In meiner Seminararbeit beschäftigt mich die Frage, mit welcher Strategie der Autor versucht, dem Publikum sein Märe glaubhaft und interessant zu machen: Woher hat der Erzähler eigentlich seinen Stoff? Auf welche Quellen beruft er sich dabei? War er selbst am Geschehen beteiligt? Wie möchte der Erzähler seine Perspektive plausibel machen? Woher nimmt er sich das Recht, seine Lehre als allgemeingültig hinzustellen?
Diese und weitere Fragen versuche ich in meiner Seminararbeit zu kläre. Das Märe ist uns als eine typische Textform des Mittelalters bekannt. In unserem heutigen
„Märchen“ lebt der Begriff weiter.
Doch mit der genauen Definition von „Märe“ hatte die Wissenschaft von Beginn an
Schwierigkeiten, denn solch eine Art von Text kann in vielen Gestalten auftreten, sei es als
moralisierende Beispielerzählung, sei es als grobschlächtiges Erotikon.
Zahlreiche Aufsätze und Abhandlungen verweisen auf diese Problematik der Abgrenzung;
erwähnt seien nur Veröffentlichungen wie Fischers „Studien zur deutschen Märendichtung“1
und Heinzles „Kleine Anleitung zum Gebrauch des Märenbegriffs“2.
Haug verdeutlicht das Problem mit folgenden Worten: „Das Märe wird durch das
gekennzeichnet, was es nicht ist: es ist nicht bispel, nicht Fabel, nicht Rede, nicht Lied, nicht
historische Darstellung, nicht geistliche Erzählung, nicht Spiel und nicht Roman. Ferner
werden die nicht-deutschsprachigen Zeugnisse, die Literatur nach 1500, die Prosaerzählung
und die mündlichen narrativen Typen ausgeklammert.“3
Man muss also sehr vereinfachen, will man den Begriff „Märe“ dennoch positiv definieren:
Mären umfassen demnach mittelhochdeutsche Verserzählungen, die zwischen 1250 und 1500
entstanden sind und aus etwa 100 bis 2000 Versen bestehen. Ihr Inhalt ist schwankhaft,
höfisch-galant oder moralisch-exemplarisch4.
Ein konventionelles Erzählmuster dient als Gerüst des Märes, darauf aufbauend werden oft
gesellschaftliche Probleme der Zeit - wie zum Beispiel die Geschlechterrollen - auf mehr oder
weniger witzige Weise behandelt. Dazu gibt es verschiedene Erzählstrategien.
In meiner Seminararbeit beschäftigt mich die Frage, mit welcher Strategie der Autor versucht,
dem Publikum sein Märe glaubhaft und interessant zu machen: Woher hat der Erzähler
eigentlich seinen Stoff? Auf welche Quellen beruft er sich dabei? War er selbst am Geschehen
beteiligt? Wie möchte der Erzähler seine Perspektive plausibel machen? Woher nimmt er sich
das Recht, seine Lehre als allgemeingültig hinzustellen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorstellung der Mären
2.1. Der Rosendorn (Autor unbekannt, 14. Jahrhundert):
2.1.1. Inhalt
2.1.2. Einordnung
2.2. Das Rädlein (Johannes von Freiberg, Ende des 13. Jahrhunderts):
2.2.1. Inhalt
2.2.2. Einordnung
3. Quellenberufungen
3.1. Das Publikum als Anlass der Quellenberufung
3.2. Die drei Typen der Quellenberufung
3.3. Der Rosendorn
3.4. Das Rädlein
4. Gleichsetzung von Erzähler-Ich und handelndem Ich
4.1. Der Rosendorn
4.2. Das Rädlein
5. Autorisierung von Perspektiven und Lehren im Märe
5.1. Der Rosendorn
5.2. Das Rädlein
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, mit welchen narrativen Strategien Autoren mittelalterlicher Mären ihr Publikum von der Glaubwürdigkeit ihrer Erzählungen überzeugen. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse von Quellenberufungen, der Identifikation von Erzähler-Ich und handelndem Ich sowie der Art und Weise, wie moralische Lehren im Kontext der höfischen Unterhaltung autorisiert werden.
- Analyse der Funktion und Typologie von Quellenberufungen in der Märendichtung.
- Untersuchung der Identitätskonstruktion des Erzählers und dessen Rolle als Akteur.
- Vergleich der Erzählstrategien am Beispiel von "Der Rosendorn" und "Das Rädlein".
- Beleuchtung des Zusammenhangs zwischen Publikumsansprache und Wahrheitsanspruch.
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Publikum als Anlass der Quellenberufung
Mären wurden weniger schriftlich als vielmehr mündlich verbreitet; oft trug sie der Autor selbst vor, sei es zur Abendunterhaltung bei Hof, sei es in einer Art ‚Autorenabend’.
Weil also der Verfasser - oder zumindest ein Rezitator - dem Publikum persönlich gegenübertrat, sprach er die Zuhörer direkt an und zog sie quasi vertraulich in ein Gespräch. Der Autor plante dies schon beim Abfassen seiner Geschichte mit ein, wofür sich auch in den schriftlichen Versionen der Mären genügend Belege finden lassen, von der Anrede nû hoeret, lieben kint gemeit (Rä, V.10) bis zu der Frage an das Publikum, ob es die Geschichte wirklich weiter hören wolle: wölt ir nun, das ich
Durch den persönlichen Kontakt mit dem Publikum entsteht also eine Art Dialog. Dies bringt allerdings auch mit sich, dass sich der Verfasser eines Märes rechtfertigen muss, woher er seine Geschichte weiß und ob sie wirklich wahr ist. Dieser „pedantischen Wahrheitsforderung des Publikums“ versucht der Autor mit der Strategie der Quellenberufung gerecht zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Märe als mittelhochdeutsche Verserzählung und umreißt die Fragestellung nach der Plausibilisierung von Erzählperspektiven.
2. Vorstellung der Mären: Hier werden "Der Rosendorn" und "Das Rädlein" inhaltlich zusammengefasst und literaturwissenschaftlich in den Kontext der Märenforschung eingeordnet.
3. Quellenberufungen: Das Kapitel analysiert die Funktion von Quellenverweisen und unterteilt diese in die Berufung auf Bücher, mündliche Berichte und die Autopsie.
4. Gleichsetzung von Erzähler-Ich und handelndem Ich: Es wird untersucht, wie das Erzähler-Ich in "Der Rosendorn" zum Akteur wird, während in "Das Rädlein" eine klare Trennung gewahrt bleibt.
5. Autorisierung von Perspektiven und Lehren im Märe: Dieses Kapitel erörtert, wie Autoren ihre moralischen Thesen durch spezifische Erzählstrategien und fiktive Autoritäten glaubhaft machen.
6. Schluss: Der Schluss reflektiert die Ergebnisse und weist darauf hin, dass die Rechtfertigung der Lehren in den Mären letztlich eine Frage des historischen Kontextes bleibt.
Schlüsselwörter
Märe, Mittelalter, Erzählstrategien, Quellenberufung, Autopsie, Identität, Erzähler-Ich, Der Rosendorn, Das Rädlein, Wahrheitsanspruch, Publikum, Literaturwissenschaft, Didaktik, Höfische Dichtung, Medialität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert die Erzählweise mittelalterlicher Mären, insbesondere wie Autoren durch gezielte Strategien eine "Wahrheit" konstruieren und ihr Publikum unterhalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Funktion von Quellenberufungen, die Rolle des Erzählers als Beobachter oder Handelnder sowie die Vermittlung moralischer Lehren an das höfische Publikum.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, mit welcher Strategie der Autor versucht, dem Publikum sein Märe glaubhaft zu machen und mit welchem Recht er seine Lehre als allgemeingültig darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Gattungsdefinition nach Hanns Fischer basiert und die Mären vergleichend untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Quellenberufung, die Identitätskonstruktion des Ich-Erzählers und die Untersuchung der Autorisierung von Moral und Perspektive.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Keywords sind u.a. Märe, Quellenberufung, Erzähler-Ich, Autopsie, Wahrheitsanspruch und didaktische Vermittlung.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "Erzähler-Ich" und "handelndem Ich" eine so wichtige Rolle?
Die Identität des Erzählers beeinflusst die Glaubwürdigkeit massiv: Wenn der Autor selbst als Augenzeuge auftritt, steigt der Wahrheitsanspruch beim Publikum, was ein zentrales rhetorisches Werkzeug darstellt.
Inwiefern unterscheiden sich "Der Rosendorn" und "Das Rädlein" in ihrer Strategie?
Während der Autor in "Der Rosendorn" das Ich-Erzähler-Konzept nutzt, um als Akteur einzugreifen, arbeitet "Das Rädlein" mit einer externen Quellenberufung und einer distanzierteren, auktorialen Erzählweise.
- Quote paper
- M.B.A. + Eng. Sonja Wagner (Author), 2001, Quellenberufungen und die Gleichsetzung von Erzähler-Ich und handelndem Ich im Märe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92547