Diversität im Kindergarten. Die Integration von geflüchteten Kindern in den Alltag der Kindertagesstätte


Hausarbeit, 2020

11 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Aktuelle Situation von Flüchtlingskindern
1.2 Die Bedeutung von Kindertagesstätten für geflüchtete Kinder

2. Flüchtlingskinder in Krippe und Kindergarten
2.1 Allgemeiner Begriff „Flüchtling“
2.2 Bedeutung von Flucht für Kinder

3 Feinfühliger Umgang mit Flüchtlingskindern in Kindertagesstätten
3.1 Pädagogische Möglichkeiten
3.2 Wie kann feinfühliger Umgang mit geflüchteten Kindern in Kindertagestätten gelingen
3.3 Bindung und Resilienz von Flüchtlingskindern

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Aktuelle Situation von Flüchtlingskindern

Kinder mit Fluchthintergrund haben auf ihrem Weg in ein gewünscht besseres Leben viele Erfah­rungen gemacht, die nachhaltig einer professionellen, zugewandten, pädagogischen Begleitung be­dürfen. Krieg, Armut, körperliche und seelische Verletzungen, der Tod der Eltern - all diese trau­matischen Erlebnisse müssen berücksichtigt werden. Besonders geflüchtete Kinder befinden sich in einer hoch belasteten Lebenssituation, welche ein gesteigertes Entwicklungsrisiko birgt (Anger- endt 1997, S.31).

Die Gesellschaft hat in den letzten Jahren verstärkt die Flüchtlingsproblematik miterlebt. Flüchtlinge sind keine Ausnahme mehr. Menschen anderer Nationalitäten gehören zum Alltagsbild. Im Jahr 2015 wurden 890.000 Erstregistrierungen gezählt (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 14. Dezember 2016). 157.790 Asylanträge wurden zwischen Januar 2015 und November 2016 für Kleinkinder gestellt (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016a, S. 22, 2016b, S. 7).

Durch Flucht die Heimat verlorene Kinder besuchen gemeinsam mit deutschsprachigen Kindern Tageseinrichtungen und erleben den deutschen Alltag. Im Elementarbereich und in der Fachlitera­tur wird der Handlungsbedarf hervorgehoben und effektive Maßnahmen zur Integration von Kindern mit Fluchterfahrungen gefordert (vgl. Otto, Migas, Austermann & Bos, 2016). In noch jungen Jahren haben diese Kinder Leid und Elend erlebt, Gewalt und Hunger sind ihnen nicht fremd. In der neuen Heimat prasseln unbekanntes auf sie ein, sie können sich anfangs nicht verständigen, fühlen sich hilflos und missverstanden und durchleben weitere traumatische Erfahrungen, die es zu beachten gilt. Fehlt hier eine angemessene pädagogische Intervention, kann dies signifikante Auswirkungen auf eine gesunde emotionale Entwicklung der Kinder zur Folge haben (Jungmann & Koch 2017, S. 1-2).

1.2 Die Bedeutung von Kindertagesstätten für geflüchtete Kinder

Krippe und Kindergarten haben in den vergangenen Jahren als erste institutionelle Bildungsstätten für Kinder an Wichtigkeit stark zugenommen. Sie stehen im Fokus bei der Bevölkerung und in der Politik. Die geforderte, qualitativ gute, frühkindliche Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern ist ein wesentlicher Faktor für die Chancengleichheit allgemein und die Integration von Flüchtlings­kindern im Speziellen. Bereits in den ersten Lebensjahren werden Grundsteine für die spätere Ent­wicklung gelegt. Entwicklungspsychologische Studien belegen, dass auch die Teilhabe - und Auf­stiegschancen positiv beeinflusst werden (Jungmann und Koch 2016, S 1). Gelingen kann das je­doch nur dann, wenn der feinfühlige Umgang mit Flüchtlingskindern gefördert und unterstützt wird und dadurch traumatische Erlebnisse aufgearbeitet und intensiv begleitet werden. Kindertagesstätten sind eine wichtige Ressource, um das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein zu stärken und Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen (Perras-Emmer und Atzinger, 2001).

Im Elementarbereich werden pädagogische Fachkräfte herausgefordert, diesen Kindern einen Ein­stieg in den hier gebräuchlichen Alltag zu ermöglichen, sie zu fördern und ihnen Orientierung und Hilfestellung zu geben, damit Integration erfolgreich sein kann. Es obliegt diesen Fachkräften zu einer positiven Entwicklung beizutragen und setzt Feinfühligkeit, Kompetenz und Offenheit für das Anders-sein voraus. Das Vorschulalter bietet dabei Möglichkeiten, um zielgerichtet zu fördern, zu unterstützen und zu betreuen (Textor 2016). Auf Grundlage der genannten Erläuterungen soll erör­tert werden, wie der feinfühlige Umgang mit Kindern mit Fluchthintergrund besser gelingen kann, der Vielfältigkeit gerecht und Kinder tatsächlich integriert werden.

2. Flüchtlingskinder in Krippe und Kindergarten

2.1 Allgemeiner Begriff „Flüchtling“

Im Jahr 1948 wurden die Menschenrechte festgelegt, die am 22.August 1894 erstmals beschrie­bene Genfer Flüchtlingskonvention tituliert in Artikel 1 wer ein Flüchtling ist, beschreibt dies u. A. mit: „ die Person hat eine begründete Furcht vor Verfolgung auf Grund einer Zugehörigkeit zu Reli­gion, Rasse, Nationalität, einer sozialen Gruppe oder politischer Anschauung(en)“ (UNHCR, 3. Aufl. 2011, deutsche Übersetzung 2013, S. 232). Weltweit sind mehr als die Hälfte der Flüchtlinge Kinder, die mit dieser - nicht den allgemein gültigen Menschenrechten entsprechenden Situation - konfron­tiert wurden und ihr Heimatland verlassen mussten (Statista, 2020, letzter Zugriff: 14.02.2020).

2.2 Bedeutung von Flucht für Kinder

Flucht bedeutet immer den Verlust von Heimat, Familienangehörigen, Freunden, Sitten und Gebräu­chen. Flucht bedeutet auch, dass Menschen Erfahrungen gemacht haben, die mit Angst und Trau­matisierung verbunden sind. Geflüchtete Kinder erleben Gewalt, Not und Verfolgung anders als Er­wachsene. Sie sind diesen Szenarien hilflos ausgeliefert und auf beschützende Erwachsene ange­wiesen. Depression, Aggression und Machtlosigkeit kennzeichnen die Auswirkungen bei Flücht­lingskindern, wenn diese keine angemessene Unterstützung erfahren. Flüchtlingskinder unterschei­den sich somit von Peers in vielerlei Hinsicht. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sie in Kinder­tageseinrichtungen Verhaltensweisen zeigen, die erkannt und verstanden werden müssen. Die be­sondere Unterstützung durch Fachkräfte ist deshalb dringend notwendig, um - im letztendlich nicht frei gewählten neuen Heimatland - ankommen und möglichst schnell am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können (Textor 2016b).

2.3 Auswirkungen und Folgeerscheinungen der Flucht auf Kinder

Meist leben die Flüchtlingsfamilien in beengten Unterkünften oder sehr kleinen Wohnungen, in de­nen sie sich kaum bewegen oder die Kinder in Ruhe spielen können (Textor, 2016b). Die Hierarchie innerhalb der Familie ist streng nach den aus der Heimat bekannten Regeln und Erziehungsmetho­den festgelegt: die Eltern sind die unangefochtene Autorität und erwarten von ihren Kindern Gehor­sam. Spielsachen, wie Kinder in Deutschland sie kennen, sind Flüchtlingskindern oft unbekannt. Da sie meist große Not erlebt haben horten sie die Spielsachen, zeigen sich auch im Essverhalten auf­fällig, versuchen möglichst viel Nahrung auf einmal zu sich nehmen. Die enge Bindung an Geschwis­terkinder ist eine Reaktion auf durchlebte Bedrohungen, die Kinder spielen überwiegend untereinan­der und suchen kaum Kontakt zu anderen Kindern. Die geschlechterspezifische Erziehung hat zur Folge, dass sich Jungen oft Tätigkeiten gegenüber verweigern, die sie für „Frauenarbeit“ halten (Textor 2016b).

Viele Kleinkinder haben im Herkunftsland, auf der Flucht oder nach ihrer Ankunft in Deutschland traumatische Erfahrungen gemacht, die ihre Eltern nicht angemessen begleiten konnten, da diese selbst ebenfalls traumatisiert wurden und die Problematik bei ihren Kindern nicht wahrgenommen haben. Ein Trauma kann z. B. dazu führen, dass Flüchtlingskinder Angst vor der Dunkelheit haben, sie schlecht schlafen, Alpträume haben, oder auf plötzliche, laute Geräusche, wie das Zuknallen einer Tür, panisch reagieren (Textor, 2016b). Flashbacks und Trigger begleiten diese Kinder im All­tag und belasten die Psyche schwer. Daraus wiederum können sich Posttraumatische Belastungs­störungen entwickeln, die sich bei jedem Flüchtlingskind anders darstellen, da diese Kinder nicht die gleichen, traumatischen Ereignisse durchlebt haben.

Körperlich versehrte Kinder müssen mit den neuen Lebensumständen zurechtkommen, sie müssen sich an ein anderes Körpergefühl gewöhnen und ihr Handicap akzeptieren lernen.

Eine weitere Belastung stellt sich auf der psychosozialen Ebene dar. Die Stellung der Flüchtlinge in der Gesellschaft ist teilweise geprägt von Unverständnis, oder nur bedingt vorhandener Akzeptanz. Der unsichere Aufenthaltsstatus, geringe finanzielle Mittel und eine schlechte Wohnsituation tragen ebenfalls nicht zu einer zügigen Integration von Flüchtlingen allgemein, und den Flüchtlingskindern im Speziellen, bei.

3. Feinfühliger Umgang mit Flüchtlingskindern in Kindertagesstätten

3.1 Pädagogische Möglichkeiten

Inklusion ist ein weitreichender Begriff, der sich nicht exakt definieren lässt, jedoch sowohl in Krippe, Kindergarten als auch in Schulen Anwendung findet. Unterschieden wird zwischen einem weiten sowie einem engen Inklusionsverhältnis (Felder & Schneiders 2016, S. 20).

Pädagogische Fachkräfte sind gefordert, alle Möglichkeiten der Inklusion auszuschöpfen und sich entsprechend darauf vorzubereiten. Andrea Hendrich empfiehlt dazu, das Fremdsein miteinzube­ziehen und als gegeben anzunehmen (Hendrich, 2016). In der Elementarpädagogik hat es sich be­währt, vor der Aufnahme von Flüchtlingskindern verschiedene Marker zu berücksichtigen: das Sam­meln von Informationen des Herkunftslandes über Religion, Kultur und Lebensweise der Menschen erleichtert den Einstieg in die Betreuung des Flüchtlingskindes. Fotos können im Gruppenraum aus­gehängt werden. Sowohl das pädagogische Personal wie auch die Kinder der Gruppe, gewinnen so einen ersten Eindruck vom erwarteten Neuankömmling. Eigene Erwartungen und Befürchtungen der Fachkraft sollten im Team besprochen werden, Kenntnisse zur Sprachförderung und zur kultursen­siblen Erziehung sollten sich die betroffenen Pädagogen aneignen, das Wissen über familiäre Struk­turen, die Anbindung an Behörden oder weitere Institutionen sollten bekannt sein (Textor 2016). Eine positive Grundhaltung und das Überwinden von Berührungsängsten ist die Grundvorausset­zung für die Betreuung von Kleinkindern in Tageseinrichtungen, das Einbeziehen der Eltern hat ei­nen hohen Stellenwert. Patenschaften durch ältere Kinder unterstützen die Arbeit der pädagogi­schen Fachkräfte zusätzlich. Das Heranziehen von Spielen, Rollenspiel - Utensilien oder Bilderbü­chern aus den Herkunftsländern der betroffenen Flüchtlingskinder ist eine weitere Möglichkeit, den Kindern das Gefühl von „sich heimisch“ fühlen zu vermitteln. Im Eingangsbereich der Kindertages­stätte angebrachte Plakate und Kollagen stellen für jeden verständlich dar, wie vielfältig die Sprache in der jeweiligen Einrichtung ist. Multilinguale Lernposter (z.B. Keller 2015) bereichern ebenfalls das Arbeitsfeld und unterstützen die pädagogische Arbeit anschaulich und nachhaltig.

Eine große Anforderung an die pädagogischen Fachkräfte stellt die Fähigkeit zur Kommunikation und die Zusammenarbeit mit Menschen unterschiedlicher Herkunft dar, welche die Ziele und Inhalte der frühkindlichen Bildung umfasst (von Balluseck 2017, S. 13). Das ressourcenorientierte, zukunfts­weisende, kompetente Arbeiten mit Flüchtlingskindern ist wichtig. Die Probleme und traumatischen Erfahrungen müssen zwar ihre Berücksichtigung finden, sollen jedoch nicht im Vordergrund stehen. Persönliche Hintergründe und die gegebene Geschichte des einzelnen Kindes hat ihren Stellenwert und darf nicht außer Acht gelassen werden, jedoch sollte die Gewichtung auf Wachstum und dem Stärken der Persönlichkeit des Kindes liegen (Fischer 2012).

Um eine konstant gute Arbeit leisten zu können müssen pädagogische Fachkräfte ihre Selbstfür­sorge ernst nehmen. Das Schicksal der Flüchtlingskinder kann belastend und kräftezehrend sein. Der Dialog mit Kollegen, oder hinzugezogenen weiteren Fachkräften, unterstützt die Widerstands­fähigkeit und Belastbarkeit im Arbeitsalltag einer Kindertagesstätte (Textor 2016b). Rückzugsorte und Ruhephasen gehören ebenfalls dazu. Alle Kinder der Gruppe profitieren von ausgeglichenen, belastbaren Fachkräften, die Flüchtlingskinder erleben ein stabiles, tragfähiges Umfeld durch ge­stärkte Persönlichkeiten, die mit auftretenden Problemen ruhig und professionell umgehen können.

3.2 Wie ein feinfühliger Umgang mit geflüchteten Kindern in Kindertagestätten gelin­gen kann

Bereits die Eingewöhnung in Krippe oder Kindergarten ist essenziell. Nicht alle Eltern können die Eingewöhnungsphase ihres Kindes begleiten, da sie z. B. selbst einen Integrationskurs besuchen, um die Sprache zu erlernen, oder gar nicht verstehen können, warum sie sich in der Nähe der Ta­gesstätte aufhalten und auf ihr Kind warten sollen. Im Heimatland wird das Kind gebracht und nach der vorgegebenen Zeit wieder abgeholt; ein sanfter Übergang, wie wir ihn kennen, findet nicht statt. Die pädagogischen Fachkräfte sind somit bereits ab Eintritt des Flüchtlingskindes in die Kinderta­gesstätte mit Herausforderungen konfrontiert, die es zu meistern gilt. Meist erfolgt die Krippen- oder Kindergarteneingewöhnung des Kindes wie bei deutschen Kindern. Manchmal kann es - auf Grund der Fluchtgeschichte oder der engen Verbundenheit zu den Geschwisterkindern- etwas länger dau­ern (Textor, 2016). Eher untypisch ist das Suchen der Flüchtlingskinder nach intensiver Nähe zu anderen Kindern. Die Bereitschaft, sich hier auf die kindliche Ebene einzulassen und feinfühlig damit umzugehen, ermöglicht, das Verhalten und die Gefühle des Kindes zu verstehen und entsprechend darauf zu reagieren. Die Bedürfnisse des Flüchtlingskindes und seines Umfeldes müssen stets in­dividuell betrachtet und berücksichtigt werden, nur so kann eine vertrauensvolle Beziehung entste­hen (Staatsinstitut für Frühpädagogik 2016). Kulturelle und religiöse Zugehörigkeiten müssen eben­falls einen angemessenen Platz finden. Pädagogische Fachkräfte können die Vielfältigkeit in den Kindergartenalltag einbauen und Einblicke in verschiedene Richtungen eröffnen. Die Akzeptanz der Flüchtlingskinder mit deren eigenen Bedürfnissen nach der Anerkennung ihrer Zugehörigkeit zu re­ligiösen Gruppen steht genauso im Mittelpunkt einer wertfreien, empathischen Tätigkeit, wie eine wertschätzende Haltung gegenüber den kulturellen Gepflogenheiten der einzelnen Nationalitäten. All diese Facetten harmonisch in Einklang zu bringen ist eine große Herausforderung, die jedoch zielführend und gewinnbringend für jedes Kind und das pädagogische Personal sind, um Inklusion und Integration zu leben. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Bemühen um ein friedvolles Zusam­menleben in der Kindergartengruppe, geprägt von Akzeptanz und Respekt allen Kindern gegenüber (Leisau 2000).

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Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Diversität im Kindergarten. Die Integration von geflüchteten Kindern in den Alltag der Kindertagesstätte
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V937071
ISBN (eBook)
9783346261236
Sprache
Deutsch
Schlagworte
diversität, kindergarten, integration, kindern, alltag, kindertagesstätte
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Diversität im Kindergarten. Die Integration von geflüchteten Kindern in den Alltag der Kindertagesstätte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937071

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