Sittliche Tugenden in der bürgerlichen Familie. Klara als Opfer der männlichen Moral in Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Welt der Wertgebundenheit: Ehre und Moral der bürgerlichen Familie

3. Klaras unverschuldete Schuld und Leonhards Schuldflucht

4. Schluss

5. Literatur

1. Einleitung

Friedrich Hebbels einziges bürgerliches Trauerspiel „Maria Magdalena“ wurde 1843 abgeschlossen und es ist das erste tragische bürgerliche Trauerspiel in der deutschen Sprache überhaupt (Grundmann, 1992:157). Das Werk hatte eine relativ lange Entstehungszeit und wurde von Hebbel an verschiedenen Orten geschrieben. Folglich ist die tragische Stringenz und Geschlossenheit des Stückes umso erstaunlicher (Pilz, 1982:65). In einem Brief an Sigmund Engländer im Jahr 1863 schreibt Hebbel über die erste Anregung zu seinem Trauerspiel, dass dem Stück ein Vorfall zu Grunde liegt, den er in München selbst erlebt hat, als er bei einem Tischlermeister (mit Vornamen sogar Anton) wohnte. Er schreibt in diesem Brief folgende Zeilen:

Ich sah, wie das ganze ehrbare Bürgerhaus sich verfinsterte, als die Gensd´ armen den leichtsinnigen Sohn abführten, es erschütterte mich tief, als ich die Tochter, die mich bediente, ordentlich wider aufathmen sah, wie ich mit ihr im alten Ton scherzte und Possen trieb (Pilz, 1982:65).

Neben diesen Ereignissen sind auch „die trostlosen Verhältnisse im eigenen Elternhaus“ (Pilz, 1982:65), sowie die starken Schuldgefühle gegenüber Elise Lensing, mit welcher Hebbel während der Entstehungsphase des Werkes eine Verbindung hatte, mit dem Werk zusammengeschmolzen. Elise wurde von Hebbel schwanger, doch heiratete er sie nie. Es wird somit deutlich, dass das Werk aus eigenen Erfahrungen und Konflikten des Autors heraus entstanden ist, so Pilz (65). Sein Stück ist überdies, mit dem Ziel der Sozialkritik entstanden, denn er untersucht „in erster Linie das Verhältnis von ´Charakter´ und ´Schicksal´ (Reinhardt, 1982:170) innerhalb der Gesellschaft. Hebbel zeigt in radikaler Weise durch den Selbstmord der Heldin Klara, wie der gesellschaftliche Zustand individuelle und soziale Konsequenzen mit sich bringt. Er verarbeitet in seinem Werk die Unversöhnlichkeit mit dem pantragischen Weltbild, denn das Individuum und das Weltganze sind in eine unlösbare Spannung gestellt. Das Individuum muss unweigerlich an dem Konflikt zwischen Ich und der Gesellschaft zerbrechen.

In einem ersten Teil dieser Arbeit soll daher zunächst die Struktur der bürgerlichen Familie anhand der Darstellung der Familienmitglieder in Hebbels Werk, Meister Anton, der Mutter, Karl und Klara, gezeigt werden. Hiermit soll verdeutlicht werden, wie Hebbel die Situation innerhalb der mittleren Schicht darstellt und anklagt; und nicht den sozialen Standesunterschied zwischen Adel und Bürgertum. Insbesondere für Klara werden die Forderungen nach einer bürgerlichen Kodextreue zum tragischen Konflikt. Hebbel zeigt mit ihrer Figur, dass sich das Tragische in der Geschichte nicht aus dem Handeln, sondern vielmehr aus dem bloßen Sein entwickelt.

In einem zweiten Teil dieser Arbeit soll untersucht werden, welche Umstände Klara zum Verstoß gegen diese bürgerliche Tugenden verleiten, durch die sie, gemäß dem bürgerlich-traditionellen Verständnis, Schuld[1] auf sich nimmt. Hierzu sind insbesondere die männlichen Kontrastfiguren Meister Anton und Leonhard in die Analyse mit einzubeziehen. Es soll gezeigt werden, dass Klara ein Opfer der bürgerlichen Scheinmoral ist und keine Sünderin.

2. Die Welt der Wertgebundenheit: Ehre und Moral der bürgerlichen Familie

Die familiäre Struktur im Hause Anton ist hierarchisch gegliedert und entspricht dem typischen Bild der bürgerlichen Familie. In dieser Hierarchisierung steht der Familienvater an oberster Stelle. Die weiteren Familienmitglieder wie die Mutter, Karl und Klara, müssen sich an feste, traditionelle Rollen halten. In der zweiten Szene des ersten Aktes werden dem Leser des Stückes zunächst alle Familienmitglieder, mit Ausnahme des Meisters Anton, vorgestellt. Es wird vor allem die Rolle der Mutter und Karl gezeigt: Die Aufgabe der Mutter ist es beispielsweise, das Heim zu organisieren. Hierfür muss sie das vom Mann erarbeitete Geld für die ganze Familie und deren Überleben haushaltsökonomisch nutzen. Auf die Frage Karls nach einem Gulden antwortet sie folglich: „Ich habe kein Geld, als was zur Haushaltung gehört“ (Hebbel, 2002:37) und verweist so auf die bürgerliche Haushaltsnorm. Es wird deutlich, dass sie selbst nicht erwerbstätig ist, denn bürgerliche Frauen blieben aus der Sphäre des außerhäuslichen Gewerbes ausgeschlossen (Schütze, 1988:125). In einem ersten Gespräch zwischen Mutter und Karl äußert der Sohn jedoch den Vorwurf, dass sie ihre häusliche Pflicht nicht immer erfüllt habe. Sein Vorwurf lautet:

Als für Klaras weißes Kleid gespart wurde, da kam monatelang nichts Leckeres auf den Tisch. Ich drückte die Augen zu, aber ich wusste recht gut, dass ein neuer Kopfputz, oder ein anderes Fahnenstück auf dem Wege war. Lass mich denn auch einmal davon profitieren! (Hebbel, 2002:37).

Karls Aussage erweckt beim Leser den Eindruck, er wolle seine Mutter um einen Gulden erpressen, damit Meister Anton über ihren angeblichen „Fehltritt“ nichts erfahre.

Dieses Verhalten führt zu einem weiteren Wirkungsbereich der Frau, denn ihre Aufgabe war es auch die Kinder zu erziehen; sie sollten zu tugendhaften Menschen werden (Frevert, 1986:17). Diese Rolle der Mutter soll sie angeblich auch nicht erfüllt haben und dies wird mit den tugendlosen Handlungen Karls begründet. Die Mutter macht sich Selbstvorwürfe und wiederholt die Worte ihres Mannes: „(…) der Vater hat Recht, das sind die Folgen! (…) Ob er den Gulden wirklich nicht fordern würde, wenn ich ihm das Stück Zucker abgeschlagen hätte? (…)“ (Hebbel, 2002:38). Karl gibt zwar selbst an, „abends zwei Stunden länger“ (Hebbel, 2002:37) zu arbeiten als die Anderen, jedoch stellt sich im weiteren Handlungsverlauf heraus, dass dem nicht so ist. Folglich wird sein persönliches Scheitern der bürgerlichen Pflichten als Fehler der Mutter gesehen.

Durch die scharfe Kritik an seiner Mutter zeigt sich, dass Karl in der hierarchischen Familienordnung sogleich unter dem Vater angesiedelt ist. In der bürgerlichen Familie war die Aufgabe des Sohnes, das Erbe des Vaters zu übernehmen und im Familiengeschäft mitzuarbeiten; dies entspricht sozusagen der zünftisch-ständischen Tradition (Frevert, 1986:17). Indem sich Karl jedoch, wie bereits erwähnt, den „Normen wie Arbeit, Fleiß, Ehrgeiz, Sparsamkeit (…)(Frevert, 1986:19) widersetzt, ist er der Einzige in der Familie, der sich den väterlichen Regeln entgegen stellt. Karl möchte sich aus den engen Verhältnissen des Hauses befreien. Im Gegensatz zur Mutter hat er keine Schuldgefühle, obwohl er sich seiner Missachtung durchaus bewusst ist. Er stellt seine Position in der Familie selbstsicher dar wenn er sagt:

Hier im Hause glauben sie von mir ja doch immer das Schlimmste; wie wollt´ es mich nicht freuen, sie in der Angst zu erhalten? Warum sollt´ ich´ s sagen, dass ich, da ich den Gulden nicht bekomme, nun schon in die Kirche gehen muss, wenn mir nicht ein Bekannter aus der Verlegenheit hilft? (Hebbel, 2002:37).

Die hier angesprochene Rolle Karls als „Außenseiter“ der Familie wird ebenfalls in Akt I, Szene 5 deutlich, denn Karl wird von seinem Vater als „rücksichtslos“ charakterisiert. Meister Anton sagt beispielsweise, dass er selbst von seinem Sohn zwei Dinge gelernt habe:

Erstlich hat er mir gezeigt, dass man sein Wort nicht zu halten braucht, zweitens, dass es überflüssig ist, in die Kirche zu gehen, und Gottes Gebote in sich aufzufrischen (Hebbel, 2002:48).

Karl ist zudem bekannt als „ein Säufer und Schuldenmacher“ (Hebbel, 2002:69). Die Religionsausübung von Karl wird derjenigen von Klara gegenübergestellt; das Christentum spielt bei ihr, wie sich zeigen wird, eine größere Rolle. Zudem erwarten die Eltern von Klara noch mehr als von Karl, diese religiösen Tugenden einzuhalten (McLeod, 1988:134). Das Stereotyp der frommen Frau, sowie des areligiösen Mannes, wird in der Gegenüberstellung der Geschwister von Hebbel aufgegriffen (McLeod, 1988:134).

Meister Anton ist der einzige in der Familie, der Kritik an seinem Sohn äußert. Karl wird von seiner Mutter und Schwester stets in Schutz genommen. So sagt Meister Anton diesbezüglich auch kritisch über seine Frau: „Denn über alles in der Welt sagt sie mir (die Mutter) die Wahrheit, nur nicht über den Jungen (Karl)“ (Hebbel, 2002:48). Ein Vorwurf der Mutter an ihren Mann über dessen Verhalten gegenüber Karl lautet beispielsweise: „Gegen deinen Sohn, das muss ich dir sagen, bist du nur ein halber Vater. (…) Er ist anders, als du, muss er darum gleich schlecht sein?“ (Hebbel, 2002:57). Auch Klara sagt etwas später im Stück über ihren Vater: „Er glaubt von Karl immer das Schlimmste, Er hat es stets getan! Weiß Er wohl noch, wie –“ (Hebbel, 2002:65). Es ist auch Meister Anton, der als einziger in seiner Familie nicht an der Schuld von Karl am Juwelendiebstahl zweifelt.

Eng an das Ereignis des Juwelendiebstahls gekoppelt, ist der Tod der Mutter. Klaras Vater ist sehr gefühlskalt in seinen Äußerungen und sagt zu Leonhard, welcher angeblich einen Arzt holen möchte: „Nicht nötig! Das ist das letzte Gesicht! Sah´ s hundertmal“ (Hebbel, 2002:58). In diesem Zusammenhang tritt er auch besonders ungerecht und brutal gegenüber seinen Kindern auf. Beispielsweise bezeichnet er Karl als „Muttermörder“ (Hebbel; 2002:59) und etwas weiter auch als „Stümper“ (Hebbel, 2002:95) der Familie. Meister Anton zeigt durch solche Urteile, dass er eine ausgeprägte Selbstachtung und Verachtung gegen andere Mitglieder seiner Familie hat. Er äußert dies auch explizit in der folgenden Aussage:

Ja, ich hab die Ehrlichkeit in der Familie allein verbraucht! Der arme Junge! Es blieb nichts für ihn übrig! Die da – (er zeigt auf die Tote) war auch viel zu sittsam! Wer weiß, ob die Tochter nicht – (Plötzlich zu Klara) Was meinst du, mein unschuldiges Kind? (Hebbel, 2002:58).

Er stellt sich selbst als Universell der Familie und der bürgerlichen Moral dar. So zeigt er als Repräsentant der damaligen (klein-)bürgerlichen Gesellschaft, wie sich das Ganze über den einzelnen erhebt (Grundmann, 1992:158).

Die Unterdrückung durch die väterliche Strenge und hier integrierte Sozialkonzepte des Bürgertums, wird besonders bei Klara deutlich. Dies ist beispielsweise nach dem Tod der Mutter zu sehen, als Meister Anton Klara der Untugend beschuldig und sie als Hure bezeichnet. Er sagt:

(…) du hast ein hübsches Gesicht, (…) Augen, Nase und Mund finden gewiss Beifall, werde – du verstehst mich wohl, oder sag mir, es kommt mir so vor, dass du´s schon bist! (Hebbel, 2002:60).

[...]


[1] Der Schuldbegriff wird in dieser Arbeit als Verstoß gegen bürgerliche Normvorstellungen definiert.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sittliche Tugenden in der bürgerlichen Familie. Klara als Opfer der männlichen Moral in Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“
Veranstaltung
Familiendraman
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V93946
ISBN (eBook)
9783638071987
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bürgerliche, Familie, Repräsentationsort, Tugenden, Friedrich, Hebbels, Heldin, Opfer, Moral, Werk, Magdalena“, Familiendraman
Arbeit zitieren
Fabienne Koller (Autor), 2008, Sittliche Tugenden in der bürgerlichen Familie. Klara als Opfer der männlichen Moral in Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93946

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