Diese Arbeit beschäftigt sich aufgrund der geringfügigen Beachtung sowie der Zweifel in Bezug auf die moralischen Kompetenzen bei Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung (in verschiedenen Wissenschaften, wie auch in der Gesellschaft) mit der Moralentwicklung bei Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung. Es soll untersucht werden, ob sich das Stufenmodell der moralischen Entwicklung von Kohlberg auf Jugendliche mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung übertragen lässt und welche moralischen Stufen diese aufweisen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit folgenden Fragen:
1. „Lässt sich das Stufenmodell zur moralischen Entwicklung von Lawrence Kohlberg auf die ausgewählte Untersuchungsgruppe (Jugendliche mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung) übertragen?“
2. „Auf welchen moralischen Stufen nach Kohlberg befinden sich die Jugendlichen der Untersuchungsgruppe?“
3. „Weisen Jugendliche mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung eine vergleichbare moralische Entwicklung, wie Jugendliche ohne eine geistige Beeinträchtigung auf?“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problemlage / Forschungsstand
1.2 Ziele der Arbeit
1.3 Vorgehensweise in dieser Arbeit
2. Theoretischer Teil
2.1 Klärung zentraler Begriffe
2.1.1 Moral
2.1.2 Werte
2.1.3 Normen
2.1.4 Ethik
2.1.5 Geistige Beeinträchtigung
2.2 Kognitivistische Entwicklungstheorien
2.2.1 Phasenmodell der Denkentwicklung und das moralische Urteil beim Kinde von Piaget
2.2.2 Stufenmodell zur moralischen Entwicklung nach Kohlberg
2.2.3 Piaget und Kohlberg im Vergleich
2.3 Perspektiven auf die Moral
2.3.1 Die kognitive Perspektive (moralisches Denken)
2.3.2 Die emotionale Perspektive (moralische Emotionen)
2.3.3 Die situative Perspektive (Moral, Kooperation und Wettbewerb)
2.3.4 Integration der Perspektiven
2.4 Soziale Informationsverarbeitung bei moralischen Entscheidungen
2.5 Moralisches Lernen in der Schule
2.6 Die Entwicklung von Werten, Normen und Moral bei Kindern und Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung
3. Empirischer Teil
3.1 Ziel und Fragestellung der Untersuchung
3.2 Hypothesen
3.3 Erfassung von moralischen Urteilen in der empirischen Forschung
3.4 Beschreibung der Methode
3.4.1 Dilemmatageschichten
3.4.2 Das Heinz-Dilemma
3.4.1 Strukturales Interview (Untersuchungsinstrumentarium)
3.4.2 Bildmaterial zur moralischen Situation mit dem Heinz-Dilemma
3.5 Gütekriterien zur empirischen Forschung
3.6. Auswahl der Probanden
3.7 Setting und Durchführung der Untersuchung
3.8 Auswertung der Interviews
4. Darstellung der Ergebnisse
5. Interpretation der Ergebnisse
6. Fazit /Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Moralentwicklung bei Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung, um zu klären, ob das Stufenmodell von Lawrence Kohlberg auf diese Zielgruppe übertragbar ist und welche moralischen Stufen diese Jugendlichen aufweisen.
- Übertragbarkeit des Stufenmodells nach Kohlberg auf Jugendliche mit geistiger Beeinträchtigung
- Ermittlung des moralischen Stufenniveaus bei Jugendlichen mit Beeinträchtigung
- Vergleich der moralischen Entwicklung mit Jugendlichen ohne geistige Beeinträchtigung
- Analyse von Werten, Normen und moralischen Emotionen
- Einsatz der Dilemma-Methode als empirisches Forschungsinstrument
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Phasenmodell der Denkentwicklung und das moralische Urteil beim Kinde von Piaget
Jean Piaget (1896-1980) war ein Schweizer Biologe und Vorbereiter der kognitiven Entwicklungspsychologie sowie Begründer der genetischen Epistemologie. Er entwickelte ein Stufenmodell zur kognitiven Entwicklung. Laut Piaget erfolgt die kognitive Entwicklung in verschiedenen, aufeinanderfolgenden Stadien (vgl. Heidbrink, 2008, S. 44f). Diese werden im Folgenden dargestellt und erläutert.
In dem Alter von 0-24 Monaten befinden sich Säuglinge in der Sensumotorischen Stufe, auf der Zusammenhänge zwischen sensorischen und motorischen Aspekten entstehen (vgl. Heidbrink, 2008, S. 51f). Die präoperationale Stufe schließt an die sensomotorische Stufe an und entwickelt sich im Alter von ca. zwei bis sieben Jahren. In dieser Phase wird der Gebrauch von Symbolen und Sprache entwickelt, um Objekte zu repräsentieren. Es beginnt die Kontrolle über das eigene Verhalten (vgl. Heidbrink, 2008, S. 52f). Piaget entdeckte Denkfehler, die Kinder im Vorschulalter aufwiesen. Dieses Fehlen von Operationen gab dem Stadium seinen Namen (vgl. Keller, 1998, S.153). Das Stadium der konkreten Operationen beginnt ca. im Schulalter und vollzieht sich bis zum elften Lebensjahr. In diesem Stadium entwickelt sich die Logik und das rationale Denken (vgl. Heidbrink, 2008, S. 53f). Abschließend folgt das Stadium der formalen Operationen, in der das abstrakte und hypothetische Denken entwickelt wird (vgl. Heidbrink, 2008, S. 54f).
Weiterhin untersuchte Jean Piaget das moralische Urteil bei Kindern. In seinem Werk „Das moralische Urteil beim Kinde“ aus dem Jahr 1973 fasste er die Resultate zusammen. Ein Ergebnis seiner Studie lautet, dass Kinder unter fünf Jahren noch keinerlei Interesse an Regeln besitzen (vgl. Piaget, 1973, Frontispiz). Er untersuchte das moralische Bewusstsein der Kinder, in dem er die Entwicklung des Regelbewusstseins von Kindern analysierte. Folgende Abbildung (Abb. 1) zeigt die von Piaget postulierten Stadien zur Anwendung von Regeln, wie auch den Stadien zum Bewusstsein von Regeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung der Moralentwicklung in der Gesellschaft und in der Sonderpädagogik, definiert die Zielsetzung der Arbeit sowie die zu untersuchende Forschungsfrage.
2. Theoretischer Teil: Dieses Kapitel klärt zentrale Begriffe wie Moral, Werte und Ethik und stellt die kognitivistischen Entwicklungstheorien von Piaget und Kohlberg sowie verschiedene Perspektiven auf die Moral detailliert dar.
3. Empirischer Teil: Der empirische Teil beschreibt das Ziel der Untersuchung, die aufgestellten Hypothesen sowie die methodische Vorgehensweise anhand des Heinz-Dilemmas und der Interviewdurchführung bei Jugendlichen mit geistiger Beeinträchtigung.
4. Darstellung der Ergebnisse: Hier werden die durchgeführten Interviews in Bezug auf Alter und Geschlecht der Probanden ausgewertet und die gefundenen moralischen Stufen grafisch dargestellt.
5. Interpretation der Ergebnisse: Die erhobenen Daten werden interpretiert und die Hypothesen in Bezug auf die Übertragbarkeit der Kohlberg-Theorie auf die Zielgruppe verifiziert.
6. Fazit /Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert die Bedeutung für die sonderpädagogische Schulpraxis und gibt einen Ausblick auf die zukünftige Forschung zur Moralentwicklung.
Schlüsselwörter
Moralentwicklung, Lawrence Kohlberg, Jean Piaget, Jugendliche, geistige Beeinträchtigung, Heinz-Dilemma, moralisches Urteil, Sonderpädagogik, Werte, Normen, Ethik, kognitive Entwicklung, Perspektivübernahme, moralische Erziehung, empirische Studie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der moralischen Entwicklung von Jugendlichen, die eine Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung aufweisen, und untersucht deren moralische Urteilsfähigkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die psychologischen Grundlagen der Moral, das Stufenmodell nach Lawrence Kohlberg sowie die Anwendung dieser Theorien auf Menschen mit geistiger Behinderung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ermitteln, ob sich das Stufenmodell der moralischen Entwicklung von Kohlberg auf Jugendliche mit einer geistigen Beeinträchtigung übertragen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde die Methode der Dilemmatageschichten (speziell das Heinz-Dilemma) in Kombination mit strukturalen Interviews angewendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der theoretische Rahmen zur Moralentwicklung sowie der empirische Teil mit der Beschreibung der Befragungsmethode und der Analyse der Ergebnisse erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Moralentwicklung, kognitive Entwicklung, geistige Beeinträchtigung und die moralische Urteilsfähigkeit nach Kohlberg.
Wie unterscheidet sich die Moralentwicklung der befragten Gruppe von der Norm?
Die Ergebnisse zeigen eine kontinuierliche Steigerung der moralischen Stufen mit dem Alter, wenngleich Jugendliche ohne Beeinträchtigung tendenziell früher höhere Stufen erreichen.
Welche Rolle spielt die emotionale Perspektive in der Arbeit?
Neben der kognitiven Perspektive wird die Bedeutung von Gefühlen wie Mitgefühl, Schuld und Scham für das moralische Handeln als essenzieller Teilaspekt hervorgehoben.
Inwiefern beeinflusst das Alter die moralische Urteilsfähigkeit der Probanden?
Die Studie konnte nachweisen, dass auch bei Jugendlichen mit geistiger Beeinträchtigung eine altersabhängige, progressive Entwicklung in den moralischen Stufen feststellbar ist.
Wie wurde das Heinz-Dilemma für die Probanden angepasst?
Um das Verständnis zu gewährleisten, wurde die Geschichte inhaltlich vereinfacht und durch zusätzliches Bildmaterial veranschaulicht.
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- Laura Lehrmann (Author), 2020, Moralentwicklung bei Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936666