Der anonyme Fallbericht beschreibt die stationäre, ganztägig ambulante sowie die ambulante Langzeittherapie einer zu Behandlungsbeginn 18-jährigen Patientin mit der Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig eine schwere Episode ohne psychotische Symptome. Es wurde eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung der Depression durchgeführt. Gegen Behandlungsende konnte eine Remission der depressiven Symptome und eine signifikante Verbesserung der Handlungskompetenz, der allgemeinen Lebenszufriedenheit und des psychophysischen Gesamtbefindens erreicht werden.
Bei Antritt der stationären Behandlung berichtet Frau S., dass sie überhaupt nicht mehr belastbar sei und ihren Alltag nicht mehr ausreichend bewältigen könne. Sie leide unter einer stark depressiven Stimmung und breche bei jeder Gelegenheit plötzlich in Tränen aus. Die meiste Zeit des Tages verbringe sie in ihrem Bett. Insbesondere am Morgen wache sie häufig viel zu früh auf und fühle sich sehr erschöpft. Dies habe dazu geführt, dass ihr gesamter Tag-Nacht-Rhythmus durcheinandergeraten sei. Sie könne sich zu nichts mehr aufraffen, leide unter Kopfschmerzen, innerer Leere und starker Antriebslosigkeit. Gleichzeitig verspüre sie eine nahezu „unerträgliche“ innere Unruhe und innere Anspannung. Ihre Beschwerden, die sich außerdem in Form von ausgeprägter Freud- und Hoffnungslosigkeit, gesteigertem Appetit, starken Konzentrationsschwierigkeiten, Insuffizienzerleben und Unentschlossenheit äußern würden, hätten sich in den letzten sechs Monaten fortschreitend verschlechtert. Sie sei überzeugt, eine „überflüssige Versagerin“ zu sein und mache sich große Vorwürfe, das Abitur abgebrochen zu haben. Früher habe sie gerne Sport gemacht und Zeit mit Freunden verbracht. Nichts davon würde ihr noch Spaß bereiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Überweisungskontext
2. Diagnostik und Indikationsstellung
3. Problemanalyse
4. Therapieplanung
5. Therapieverlauf
6. Evaluation
7. Kritische Reflektion
8. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit dokumentiert den multimodalen therapeutischen Prozess einer 18-jährigen Patientin mit einer rezidivierenden depressiven Störung. Das primäre Ziel der Arbeit liegt in der Darstellung der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung, der Analyse dysfunktionaler familiärer Dynamiken und der erfolgreichen Stabilisierung der Patientin durch eine Kombination aus ambulanter Therapie, stationärer Akutbehandlung und der Etablierung neuer sozialer Rahmenbedingungen.
- Kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen bei schwerer Depression
- Analyse und Modifikation familiärer Interaktionsmuster und Belastungsfaktoren
- Stellenwert der therapeutischen Beziehungsgestaltung und Validierung
- Integration systemischer Ansätze und DBT-basierter Stabilisierungstechniken
- Prozessbegleitende Evaluation mittels psychometrischer Verlaufstestung
Auszug aus dem Buch
Mikroanalyse
Im Folgenden wird eine prototypische Situation aus dem täglichen Leben der Patientin vorgestellt und mittels des SORKC-Modells analysiert:
Situation (S) Die Patientin ist an einem Sonntag zu ihrem Vater nach Hause eingeladen. Als sie ankommt, begrüßt dieser sie kurz und beschäftigt sich dann mit Gartenarbeit. Nachdem sie eine Stunde alleine im Wohnzimmer gesessen hat, fordert ihr Vater sie in scharfem Ton dazu auf, bei der Gartenarbeit zu helfen
Organismus (O) unbefriedigte Bedürfnisse nach Sicherheit, Anerkennung, Wertschätzung und emotionaler Zuwendung, verinnerlichte Selbstabwertung bei geringem Selbstwerterleben, emotionaler Vulnerabilität, geringer Abgrenzungs- und Konfliktfähigkeit, erlerntes Leistungs- und Anpassungsmotiv, depressive Attributionsmuster
Reaktionen (R) R kogn „Ich dachte, wir unterhalten uns und er fragt nach, wie es mir geht. Wieso soll ich ihm jetzt auch noch helfen? Ich bin doch nicht sein Sklave!“, „Hätte ich anbieten müssen zu helfen?“ „Ich hätte anbieten müssen zu helfen!“ „Du dumme Kuh. Wie kommst du auf die Idee, dass du wichtig bist. Du bist so egoistisch.“ „Du bist scheiße. Du bist scheiße. Du bist scheiße. Ich bin niemand. Ich bin überflüssig. Ich will sterben. Ich will tot sein.“
R emot Wut, Enttäuschung, Schuld- und Schamgefühle, Unsicherheitsgefühle, Minderwertigkeitsgefühle, Hilflosigkeit
R phys erhöhtes Erregungsniveau, innere Unruhe und Anspannung, Herzrasen, starke Kopfschmerzen
R verh Frau S. entschuldigt sich und folgt den Anweisungen ihres Vaters
Zusammenfassung der Kapitel
1. Überweisungskontext: Dieser Abschnitt erläutert den Überweisungsweg der Patientin in die stationäre psychosomatische Behandlung aufgrund wiederkehrender Suizidgedanken und beleuchtet die Indikation zur ambulanten Weiterbehandlung.
2. Diagnostik und Indikationsstellung: Hier werden die aktuelle Anamnese, die Sozial-, Familien- und Schulanamnese sowie der psychische Befund und die testpsychologischen Ergebnisse detailliert dargelegt.
3. Problemanalyse: Dieses Kapitel beinhaltet eine fundierte Makroanalyse der Entstehungsbedingungen der depressiven Symptomatik sowie eine beispielhafte Mikroanalyse einer spezifischen Belastungssituation mittels SORKC-Modell.
4. Therapieplanung: Es werden die übergeordneten Therapieziele, die Indikation für eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung unter Einbezug von DBT- und systemischen Ansätzen sowie die methodischen Schwerpunkte definiert.
5. Therapieverlauf: Dieser Teil beschreibt den Verlauf der (teil-)stationären sowie der ambulanten Einzeltherapie, inklusive der Stabilisierung der Patientin und der Ablösung aus destruktiven familiären Kontexten.
6. Evaluation: Die Ergebnisse der psychometrischen Verlaufstestung werden interpretiert und die zentralen Wirkfaktoren sowie die Prognose der Patientin kritisch reflektiert.
7. Kritische Reflektion: Ein Rückblick auf den therapeutischen Prozess, bei dem Herausforderungen in der Beziehungsgestaltung, der Umgang mit komorbiden Aspekten und die Arbeit mit jungen Erwachsenen kritisch beleuchtet werden.
8. Zusammenfassung: Ein kompakter Überblick über das gesamte Behandlungssetting, die angewandten Methoden und den erreichten Behandlungserfolg.
Schlüsselwörter
Rezidivierende depressive Störung, Kognitive Verhaltenstherapie, SORKC-Modell, Suizidalität, Selbstverletzendes Verhalten, Familiäre Dynamik, Emotionsregulation, Selbstwertgefühl, Ressourcenaktivierung, Dialektisch-Behaviorale Therapie, Systemische Therapie, Ambulante Psychotherapie, Adoleszenz, Psychosomatische Akutbehandlung, Krankheitsverständnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Fallstudie grundsätzlich?
Der Bericht dokumentiert den multimodalen therapeutischen Behandlungsweg einer 18-jährigen Patientin, die an einer rezidivierenden depressiven Störung litt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Behandlung der depressiven Symptomatik, die Aufarbeitung traumatischer Kindheitserfahrungen sowie die Veränderung dysfunktionaler familiärer Interaktionsmuster.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel der Arbeit ist es, den therapeutischen Prozess von der stationären Akutbehandlung bis zur erfolgreichen ambulanten Remission detailliert nachzuvollziehen und die Wirksamkeit der gewählten kognitiv-verhaltenstherapeutischen Strategien aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein verhaltenstherapeutischer Ansatz verfolgt, der durch Elemente der DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) und systemische Methoden ergänzt wird, um sowohl kognitive Umstrukturierung als auch eine Kontextveränderung zu erreichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Anamnese, Problem- und Mikroanalyse, die individuelle Therapieplanung sowie die detaillierte Darstellung des Therapieverlaufs und die abschließende Evaluation der Behandlungserfolge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Depression, Verhaltenstherapie, familiäre Dynamiken, Emotionsregulation und Ressourcenaktivierung beschreiben.
Warum war die Einbeziehung der Eltern als limitierender Faktor relevant?
Die mangelnde Veränderungsbereitschaft und die destruktiven Interaktionsmuster der Eltern erschwerten die therapeutische Arbeit, da die Patientin innerhalb des Familiensystems eine festgeschriebene, belastete Rolle innehatte.
Wie half das SORKC-Modell bei der Analyse der Patientin?
Es ermöglichte eine präzise Identifikation der Auslöser und aufrechterhaltenden Bedingungen für das dysfunktionale Verhalten der Patientin, insbesondere in Interaktion mit ihrem Vater.
Welche Bedeutung hatte die Wohngruppe für den Genesungsprozess?
Der Auszug in die Wohngruppe war ein entscheidender Schritt zur Distanzierung vom dysfunktionalen familiären Umfeld, was eine signifikante Reduktion der inneren Anspannung und eine kognitive Stabilisierung ermöglichte.
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- Anonym (Author), 2019, Kognitive Verhaltenstherapie einer rezidivierenden depressiven Störung mit selbstverletzendem Verhalten. Eine anonyme Falldarstellung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/935486