In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern aktuelle Bildungsangebote ausgewählter niedersächsischer KZ-Gedenkstätten auf Herausforderungen der gesellschaftlichen Heterogenität und der größer werdenden Lücke zwischen kulturellem und kommunikativem Gedächtnis eingehen. Der Begriff Gedenkstätten beziehe sich fast ausschließlich auf den Nationalsozialismus und seine Opfer. Sie würden sich „an jenen historischen Orten (vor allem Lagern), an denen die Taten stattgefunden haben“ befinden. Darüber hinaus würden heutzutage in den meisten Einrichtungen auch einschlägige Informationsangebote zur Verfügung gestellt werden.
Um die Fragestellung zu beantworten, soll zunächst ein definitorischer Teil folgen, in dem Begriffe wie Erinnerungskultur und die verschiedenen Gedächtnisarten erklärt werden. In diesem Zusammenhang soll auch die historische Genese von Gedenkstätten in Deutschland nachvollzogen werden. Anschließend soll der aktuelle Forschungsstand bezüglich Gedenkstättenbildung und den aktuellen Herausforderungen herausgearbeitet werden. Im empirischen Teil der Arbeit geht es darum, aktuelle Bildungskonzepte ausgewählter KZ-Gedenkstätten aus Niedersachsen zu analysieren. Dafür sollen aus den Theorietexten vom Anfang Kriterien herausgearbeitet werden, mittels derer überprüft werden soll, ob und inwiefern sie auf die Herausforderungen von gesellschaftlicher Heterogenität und der größer werdenden Lücke zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis eingehen.
Als Quellenmaterial sollen dabei alle öffentlich zugänglichen Materialien und Texte, die auf den jeweiligen Websites der Gedenkstätten zu finden sind, dienen. Dies umfasst sowohl die konkreten Bildungsangebote als auch Informationen zu Zielsetzungen und der Philosophie der Einrichtungen.
Die Gedenkstätten wurden jeweils auf Grund spezifischer Faktoren ausgewählt, deren Einfluss überprüft werden soll. Das Ziel der Arbeit ist es, herauszuarbeiten, welche Faktoren einen stärkeren und welche einen schwächeren Einfluss darauf haben, inwiefern die Einrichtungen auf die aktuellen Herausforderungen reagieren und einen Überblick darüber zu geben, wie die ausgewählten Gedenkstätten generell mit ihnen umgehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gedenkstättenbildung in Deutschland
2.1 Geschichte
2.2 Erinnerungskultur
3. Aktuelle Herausforderungen von Gedenkstättenarbeit
3.1 Geschichtsbewusstsein und historisch-politische Bildung
3.2 Gesellschaftliche Heterogenität
3.3 Die Lücke zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis
3.4 Zugänge und Methoden der Gedenkstättenbildung
4. Gedenkstätten in Niedersachsen
4.1 Auswahl des Samplings
4.2 Methodisches Vorgehen
4.3 Analyse
4.4 Grenzen und Chancen der Analyse
5. Einordnung der Bildungskonzepte
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern aktuelle Bildungsangebote ausgewählter niedersächsischer KZ-Gedenkstätten den Herausforderungen einer zunehmend heterogenen Gesellschaft begegnen und dabei helfen, die Lücke zwischen dem schwindenden kommunikativen und dem kulturellen Gedächtnis zu schließen.
- Analyse aktueller Bildungskonzepte unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Heterogenität.
- Untersuchung des Umgangs mit dem kommunikativen Gedächtnisverlust durch Zeitzeugenschwund.
- Bewertung methodischer Ansätze wie Oral History und dialogische Wissensvermittlung.
- Vergleich verschiedener Gedenkstätten anhand spezifischer Faktoren wie Größe, Alter und regionale Lage.
- Erörterung der Rolle von historisch-politischer Bildung in einer pluralistischen Einwanderungsgesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Lücke zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis
Das Ende des Zweiten Weltkrieges liegt mittlerweile 75 Jahre zurück, sodass die Anzahl der Menschen, die den Krieg noch bewusst miterlebt haben, immer kleiner wird. In diesem Zusammenhang stellt Aleida Assmann die Frage, ob mit einem Ende der Zeitzeug*innen auch ein Ende der Erinnerungskultur eintreten würde (vgl. Assmann 2015: 12). Während immer weniger Zeitzeug*innen heutzutage in der Lage seien, vor Ort von ihren Erfahrungen zu berichten, würden sich immer mehr Besucher*innen von Gedenkstätten für ihre Erlebnisberichte interessieren (vgl. Jaiser 2015: 222). Deshalb würden schon heute viele Gedenkstätten mit Videomaterial arbeiten, in dem Zeitzeug*innen ihre Erfahrungen schildern (vgl. ebd.). Dabei meint Zeitzeug*in in der Gedenkstättenarbeit diejenigen Menschen, die Opfer von Verfolgung wurden, anders als in den Medien, in denen jede Person, die geschichtliche Ereignisse bezeugen kann, als Zeitzeug*in gelte (vgl. ebd.: 224). Die Methode der Zeitzeug*innenberichte und -dialoge bezeichnet man in der Geschichtswissenschaft als Oral History. Damit sei konkret auch die „Konstruktion von Geschichte in Geschichtsbildern jeweils in ihrer Zeit gemeint“ (Güter/Tilman 2006: 1).
Die Methode der Oral History solle die Fähigkeit fördern, Vergangenes besser einordnen und einen Bezug zur Gegenwart herstellen zu können, also insgesamt ein historisches Bewusstsein herzustellen (vgl. ebd.: 3). Dazu mache man sich das Phänomen zu Nutze, dass gerade bei Jugendlichen Interesse geweckt werden würde, wenn sie in historischen Ereignissen einen Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt herstellen könnten. Die Beschäftigung mit der eigenen historischen Vergangenheit und den eigenen Wurzeln würde dazu führen können, dass sie selbst mehr Verantwortung für die Zukunft übernehmen wollen würden. Dadurch solle es zu der „Entwicklung kritischer Urteilskraft und kritischem Bewusstsein“ (ebd.) kommen. Gleichzeitig müssten die Erfahrungen „authentisch, erfahrbar und anwendbar“ (ebd.) sein, damit die Jugendlichen ihren Mehrwert erkennen würden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Zeitzeugenschwunds und die Herausforderungen einer heterogenen Erinnerungskultur ein, die das Ziel der Arbeit bilden.
2. Gedenkstättenbildung in Deutschland: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Gedenkstätten in Deutschland von der Nachkriegszeit bis heute nach und definiert den Begriff der Erinnerungskultur.
3. Aktuelle Herausforderungen von Gedenkstättenarbeit: Hier werden zentrale theoretische Herausforderungen wie Geschichtsbewusstsein, gesellschaftliche Heterogenität und der Wandel von Gedächtnisarten analysiert sowie methodische Ansätze vorgestellt.
4. Gedenkstätten in Niedersachsen: Der empirische Teil der Arbeit umfasst die Auswahl von vier Gedenkstätten und die methodische Analyse ihrer Bildungskonzepte anhand entwickelter Kriterien.
5. Einordnung der Bildungskonzepte: Die gewonnenen Erkenntnisse und Scores werden hier zusammengeführt, bewertet und hinsichtlich der Einflussfaktoren wie Größe oder Lage eingeordnet.
6. Fazit: Das Fazit beantwortet die zentrale Fragestellung und gibt einen Ausblick auf notwendige Weiterentwicklungen der Bildungsangebote in Gedenkstätten.
Schlüsselwörter
Gedenkstätten, Erinnerungskultur, historisch-politische Bildung, gesellschaftliche Heterogenität, kommunikatives Gedächtnis, kulturelles Gedächtnis, Zeitzeug*innen, Oral History, Geschichtsbewusstsein, Beutelsbacher Konsens, Bildungskonzepte, NS-Vergangenheit, Inklusion, Gedenkstättenpädagogik, Multiperspektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie niedersächsische KZ-Gedenkstätten ihre Bildungsangebote anpassen, um den Herausforderungen einer heterogenen Gesellschaft und dem Verlust des kommunikativen Zeitzeugengedächtnisses gerecht zu werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert auf die Schnittstellen von historischer Bildung, Erinnerungskultur, Gedächtnistheorien nach Assmann sowie die praktischen Methoden der Gedenkstättenpädagogik in einem sich wandelnden gesellschaftlichen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, inwiefern aktuelle Bildungsangebote ausgewählter Gedenkstätten auf Herausforderungen wie gesellschaftliche Heterogenität und die zunehmende zeitliche Distanz zu den NS-Verbrechen reagieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Autorin verwendet einen qualitativen Ansatz, bei dem 16 Analysekriterien in vier Kategorien operationalisiert werden, um Bildungskonzepte mittels eines Score-Systems auf Basis öffentlich zugänglicher Online-Materialien zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Gedächtnisarten und Pädagogik sowie einen empirischen Teil, in dem vier Gedenkstätten (Ahlem, Moringen, Bergen-Belsen, Baracke Wilhelmine) analysiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Gedenkstättenpädagogik, kritisches Geschichtsbewusstsein, Oral History, Inklusion, Partizipation und der Beutelsbacher Konsens.
Welche Rolle spielt die Gedenkstätte Ahlem im Vergleich zu den anderen untersuchten Orten?
Die Gedenkstätte Ahlem erzielt den höchsten Score (14 von 16), was möglicherweise auf ihre urbane Lage und die damit verbundene Nähe zu Institutionen sowie ein diverseres Publikum zurückzuführen ist.
Warum ist die Analyse der Website-Informationen für die Gedenkstätten bedeutend?
Da Websites oft die erste Anlaufstelle für Schulklassen und Lehrkräfte sind, entscheidet die dortige Qualität der Informationen darüber, ob sich Einrichtungen als barrierefrei oder inklusiv wahrgenommen fühlen.
- Arbeit zitieren
- Areti-Kristin Bouras (Autor:in), 2020, Bildungsangebote niedersächsischer KZ-Gedenkstätten. Herausforderungen der gesellschaftlichen Heterogenität und der Lücke zwischen kulturellem und kommunikativem Gedächtnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/938976