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Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität in der YouTube-Öffentlichkeit

Eine Analyse der diskursiven Verhandlung von Geschlecht und Sexualität am Beispiel des YouTube-Videos „Coming Out“ von Melina Sophie und seiner plattforminternen Anschlusskommunikation

Titel: Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität in der YouTube-Öffentlichkeit

Masterarbeit , 2019 , 220 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Manuela Plöger (Autor:in)

Sozialwissenschaften allgemein
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Das Thema der Masterarbeit ist die Konstruktion von Geschlecht und Sexualität auf YouTube als Teil der Sozialen Medien. YouTube als das neue Leitmedium Heranwachsender ist aus einer Geschlechterperspektive bislang wenig erforscht, obgleich es den Nutzenden eine „virtuelle Bühne zur Bearbeitung von Identitäts- und Geschlechterfragen“liefert.
Um das Thema zu bearbeiten, wurde exemplarisch das YouTube-Video "Coming Out" der deutschen YouTuberin Melina Sophie und seine plattforminterne Anschlusskommunikation in einer Einzelfallanalyse untersucht. Das Ziel der Analyse war es, die in den performativen Selbstdarstellungen aufzufindenden Diskurse über Geschlecht und Sexualität zu identifizieren.
Ausgehend von der Annahme, dass die Inhalte auf YouTube für die Identitätskonstruktionen Jugendlicher eine maßgebliche Rolle spielen, wurde danach gefragt, wie 1. Geschlecht und Sexualität in dem Video und dessen Anschlusskommunikation diskursiv hergestellt werden, 2. welche Sinn- und Wissensvorräte und Vorstellungen von Normalität den Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität immanent sind und 3. wie sich heteronormative Annahmen von der wahrgenommenen Einheit von Geschlecht, Körper, Begehren und Sexualität in den Inszenierungen ausdrücken.

Die Analyse wurde gerahmt und kontextualisiert durch Theorien, Konzepte, empirische Befunde und methodische Überlegungen der Frauen- und Geschlechterforschung sowie der Kommunikations- und Medienwissenschaften. Den theoretisch-analytischen Rahmen und die analytische Folie der Analyse bildeten Ansätze, die essentialisierende Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität ablehnen, nämlich Judith Butlers Konzept der Performativität von Geschlecht und Foucaults Überlegungen zur diskursiven Konstruktion von Sexualität und dem Wirken des Sexualitätsdispositivs. Auch das Konzept des doing gender wurde für die Analyse des Videos herangezogen. Für das konkrete Vorgehen wurden die Kritische Diskursanalyse und die qualitative Videoanalyse mit methodischen Werkzeugen der Grounded Theory verbunden.

Es konnte herausgearbeitet werden, dass das Alltagswissen und die Norm der binären Zweigeschlechtlichkeit und der Heterosexualität im Diskurs auf YouTube von den Akteur*innen verinnerlicht wurden und mehrheitlich als Folie für die Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität dienen. Heteronormativität bestimmt größtenteils das Wissen der Akteur*innen auf YouTube, nicht zuletzt auf Grund der Wirksamkeit des Sexualitätsdispositivs.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Einführung in das Thema: Sexismus auf YouTube?

1.2 Relevanz von und Blick auf Geschlecht

1.3 Relevanz von YouTube als Untersuchungsgegenstand

1.4 Untersuchtes YouTube-Video und forschungsleitende Fragen

1.5 Das Problem der Reifizierung

1.6 Aufbau der Arbeit

2 Theoretischer Rahmen

2.1 YouTube als Teil jugendlicher Medienwelten und -sozialisation

2.1.1 Einfluss der Medien auf die Identitätsentwicklung und -konstruktion Jugendlicher

2.1.2 YouTube als sozialer und medialer Raum im Web 2.0

2.2 Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit

2.2.1 Geschlecht als Konstruktion

2.2.2 Die Unterscheidung von sex und gender

2.2.3 Konstruktion von Geschlecht: Von Geschlechterdifferenzen zu Geschlechterdifferenzierungen

2.2.4 Frühe ethnomethodologische Studien zum doing gender

2.2.5 Die Konstruktion von Sexualität bei Michel Foucault

2.2.6 Performativität von Geschlecht und Konstruktion von geschlechtlicher Identität bei Judith Butler

2.3 Selbstdarstellung

2.3.1 Selbstdarstellung im Alltag

2.3.2 Selbstdarstellung auf YouTube

2.4 Technologie und Geschlecht

3 Repräsentationen von Geschlecht in den Medien

3.1 Geschlecht und Internet/Cyberfeminismus

3.2 Geschlecht und Soziale Medien

3.3 Geschlecht und YouTube

4 Methodische Vorüberlegungen und methodisches Vorgehen

4.1 Diskursanalyse

4.2 Kritische Diskursanalyse nach Siegfried Jäger

4.2.1 Analytische Kategorien der Kritischen Diskursanalyse

4.2.2 Vorgehensweise der Kritischen Diskursanalyse

4.3 Wissenssoziologisch-hermeneutische Videoanalyse

4.4 Methodisches Vorgehen

4.4.1 Feldabgrenzung und Fallauswahl

4.4.2 Datenerhebung als Theoretical Sampling für die Analyse der Anschlusskommunikation

4.4.3 Videotranskription als Interpretationsarbeit

5 Ergebnisse

5.1 Videoanalyse: Die Handlung hinter der Kamera

5.1.1 Der Kanal „Melina Sophie“ und das Video „Coming Out“

5.1.2 Herstellung von Intimität und Nähe durch die Handlung der Kamera

5.1.3 Zusammenfassung der Analyse der Handlung hinter der Kamera

5.2 Videoanalyse: Die Handlung vor der Kamera

5.2.1 „Fuck“: Kampf und Schwere durch Anpassungsdruck

5.2.2 „das Gefühl […] mein persönliches lebenslanges Geheimnis, endlich mitteilen zu müssen“: Das Geständnis

5.2.3 „[…] verdammt viel Zeit gekostet das zu akzeptieren“: Coming Out als langwieriger und schmerzhafter Prozess der Befreiung

5.2.4 „ich bin lesbisch“: Identität als Bezeichnungspraxis

5.2.5 „woran ich das gemerkt habe […] und ob ich mir wirklich sicher bin“: Heteronormativität

5.2.6 „Ich stehe nicht auf Männer“: Definition als Person über die Abweichung von der Norm

5.2.7 „Hier bin ich“: Selbstinszenierung

5.2.8 Zusammenfassung der Handlung vor der Kamera

5.3 Analyse der Anschlusskommunikation

5.3.1 Der Geschlechterdiskurs

5.3.2 Der Sexualitätsdiskurs

5.3.3 Zusammenfassung der Analyse der Anschlusskommunikation

5.4 Zusammenführung und Diskussion der Ergebnisse

6 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

7 Kritische Reflexion und Fazit

Zielsetzung & Themen

Diese Masterarbeit untersucht die Konstruktion von Geschlecht und Sexualität auf der Videoplattform YouTube. Das primäre Ziel ist es, mittels einer qualitativen Einzelfallanalyse des Videos „Coming Out“ der YouTuberin Melina Sophie sowie der dazugehörigen Anschlusskommunikation (Kommentare) aufzudecken, wie geschlechtliche Identität performativ hergestellt wird und inwieweit heteronormative Normalitätsvorstellungen in diesem digitalen Raum diskursiv verhandelt, reproduziert oder subversiv irritiert werden.

  • Konstruktive Identitätsarbeit und Selbstdarstellung auf YouTube
  • Diskursive Aushandlung von Geschlechterrollen und Sexualitätsnormen
  • Die Rolle von Heteronormativität in digitalen Lebenswelten
  • Methodische Verknüpfung von Kritischer Diskursanalyse und wissenssoziologischer Videoanalyse
  • Untersuchung von Anschlusskommunikation als Teil diskursiver Aushandlungsprozesse

Auszug aus dem Buch

5.2.1 „Fuck“: Kampf und Schwere durch Anpassungsdruck

Das Video beginnt mit einem langen geräuschvollen Ausatmen von Melina Sophie. Dabei presst sie die Luft durch die fast geschlossenen Lippen. Die linke Hand ist erhoben, der Zeigefinger abgespreizt (Abbildung 5).

Das ist die Geste von jemandem, der etwas zu sagen hat. Die hochgezogenen Schultern werden mit dem Ausatmen fallengelassen, der gesamte Oberkörper scheint so zusammenzusacken. Auch die erhobene Hand fällt geräuschvoll auf die Beine. Die Augen wandern von rechts nach links an der Kamera vorbei, als ob sie einen Punkt zum Festhalten suchen, aber keinen finden. Der Kopf bewegt sich dabei nicht mit. Der Blick in die Kamera, um an dieser Stelle bereits Kontakt mit dem Publikum herzustellen, wie sonst im Genre Vlogs üblich, scheint keine Option für Melina Sophie zu sein.

Bereits in der ersten Sekunde werden so eine große Anspannung und Schwere, aber auch Ratlosigkeit deutlich, die auf Melina Sophie lasten. Diese zunächst nonverbal ausgedrückte Gefühlslage wird im nächsten Take sprachlich durch „Fuck“ unterstrichen (00:02). Dabei ist der Blick ganz kurz in die Kamera gerichtet, wodurch sich das Publikum das erste Mal direkt angesprochen fühlt, wenn auch nur flüchtig. Melina Sophie lächelt dabei etwas gequält (Still Nr. 2), was aber eher den Eindruck der Schwere und Ratlosigkeit unterstützt und zusätzlich den von Unsicherheit erweckt.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Einführung in das Forschungsfeld und Darlegung der Relevanz einer geschlechterperspektivischen Analyse der Plattform YouTube sowie Definition der Forschungsfragen.

2 Theoretischer Rahmen: Umfassende theoretische Fundierung, unter anderem durch Konzepte wie doing gender, performative Geschlechtsidentität nach Judith Butler und die Theorie der Selbstdarstellung von Erving Goffman.

3 Repräsentationen von Geschlecht in den Medien: Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu Geschlechterbildern in traditionellen Medien, dem frühen Internet und den Sozialen Medien.

4 Methodische Vorüberlegungen und methodisches Vorgehen: Erläuterung der angewandten Methodik, insbesondere die Kombination aus Kritischer Diskursanalyse nach Siegfried Jäger und wissenssoziologisch-hermeneutischer Videoanalyse.

5 Ergebnisse: Detaillierte Darstellung der Videoanalyse (Handlung vor und hinter der Kamera) und der Analyse der Anschlusskommunikation bezüglich Geschlechter- und Sexualitätsdiskursen.

6 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse: Synthese der gewonnenen Erkenntnisse und Rückbezug auf die theoretischen Annahmen zur Heteronormativität und Identitätsarbeit.

7 Kritische Reflexion und Fazit: Kritische Auseinandersetzung mit dem methodischen Vorgehen und dem Forschungsprozess sowie ein abschließendes Resümee.

Schlüsselwörter

YouTube, Geschlecht, Sexualität, Gender, Doing Gender, Coming Out, Selbstdarstellung, Heteronormativität, Diskursanalyse, Videoanalyse, Identitätskonstruktion, Soziale Medien, Performativität, Anschlusskommunikation, Empowerment.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beschäftigt sich mit den Konstruktionsprozessen von Geschlecht und Sexualität auf der Videoplattform YouTube am Beispiel des „Coming Out“-Videos von Melina Sophie.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Arbeit verknüpft Identitätsarbeit im Internet, performative Selbstdarstellung und die Wirksamkeit gesellschaftlicher Normen (Heteronormativität) in digitalen Kommunikationsräumen.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, diskursiv aufzuzeigen, wie Jugendliche im digitalen Raum Identität aushandeln und welche Rolle dabei die Kamera-Inszenierung sowie das Feedback der Community spielen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird ein Methodenmix aus Kritischer Diskursanalyse (nach Jäger) und wissenssoziologisch-hermeneutischer Videoanalyse (nach Reichertz) angewandt, ergänzt um Ansätze der Grounded Theory.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Neben dem theoretischen Fundament und dem Forschungsstand enthält der Hauptteil eine detaillierte Analyse der Kamerahandlung, der Darstellung vor der Kamera und der anschließenden plattforminternen Kommentar-Diskussion.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Schlüsselbegriffe sind YouTube, Doing Gender, Coming Out, Heteronormativität und Identitätskonstruktion.

Wie unterscheidet die Autorin zwischen "Handlung vor der Kamera" und "Handlung der Kamera"?

Die Handlung vor der Kamera umfasst die sichtbaren Sprech- und Darstellungspraxen von Melina Sophie, während die Handlung der Kamera die bewusste Bildgestaltung und technische Rahmung beschreibt.

Welche Rolle spielen die Kommentare für die Ergebnisse?

Die Anschlusskommunikation dient als Feld für die Analyse diskursiver Aushandlungsprozesse; sie spiegelt wider, wie die Community auf das „Coming Out“ reagiert und dabei gesellschaftliche Normen produziert oder hinterfragt.

Warum wird das "Coming Out"-Video von Melina Sophie als Fallbeispiel gewählt?

Es wurde aufgrund seiner hohen Reichweite, der expliziten Thematisierung von Sexualität und der darauf folgenden umfangreichen, kontroversen Diskussionen als besonders aussagekräftiger Einzelfall für die Analyse ausgewählt.

Ende der Leseprobe aus 220 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität in der YouTube-Öffentlichkeit
Untertitel
Eine Analyse der diskursiven Verhandlung von Geschlecht und Sexualität am Beispiel des YouTube-Videos „Coming Out“ von Melina Sophie und seiner plattforminternen Anschlusskommunikation
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Manuela Plöger (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2019
Seiten
220
Katalognummer
V931769
ISBN (eBook)
9783346286857
ISBN (Buch)
9783346286864
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechterkonstruktionen Sexualität Coming Out YouTube Social Media Identität Heteronormativität Sexualitätsdispositiv doing gender Performativität von Geschlecht Geschlecht in den Medien Diskursanalyse Videoanalyse Inszenierung von Geschlecht Geschlechterdarstellung Selbstinszenierung Soziale Medien Jugendliche
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Manuela Plöger (Autor:in), 2019, Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität in der YouTube-Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931769
Blick ins Buch
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Leseprobe aus  220  Seiten
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