Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Grundzüge des historischen und dialektischen Idealismus

Gegen die Glorifizierung Hegels in der bürgerlichen Presse anlässlich seines 250. Geburtstages


Wissenschaftlicher Aufsatz

31 Seiten


Leseprobe

Gegen die Glorifizierung Hegels in der bürgerlichen Presse anlässlich seines 250. Geburtstages am 27. August 2020

In der Auseinandersetzung mit Hegel begegnen wir Schwierigkeiten spezifischer Art, die in dem Umstand begründet sind, dass er als ein reaktionärer Denker zeitlebens ein dynamischer blieb. Wenn seine Philosophie in den Sowjetenzyklopädien der Stalin-Ära zu Recht als eine aristokratische Reaktion auf die bürgerliche Revolution von 1789 in Frankreich bestimmt wurde, so ist dies stimmig in Bezug auf einen idealistischen System denker, dem Verfechter des politischen Systems der preußischen Monarchie. Die Antiquiertheit Hegels ist u. a. seinem Idealismus geschuldet und dass sein System seiner Methode Balance zu halten hatte und hat. Um 1800 teilt er mit, dass sein Denken einem System zustrebe. Insbesondere die französische Aufklärung und der französische Materialismus wandten sich gegen das metaphysische Systemdenken und suchten stattdessen die richtige Methode der Philosophie, man lese nur den Artikel ‚Methode‘ in Diderots ‚Enzyklopädie‘, in dem bereits die Methode die Ordnung ist, Wahrheit zu finden und zu lehren. Die Wahrheit ergibt sich nicht länger mit dem Schlussstein eines Systems. 1. So berechtigt aus dem für Hegel typischen Einspruch gegen das Unmittelbare seine Kritik am liberalen Kurzschlussdenken ist, Freiheit in bloße Selbstfixierung zu erschöpfen, so degeneriert doch diese Kritik in einem kolossalen Etatismus preußischer Provenienz. Während das ‚Ancien Regime‘ noch im System dachte und vorging, den Krieg zum Beispiel nach altem System führte, sprengte die jakobinische Kriegführung die alten Regeln gemäß der Maxime Napoleons: ‚On s‘ engage et puis on voit‘. Da für Hegel das Endliche ideell ist, fürchtet er die platztauschende, von der Aufklärung verschuldete Mutation des von der französischen Revolution freigesetzten Ichs zum Atheismus, dass es sich gottgleich erhebt als maßgebende Unendlichkeit, „das Schweben des Ichs über aller Natur“. 2. In der Hochphase der französischen Revolution gab es eine Entchristianisierungsbewegung, in der die Menschwerdung Gottes zurückgenommen wurde. Mit der Auslöschung Christi begegnet uns nur noch ein kalter Gott; die Religion habe aber das Endliche über eine dornenbesetzte weltgeschichtliche Vermittlung mit dem Unendlichen zu versöhnen. Atheismus und Materialismus sind rote Jakobinertücher für den Religion als geschichtlichen, philosophisch begründeten Versöhnungsprozess denkenden Hegel. Er hat zudem vorskizziert, dass in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Geschichte der Menschheit liege, aber er kennt und anerkennt nur die abstrakt geistige Arbeit, schützt die Kopfarbeiter vor den Handarbeitern. Vor der französischen Revolution war es dem Adel untersagt, überhaupt handwerklich tätig zu sein, und in seiner Staatsphilosophie demonstriert uns Hegel noch auf spekulativen Wegen die Notwendigkeit des Adels 3. Das nicht konkrete wissenschaftliche Erfassen der weltgeschichtlichen und weltphilosophischen Bedeutung der menschlichen Arbeitsprozesse in ihrer Materialität und Totalität und die Tatsache, dass andere Hände das praktisch ausführen können, was andere Köpfe theoretisch gedacht haben, verhinderte zum Beispiel, dass selbst die materialistischsten Naturforscher der Darwinschen Schule sich eine klare Vorstellung von der Entstehung des Menschen machen konnten. 4.

Eine eminente Quelle seines dialektischen Denkens sind die Werke Rousseaus, Friedrich Engels hat uns im Anti-Dühring auf die Brillanz der Dialektik Rousseaus hingewiesen. Vor Hegel stand eine Phalanx hochkarätigster deutscher Philosophen, und doch hat er sich schon früh für Rousseau als geistige Leitfigur entschieden. Sowohl Kant als auch Hegel heben Rousseau hervor, aber auf welche Art? Kant verachtete den Pöbel, der von nichts weiß. „Rousseau hat mich zurechtgebracht“. Für Hegel hingegen werden die dialektischen Denkfiguren, die in allen Hauptwerken Rousseaus vorliegen und die schärfer als die Diderots gefasst sind, interessant. Rousseau wurde durch die Veröffentlichung des ersten Diskurses über die Künste und Wissenschaften, mit dem er auf Anraten Diderots gegen den Strom der Zeit, dem der Aufklärung schwamm, über Nacht aus einem unbekannten, obdachlosen Stadtstreicher in Paris zum bekanntesten Intellektuellen Europas. In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1789 flackert in einem Zimmer des Tübinger Stifts noch eine Kerze, ansonsten ist es dunkel und ruhig. Ein 19jähriger Theologiestudent notiert kurz vor Mitternacht in sein Tagebuch: ‚Weiß denn niemand was morgen für ein Tag ist? Selbst Hölderlin schläft!‘ Um das Fragezeichen aufzulösen: Am 28. Juni wäre Rousseau 77 Jahre alt geworden und der Theologiestudent war der junge Hegel. Im Tübinger Stift hatte Schelling die Marseillaise übersetzt, der zusammen mit Hegel und Hölderlin Mitglied des revolutionären Clubs im Stift war, gegen den gegenrevolutionären. Alle drei verfassten einen Text, in dem sie das Ende des Staates verkündeten, da er als ein mechanisches Räderwerk Menschen misshandele. Also soll er aufhören. (Es handelt sich um das ‚Älteste Systemfragment des deutschen Idealismus‘). Aber diese Träume der Jugend zerschellten an der harten Klippe der Wirklichkeit, Hegels Timbre wird mehr und mehr hart und grau, Hölderlin, umgeben von menschlichen Monaden, stürzt vollends in den Wahnsinn ab. Hölderlin hat durchgehalten, eine Ausnahme unter den Deutschen, aber um welchen Preis? Er wurde von den Verhältnissen der deutschen Misere in die Irrenanstalt getrieben wie Ulrike Meinhof in den Tod. Die widersinnige Konstruktion einer Affinität zwischen Genie und Wahnsinn ist normal nur für das normale Denken. Hegel bleibt normal, passt sich an, heult, wie er in einem Brief zugibt, mit den Wölfen so sehr, dass er den preußischen Staat seiner Zeit als den Gang Gottes in der Welt glorifiziert, sein Grund sei die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft. So ist Hegel in Zugzwang geraten: In der ‚Rechtsphilosophie‘ wird Rousseau in die Ecke der Kurzschlussdenker gerückt, für die Freiheit Selbstfixierung ist. Allenfalls Rousseaus Spätbiografie als einsamer Spaziergänger gäbe das her, nicht aber seine politischen Werke, auf die Hegel, der sie intensiv studiert hatte, doch den Schwerpunkt hätte legen müssen. Gleichwohl sieht Jens Bisky in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ vom 27. 8. 2020 auch noch den 1818 von Heidelberg nach Berlin gewechselten Professor als Lehrer der Revolution und als Philosoph der Moderne an und versieht seinen Artikel mit dem Titel ‚Der Zeitgenosse‘. Ich darf doch sehr bitten und bemerken, dass Hegel seine frühen staatsfeindlichen Schriften zwar nicht vernichtet hatte, gottlob, sondern in einem Salzfässchen versteckt mit sich führte. In diesem lag das Moderne Hegels, eingedenk der Polemik Marxens gegen Arnold Ruge im ‚Vorwärts‘ vom 7. 8. 1844, in der ein Schlüsselsatz der Moderne fällt: „Die Existenz des Staats und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich“ 5. Ähnliches hatte schon Rousseau 1749 während einer Metanoia auf dem Weg von Paris zum Gefängnis nach Vincennes, in dem Diderot wegen einer Aufklärungsschrift einsaß, erfahren und 1762 verkündet: Der Mensch ist von Natur aus gut und nur die Institutionen verderben ihn. Je älter Hegel wird, desto mehr geht er zur Metanoia auf Distanz und desto mehr entdeckt er anbiedernd Vernunft in den Institutionen und Zukunftsideale bereits in der Gegenwart realisiert. Schließlich kann Philosophie nichts mehr verjüngen und die Bestimmung des Menschen liegt nun im Staat. Umgekehrt Marx, er eruiert in der Gegenwart Grundzüge einer zukünftigen Gesellschaft und Engels sehnt eine Generation herbei, die den ganzen Staatsplunder von sich abwerfen wird. Für Hegel wird der Mensch diametral entgegengesetzt frei durch die ganze Staatsherrlichkeit hindurch. Der Anarchist Hegel hatte sich zu einem christgläubigen Monarchisten und kniebeugenden Institutshörigen gewandelt, ein Kontakt des mit 46 Jahren zum Philosophieprofessor Erhobenen zum völlig verarmten Jugendfreund Hölderlin, den nach Lukacs einzigen, zuletzt übriggebliebenen Jakobiner an der Barrikade des Jakobinismus, unterblieb für immer. Bürgerliche Ideologie hält Hegel heute aktuell. Wenn Iwan-Michelangelo d‘ Aprile ebenfalls am Jubiläumstag in der ‚Süddeutschen‘ schreibt, Marx habe Hegels Begriff des ‚Weltgeists‘ auf die Widersprüche einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und des Weltmarktes angewendet, so bleibt der Erklärungsnotstand, wie Marx dem Fetischcharakter der Ware auf die Schliche kam? Bestimmt nicht mit einem ausgeliehenen Weltgeist. Eine richtige wissenschaftsgeschichtliche Einordnung Hegels ist am 27. 8. 2020 in den Gazetten unterblieben, man darf sich nicht von der Sonne der Philosophie blenden lassen, hat doch der Marxismus diese durch dazwischengeschobene Wolken verdunkelt. Für Marx ist die Philosophie keineswegs die Lebensspenderin der anderen Wissenschaften; so wie die Geisteswissenschaften mit der Emanzipation der Völker an Bedeutung verlieren, so reduziert sich die ganze Herrlichkeit der Philosophie auf zwei Gebiete, nachdem erkannt worden war, dass sowohl eine Natur- als auch eine Geschichtsphilosophie obsolet sind: „Für die aus Natur und Geschichte vertriebne Philosophie bleibt dann nur noch das Reich des reinen Gedankens, soweit es noch übrig: die Lehre von den Gesetzen des Denkprozesses selbst, die Logik und Dialektik“ 6. Nur noch hier ist der ‚Weltgeist‘ in seinem Element. Wenn Revolutionen die Lokomotiven der Geschichte sind, so steht Hegel heute auf einem Abstellgleis in einer erschütternden, durchs Mark des Gehirns gehenden schauderhaften Dunkelheit, als käme nichts mehr. Ich hätte hinter dem Wort Abstellgleis einen kurzen und schmerzlosen Punkt machen können, die folgende Ausmalung ins Düstere ist Ausdruck, dass noch etwas nachhängt, dass doch noch etwas kommt, uns zwar die Tatsache, dass Marxens Haltung zum philosophischen Jahrhundertereignis Hegel selbst noch nach der Niederkunft des Kapitals ambivalent blieb. Das Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals vom 24. Januar 1873 vibriert am Schluss zwischen einer reaktionären mystifizierten Form der Dialektik und ihrer progressiven rationellen Gestalt. Nur soviel ist hier schon zu bemerken: Hegel entzieht sich einer eindeutigen Zuordnung nach rechts und nach links, nach seinem Tod bildeten sich nicht von ungefähr zwei entgegengesetzte Schulen, eine reaktionäre und eine progressive, heraus. Hinter einer einseitigen Auslegung können nur politische Interessen stecken, ultrarechte und pseudolinke.

Wir können nur mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, dass eine der umfangreichsten Biografien, die weltweit zu Hegels 250. Geburtstag erschienen sind, immerhin liefert Professor Vieweg mit 824 Seiten eine Fleißarbeit ab, den Titel trägt: ‚Hegel – Der Denker der Freiheit‘, und können des Weiteren hier nur konstatieren, dass eine Studie von Joachim Ritter, der ab 1946 in Münster lehrte, das Jahr, in dem sich Willi Dickhut polemisch gegen die Auffassung des KPD-Funktionärs Wohlbold wandte, der Hegels Philosophie einen reaktionären Charakter bescheinigte, dass Ritter drei Jahre später, 1957 eine Studie über Hegel und die französische Revolution publizierte, die auch 63 Jahre später immer noch einen nachhaltigen Einfluss auf das bürgerliche Nachdenken über das Verhältnis bürgerlicher Philosophie zur bürgerlichen Revolution ausübt. Diese hatte der Philosoph Alexander Jung, der Hegel in Berlin noch gehört hatte, auf den Begriff gebracht: „Es ist unmöglich, den Geist, den eigentlichen Lebensnerv der Moderne zu erfassen – ohne Hegel“ 7. Ritter hatte 1957 das Verhältnis einseitig und eingängig gedeutet: „Es gibt keine zweite Philosophie, die so sehr und bis in ihre innersten Antriebe hinein Philo­sophie der Revolution ist wie die Hegels“ 8. Das wuchert im Fahrwasser der ‚Schule von Münster‘ bis in die heutigen Gazetten fort und ist zur Leib- und Magenspeise der Bourgeoisie geworden. Es sei mir erlaubt, dem Gericht einen Wehrmutstropfen beizubringen. In einem Aphorismus äußert Hegel, dass russische Frauen und die Völker der Welt die Hundepeitsche brauchen 9., in Bezug auf die Frauen wird Nietzsche das Verallgemeinern und in seinem Gefolge haben die Völker der Welt dann die deutsche Hundepeitsche zu spüren bekommen. Mag dieser Aphorismus auch wenig bekannt sein, so ist doch Hegels abfällige Einschätzung der Frauen allgemeines Bildungsgut. Schon allein Hegels Kult der ‚Großen Männer in der Weltgeschichte‘, die als Seelenführer hervorbringen, was objektiv an der Zeit ist und deren Wegfall im Sozialismus Nietzsche bedauerte, bedauerlicherweise widerlegen ihn sozialistische Personenkulte, spricht Bände. Frauen können für Hegel Einfälle, Geschmack und Zierlichkeiten haben, aber keine Ideale, sie seien nicht gemacht für Produktionen der Kunst, die ein Allgemeines erfordern. Stehen Frauen an der Spitze der Regierung, so sei der Staat in Gefahr, nur das Bewusstsein des Mannes hat einen objektiven Endzweck. Also ist nichts mit gleichem Lohn für gleiche Arbeit, mit der Aufhebung dieser tagtäglichen elementaren Menschenrechtsverletzung, die zeigt, wie frei die Menschen im Kapitalismus wirklich sind? Also ist nichts mit gleichem Wahlrecht und gleichem Zugang zu allen Berufen? Die ‚Süddeutsche Zeitung‘ bringt es fertig, auf einer Seite Hegel in zwei Artikel als modernen Denker hinzustellen, schlägt man die Seite um, weist Ute Frevert darauf hin, dass Hegel 1807 im Alter von 37 Jahren das Eheversprechen brach, das er seiner Haushälterin Christine Charlotte Burkhardt in Jena gegeben hatte, der Sohn Ludwig blieb ohne Vater, und Hannelore Schlaffer weist zu Recht auf Hegels überholtes Frauenbild hin. Auch ein chauvinistischer Zug ist im Schaffen Hegels anzutreffen. In seiner am 22. Oktober 1818 in Berlin als Nachfolger Fichtes gehaltenen Antrittsrede zeichnet er die Deutschen als auserwähltes Volk aus, dem das Überleben der Philosophie, dieses heiligen Lichtes, anvertraut ist. Bei den anderen Nationen gebe es nur noch deren Namen, das Substantielle der Philosophie aber sei „verkommen und verschwunden. Diese Wissenschaft hat sich zu den Deutschen geflüchtet und lebt allein noch in ihnen fort“. 10. Marx wird in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie die Auffassung vertreten, nur auf dem Gebiet der Philosophie seien die Deutschen auf der Höhe der Zeit - nur auf der Höhe, nicht führend - ansonsten ist das Volk der Deutschen das Allerletzte, eine ekelhafte Zusammenrottung, der konterrevolutionärste Kretin unter den Völkern. Hegels zutiefst abfällige Äußerungen über die Neger Afrikas bestätigt das, diese seien keiner Entwicklung und Bildung fähig und zur Sklaverei geboren. Etwas Ekel haftet Hegel an.

All dessen ungeachtet wird in den Jubiläumsartikeln zum 250. Geburtstag Hegels in der bürgerlichen Presse der peitschenschwingende Revolutionär und sadistische ‚Befreiungstheologe‘ Hegel als Emanzipator hervorgekehrt, besonders dreist von Daniel Bratanovic in der ‚jungen welt‘ vom 27. August 2020 in dem Artikel: ‚Arbeit am neuen Weltalter‘. Im Leitartikel der ‚Frankfurter Rundschau‘ steht es nicht besser: Hegels Geist habe ununterbrochen rebelliert, sein Veränderungswille hätte nie still gestellt werden können. In Hegels Stellungnahme zur englischen Reformbill lesen wir jedoch über die neurasthenische Zumutung der Zeit: „Endlich nach vierzig Jahren von Kriegen und unermeßlicher Verwirrung könnte ein altes Herz sich freuen, ein Ende derselben und eine Befriedigung eintreten zu sehen. Und doch ist wieder ein Umsturz geschehen …“ 11. Blicken wir noch in die andere große Frankfurter Zeitung, auch in der FAZ wird Hegel als „Denker der französischen Revolution“ präsentiert. Dem schon erwähnten Jens Bisky unterläuft in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ bei seinem ‚Modernisierungsverfahren Hegel‘ das Missgeschick, die Aussage von Hegel, dass der Geist einen Ruck getan habe, so auszulegen, als habe Hegel wesentliche Elemente der modernen Welt auf den Begriff gebracht, und zwar die elementare Trinität ‚Demokratie, Rechtsstaat und warenproduzierende Gesellschaft‘. Ein Musterbeispiel dafür, dass sich die Bourgeoisie eine Welt und einen Hegel nach ihrem Bild schafft. Die drei Markenzeichen der Moderne halten einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand, schon Rousseau hatte 1762 im ‚Gesellschaftsvertrag‘ festgestellt, dass es noch nie eine Demokratie gegeben habe, nimmt man diesen Begriff wirklich ernst. Das Recht ist bekanntlich der zum Gesetz erhobene Wille der jeweils herrschenden Klasse. Und welchen Fortschritt Friedrich Engels durch die warenproduzierende Gesellschaft kommen sah, das vernehmen wir am besten von ihm selbst: „Der Mensch hat aufgehört, Sklave des Menschen zu sein und ist Sklave der Sache geworden; die Verkehrung der menschlichen Verhältnisse ist vollendet, die Knechtschaft der modernen Schacherwelt, die ausgebildete, vollkommne, universelle Verkäuflichkeit ist unmenschlicher und allumfassender als die Leibeigenschaft der Feudalzeit …“ 12. Nur so viel zur Fortschrittlichkeit der heiligen Trinität der Moderne, zu unserer Zeitgenossenschaft mit Hegel und zu der einseitigen Auffassung, Dialektik als Addition, ohne Rückschritt zu entwickeln, quasi als stufenförmiger Aufgang vom Niederen zum Höheren. Dem Kapitalismus haftet seit Waterloo immer ein Geruch des ‚Ancien Regime‘ an, in seiner imperialistischen Phase noch mehr, nur darf man auf diesen Köder nicht hereinfallen und zu früh losschlagen, ein Ereignis wie 1789 vergisst sich zwar nach Kant nicht mehr, es wiederholt sich aber auch nicht.

Den Vogel hat aber immer noch Willi Dickhut abgeschossen, und zwar schon vor dem 250. Geburtstag Hegels. „Die klassische Philosophie war eine revolutionäre Philosophie“. Alle Achtung, was für ein gewagter Satz von Dickhut!, der dann fortfährt: „Es (worauf bezieht sich dieses ‚es‘?/H.A.). war die Philosophie des aufstrebenden Bürgertums. Hegel brachte die klassische Philosophie auf den Höhepunkt und zum Abschluss“. 13. Dahinter steckt natürliches politisches Kalkül, das die blökende Schafherde des Hirtenengel nicht durchschaut. Warum braucht die MLPD, warum brauchen Dickhut, Engel, Fechner und Konsorten Hegel? Weil der Idealist dieser Sekte mit ihrer idealistischen Denkweiselehre in die Karten spielt. Die Denkweiseapostel erweisen sich als unfähig, zu erkennen, dass hinter der bürgerlichen Hegelverehrungskampagne das Zurückfrieren von 1917 auf 1789 steckt. Wir leben ja nicht nur in einem Hegel-, sondern auch in einem Beethoven-Jahr, beider Geburtstage 1770 liegen weniger als zwanzig Tage auseinander. In der chinesischen Kulturrevolution hatte es eine aufsehenerregende ‚Anti-Konfuzius/Anti-Beethoven-Kampagne‘ gegeben, in der die Musik des Klassikers Beethoven angegriffen wurde, weil diese den Geist der klassischen bürgerlichen Revolution von 1789 ausdrücke, was musiksoziologisch stimmig ist und also auch die Attacke der Kulturrevolutionäre, die sich wohltuend fortschrittlich abhebt von der infantil-vulgären eines Chuck Berrys, der 1956 sein ‚Roll over Beethoven‘ als Köder für unreife Menschen in die Mikrofone der Popmusikmafia plärrte. Leider haben sich die „marxistisch-leninistischen“ „Sektenlümmel“ auch in diesem Punkt als lernunfähig erwiesen, man darf von diesen „marxistisch-leninistischen“ Jammerlappen keine Kampagne gegen Konfuzius-Hegel erwarten, die fortschrittlichen Menschen in Deutschland würden die ganze Bodenlosigkeit der ‚Lehre von der Denkweise‘ erkennen. Man vergleiche die Schrift Willi Dickhuts über Hegels Logik und das Ende der klassischen Philosophie mit der Schrift von Friedrich Engels über Ludwig Feuerbach und den Ausgang der klassischen deutschen Philosophie – was für ein Abgrund! Feuerbach hatte durch harte Arbeit an Hegel-Texten den Nachweis erbracht, dass Hegels gesamte Philosophie im Kern eine theologische Strukturanlage hat und Marx unterstreicht diese große Leistung Feuerbachs in den ‚Pariser Manuskripten‘. Daran dürfte nicht zu rütteln sein, bezeichnete doch Hegel Philosophie als ein „ … im Dienste der Wahrheit fortdauernder Gottesdienst“. Soviel Zeit muss dann auch sein und zur Ehre Feuerbachs gesagt werden, schon er, nicht Marx, wie es in Schulfibeln steht, hat Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt. Und diese Umdrehung zeitigte angesichts der hohen Bedeutung, die die Religion damals hatte, das wichtige Ergebnis, dass die Religion nichts Selbständiges sei, was Marx fortführte, indem er auch der Philosophie und der Politik ihre von den Geisteswissenschaften gewebten Talare entriss und beide Disziplinen auf den nackten Boden der ökonomischen Tatsachen stellte. Moses Hess hat in seiner Schrift ‚Die rote Republik‘ die unproduktiven Klassen und ihre Ideologen auf ihrer Jagd nach der falschen, rein privaten Freiheit untereinander zugeordnet: Aristokraten und Bourgeois, Theologen und Philosophen versuchten vergeblich, durch Privaterwerb frei zu werden. Hier ist Moses Hess ein kleines Schmuckstück gelungen. Die Arbeiterklasse braucht zum Freiwerden keine Ideologen, wie die anderen Klassen, denn ihre Freiheit ist eine kollektiv angelegte auf der Basis des Kollektiveigentums, eine wirkliche Freiheit, die weder der theologisierende Aristokrat noch der aristokratische Theologe, die weder der philosophierende Bourgeois noch der bürgerliche Philosoph erreichen können. Ich erinnere mich an keine Stelle in der sozialistischen Literatur, die so prägnant mit ganz kleiner Worteskizze das Verhaftet-Sein im Privatgewerblichen von Klassen und geistigen Klassenrepräsentanten zum Vorschein bringt wie Moses Hess. Erst Feuerbach und Marx, ein wenig eben nun auch Hess, haben alles in die Hände der Menschen gelegt, sie müssen sich dessen nur bewusstwerden, keine neue Arbeit zu beginnen, sondern mit ihren Händen die alte nur mit Bewusstsein ausführen. Das ist der Weg der Revolution, die nur dann Erfolg haben kann, wenn die oberen Klassen nicht mehr in der alten Weise reagieren können und die unteren nicht mehr in dieser leben wollen und sich dessen auch bewusst sind.

Der falsche Weg wird indessen gegangen, wenn ein Hegel der permanenten Revolution in den Raum gestellt wird, im Gegenteil, Marx unterstreicht das Buckeln Hegels nach oben mit folgendem Satz: „Hier wird … der ‚obrigkeitliche‘ Sinn Hegels wirklich ekelhaft . 14., übersehen wir nicht, dass Friedrich Engels die Dialektik Hegels als „unbrauchbar“ abqualifiziert 15. und am deutschen Philosophen immer ein „Stück Philisterzopf“ hängen sah 16. Die Fundamentalaussage Hegels in seiner Logik, die Logik sei die reine Wissenschaft, bezeichnete Lenin in seinem Kommentar zu Hegels Logik des Seins als „Unsinn“. Hegelkonform ist es, den Sowjetenzyklopädien der Stalin-Zeit zu folgen: Hegels Philosophie nahm nach ihnen eine reaktionäre Position gegen die Revolution der Jakobiner ein, nichts ist evidenter. Das gilt nicht nur politisch, sondern auch philosophisch. In seiner ‚Geschichte der Philosophie‘ werden die materialistischen Philosophen stiefmütterlich abgetan, auch vor Ausgrenzung schreckt Hegel nicht zurück. Der die Welt als Schöpfung aufzufassen habende Idealist steht deshalb nicht gleich außerhalb der Kreise der Wissenschaft, aber ein Keim von Unredlichkeit ist in jedem Idealisten angelegt. Kant muss das gespürt haben und ging an die Grenze der Subjektivität, einen objektiven Gott leugnend: Nur ich für mich selbst habe ausschließlich meinen Gott, der auf mich begrenzt zu bleiben hat, nur ich ausschließlich kann mir Gott versichern; gleichwohl, auch ein nichtobjektiver Gott ist keine optimale Disposition für einen in wissenschaftlicher Pflicht stehenden Menschen. Hierbei spielt auch der weitere subjektive Faktor hinein, den anzuführen oft unter der Würde hochgebildeter Marxisten zu stehen scheint: Der Beamtensohn mit abgeschlossenen Theologiestudium, dessen Mutter aus einer wohlhabenden Familie kam und ihn in lateinischer Sprache unterwies, will auf das INRI, auf Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum – „Jesus von Nazaret, König der Juden“ hinaus. Ausgerechnet das preußische Beamtentum war als Stabilisierungsfaktor in einer bewegten Zeit ausersehen. ausersehen. ‚Die Erde bekreuzigt sich‘. Das hat Feuerbach, der für die Säkularisierung eine wichtige Rolle gespielt hat, richtig aufgespürt und stichhaltig auseinandergenommen. Nach Anhörung seiner Vorlesungen über das Wesen der Religion während der 48er Revolution im Heidelberger Rathaussaal (!), der auch viele Handwerker lauschten, stürzt Gottfried Keller in eine tiefe geistige Krise und beschließt, mit allen seinen bisherigen religiösen Vorstellungen tabula rasa zu machen. Fassen wir zusammen: Hegel betont mit seinem Philisterzopf die Notwendigkeit des Adels (Engels), mit eurozentristischem Hochmut die der Negersklaverei, sein obrigkeitsstaatlicher Sinn ist ekelhaft (Marx), seine Methode unbrauchbar (Engels), seine Rede von einer reinen Wissenschaft Unsinn (Lenin), Unsinn auch, russischen Frauen mit der Hundepeitsche entgegenzutreten – was soll das Gefasel von der klassischen Philosophie als einer revolutionären? Nicht hinter jeder FAZ steckt ein kluger, nicht unter jedem dicken Hut ein großer Kopf.

Was in der philosophischen Tradition als unverrückbare metaphysische Konstellation galt, das hat Hegel dynamisiert mit einer inneren Gesetzmäßigkeit des ihr immanenten eigenen Zusammenhangs, der menschliche Erkenntnisprozess vollzieht sich nicht unter sterilen, wissenschaftlichen Laborbedingungen einer Subjekt-Objekt-Konstellation, sondern in der explosiven Totalität des weltgeschichtlichen Gesamtvollzuges, in der Bewegung, in der mit der Veränderung des Wissens auch das Erkenntnissubjekt und sein Beurteilungsmaßstab der Außenwelt andere werden. Der Geist ist wesentlich aktiv, sich selbst produzierend, sich selbst aufhebend und damit seine Geschichte. Hegel hat nicht gewollt, dass so dargelegt Gott unter der Hand als Beherrscher des Weltganzen abgelöst wird von Dialektik schlechthin. Entwicklung und Fortschritt finden doppelt statt, objektiv und subjektiv. Der Gedanke Hegels aus seiner Schrift ‚Über die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts‘, „daß das Verhältnis überhaupt nichts an sich ist“, ist gegen die Tradition gerichtet, die in einer äußerlich bleibenden Subjekt-Objekt-Konstellation sich fortbewegte und fortdachte. Der Maßstab dialektischen Denkens ist ein immanenter, kein äußerlich hinzugetragener. Das bisherige Bewegungsdenken war subjektiv-konzeptionell angelegt, es ist zur Historie zu relativieren, für den Dialektiker Hegel ist Bewegung stets Selbstbewegung. In der Entwicklung der Gattung ist reziprok die des unwissenschaftlichen Bewusstseins eingebettet, das Geist werdend zum absoluten Wissen vorwärtstreibt und vorwärtsgetrieben wird. Das Objektive und das Subjektive haben sich aufhebend im absoluten Wissen wechselseitig erreicht. „Die Phänomenologie zeigt also, durch welche Gestalten die Menschheit hindurchging, ehe das absolute Wissen möglich wurde, und durch welche Zustände das Individuum, ehe sich in ihm das absolute Wissen verwirklicht“. 17. In diesem Prozess des Wissens zum absoluten Wissen erweist sich das im Prozess zum Moment Gewordene als wahrer, auch gesättigter, reicher als das Anfängliche, noch nicht prozessual in Frage gestellte. Jede neue Gestalt behauptet sich zunächst als absolutes Wissen und wird dann demontiert, aber nicht gnadenlos und absolut. Es gibt nichts grundsätzlich Falsches, das ist ein Schlüsselsatz der hegelschen Philosophie, die bestimmte Negation Hegels nimmt den wahren Kern im Falschen mit auf, fügt diesen als weiteres Glied der Erkenntniskette zu, so ergibt sich eine Momente gewordene Kette ehemaliger Gestalten dadurch, dass alles fließt, die Bewegung der daseiende Widerspruch selbst ist, der Geist nicht in einer seiner Gestalten sich festbannt. Das historisch Spätere ist in der Regel das begrifflich Höhere, dergestalt, dass auf dem Entwicklungsweg das Bewusstsein sich vergeistigt, Geist wird und in diesem Zugzwang das Endliche unendlich. Die ‚Phänomenologie‘ versucht eine Antwort auf die Frage, wie wird der gewöhnliche, mit Alltag behaftete Mensch Geist? Der Mensch ist Geist und phänomenologisch gereinigt zum dialektischen Denken fähig, fähig zur Logik, wenn ihm aus dem Kelch eines Geisterreichs, seinen Häutungen, die Unendlichkeit schäumt. Die Reinigung geht dem Monströsen hier voraus. Hegel betört Leser durch eine Sprache, die stets mit einem sakralen Unterton geschwängert ist. Philosophie ist mit ernster Miene zu betreiben; nicht im Sinne Pascals, wahres philosophieren ist Bespotten der Philosophie selbst, nicht im Sinne Voltaires, der in einem Brief an Rousseau Philosophisches weglässt, um nicht eitel zu wirken. Wir stehen vor einem grundsätzlichen Problem der Philosophie, ja der Wissenschaft schlechthin: Was macht das Qualitative nicht nur des Halbwissens und des Wissens, sondern vor allem des wissenschaftlichen Wissens aus? Wie separiert und filtert der Geist, der nicht unbefleckt bleiben kann vom präwissenschaftlichem Wissens“gut“, das im schäumenden Filterungsprozess immer mitschwimmt, schlimmstenfalls summativ zusammengefasst. So wird Gift durchgelassen, das sich nicht unbedingt verflüchtigen muss, sondern zu einem bitteren Trank sich zusammenbrauen kann. Ist wissenschaftliches Wissen überhaupt erreichbar? Das war und ist eine der Kardinalfragen, auf die es ankommt, und die den Mittelpunkt der Kontroverse zwischen Kant und Hegel ausmacht. Wir kommen um diese nicht umhin im Klärungsprozess menschlicher Erkenntnis und aus ihr folgendem geschichtlichen Handelns. Die reine Vernunft ist zur ewigen Reinigung ihrer selbst verdammt, ohne Aussicht, das Licht des Wesens am Ende des Tunnels der Erscheinungen zu erblicken. Lax formuliert: Die Menschen sind metaphysiksüchtig und Kant ist der Apotheker in der idealen Lage, das Mittel gegen dieses chronische Gebrechen zu haben. Kants Ideal der reinen Vernunft, jenseits derer die schmutzig-kranke liegt, hat einen steril-medizinischen Geruch. Insgesamt bescheinigt uns Kant eine Gebrechlichkeit, der Mensch sei aus so „krummen Holz“ gemacht, dass daraus nie etwas ganz Grades geschnitzt werden kann. Am Ende der kantischen Demontage der ewigen Wahrheiten der Metaphysik ergibt sich ein neuer, nun negativ besetzter Begriff von Ewigkeit. Es kann auch nicht überraschen, dass aus dem Flachlegen der Metaphysik das Endliche triumphierend emporsteigt. Damit ist den Bukowskis der Philosophie mit ihrer Schnoddrigkeit Tür und Tor geöffnet, Hegel erkannte als erster die Gefahr, die sich aus der Gleichrangigkeit von Wissen und Nichtwissen ergab. Für den Vulgärdemokraten à la Fries hat ein 18jähriger Alkoholiker aus der Gosse mit gerade ausreichendem Schulabschluss politisch das gleiche Gewicht wie ein 50jähriger Professor der politischen Wissenschaften. Hegel überlegt sich gegen die Gefahr, ein Volk vor die Hunde gehen zu lassen, ein folgenschweres Unternehmen: Das Wesen der Wissenschaft erweist sich in ihrer Geschichte, die wissenschaftsgeschichtliche Fragestellung war von Kant nur touchiert worden. Gegen die Verflachung der Philosophie fordert Hegel ihre Akademisierung, nur so sei die Spreu vom Weizen zu trennen. Hegel spiegelt die ständige Revolutionierung der Produktionsverhältnisse in der industriellen Revolution, die gerade zur Freisetzung historischer Kapazitäten geführt hat, da in der bürgerliche Gesellschaft die Vergangenheit über die Gegenwart herrscht, richtig wider, nimmt aber nicht wie Marx deren Schwung auf, sondern greift auf die traditionelle Metaphysik aus der Überlegung zurück, durch sie zu offenbaren, dass der Geist sich bereits als Geist erreicht und geoffenbart habe. Das ist Metaphysik pur, ausgeblendete Zukunft; zugleich Realismus pur, das Geoffenbarte ist offenbar, das Wirkliche vernünftig. Die deutsche Bourgeoisie war hier Vorreiter, die bürgerliche Emanzipation sieht sich rasch gezwungen, ihre Zukunftsvisionen ad acta zu legen und welche Bourgeoisie war dazu geeigneter als die reaktionärste in Europa? Der junge Marx legte aber Wert darauf zu betonen, dass die deutsche Philosophie dem entgegen generell gerade nicht reaktionär war. Eine bürgerliche Revolution nivelliert zugunsten der Reichen, zugunsten des Professors, der den akademischen Nachwuchs beeinflusst, was der Alkoholiker nicht kann. Gegen die formale Nivellierung zum Leidwesen der Armen und der Philosophie, gegen die Verflachung der Gemüter durch eine fassadenhaften Gossendemokratie, durch die sich die Oligarchien absichern, betont Hegel die Vermessenheit der demokratischen Canaille, die meint, den Stein der Weisen auch ohne wissenschaftliches Studium schon in der Tasche zu haben. So kreist Hegel die Philosophen als isolierten Priesterstand ein, für Marx und Engels zeichnen sich die Kommunistinnen und Kommunisten dadurch aus, dass sie in der Arbeiterbewegung deren Zukunft und Internationalismus herausstreichen, Lenin setzte auf Berufsrevolutionärinnen und Berufsrevolutionären, für Stalin waren die Bolschewiki aus besonderem Material geformt. Der gemeinsame Nenner ist das Vertrauen in die Geschichte, für die Materialisten in die Geschichte zunehmender Kollektivität bis hin zum Subbotnik, durch den Demokratie ohne Geld kollektiv aufblüht. Was nützt uns die allerbeste Demokratie, wenn das Geld uns als fremdes Wesen beherrscht und wir es anbeten? Das Einsenken philosophischen Denkens in den weltgeschichtlichen Entwicklungsprozess der Menschheit machte Hegels Überlegenheit über seine philosophischen Zeitgenossen aus, kein idealistischer Philosoph und kein Polyhistor hat sich vor Marx in seinem Denken so tief in die Komplexität und Schwere der Weltgeschichte eingesenkt wie Hegel, und doch stand sein enzyklopädisch gesättigtes Denken auch unter dem Signum des Blitzes und der Entladung, zugleich dem entgegengesetzt, mehr noch unter dem Signum des Kreises, revolutionäre Zornesausbrüche kommen im Werk nur gelegentlich vor. Sein philosophisches Ideal ist denkfigürlich ausgedrückt die sich als Kreis erreicht habende Linie, der vollendete, in sich abgerundete Kreis hat seine Entstehung aufgehoben. In seinem Entstehen ist jeder Punkt ein anderer, der kreisrunde Kreis hat keine Punkte. Dass aber die idealistische Dialektik sich blitzartig entlädt, das war der Skandal und die preußische Hofkamarilla fürchtete diesen schwäbischen Begriffshexer, immer eine Gefahr für eine Minderheit, die gegen die Mehrheit des Volkes in Opposition steht, die revolutionär umschlagen kann in eine neue Qualität. Gegen Hegel bot die Kamarilla 1841, zehn Jahre nach Hegels Tod, den 66jährigen Schelling auf, um in der Berliner Universität seiner Berufung gemäß die dialektische Drachensaat des „hegelschen Pantheismus“, wie sich der König ungelenk ausgedrückt hatte, im Einzelnen und die Hydra des Hegelianismus im Allgemeinen abzutöten, was bekanntlich misslang. Schon in der vierten Vorlesung musste Schelling mit bitterer Mine ein Murren im Hörsaal vernehmen. Aus seiner Vollendung des deutschen Idealismus wurde nichts.

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Details

Titel
Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Grundzüge des historischen und dialektischen Idealismus
Untertitel
Gegen die Glorifizierung Hegels in der bürgerlichen Presse anlässlich seines 250. Geburtstages
Autor
Seiten
31
Katalognummer
V937434
ISBN (eBook)
9783346268136
Sprache
Deutsch
Schlagworte
georg, wilhelm, friedrich, hegel, grundzüge, idealismus, gegen, glorifizierung, hegels, presse, geburtstages
Arbeit zitieren
Heinz Ahlreip (Autor), Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Grundzüge des historischen und dialektischen Idealismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937434

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