe Motiv wie das Märe „Das Kreuz“[14].

[...]


[1] Fischer, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung. 2. Aufl. Tübingen 1983.

[2] Heinzle, Joachim: "Kleine Anleitung zum Gebrauch des Märenbegriffs". In: Grubmüller, Klaus / Johnson, L.Peter / Steinhoff, Hans-Hugo (Hgg.): Kleinere Erzählformen im Mittelalter. Paderborner Colloquium 1987. Paderborn 1988. S.45-48.

[3] Haug, Walter: "Entwurf zu einer Theorie der mittelalterlichen Kurzerzählung". In: Ders. / Wachinger, Burghart (Hgg.): Kleinere Erzählformen des 15. und 16. Jahrhunderts. Tübingen 1993. (Fortuna Vitrea Bd. 8). S. 3f.

[4] Vgl. Schweikle, Günther & Irmgard (Hg.): Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2. Aufl. Stuttgart 1990. S.294.

[5] Anonym: "Der Rosendorn". In: Fischer, Hanns (Hg.): Die deutsche Märendichtung des 15. Jahrhunderts. München 1966. (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters Bd.12). S. 444-461.

[6] Vgl. Fischer, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung. 2. Aufl. Tübingen 1983. S.72.

[7] Ebd. S.75.

[8] Vgl. ebd. S.75.

[9] Vgl. ebd. S.93 -100.

[10] Ebd. S.97.

[11] Johannes von Freiberg: "Das Rädlein". In: Grubmüller, Klaus (Hg.): Novellistik des Mittelalters. Märendichtung. Frankfurt am Main 1996. (Bibliothek deutscher Klassiker Bd. 138; Bibliothek des Mittelalters Bd. 23). S. 618-647.

[12] Vgl. Fischer, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung. 2. Aufl. Tübingen 1983. S.181f.

[13] Vgl. ebd. S.97.

[14] Vgl. Grubmüller, Klaus (Hg.): Novellistik des Mittelalters. Märendichtung. Frankfurt am Main 1996.(Bibliothek deutscher Klassiker Bd. 138; Bibliothek des Mittelalters Bd. 23). S. 1231.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Quellenberufungen und die Gleichsetzung von Erzähler-Ich und handelndem Ich im Märe
Untertitel
Zur Autorisierung von Perspektiven und Lehren am Beispiel der Mären „Der Rosendorn“ und „Das Rädlein“
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Spätmittelalterliche Märendichtung
Note
2,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V92547
ISBN (eBook)
9783638063760
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Quellenberufungen, Gleichsetzung, Erzähler-Ich, Märe, Spätmittelalterliche, Märendichtung
Arbeit zitieren
M.B.A. + Eng. Sonja Wagner (Autor), 2001, Quellenberufungen und die Gleichsetzung von Erzähler-Ich und handelndem Ich im Märe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92547

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