„Wunder geschehen/ Ich hab's gesehen/ Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen/ Wunder geschehen“ – Nena befasst sich in ihrem Song auf musikalischer Ebene mit dem Thema „Wunder“. Die Popularität ihres Songs lässt sich wohl nicht nur auf ihr Talent als Sängerin zurückführen, auch die spannende Wunderthematik lässt ihren Anteil am Erfolg des Songs vermuten. Denn die Rede von Wundern erhält auch in vielen weiteren Bereichen des Lebens ihren Raum, bspw. Wunderheilungen in der Medizin und Wunder im Kontext des Sports, wie das „Wunder von Bern“ aus dem Jahr 1954 zeigt. In der Lebenswelt sowie im täglichen Sprachgebrauch ist die Wunderthematik also allgegenwärtig.
Im Hinblick auf neutestamentliche Wunder- und Heilungsgeschichten erscheinen solche biblischen Heilungsgeschichten sowie Wunder jedoch realitätsfern und stoßen vielmehr auf Ablehnung in einer modernen und säkularisierten Welt der wissenschaftlichen Aufklärung. In Heilungserzählungen erhalten Blinde ihre Sehkraft wieder, Taube können wieder hören, Gelähmte können plötzlich gehen und auch böse Geister werden aus Besessenen ausgetrieben. Trotz Skepsis oder gar Ablehnung bringen Wundererzählungen eine verborgene Sehnsucht der Menschen zum Ausdruck, indem sie eine unerwartete Wendung des Geschehens erzählen, welche sich auch viele Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen herbeiwünschen.
Biblische Heilungsgeschichten können als Glaubens- oder Hoffnungsgeschichten verstanden werden, wobei eben jene Heilungsgeschichten in den meisten Fällen als Vollkommenheitsgeschichten ausgelegt werden. Es geht darum, dass unvollkommene Menschen vollkommen bzw. geheilt werden, was die Exklusivität des Reichs Gottes suggeriert. Mit dieser Auslegung werden Heilungsgeschichten eher als Provokation für Menschen mit Behinderung wahrgenommen, da sie unabsichtlich zur Kränkung jener führen. Dies lässt sich zum einen in der ungewollten Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung zurückführen, zum anderen wird die eigene, persönliche Lesart der Heilungsgeschichte zugrunde gelegt, die von den eigenen Vollkommenheitsvorstellungen und Normen gefärbt ist. Geht man also als BibelleserIn von jenen Vollkommenheits- und Heilsvorstellungen aus und tritt dem Bibeltext mit dieser Einstellung entgegen, so wird die Heilungserzählung als exklusive Lektüre gelesen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Problemstellung
1.1 Bezug zu den Inhalten der Ausbildung und den allgemeinen Ausbildungsstandards
1.2 Leitfragen und Zielvorstellungen
2. Unterrichtsplanung
2.1 Unterrichtliche Voraussetzungen
2.2 Sachanalyse
2.3 Didaktische Entscheidungen
2.4 Methodische Entscheidungen
2.5 Planung und Aufbau des Unterrichtsversuchs
3. Unterrichtspraxis – Ausgewählte Aspekte des Unterrichtsgeschehens
4. Evaluation
4.1 Verfahren und Ergebnisse
4.2 Auswertungen der LiV
4.3 Rückmeldungen der Lernenden
4.4 Überprüfung der Leitfragen und Verwirklichung der Zielvorstellungen
4.5 Schlussfolgerungen und persönliches Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie biblische Heilungsgeschichten, insbesondere Mk 8,22-26, durch eine dis/abilitykritische Hermeneutik inklusiv gedeutet werden können, um Diskriminierungstendenzen aufzudecken und ein diskriminierungssensibles Bewusstsein bei Schülern zu fördern.
- Reflexion eigener Normalitäts- und Vollkommenheitsvorstellungen
- Einführung in die dis/abilitykritische Exegese und Hermeneutik
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Heilsbegriff
- Perspektivwechsel durch das Verfassen von Nachgeschichten
- Förderung der Wahrnehmungs- und Darstellungskompetenz
Auszug aus dem Buch
2.2 Sachanalyse
Da Wundererzählungen auf unterschiedliche Weisen verstanden werden können, soll nun eine kurze Übersicht der Hermeneutik sowie Deutungshorizonte neutestamentlicher Wundererzählungen gegeben werden.
Verschiedene Deutungshorizonte ergeben sich von biblischen Texten unter Zuhilfenahme von literaturwissenschaftlichen Methoden, welchen drei Perspektiven zugrunde liegen: die werkästhetische Perspektive, welche die sprachliche Gestaltung des Textes fokussiert, die produktionsästhetische Perspektive, die den Text als ein Endprodukt des Autors und den Kontext der Entstehung näher betrachtet und letztlich die rezeptionsästhetische Perspektive, welche die Position der Leserin/des Lesers zum Schwerpunkt hat. Im 20. Jahrhundert hatte die klassische historisch-kritische Exegese zum Ziel, die damalige Absicht der Autoren sowie das Textverstehen der AdressatInnen nachzuvollziehen. Konkrete Methoden zur Text- und LeserInnenorientierung werden hingegen von exegetischen Auslegungswegen im 21. Jahrhundert hervorgebracht. So tritt bspw. Werner Kahl für eine doppelte Kontextanalyse biblischer Texte ein, welcher sowohl den Kontext des Autors als auch die Gegenwart und den Verstehenszugang der Leserin/des Lesers berücksichtigt.
Konkrete Ansätze für Deutungsmuster von neutestamentlichen Wundergeschichten, welche üblicherweise für eine Deutung herangezogen werden, werden im Folgenden dargestellt.
Biblische Wundererzählungen werden nach dem supranaturalistischen Deutungsansatz mit dem Eingreifen Gottes in das Naturgeschehen dargelegt. Mit der aufkommenden Epoche der Aufklärung und der Naturwissenschaften rückte die supranaturalistische Deutung zunehmend in den Hintergrund.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Problemstellung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der biblischen Wundererzählungen ein und hinterfragt deren Wahrnehmung als Exklusiv- bzw. Normalisierungsgeschichten im Kontext von Inklusion.
2. Unterrichtsplanung: Hier werden die unterrichtlichen Voraussetzungen, die Sachanalyse sowie didaktische und methodische Entscheidungen für die Unterrichtssequenz dargelegt.
3. Unterrichtspraxis – Ausgewählte Aspekte des Unterrichtsgeschehens: Dieses Kapitel beschreibt die Durchführung der Unterrichtssequenz unter den Bedingungen des Homeschoolings und reflektiert die Anwendung der gewählten Methoden.
4. Evaluation: Abschließend werden die Ergebnisse der Umfragen und Schülerarbeiten ausgewertet, um die Leitfragen zu beantworten und ein Resümee über den Lernerfolg zu ziehen.
Schlüsselwörter
Heilungsgeschichten, Inklusion, dis/abilitykritische Hermeneutik, Wunder, Normalisierung, Exklusivität, Religionsunterricht, Bibeldidaktik, Diskriminierungssensibilität, Anthropologie, Reich Gottes, Jesus Christus, Heil, Perspektivwechsel, Vollkommenheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die inklusive Auslegung biblischer Heilungsgeschichten im Religionsunterricht unter besonderer Berücksichtigung der dis/abilitykritischen Hermeneutik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Heil, die Problematik von Normalisierungsprozessen in biblischen Texten sowie die Förderung einer inklusiven und diskriminierungssensiblen Haltung bei Lernenden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, biblische Heilungsgeschichten mittels der dis/abilitykritischen Hermeneutik so zu erschließen, dass sie nicht als exklusive Normalisierungsgeschichten, sondern als inklusives Angebot wahrgenommen werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt schwerpunktmäßig die dis/abilitykritische Hermeneutik/Exegese als methodischen Ansatz, kombiniert mit fachdidaktischen Modellen wie der Elementarisierung nach Schweitzer.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Unterrichtsplanung, die theoretische Sachanalyse, die Durchführung im Homeschooling sowie die anschließende Evaluation des Unterrichtsvorhabens detailliert beschrieben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören Heilungsgeschichten, Inklusion, dis/abilitykritische Hermeneutik, Normalisierung, Diskriminierungssensibilität und Bibeldidaktik.
Warum wurde gerade Mk 8,22-26 als Beispiel gewählt?
Dieser Text wurde gewählt, da er im Religionsunterricht eher selten behandelt wird und somit nicht durch bereits verfestigte Interpretationsmuster geprägt ist.
Wie reagierten die Schüler auf den dis/abilitykritischen Ansatz?
Die Schüler zeigten ein wachsendes Interesse und konnten ihre eigenen Vorstellungen von Normalität und Heil im Laufe der Sequenz erfolgreich reflektieren und kritisch hinterfragen.
- Quote paper
- Ann Chef (Author), 2020, Inklusion und biblische Wundergeschichten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936654