Klientenzentrierte Gesprächsführung. Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit psychisch Erkrankten im Setting des betreuten Wohnens


Seminararbeit, 2019

21 Seiten, Note: 2,5

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Thema, persönlicher Bezug und Relevanz für die Soziale Arbeit

2. Hauptteil
2.1 Klärung zentraler Begriffe
2.2 Geschichtliche Rahmung
2.3 Theoretisch-konzeptionelle Grundlagen
2.4 Einbettung in die Individualhilfe
2.5 Theorie-Praxis Transfer

3. Erkenntnisse - Beantwortung der Forschungsfrage
3.1 Ergebnisse
3.2 Auswertung
3.3 Fazit
3.4 Einordung in den Diskurs Sozialer Arbeit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

1.1 Thema, persönlicher Bezug und Relevanz für die Soziale Arbeit

Im Rahmen der Seminararbeit im Modul Individualhilfe wollte ich mich mit einem Kon­zept beschäftigen, welches in meinem Arbeitsbereich mit psychisch Kranken und vor al­lem in der Psychotherapie häufig Anwendung findet: Die klientenzentrierte Gesprächs­führung nach Carl Rogers. Dabei wollte ich deren Anwendbarkeit im Setting des therapeu­tischen Wohnheims, in welchem ich in den letzten beiden Praxisphasen eingesetzt war, untersuchen bzw. betrachten.

Ziel dessen war für mich das Kennenlernen und die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, um zu versuchen, die klientenzentrierte Gesprächsführung - in einer für mich passenden und angemessenen Weise - anzuwenden und so mit und für meine Klienten noch bessere Arbeit leisten zu können.

Die Relevanz des Themas besteht einerseits in seiner weiten Verbreitung in vielen Berei­chen der sozialen Arbeit und in der Gesprächspsychotherapie sowie andererseits in seiner Anwendbarkeit in meinem speziellen Setting.

1.2 Überblick über den Aufbau

Zunächst werde ich mich mit der Erklärung einiger zentraler Begriffe beschäftigen, bevor ich anschließend etwas auf den geschichtlichen Hintergrund des Konzeptes eingehe und mich mit den theoretisch-konzeptionellen Grundlagen des Ansatzes auseinandersetzen werde. Zum Abschluss des Hauptteils behandle ich noch die Einbettung der Thematik in die Individualhilfe und werde einen Bezug zwischen Theorie und meiner Praxis im betreu­ten Wohnen herstellen. Zuletzt möchte ich meine Forschungsfrage beantworten und im Schlussteil für mich einen Fazit ziehen und sowohl den Anwendungsprozess als auch diese Arbeit selbst reflektieren.

2. Hauptteil

2.1 Klärung zentraler Begriffe

Um die zentralen Begriffe im Zusammenhang mit der Klientenzentrierten Gesprächsfüh­rung zu klären, ist zunächst die Frage zu stellen: Was bedeutet klientenzentriert bzw. per­sonenzentriert ? Unter Klientenzentrierung wird „auf den Klienten und sein Potenzial zen­triert sein“1 verstanden; mit dem Begriff der Personenzentrierung „sollte darüber hinaus zum Ausdruck gebracht werden, dass die Person als Mensch im Mittelpunkt steht und nicht in ihrer Funktion als Klientin“2. Beide Begriffe gehen auf Carl Rogers zurück, der sei­nen Ansatz in den verschiedenen Phasen seiner Arbeit weiter präzisierte; unter 2.2 werde ich näher darauf eingehen.

Das empathische Verstehen als zentraler Begriff bedeutet „den inneren Bezugsrahmen des anderen möglichst exakt wahrzunehmen, mit all seinen emotionalen Komponenten und Bedeutungen, gerade so, als ob man die andere Person wäre, jedoch ohne jemals die „Als-ob“-Position aufzugeben“3 ; also „die Fähigkeit, partiell am Erleben des anderen teilzu­haben“4. Gemeint ist aber nicht nur eine Fokussierung auf die Gefühle der Person und den Versuch, sie von ihrem Bezugspunkt her zu verstehen, sondern auch, das Ver­standene so präzise wie möglich rückzumelden. Somit soll es dem Gegenüber ermöglicht werden, ihre/seine Empfindungen mit einer gewissen Distanz wahrzunehmen, um diese besser reflektieren und verarbeiten zu können5.

Unbedingte Wertschätzung bedeutet, das Gegenüber zu schätzen, unabhängig davon, wie man selbst deren Verhaltensweisen bewertet. Es meint außerdem ein Bemühen um Ak­zeptanz und Annahme der Person, unabhängig davon, was sie sagt und wie sie sich ver­hält; die eigene Bewertung der Verhaltensweisen ist unbedingt vom Wert der Person dis­tanziert zu betrachten. Die/der Klient*in soll also bedingungslos in ihrem Da-Sein akzep­tiert werden und dies auch spüren können6.

Kongruenz als Begriff meint eine Haltung der Übereinstimmung mit sich selbst: Einerseits offen und frei von Fassaden gegenüber dem Gegenüber zu sein und andererseits eine Offenheit sich selbst und den eigenen Empfindungen gegenüber, sowie die Fähigkeit zu haben, diese wenn es angemessen ist in die Konversation einbringen können7. Im Grunde ging es Rogers darum, im Kontakt mit dem Gegenüber authentisch zu sein; also keine Rolle zu spielen, sondern als Person da zu sein8. Er empfand dies als die „grundlegendste unter den Einstellungen, die den positiven Verlauf einer Beratung oder Therapie för­dern“9. Allerdings bedeutet Kongruenz nicht, die eigenen Gedanken und Gefühle umge­hend zu äußern, wenn sie wahrgenommen werden, sondern eben dann `wenn es ange­messen ist‘.10

Eine therapeutische Beziehung, die von Seiten der therapierenden Person durch die Merkmale unbedingte Wertschätzung, Kongruenz und empathisches Verstehen gekenn­zeichnet ist, unterstützt die Selbstexploration des/des zu Therapierenden. In der Selbst­exploration kann diese/r über emotionale Erlebnisse, gefühlsmäßige Einstellungen, Be­wertungen, Wünsche und Ziele sprechen und sich über diese klarer werden oder sich zu­mindest um Klärung bemühen. Wie beim empathischen Verstehen geht es auch hier um die Fokussierung auf die Gefühle des Gegenübers, um ihm die Möglichkeit zu geben, sich diesen zuzuwenden und sich mit ihnen auseinanderzusetzen11.

In einer großen Anzahl an Untersuchungen und Studien wurde belegt, dass eine dement­sprechende Haltung der therapierenden Person ihren Klientinnen und Klienten dabei hilft, Inkongruenzen, Druck und Spannungen abzubauen und die Selbstentfaltung anzuregen12.

2.2 Geschichtliche Rahmung

Entwickelt wurde das klientenzentrierte Konzept von Carl Rogers ab dem Jahr 1942, nachdem dessen bisherige therapeutische Haltung durch ein Schlüsselerlebnis, welches er als Psychologe in einem Institut für verhaltensauffällige Kinder im Gespräch mit einer Mutter hatte, in Frage gestellt wurde13: ihm wurde bewusst, dass es nicht zielführend ist, seine „Cleverness und Gelehrsamkeit zu demonstrieren“, sondern eher, auf die Person einzugehen, weil sie weiß „wo der Schuh drückt, welche Richtung einzuschlagen, welche Probleme entscheidend, welche Erfahrungen tief begraben gewesen sind“14 und er daher besser daran täte, sich bei der Richtung des Prozessablaufs auf seine Klientinnen und Kli­enten zu verlassen15.

Er beschäftigte sich eingehend mit der Frage, durch welche Bedingungen eine Person von sich aus über ihr Erleben spricht, sich dabei besser zu verstehen lernt und damit zu einer Einstellungs- und Verhaltensänderung gelangt. Dabei nahm er viele therapeutische Ge­spräche auf, um diese hinsichtlich seiner Fragestellung zu analysieren. So fand er heraus, dass Veränderungsprozesse bei den Klientinnen und Klienten dann angestoßen werden können, wenn es dem/der Therapierenden gelingt, eine bestimmte, definierbare Bezie­hung herzustellen. Diese beschrieb er in sechs Punkten bzw. Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um eine konstruktive Persönlichkeitsentwicklung zu erreichen16:

1. „Zwei Personen befinden sich in Kontakt“17: die Veränderung geschieht innerhalb einer Beziehung.
2. „Die eine Person, der Klient, ist im Zustand der Inkongruenz, ist verletzlich oder voller Angst“18: die/der Klient*in kann die aktuellen Erfahrungen nicht in ihr/sein Selbstbild integ­rieren, weil diese gänzlich abgewehrt oder verzerrt wahrgenommen werden.
3. „Die zweite Person, der Berater/Therapeut, ist in der Beziehung kongruent“19: die bera­tende oder therapierende Person spielt keine Rolle, sondern ist als Person echt und offen für ihr Erleben.
4. „Der Berater empfindet dem Klienten gegenüber bedingungslose positive Beach­tung“20: die/der Klient*in soll als Person gewertschätzt werden, losgelöst von ihren eige­nen Wertmaßstäben.
5. „Der Berater erfährt im empathischen Verstehen den inneren Bezugsrahmen des Klien­ten“21: die/der Therapeut*in versucht sich in das Gegenüber einzufühlen und dessen subjek­tive Wirklichkeit zu verstehen.
6. „Der Klient nimmt zumindest in geringem Ausmaße die Bedingungen Nr. 4 und Nr. 5 wahr, nämlich die bedingungslose positive Beachtung des Beraters und das empathische Verstehen des Beraters“22: die/der Klient*in soll wenigstens im Ansatz die unbedingte Wertschätzung und das empathische Verstehen wahrnehmen.

Werden diese Bedingungen eingehalten, kann sich die/der Klient*in laut Rogers in die bereits erwähnte Selbstexploration begeben23 ; also die Einnahme einer Sichtweise, bei welcher sie/er sich ihren/seinen „emotionalen Einstellungen, Bewertungen, Wünschen, und Zielen zuwendet, sich schrittweise über diese klarer wird oder sich um Klärung be­müht“24 und damit von selbst eine andere Sichtweise einnimmt25.

Rogers Werk kann in drei Schaffensphasen aufgeteilt werden, wobei die erste als die Non-direktive Phase bezeichnet wird, in der er das gleichnamige Konzept entwickelt. In diesem Konzept steht nicht das Problem der zu therapierenden Person im Mittelpunkt, sondern diese als einmaliges Individuum26. Die therapierende und die zu therapierende Person sollen sich gemeinsam in eine Atmosphäre begeben, die ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt; außerdem soll die/der Therapeut*in nicht direktiv in das Ge­spräch eingreifen, damit sich die/der Klient*in selbstverantwortlich in die Selbstexplora­tion begeben kann27. Hintergrund dessen ist die Annahme, dass die/der Klient*in als einma­liges Individuum fähig dazu ist, im Rahmen dieses besonderen Beziehungsangebo­tes zu einem besseren Selbstverständnis gelangen und in Folge dessen seine Einstellun­gen und sein Verhalten ändern kann28.

Um das Missverständnis zu vermeiden, das Wort „nicht-direktiv“ bedeute, nicht aktiv zu sein, änderte Rogers in der zweiten Phase, der klientenzentrierten Phase, den Namen sei­nes Ansatzes in „klientenzentriert“. Damit wollte er außerdem der Veränderung seines Ansatzes, auf die Klientinnen und Klienten sowie deren Potential zentriert zu sein, Rech­nung tragen29.

In seiner dritten Schaffensphase erweiterte er seinen Ansatz, um ihn auf Menschen in verschiedensten Lebensbereichen anpassen. Um zum Ausdruck zu bringen, dass - wie zuvor erwähnt - die Person als Mensch im Mittelpunkt steht und nicht in ihrer Funktion als Klient*in, führte er schließlich den Begriff „personenzentriert“ ein, weshalb diese Phase als personenzentrierte Phase bezeichnet wird30.

2.3 Theoretisch-konzeptionelle Grundlagen

Da es sich bei der Psychotherapie um einen bewussten und geplanten interaktionellen Prozess handelt, benötigt die therapierende Person theoretische Vorstellungen des Men­schen als Person und dessen Funktionsweise, um seine Verhaltensweisen und Reaktions­muster einordnen und verstehen zu können. Dies ist wiederum nötig, um sein eigenes Verhalten und Handeln in der Therapie angemessen zu gestalten31. Diese Vorstellungen werden in der Psychologie als Persönlichkeitstheorie bezeichnet: „Eine Persönlichkeits­theorie lässt sich als ein Satz allgemeiner Erklärungsbegriffe und -aussagen zum menschli­chen Erleben und Verhalten verstehen“32. Persönlichkeit meint hier eine relativ überdau­ernde Struktur der Psyche, die sich im Erleben und Verhalten ausdrückt33.

In Rogers Persönlichkeitstheorie wird der Mensch als einen Organismus betrachtet, der sich in einer Koevulution mit seiner Umwelt befindet; sich also in ihr erhält und in Wech­selwirkung mit ihr weiterentwickelt. Der Begriff Organismus ist in diesem Zusammenhang allerdings nicht als biologischer Organismus zu verstehen34, sondern als „integrative Ein­heit der physischen und psychischen Aspekte der Natur des Menschen“35. Wie auch in der Autopoiesis ist es ein wesentliches Merkmal eines Organismus (bzw. eines Systems), dass sich jegliche Veränderungen in ihm auch auf seine übrigen Teile auswirken, prinzipiell also den ganzen Organismus (System) betreffen36.

Nun verfügt der Mensch als Organismus über die Tendenz, seine Kapazitäten so zu entwi­ckeln, dass sie seiner Erhaltung oder Erweiterung dienen37 ; er hat also grundsätzlich eine positive Entwicklungsrichtung, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind38. Diese Ten­denz wird als „Aktualisierungtendenz“ bezeichnet. Diese besagt, dass jegliche Verände­rung in den Klientinnen und Klienten nicht durch die therapierende Person ausgelöst wird, sondern von den Klientinnen und Klienten selbst, als Ergebnis eigenständiger Ent­wicklungsprozesse in ihnen, ausgeht39.

Gleichwohl kommt der therapierenden Person die Aufgabe zu, die richtigen Bedingungen zu gewährleisten, die es zur konstruktiven Entwicklung der Klientinnen und Klienten be­darf. Auf der Annahme der Aktualisierungstendenz basiert daher auch Rogers Konzept der Non-Direktivität40.

Rogers beobachtete, dass seine Klientinnen und Klienten im Therapieverlauf immer freier darin wurden, Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die mehr und mehr mit ihrem Selbst zu tun hatten und immer besser darin wurden, ihre Gefühle und Wahrnehmungen zu diffe­renzieren41.

Dabei fiel auf, dass diese Gefühle auch häufiger durch eine fehlende Übereinstimmung ihrer Erfahrungen mit deren Selbstkonzept ausgelöst wurden; dieser Zustand wird als In­kongruenz verstanden (2.2). Unter dem Begriff Inkongruenz kann in diesem Kontext auch eine Fehlanpassung verstanden werden. Durch die Erfahrung, dass die therapierende Per­son nicht weniger Wertschätzung für Erfahrungen von Inkongruenz aufbringt als für Kon­gruente, kann sich die/der Klient*in darüber klar werden, dass sie/er sich durch die Erfah­rung von Inkongruenz bedroht fühlt und über Gefühle bewusst werden, die bisher ver­zerrt oder verleugnet wurden. In Folge dessen kann sich ihr/sein Selbstkonzept so verän­dern, dass bisher verleugnete oder verzerrte Erfahrungen mit ihm verbunden werden, also zunehmends Kongruenz hergestellt werden kann42.

Voraussetzung dafür ist die Kongruenz der therapierenden Person; Rogers beschrieb die­sen Prozess als Grundlage für Veränderungen im Therapieprozess43.

2.4 Einbettung in die Individualhilfe

Bei der klientenzentrierten Gesprächsführung handelt es sich um eine - nicht nur in der Sozialen Arbeit - weit verbreitete Technik, was zum Teil mit darin begründet sein könnte, dass Rogers sein Konzept über die Jahre immer allgemeiner anwendbar gestaltet hat. Be­reits in den siebziger Jahren wurden Fortbildungen angeboten, zertifiziert und weiter professionalisiert; so verwundert es nicht, dass im Verlauf von gut drei Jahrzehnten rund 5000 Berufstätige in klientenzentrierter Gesprächsführung ausgebildet wurden, bereits 2005 liefen bundesweit etwa 60 Kurse parallel44. Auch in der Individualhilfe als eines der klassischen Konzepte der Sozialarbeit ist die klientenzentrierte Gesprächsführung von Bedeutung, in ihr finden sich die wesentlichen Prinzipien der klientenzentrierten Me­thode wieder45.

Als wesentliche Kennzeichen der Individualhilfe, die mit den Prinzipien der Klientenzentrierung übereinstimmen, sind drei Punkte zu nennen: Dies sind zum einen der Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe, laut welchem es darum geht, mit den Klientinnen und Klienten zusammen daran zu arbeiten, deren Eigenkräfte zu fördern und stärken. Es wird also nicht darum „für den Klienten etwas zu tun, sondern mit dem Klienten gemeinsam daran [zu] arbeiten, die Eigenkräfte des Klienten zu fördern und zu stärken“46. So soll den Klientinnen und Klienten eine konstruktive Auseinandersetzung mit ihren Problemen er­möglicht und ihnen geholfen werden, diese selbst zu lösen47.

Darüber hinaus spielt die Beziehung zwischen der beratenden Person und der zu bera­tenden Person im klientenzentrierten Konzept wie auch in der sozialen Einzelfallhilfe eine zentrale Rolle. Als dritter Punkt ist eine Fokussierung auf die Gegenwart zu nennen; zwar wird die Vergangenheit der zu beratenden Person nicht vollständig ausgeblendet, den­noch bezieht sich die Einzelfallhilfe vorwiegend auf das hier und jetzt48. Dazu schrieb Fein­bier „Für die Beratungsarbeit hat sich die Technik der klientenzentrierten Gesprächsfüh­rung als besonders günstig erwiesen, weil sie stärker auf die Jetzt-Zeit fokussiert bleibt“49.

Bei einer Einordung der klientenzentrierten Gesprächsführung in die soziale Einzelfallhilfe ist die soziale Einzelfallhilfe als übergreifendes Konzept zu sehen, bei welchem nicht nur die direkte Arbeit mit der Klientin/dem Klienten im Mittelpunkt steht, sondern auch mit deren/dessen sozialen Umfeld gearbeitet wird. Darüber hinaus können verschiedene me­thodische Ansätze in der Einzelfallhilfe verwendet werden, beispielsweise kommunikati­onstheoretische Ansätze, der Ansatz der Verhaltensmodifikation aber auch psychoanaly­tisch orientierte Vorgehensweisen50.

Der Prozess der sozialen Einzelfallhilfe ist, trotz der unterschiedlichen Ansätze, die ihr zu­grunde liegen, zumeist in drei Phasen unterteilt: Eingangs- oder Kontaktphase, Erfas­sungs- oder Diagnosephase und Behandlungs- oder Problemlösephase. In der Kontakt­phase ist es zunächst das Ziel, eine belastbare und vertrauensvolle Beziehung aufzu­bauen, damit in der Erfassungsphase eine psychosoziale Erklärung des Problems/der Schwierigkeiten der zu beratenden Person und die Erstellung eines Planes über das Vor­gehen erfolgen kann. In der Behandlungsphase werden die erfassten Schwierigkeiten ab­gebaut und Probleme gelöst51.

Dabei wird nicht nur das Vorgehen in die genannten Phasen unterteilt, auch die Verhal­tensweisen und Voraussetzungen der helfenden Person unterscheiden sich von Phase zu Phase. So liegt es in der Kontaktphase zunächst an der/dem Berater*in, aktiv zuzuhören und sich im Gespräch verständnisvoll und akzeptierend zu zeigen. Vorausgesetzt wird dabei u.a. die Bereitschaft, die Klientinnen und Klienten zu akzeptieren sowie Kommuni­kationsfähigkeit; außerdem die Fähigkeit, Gesprächstechniken anzuwenden52.

In der Erfassungsphase sammelt die beratende Person im Gespräch Informationen; dabei sollte sie über Erklärungswissen verfügen und dieses anwenden können, beispielsweise über Verhaltensweisen des Menschen53.

In der Behandlungsphase soll die eigentliche Behandlungsmaßnahme stattfinden, wobei die beratende Person im Besitz von Änderungswissen und der Fähigkeit, dieses anzuwen­den, sein sollte54.

Anzumerken ist hier jedoch, dass es sich bei den vorgestellten Phasen nicht um deutlich abgrenzbare Vorgehensweisen handelt, diese in erster Linie der Schwerpunktsetzung die­nen und können durchaus ineinander übergehen55.

Gerade in der ersten Phase seien Merkmale des klientenorientierten Konzeptes deutlich erkennbar, das skizzierte Verhalten weise eindeutig Züge des Non-direktiven Konzepts auf; auch die Behandlungsphase habe unzweifelhaft Parallelen zur Gesprächspsychothe­rapie. Dies begrüßt Althoff eindeutig, die klientenzentrierte Psychotherapie biete sich allein schon deswegen als naheliegende Behandlungsform an, weil sie wie die Individual­hilfe die „Hilfe zur Selbsthilfe“ als ihr zentrales Ziel ansehe. In der Diagnosephase hinge­gen bestünden kaum Parallelen; laut Alterhoff biete der klientenzentrierte Ansatz keine besonderen Hilfen zur Informationssammlung und -verarbeitung an, im Gegenteil, die Vernachlässigung diagnostischer Bemühungen sei einer der kritischsten Punkte der (klien­tenzentrierten) Gesprächspsychotherapie56.

Seithe kritisiert hingegen, dass bei der Anwendung der klientenzentrierten Gesprächsfüh­rung die Gefahr der Psychologisierung bestehe, wenn die Probleme der Klientinnen und Klienten ihnen selbst bzw. deren psychischer Verfassung zugeschrieben wird und daher lediglich versucht wird, psychologische Entwicklungsprozesse in Gang zu setzen als einzige Voraussetzung für eine Problemlösung, anstatt den Blick auch auf das Umfeld der Klien­tinnen und Klienten zu lenken57.

Zusammengefasst ist der klientenzentrierte Ansatz in einigen zentralen Punkten der Indi­vidualhilfe zu verorten; jedoch auch verschiedene andere Konzepte in ihr wieder zu er­kennen. Dazu kommt, dass in der Individualhilfe weitere verschiedene methodische An­sätze zusätzlich verwendet werden können.

2.5 Theorie-Praxis Transfer

Beim konkreten Transfer auf die Arbeit im therapeutischen Wohnheim ist meiner Mei­nung nach beispielsweise noch zu klären, was besonders beachtet werden muss in der Arbeit mit psychisch Erkrankten, speziell im Umgang mit manchen Krankheitsbildern, wie der Borderline-Persönlichkeitsstörung oder der Schizophrenie; außerdem worauf im sta­tionären Kontext eventuell noch geachtet werden muss.

Festzustellen ist, dass viele Beratungsgespräche in psychiatrischen Institutionen oftmals ‚zwischen Tür und Angel‘ geführt werden; einerseits, weil dies für die Psychiatrieklientel die einzige Form darstellt, in der sie zu erreichen und die für sie aushaltbar ist, anderer­seits, weil in meiner Erfahrung abseits der geplanten Gespräche im nicht selten hekti­schen Wohnheimalltag oftmals keine Zeit für längere, ungestörte Gespräche ist. Trotzdem können auch solche Gespräche zu Momenten intensiven Austauschs werden, die inner­halb eines anders gelagerten Settings Angst und Abwehr erzeugen würden58.

Natürlich gibt es im stationären Setting auch das klassische Beratungssetting, beispiels­weise, wenn wie in meiner Einsatzstelle, dem Haus „Alte Landstraße“, einem therapeuti­schen Wohnheim, Beratung im Rahmen der Sozialtherapie angeboten wird. Daraus ent­stehen mitunter lange, intensive, therapieähnliche Prozesse59.

Um diese zu gewährleisten, kann die Durchführung von Bezugspflege ein wesentliches Mittel sein, das auch in meiner Praxis zum Einsatz kommt, aber auch besondere Voraus­setzungen stellt: „Insbesondere soziale Kompetenz (Empathie, Ganzheitlichkeit, humanis­tische Denkweise und Verantwortungsbewusstsein) und methodische Kompetenz (Ge­sprächsführung, Vorbildfunktion…)“60. Dies stellt nicht nur hohe Anforderungen an die Mitarbeiter/innen als Person, sondern auch an deren Fähigkeiten und Erfahrungen in den genannten Bereichen.

Locher geht jedoch noch weiter: im Alltag seien Fachkräfte häufig bis an deren Grenzen gefordert, aufgrund der Verzerrungen und Inkongruenzen, mit denen Klienten den Hel­fenden begegnen61.

Allerdings hätten Fachkräfte mit einer entsprechenden personenzentrierten Ausbildung eine wesentlich größere Chance mit dem Verhalten des Gegenübers umzugehen - das beispielsweise auch Irritation oder Abwehr hervorrufen kann - weil sich diese sich selbst mit ihren emotionalen Seiten kennen, und daher das eigene Handeln auch in emotional schwierigen Situationen steuern können62.

Rogers ging von einem Menschenbild aus, das sich „insbesondere auch in den helfenden Berufen wiederfindet. Etwa die Feststellung, dass Kommunikation in erster Linie zwi­schenmenschliche Begegnung (also Beziehung) bedeutet“63. Daher hängt laut Behrends das Gelingen eines Gesprächs nicht in erster Linie von Gesprächstechnik oder Rhetorik ab, sondern von Einstellungen und Haltungen, die dazu beitragen, dies zu erreichen64.

Zwar stimme ich mit Rogers überein, dass es bei einem Gespräch hauptsächlich auf die Haltung der beratenden Person ankommt; nichtsdestotrotz halte ich das Einnehmen der Haltung für herausfordernd und Erfahrung darin als nahezu notwendig. Die methodische Kompetenz muss also nicht nur erlernt und verstanden werden, sondern auch korrekt angewendet; dies gilt meiner Meinung aber auch für die soziale Kompetenz: die Fachkraft muss nicht nur über diese verfügen, sie muss aber auch die über die Kompetenz verfügen, ihre Kompetenzen sinnvoll einzusetzen.

[...]


1 Weinberger 2013, S. 23

2 ebd.

3 ebd. S. 41ff.

4 Ahrens 2001, S. 5

5 vgl. Weinberger 2013, S. 41ff.

6 vgl. Weinberger 2013, S. 59ff.

7 Vgl. Ahrens 2001, S. 5

8 vgl. Weinberger 2013, S. 66ff.

9 ebd.

10 vgl. ebd.

11 vgl. ebd., S. 69

12 vgl. Ahrens 2001, S. 5

13 vgl. Weinberger 2013, S. 19ff.

14 ebd.

15 vgl. ebd.

16 vgl. ebd., S. 21ff.

17 ebd.

18 ebd.

19 Weinberger 2013, S. 21ff.

20 ebd.

21 ebd.

22 ebd.

23 vgl. ebd.

24 ebd.

25 vgl. ebd.

26 vgl. ebd.

27 Kreuziger 2000

28 Weinberger 2013, S. 22 ff.

29 vgl. ebd.

30 vgl. ebd.

31 vgl. Eckert/Biermann-Ratjen/Höger 2012, S. 36

32 Alterhoff 1983, S. 34

33 vgl. Eckert/Biermann-Ratjen/Höger 2012, S. 36ff.

34 vgl. ebd.

35 ebd.

36 vgl. ebd.

37 vgl. ebd.

38 vgl. Ahrens 2001, S. 5

39 vgl. Eckert/Biermann-Ratjen/Höger 2012, S. 49ff.

40 vgl. Eckert/Biermann-Ratjen/Höger 2012, S. 49ff.

41 vgl. Eckert/Biermann-Ratjen/Höger 2012, S. 88ff.

42 vgl. ebd.

43 vgl. ebd.

44 vgl. Barg/Rechzeh-Schubert 2013, S. 17ff.

45 vgl. Weinberger 2013, S. 38

46 ebd.

47 vgl. ebd.

48 vgl. ebd.

49 Feinbier 2014, S. 21

50 vgl. Weinberger 2013, S. 39

51 vgl. Alterhoff 1983, S. 183 ff.

52 vgl. ebd.

53 vgl. ebd.

54 vgl. ebd.

55 vgl. Alterhoff 1983, S. 185

56 vgl. Alterhoff 1983, S. 188

57 vgl. Seithe 2008, S. 52ff.

58 vgl. Locher 2013, S. 186ff.

59 vgl. ebd.

60 Behrends 2004, S. 308

61 vgl. Locher 2013, S. 186ff.

62 vgl. ebd., S. 189

63 Behrends 2004, S. 308

64 vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Klientenzentrierte Gesprächsführung. Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit psychisch Erkrankten im Setting des betreuten Wohnens
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Villingen-Schwenningen, früher: Berufsakademie Villingen-Schwenningen  (Fakultät Sozialwesen)
Veranstaltung
Soziale Einzelfallhilfe
Note
2,5
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V944259
ISBN (eBook)
9783346278234
ISBN (Buch)
9783346278241
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klientenzentrierte Gesprächsführung, Rogers, Carl Rogers, Empathisches Verstehen, Unbedingte Wertschätzung, Kongruenz, Individualhilfe, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Klientenzentrierte Gesprächsführung. Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit psychisch Erkrankten im Setting des betreuten Wohnens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944259

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