Erscheinungsformen von Anaphern. Arten und Probleme bei der Übersetzung


Ausarbeitung, 2019

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die Anaphorik

3. Problematiken in der Übersetzung von Anaphern
3.1 Interpretation von Anaphern in der Übersetzung
3.1.1 Modellierung der Anaphern-Interpretation nach Hauenschild (1991)
3.1.2 Zwischenfazit
3.2 Anaphorisch gebrauchte Pronominaladverbien in der Übersetzung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Anaphern sind das wichtigste Mittel, um „satzübergreifend referenzielle Kontinuität“ herzustellen (Schwarz-Friesel und Consten, 2014: 110), weshalb sie in nahezu jeder Sprache ein Grundbestandteil alltäglichen Sprachgebrauchs sind. Diese Arbeit beschäftigt sich daher im Folgenden mit den Problemen, die sich in der Übersetzung anaphorischer Ausdrücke ergeben können, bedingt durch die unterschiedlichen Strukturen und Inventare der jeweiligen Sprachen. Grundsätzlich lassen sich zwei größere Problembereiche unterscheiden: Einerseits müssen Anaphern vor dem Prozess des Übersetzens zunächst interpretiert werden, d.h. ihre Mehrdeutigkeit im Bezug auf verschiedene mögliche Antezedenten muss zunächst gelöst werden (vgl. Hauenschild 1991: 50). Nur so kann eine inhaltlich korrekte Übersetzung gewährleistet werden. Andererseits kann es bei der Übersetzung anaphorischer Konstruktionen zu Problemen kommen, wenn die anaphorisch gebrauchte Wortart in der Zielsprache selten oder gar nicht vertreten ist (vgl. Schreiber 2013: 185). In diesen Fällen kommt es entweder zu einer „Nullentsprechung“ (op. cit. 188) oder der Übersetzer bedient sich anderer Konstruktionen in der Zielsprache, um den Sachverhalt sowie den anaphorischen Bezug adäquat auszudrücken.

Im Folgenden sollen zunächst Deixis und Anaphorik als zwei verschiedene Arten der Referenz voneinander unterschieden werden. Nach einer kurzen Darstellung der verschiedenen Erscheinungsformen von Anaphern wird sich die Ausarbeitung dann mit den oben genannten Problemfeldern beschäftigen, ausgehend von den Untersuchungen durch Hauenschild (1991) und Schreiber (2013). Zunächst wird die Interpretation der Beziehung von Anaphern und Antezedenten untersucht, speziell durch die Modellierung anhand eines Beispielsatzes; im Folgenden wird der anaphorische Gebrauch von Pronominaladverbien in der Übersetzung näher betrachtet. Aus diesen Fokalpunkten wird deutlich, dass die Übersetzung von anaphorischen Ausdrücken zentral für die Kohärenz der gesamten Übersetzung ist, da Kohärenz in Texten zu einem großen Teil durch Anaphern hergestellt wird (vgl. Schwarz-Friesel und Consten 2014: 110); ihre Variabilität und mögliche Ambiguität kann jedoch zu Übersetzungsproblemen führen.

2. Einführung in die Anaphorik

Grundsätzlich lassen sich nach Shin Tanaka (2011) drei Arten der Referenz unterscheiden (vgl. Tanaka 2011: 4f.). Referiert ein Sprecher auf Objekte oder Sachverhalte, indem er diese konkret beim Namen nennt, handelt es sich um eine „symbolisierende Prozedur“ (ebd.). Referiert ein Sprecher auf etwas, das in der Situation, in der die Äußerung getätigt wird, direkt präsent ist, so wird der jeweilige Ausdruck als deiktisch bezeichnet (vgl. ebd.). Mit anaphorischen Ausdrücken „referiert man auf einen Gegenstand der textuellen Welt, der schon durch die obengenannten zwei Prozeduren in den Text eingebracht wurde“ (op. cit. 5). Speziell handelt es sich bei der Anaphorik also um Koreferenz, da der Referent bereits zuvor in das Textweltmodell eingeführt worden ist (vgl. Schwarz-Friesel und Consten 2014: 110); diese erstmalige Erwähnung eines Referenten wird als Antezedens bezeichnet (vgl. op. cit. 111). Anaphern bilden somit Referenzketten in Texten, das heißt, es entsteht eine Abfolge von Antezedenten und Anaphern, die thematische Kontinuität sichert und somit einen roten Faden für den Leser bildet (vgl. ebd.).

(1) Meryl Streep ist eine der begabtesten amerikanischen Schauspielerinnen. Man hat ihr unzählige Preise und Auszeichnungen verliehen, darunter auch mehrere Oscars.

Die Verwendung des Possessivpronomen ihr vermeidet hier eine Wiederholung des Antezedens und stellt eine koreferenzielle Beziehung zwischen beiden Sätzen her. Während direkte Anaphern, die Koreferenz ausdrücken, in verschiedenen Formen unterschiedlicher Komplexität auftreten können, ist die geläufigste Form in der Alltagssprache die Koreferenz durch Pronomina. Dies können sowohl Personalpronomina sein, wie in Beispiel 1, als auch Possessivpronomina oder Demonstrativpronomina (vgl. op. cit. 112).

Desweiteren kann anaphorische Referenz durch weitere sprachliche Mittel wie beispielsweise Synonyme ausgedrückt werden:

(2) Ich hatte gestern ein furchtbares Erlebnis im Aufzug. Ich war auf dem Weg nach oben und plötzlich blieb der Lift einfach stecken.

In diesem Zusammenhang wird zudem erkennbar, dass die Verwendung unterschiedlicher stilistischer Mittel verschiedene Wirkungen auf den Leser haben kann. Während durch die rekurrierende Verwendung der gleichen Ausdrücke, wie Pronomina, Monotonie erzeugt werden kann, verleiht die Verwendung von Synonymen wie in Beispiel 2 dem Text Variabilität (vgl. op. cit. 115). Durch eben diese Variabilität kann es zu textuellen Ambiguitäten kommen, die dann wiederum in der Übersetzung, sowohl aus dem Deutschen als auch in das Deutsche, zu Problemen führen können. Dies wird im folgenden Kapitel näher betrachtet werden.

3. Problematiken in der Übersetzung von Anaphern

3.1 Interpretation von Anaphern in der Übersetzung

Ein zentraler Problempunkt in der Übersetzungswissenschaft ist die Interpretation von Anaphern. Vor allem bei der anaphorischen Verwendung von Pronomina kann es häufig zu Ambiguitäten im Bezug auf das Antezedens und die zugehörige Anapher kommen (vgl. Hauenschild 1991: 50). Eine entscheidende Rolle spielt hier der Einbezug von Hintergrundwissen, der Aufschluss über die richtige Lesart geben kann (vgl. op. cit. 51).

(3) Lisa füttert ihre Katze. Sie ist heute besonders hungrig.

Da das weibliche Personalpronomen sie sowohl auf Lisa als auch auf ihre Katze referieren kann, besteht hier auf den ersten Blick eine Mehrdeutigkeit. Durch das Hintergrundwissen des Lesers erschließt sich jedoch, dass ihre Katze im Textzusammenhang als Antezedens zu sie naheliegender ist. Fälle wie diese können Probleme für den Übersetzungsvorgang aufwerfen, wie im folgenden Beispiel konkret deutlich wird:

(4) Peter hat heute nicht seinen normalen Bus zur Uni genommen, da er zu spät kam.

Die Mehrdeutigkeit hier ist der in Beispiel 3 ähnlich. Der Leser muss sich entscheiden, wie er den anaphorischen Bezug des Personalpronomens er interpretiert. Eine Interpretationsmöglichkeit ist, dass Peter zu spät an die Bushaltestelle kam und daher einen anderen Bus nehmen musste. Andererseits könnte auch der Bus zu spät gekommen sein, wodurch Peter nicht seinen regulären Bus nahm. Bei der Übersetzung ins Englische stellt sich daher die Frage, ob er mit ,he‘, auf Peter bezogen, oder mit ,it‘, auf den Bus bezogen, übersetzt werden sollte.1 Eine korrekte Interpretation der intendierten Beziehung zwischen Antezedens und Anapher im Textzusammenhang ist somit Voraussetzung für eine ebenfalls korrekte Übersetzung.

Ein weiteres Beispiel verdeutlicht, dass die Interpretation anaphorisch gebrauchter Pronomina sogar eine Auswirkung auf die Übersetzung der zugehörigen Verben haben kann (vgl. op. cit. 52):

(5) Lisa is having dinner while her cat Dolores is finishing her cat food. Yesterday, she barely ate anything.

Vor der Übersetzung aus dem Englischen muss hier zunächst bestimmt werden, ob das Personalpronomen she hier auf Lisa oder auf her cat Dolores referiert. Interessant ist, dass hier von der Interpretation der anaphorischen Beziehung auch die Übersetzung des Verbes eat abhängig ist. Bezieht sich she auf Lisa, würde man das Verb mit ,essen‘ übersetzen. Bezieht sich she auf her cat Dolores, ist eine Übersetzung als ,fressen‘ naheliegender. In einigen dieser Fälle ist eine neutrale Übersetzung möglich; so könnte man in der Übersetzung die Ambiguität von Beispiel 5 mit einer Formulierung wie ,Gestern hat sie kaum etwas zu sich genommen4 umgehen, ohne das Antezedens näher bestimmen zu müssen.

3.1.1 Modellierung der Anaphern-Interpretation nach Hauenschild (1991)

Hauenschild (1991) schlägt sieben Faktoren vor, mithilfe derer die Anaphern­Interpretation modelliert und werden kann (vgl. op. cit. 56). Im Folgenden werden diese auf Beispiel 3 angewendet werden.

(3) Lisa füttert ihre Katze. Sie ist heute besonders hungrig.

Morphologische Faktoren

Da sowohl Lisa als auch ihre Katze feminine Nomina sind, sind beide mit dem Personalpronomen sie kongruent.

Syntaktische Faktoren

Da Lisa im ersten Satz als Subjekt fungiert, ist es wahrscheinlicher, dass Lisa das Antezedens ist.

Semantische Faktoren

Sowohl Lisa, als Agens fungierend, als auch ihre Katze, als Patiens fungierend, nehmen im ersten Satz andere semantische Rollen ein als sie, der Experiencer, im zweiten Satz. Aus diesem Grund geben die semantischen Faktoren keinen Aufschluss über das Antezedens.

Thematische Faktoren

Lisa ist im ersten Satz das Thema, weil sie die handelnde Person ist. Dies spricht für Lisa als Antezedens.

Inhaltliche Faktoren

Mangels eines größeren Textzusammenhanges entsteht kein inhaltlicher Widerspruch im Bezug auf beide möglichen Antezedenten.

[...]


1 Ein ähnliches Beispiel ist zu finden in Hauenschild 1991: 51.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Erscheinungsformen von Anaphern. Arten und Probleme bei der Übersetzung
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V945010
ISBN (eBook)
9783346279989
ISBN (Buch)
9783346279996
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erscheinungsformen, anaphern, arten, probleme, übersetzung
Arbeit zitieren
Anastasia Grubnik (Autor), 2019, Erscheinungsformen von Anaphern. Arten und Probleme bei der Übersetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/945010

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