Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem wirtschaftshistorischen Artikel „Coordination, Commitment, and Enforcement: The Case of the Merchant Guild“ der drei Autoren Avner Greif, Paul Milgrom und Barry R. Weingast aus dem Jahre 1994. In ihrem Artikel untersuchen Greif et al. die Beziehung zwischen mittelalterlichen Kaufmannsgilden und Machthabern fremder Fernhandelszentren unter Verwendung von empirisch komparativen sowie spieltheoretischen Methoden. Dabei stellen sie ihre Thesen und Ergebnisse den bisher gängigen Interpretationsan-sätzen von Gilden als Monopol- und Kartellinstitution gegenüber.
Die vorliegende Arbeit betrachtet dabei primär den Forschungskontext und gliedert sich in sechs Abschnitte. Der Einleitung folgt eine Betrachtung des Artikels im Kontext moderner Wirt-schaftsgeschichte sowie ein Überblick über die besonderen Herausforderungen, mit denen mo-derne Wirtschaftsgeschichtsforschung besonders im Forschungsbereich des Mittelalters konfron-tiert ist. Dem folgt im dritten Abschnitt ein Überblick über den Forschungsstand vor der Veröf-fentlichung der Arbeit sowie eine Vorstellung des Artikels. Diese beinhaltet eine kurze Schilde-rung des historischen Kontextes, die Vorstellung der primären Forschungsgegenstände, Haupt-thesen und der Ergebnisse. Im vierten Abschnitt wird die Operationalisierung der Arbeit von Greif et al. besonders im Bereich der spieltheoretischen Modellierung betrachtet. Im fünften Ab-schnitt werden die wissenschaftlichen Reaktionen auf die Forschungsleistung der Autoren aufge-zeigt. Dabei werden zwei besonders fundamentale Kritiken an der Arbeit von Greif et al., der Autoren R. Dessí und S. Ogilvie sowie Nils- Henrik von der Fehrt und David Harbord im Detail vorgestellt. Die Arbeit endet mit einer Schlussbetrachtung und einem Ausblick auf die zukünftige Diskussion über die Gültigkeit der Thesen des Artikels.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Arbeit im Kontext moderner Wirtschaftsgeschichtsforschung
2.1 Institutionsanalyse in der Wirtschaftsgeschichte
2.2 Spieltheorie in der Wirtschaftsgeschichtsforschung
3 Commitment, Enforcement and Coordination
3.1 Die traditionelle Interpretation von Gilden in der Wirtschaftsgeschichte
3.2 Thesen
3.3 Ergebnisse
4 Operationalisierung
4.1 Historische Datengrundlage
4.2 Spieltheoretische Modellierung
4.2.1.1 Bilateraler Reputationsmechanismus
4.2.1.2 Multilateraler Reputationsmechanismus
4.2.1.3 Multilateraler koordinierter Reputationsmechanismus
5 Wissenschaftliche Reaktion auf die Arbeit von Greif et al.
5.1 Kritik an der empirischen Präzision
5.1.1 Lokale Natur von Kaufmannsgilden im Mittelalter
5.1.2 Kommerzielle Unsicherheit
5.1.3 Fehlende Durchführbarkeit von Boykotts und Embargos
5.1.4 Zahlungen seitens der Kaufmannsgilden
5.2 Kritik der spieltheoretischen Modellierung
5.2.1 Modellierung der Kostenstruktur
5.2.2 Modellierung des Handlungsrahmens der Gilden
5.2.3 Renegotiation Proofness
5.2.4 Effizientes Handelsniveau und dessen Zustimmung
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den wirtschaftshistorischen Artikel „Coordination, Commitment, and Enforcement: The Case of the Merchant Guild“ von Greif, Milgrom und Weingast (1994), der die Rolle mittelalterlicher Kaufmannsgilden als Institutionen zur Verpflichtung fremder Machthaber neu bewertet. Das primäre Ziel besteht darin, den theoretischen und empirischen Gehalt dieser Arbeit sowie die wissenschaftlichen Reaktionen darauf kritisch zu hinterfragen und in den Kontext der modernen Wirtschaftsgeschichtsforschung einzuordnen.
- Analyse der institutionellen Rahmenbedingungen im mittelalterlichen Fernhandel.
- Einsatz spieltheoretischer Methoden zur Modellierung strategischer Interaktionen zwischen Kaufleuten und Machthabern.
- Gegenüberstellung der „Gilden-als-Monopol“-Theorie mit neuen institutionenökonomischen Erklärungsansätzen.
- Kritische Würdigung empirischer Beweisführungen durch Fachkollegen wie S. Ogilvie und R. Dessí.
- Diskussion der spieltheoretischen Modellgüte und der Annahme von Nachverhandlungssicherheit.
Auszug aus dem Buch
3 Commitment, Enforcement and Coordination
Die Arbeit von Greif et al. bezieht sich auf den Zeitraum zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert in Europa im Kontext der „kommerziellen Revolution“ und konzentriert sich dabei auf die Beziehungen im Fernhandel zwischen Kaufleuten und Kaufmannsgilden auf der einen und Machthabern von fremden Städten auf der anderen Seite. Dabei stehen die sich aus der Interaktion der Akteure ergebenen Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit und die institutionellen Grundlagen von mittelalterlichen Märkten im Fokus der Arbeit.
Eine der zentralen Fragen bei der Betrachtung institutioneller Grundlagen von Märkten betrifft die Rolle des Staates. Wie viel Macht wird einem Staat oder Machthaber zugestanden, ohne dass die Funktionsfähigkeit von Märkten darunter leidet? Eine einfache ökonomische Interpretation sieht die Hauptaufgaben des Staates in der Bereitstellung von Institutionen, welche im Streitfall Verträge durchsetzen, die Eigentums- und Verfügungsrechte schützen, sowie die körperliche Unversehrtheit der Agenten im Herrschaftsgebiet anstreben. Allerdings kann ein Machthaber einmal zugesicherte institutionelle Leistungen in der Folgezeit zu Gunsten kurzfristiger Profitmaximierung und zu Lasten der Betroffenen missachten. Dies geschieht mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit von ökonomischen Märkten, dem Vertrauen in die bestehenden Institutionen und hat direkte Auswirkungen auf die Höhe der Transaktionskosten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des wirtschaftshistorischen Artikels von Greif et al. ein und umreißt den Aufbau der Arbeit sowie die methodische Herangehensweise.
2 Die Arbeit im Kontext moderner Wirtschaftsgeschichtsforschung: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen, insbesondere die Neue institutionelle Ökonomie und die Anwendung der Spieltheorie in der Geschichtswissenschaft, erläutert.
3 Commitment, Enforcement and Coordination: Das Kapitel erläutert die Kernaussagen von Greif et al. zur Rolle von Gilden als Institutionen, die das Verpflichtungsproblem im mittelalterlichen Fernhandel lösten.
4 Operationalisierung: Hier wird die Methodik von Greif et al. beschrieben, wobei der Fokus auf der historischen Datengrundlage und den spieltheoretischen Modellvarianten liegt.
5 Wissenschaftliche Reaktion auf die Arbeit von Greif et al.: Dieses Kapitel fasst die kritischen Auseinandersetzungen durch S. Ogilvie, R. Dessí, Nils-Henrik von der Fehr und David Harbord zusammen, die sowohl die empirische Präzision als auch die spieltheoretische Modellierung hinterfragen.
6 Schlussbetrachtung: Die abschließende Betrachtung bewertet den Einfluss des Artikels auf die Fachdiskussion und betont den bleibenden Wert der durch die Kontroverse angestoßenen Forschung.
Schlüsselwörter
Wirtschaftsgeschichte, Kaufmannsgilden, Neue institutionelle Ökonomie, Spieltheorie, Fernhandel, Verpflichtungsproblem, Transaktionskosten, Reputation, Institutionenökonomik, Kommerzielle Revolution, Mittelalter, Institutionelle Dynamik, Handelsregeln, Kartelltheorie, Kontrafaktische Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den einflussreichen wirtschaftshistorischen Artikel von Greif, Milgrom und Weingast aus dem Jahr 1994 über die Rolle und Funktion mittelalterlicher Kaufmannsgilden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entstehung von Institutionen im Fernhandel, die Rolle von staatlichen Machthabern und die Anwendung ökonomischer Theorien zur Erklärung historischer Phänomene des Mittelalters.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Thesen von Greif et al. darzustellen und kritisch zu prüfen, ob Gilden tatsächlich eine effizienzsteigernde Funktion im Fernhandel erfüllten oder lediglich monopolistische Kartelle darstellten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse sowie die komparative Untersuchung spieltheoretischer Modellansätze und deren historische Anwendung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil deckt den Forschungskontext, die spieltheoretische Operationalisierung der Autoren und die detaillierte Darstellung wissenschaftlicher Gegenkritiken ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kaufmannsgilden, Spieltheorie, Verpflichtungsproblem, Institutionenökonomik und Kommerzielle Revolution.
Warum kritisieren Ogilvie und Dessí die Ergebnisse von Greif et al.?
Sie kritisieren die unpräzise Verwendung historischer Belege und argumentieren, dass Gilden primär lokal agierten und oft zur Durchsetzung monopolistischer Vorteile und ökonomischer Renten dienten.
Was bemängeln von der Fehr und Harbord an der Modellierung?
Sie kritisieren, dass die spieltheoretische Modellierung von Greif et al. eine sehr spezielle Kostenstruktur voraussetzt und das Konzept der Nachverhandlungssicherheit nicht konsistent erfüllt.
- Citar trabajo
- Lars Philipp Kremkow (Autor), 2008, Der wirtschaftshistorische Artikel "Coordination, Emforcement and Commitment" der Autoren Greif, Milgrom und Weingast, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93800