Divergierendes Weltkriegsgedenken. Die Ehrenmale der Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Ulm und Neu-Ulm im Vergleich


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Spielarten der Erinnerung

Das Gefallenenehrenmal im Ulmer Münster

Das Ehrenmal in Neu-Ulm

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abstract

Was können uns Gefallenenehrenmale heute noch mitteilen? Jene, manchmal heroisch in einem schon lange nicht mehr zeitgemäß empfundenen Pathos den Betrachter mahnenden Figurengruppen ebenso wie der stille, aus der Schwere des Materials in sich ruhende Monolith? Nun, da die Anzahl der Personen, welche sich der in den beiden Weltkriegen umgekommenen Angehörigen noch zu erinnern vermögen, immer weniger werden, kann auch eine sukzessive Veränderung der Sinnstiftung jener Mahnmale nicht ausbleiben. Nicht so sehr die Namen auf den Tafeln - es sei denn, es besteht ein individuelles Interesse daran - sind es, welche heutzutage primär die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vielmehr vermittelt das Denkmal an sich, seine Ausgestaltung, seine ursprüngliche Intention in Verbindung mit seiner Wirkung, gerade auf den Betrachter des 21. Jahrhunderts die zumeist als sehr weit empfundene Ferne zu den Umständen der Entstehungszeit. Doch gerade auch dort, in den Jahren der Weimarer Republik als landauf, landab der unsäglichen Qualen des Ersten Weltkrieges gedacht wurde, konstituierten sich zwei völlig unterschiedliche Geisteshaltungen, welche sich nicht zuletzt durch die von Ihnen in Auftrag gegebenen Mahnmale in Stein und Metall manifestierten. Wie auch in der Kunstgeschichte, so boten die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ein gesellschaftspolitisches Spielfeld aller Extreme. Jene sollte dann auch Pate werden, wenn es galt, entweder das Vergangene zu verklären und zu heroisieren oder in der modernen Variante derselben die Grausamkeiten des gegenseitigen Abschlachtens plastisch zu dokumentieren. Natürlich handelte es sich bei der Errichtung eines solchen Gefallenendenkmals um keine singuläre Entscheidung. Eine Vielzahl von Gremien war in den Prozess eingebunden, verschiedene Positionen mussten gehört werden, es galt Interessen zu berücksichtigen und nicht zuletzt bei kommunalen Gedenkstätten hatte der Stadt- oder Gemeinderat das letzte Wort. Die Umstände, unter welchen die Mahnmale errichtet wurden, waren so zahlreich wie die Denkmäler an sich. Dennoch sollen im Folgenden exemplarisch zwei Objekte näher betrachtet werden, deren Entstehungshistorie im direkten Vergleich alles andere als homogen wirkt. Pikanterweise befinden sich beide Denkmale nicht einmal einen Kilometer voneinander entfernt: Das – heute noch – umstrittene Münsterdenkmal liegt auf der linken Donauseite im baden-württembergischen Ulm, der schon lange als regelrechte Oase der Ruhe geschätzte Neu-Ulmer Monolith ruht auf einer Insel im Fluss, jedoch auf bayerischer Seite. Nicht jedoch die Verwaltungen der Länder zeichneten sich für die letztendliche Gestaltung der Mahnmale verantwortlich, diese war vielmehr ein Zusammenspiel lokaler Institutionen mit mitunter stark divergierenden Interessen.

Spielarten der Erinnerung

Die Umstände und Voraussetzungen, die einem Gefallenengedenken beiwohnen, könnten kaum komplizierter und divergierender sein als in den Jahren der Weimarer Republik. Nicht nur, dass der Krieg verloren wurde und das Kaiserreich ausgedient hatte; auch die Kriegsschuldfrage stand omnipräsent wie ein übermächtiger schwarzer Schatten im Raum. Die sich nicht zuletzt dadurch ergebene Zersplitterung der Gesellschaft führte zu einer Polarisierung hinsichtlich Sinnstiftung und Verständnis des vergangenen Krieges. Während in den Dörfern und den kleineren Städten eine Vielzahl von Kriegerdenkmälern in ihrer Darstellung und Aussage als stereotyp angesehen werden konnten1, boten großstädtische Mahnmale eher die Möglichkeit zu individuellerer künstlerischen Gestaltung. Bildhauer wie Ernst Barlach, Käthe Kollwitz oder Edwin Scharff, dessen Arbeit in Neu-Ulm im Folgenden näher betrachtet werden soll, setzten sich intensiv vor allem mit dem Schrecken des Krieges auseinander. Trauernde Hinterbliebene standen in deren Werken oft im Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens. Allerdings war in den Zwischenkriegsjahren kaum eine plastische Aussage durchführbar, ohne in den Mechanismus einer politischen Polarisierung zu geraten. Zum Frieden mahnende Darstellungen und Inschriften provozierten die militaristische und monarchistische Seite, deren Gefallenengedenken untrennbar mit dem Verlangen nach einer möglichst baldigen Revanche verbunden war. Die steinernen oder gusseisernen Manifestationen derselben breiteten sich mit der darin erhaltenen klaren Botschaft über das ganze Reich aus. INVICTIS VICTI VICTURI war allenthalben zu lesen: Die Unbesiegten von den Besiegten, die wieder siegen werden2. Auf dem Stein ein drohender Raubvogel; die Mär vom Dolchstoß war virulent, wurde partiell durch christliche Symbole bestenfalls konnotiert. Kriegerdenkmäler in Deutschland verfehlten einen wesentlichen Zweck: Sie konnten nicht versöhnen. Zu tief verliefen die Gräben, die den Umbruch von der Monarchie zur Demokratie markierten. Kriegerdenkmäler mussten zwangsläufig je nach Aufraggeber, Initiator oder Interessensverband Partei ergreifen. Erhobenes Schwert oder trauernde Familie; die Wahl der Darstellung konnte und musste fast zwangsläufig als politisches Statement gesehen werden. Gerade im Vergleich mit dem Kriegsgedenken in Frankreich ist ein grundlegender Unterschied in den Szenerien auf den Mahnmalen zu bemerken. Während in Deutschland dem, wenn auch letztendlich nicht erfolgreichen Helden eine quasi unpersonifizierte Erinnerung zukam, gedachten die Menschen westlich des Rheins vorrangig an den Menschen, der hinter dem Soldaten steht. Das Individuum, sei es als Familienvater oder Angehöriger einer bestimmten Gruppe stand in Frankreich wesentlich stärker im Fokus als der abstrakte Held der Weimarer Republik.3 Ebenfalls unterschieden sich in vielen Fällen die Gremien und Verbände, welche die Initiative zur Errichtung eines Gedenkmales ergriffen. In Deutschland ging das Engagement in erster Linie von ehemaligen Regimentern, Veteranenverbänden und Kriegervereinen aus, während sich in Frankreich zumeist Gemeindeverwaltungen bzw. Stadtparlamente für eine Erinnerungsstätte aussprachen und deren Errichtung auch veranlassten.4 Hinsichtlich der bildlichen Gestaltung mancher Gedenkstätten der Weimarer Republik gewinnt aufgrund ihres offenbaren Anachronismus ein Motiv besonderes Interesse. Auch auf den nachfolgend beschriebenen Neu-Ulmer Entwürfen für ein Kriegerdenkmal fand eine Darstellung von Kämpfern mit antiken Kurzschwertern plastische Anwendung. Herfried Münkler beschreibt diese nicht zeitgemäße Motivwahl als Resultat der Unvereinbarkeit von Massenvernichtungswaffen und geforderter Heroisierung. Anstelle des Zweikampfes ist das unpersönliche, industriell, maschinelle Töten getreten. Der Held von einst ist zum Arbeiter, zum Maschinisten geworden.5 Die Ikonografie der Kriegerdenkmäler hatte offenbar vor der fortschreitenden Industrialisierung der Kampfhandlungen kapituliert.

Das Gefallenenehrenmal im Ulmer Münster

Von Anfang der 20er Jahre bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten erstreckte sich die Auseinandersetzung über die Gestaltung des Gefallenenehrenmals im Münster zu Ulm. Die Diskussionen über Art und Ort der Ausführung zog sich wie ein roter Faden durch die Ulmer Gesellschaft der Weimarer Republik. Im Fadenkreuz divergierender Ansichten und Interessen ermöglichte die junge Demokratie die Geltendmachung der einzelnen Positionen, wobei gerade durch das jahrelange Nicht-Zustandekommen des Mahnmals auch jene Seiten des politischen Systems aufgezeigt wurden, welche einer Ablehnung desselben Vorschub leisteten.

Im Dezember 1922 schreibt der zuvor gegründete ›Arbeitsausschuß für ein Münsterkriegsmal der Vorkriegsgarnison Ulm‹ unter seinem Vorsitzenden Generalmajor a.D. Eugen Glück einen öffentlichen überregionalen Wettbewerb zur Gestaltung des Ehrenmals aus. Als Teilnehmer waren alle Reichsangehörigen zugelassen, welche zum Zeitpunkt der Ausschreibung ihren Wohnsitz in Deutschland hatten. Neben der beabsichtigen Positionierung des Denkmals im Münster, hier besonders favorisiert die Mauern des Turmunterbaus, forderte der Ausschuss die Einarbeitung der folgenden beiden Inschriften:6

Die Ulmer Tuppenteile [sic!] ihren im Weltkriege 1914 – 18 Gefallenen und Den toten Helden danken Worte nicht – einzig die Tat7 Verwendetes Material sowie die Technik der Ausführung wurde dem jeweiligen Künstler freigestellt. Die Arbeiten sollten bis zum Stichtag 1. März 1923, 12 Uhr mit einem Kennwort versehen beim Verkehrsbüro Ulm eingegangen sein. Ein Preisgeld könne jedoch nicht gezahlt werden, da „Die Möglichkeit ein Werk zu schaffen das [sic!] in einem Rahmen von gewaltiger kunstgeschichtlicher wie geschichtlicher Bedeutung an der Seite größter Namen für alle Zeiten einen Platz finden wird, veranlassen den Ausschuß von einer Verteilung von Preisen abzusehen“8

Jedoch sicherten die Initiatoren jenen prämierten Werken, bei welchen „[...] infolge unerwarteter Schwierigkeiten die Ausführung unmöglich werden [...]“9 eine Entschädigung von 20 000.- Mark zu.10 Das nach Ablauf der Einreichungsfrist tagende Preisgericht soll sich aus Mitgliedern der ehemaligen Regimenter, Regierungs- und Stadtbaumeistern, Vertreter der Münsterverwaltung unter Vorsitz von Prälat Dr. Heinrich Holzinger11 sowie einigen renommierten Kunst- und Architekturprofessoren, wie dem in München lehrenden Theodor Fischer zusammensetzen. Gleichzeitig mit der öffentlichen Ausschreibung forderte der Vorsitzende des Arbeitsausschusses Glück die Mitglieder der Ulmer Vorkriegsgarnison nochmals nachdrücklich auf, einen Fokus auf das Aufbringen der finanziellen Mittel für die Gestaltung des Ehrenmals zu legen. Dabei wurde an den Beschluss vom 11.09.1922 erinnert, nachdem „[...] jeder Truppenteil soviel Mittel wie möglich aufbringt“.12 Zudem solle ein Konsens hinsichtlich der einheitlichen Gestaltung der Totenbücher erzielt werden. Zu den weiteren Aufgaben, die es vor der Errichtung zu erledigen galt, gehörte auch das Verfassen einer Stiftungsurkunde sowie die Feststellung der Verlustzahlen. Gerade hierzu wurde bemerkt, dass mehrere der acht Truppenteile noch keine Verlustzahlen genannt haben.13 Tatsächlich gingen bis zum genannten Stichtag 59 Entwürfe mit 14 Modellen und 99 Blätter zur Beurteilung ein. Hiervon schieden bereits 27 bei der ersten Begutachtung aus, 19 weitere bei der zweiten Auswahl. Somit verblieben 13 Entwürfe zur letztlichen Entscheidung.14 In der Folge wurden die einzelnen Pläne und Werke dem Gremium präsentiert, zu welchem auf Wunsch des Württembergischen Landesamts für Denkmalpflege noch Prof. Dr. Fiechtner hinzuberufen wurde.15 Zuvor beschloss der Arbeitsausschuss zudem, die in der Ausschreibung genannten Entschädigungssummen aufgrund der derzeitigen Geldentwertung zu verdoppeln.16 Bei der Präsentation der Werke fiel die Wahl einstimmig auf einen Entwurf des Stuttgarter Architekten und Hochschulprofessors Heinz Wetzel. Dessen Plastik „Attempto“ stellt „eine Michaelsfigur auf einem Querbalken in dem Bogen unter der Orgel“17 dar. Das Preisgericht favorisierte diese Lösung, da „die Figur sowohl vom Eingang wie vom Mittelschiff aus gut in den architektonisch gegebenen Raum eingepaßt [ist]18 Den ebenfalls prämierten, jedoch nicht zur weitern Ausführung zugelassenen Entwürfe ›Flammenschwert‹, ›Mater‹ und ›Acht Säulen‹ wurde die genannte Entschädigungssumme zugebilligt. In einer Pressemitteilung des Ausschusses hieß es, es werde eine „urdeutsche Michaelsfigur in Wehr und Waffen [geschaffen], ein Mahnruf der Toten an die Lebenden“ um euphorisch fortzufahren dass „von Seiten der Sachverständigen, darunter den Vertretern des Landesamtes für Denkmalpflege wie des Vereins für christliche Kunst [...] der Wert des Entwurfes als Kriegsmal wie seine Bedeutung für das Ulmer Münster rückhalslos [sic!] anerkannt und die Ausführung auf das wärmste befürwortet [wird].19

Eindeutig votierte hier bereits das entscheidende Gremium zu einer Aussage, welche die Verteidigungsbereitschaft der deutschen Nation, ja gar den Gedanken an einen Revanchismus gegen den als Schmach empfundenen Versailler Vertrag vermittelte. Hingegen konnte der prämierte Plan den Gesamt-Kirchengemeinderat nicht überzeugen. Bei einer Vor-Ort-Termin im Münster, zu welchem neben Vertretern des Arbeitsausschusses auch Mitglieder des Preisgerichts, des Landesamtes für Denkmalpflege sowie des Vereins für christliche Kunst auch der Wettbewerbssieger Wetzel zugegen war, lehnte der Gesamt-Kirchengemeinderat mit zwei Enthaltungen den Entwurf an dieser Stelle ab. Als Begründung wird eine prognostizierte Verständnislosigkeit seitens der Öffentlichkeit angeführt, die jedoch lediglich der anvisierten Positionierung in der westlichen Turmhalle geschuldet wäre.20 Diese Polarisierung hinsichtlich des Standortes sollte die Diskussionen um die Errichtung des Gefallenenehrenmals noch jahrelang begleiten. Zunächst wurde jedoch ein Kompromiss gefunden, welcher offenbar „allgemeinen Beifall fand“21 Demnach sollte „die ganze Eingangswand zum Hochschiff einschließlich der Orgel zum Denkmal werden“ und „in dem Turmbogen über der Orgel soll die Kolossalfigur des Michael auf einem Balken zu stehen kommen [...]“22 Diese Versetzung der geplanten Plastik durfte insofern nun auch die Zustimmung des Kirchengemeinderates gefunden haben, als dass die Figur den Blick von der Eingangsseite in die Kirche nicht beeinträchtigt, die Sakralität des Bauwerks somit quasi erhalten bliebe. In diesem Sinne argumentiert auch der Verein für christliche Kunst, dass „[...] der Text des Spruchbandes die innere Stellungnahme der Kirchengemeinde zu dem schweren Kriegsgeschick ausdrücken, also ein, womöglich ganz bekanntes biblisches Wort der Ergebung und des Gottvertrauens sein [soll]“23

Ein zuvor diskutiertes Wandgemälde, welches eine Kriegsdarstellung zeigen sollte, wurde mit gleichem Schreiben abgelehnt. Hier zeigte sich unerwartet eine gewisse Weitsichtigkeit des Gremiums, wenn es befürchtet, dass „die Möglichkeit, dass ein solches Gemälde in späterer Zeit mit Schärfe abgelehnt wird, allzugross [sic!]“24 ist. Die selben Bedenken stellten sich jedoch in Anbetracht der monumentalen Figur nicht, zumal dieser Typus der Michaelsdarstellung als durchaus zeittypisch anzusehen war. Als Referenz muss nur auf die Ausführungen der Erzengelfigur am Leipziger Völkerschlachtdenkmal oder auf die Außenplastik an der Michaelskirche in Hamburg verwiesen werden. Sowohl gesenktes, wie in Leipzig, als auch ein erhobenes Schwert, wie in Hamburg zu sehen, waren in den 1920er Jahren ikonografisch vertreten. Gleichzeitig erfolgte eine Assoziation des ›deutschen‹ Michel mit dem wehrwilligen Volk, dessen finaler Kampf gegen das Böse (es ist naheliegend, dass die Schlange hier das feindliche Frankreich symbolisieren sollte) noch bevorstehe: Es galt den verlorenen Krieg revanchieren. Eine vorsichtige Einschätzung des Vorhabens taxierte die Errichtungszeit auf ein bis zwei Jahre bei anvisierten Kosten von ca. 50000 Mark inklusive der Gestaltung der 25 Totenschilde. Die Ausführung des Wetzelschen Entwurfs sollte Professor Ulfert Janssen, ebenfalls ansässig in Stuttgart übernehmen.25 Zuvor solle allerdings ein bronziertes Gipsmodell angefertigt werden um dessen Wirkung im Kirchenraum zu beobachten. Des Weiteren wurde nicht zuletzt aus Gründen der Gesamtkosten dazu plädiert, das endgültige Denkmal in Metall anstatt des ursprünglich vorgesehenen Werkstoffs Holz anzufertigen, wie bereits beim Kyffhäuserdenkmal sowie dem Kaiserdenkmal in Koblenz erfolgt.26 Dass die finanzielle Seite der Unternehmung auch im Folgenden immer wieder thematisiert wurde, belegt ein Schreiben einer Offiziersvereinigung aus dem Jahr 1925, wonach das Mahnmal in der beschlossenen Form abgelehnt werde. Die Errichtung sei für die momentane Zeit zu teuer und die veranschlagte Summe stehe “in schroffsten Missverhältnis zu unserer gegenwärtigen allgemeinen Lage und der Not von Witwen und Waisen der Gefallenen [...]“27. Jedoch wolle man sich dem einem Mehrheitsbeschluss fügen und auch weiterhin Spenden für die Errichtung sammeln.28 Eine versuchsweise Installation der Modellfigur über dem Orgelgehäuse sollte trotz weitgehender Einigkeit unter den Parteien keine befriedigende Lösung darstellen. Die Initiatoren befürchteten, dass sich zwischen der hoch im Kirchenschiff befindlichen Figur und den lesbaren Totenschilden an der Turmvorhalle kein Zusammenhang herstellen ließe.29 Tatsächlich wirkten die beiden Komponenten bei aller Ästhetik ohne Bezug aufeinander, räumlich und sphärisch getrennt, wie auf angefertigten Fotografien zu erkennen ist. Nun lag es nahe, den ursprünglichen Plan wieder ins Auge zu fassen und den Platz unter der Orgel zur Errichtung auszuwählen. In der Folge wurde die Modellplastik wiederum am westlichen Bogen des Hauptschiffes angebracht um zusammen mit den auf selber Ebene benachbarten Totenschilden deren Wirkung auf die Besucher auszuloten. Nun war es jedoch, wie schon fünf Jahre zuvor, wieder der Gesamt-Kirchengemeinderat, welcher diese Ausführung nicht guthieß. In einem Beschluss vom 22. Mai 1928 sprach sich das Gremium dafür aus, dass „der gegenwärtige Platz des Denkmals Modell des Gefallenenehrenmals mit Erzengel Michael und Totenschilde an der Westwand Dieser Plan mit der Figur über der Orgel kam nicht zur Ausführung. (links)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Alternative Anfertigung in Komposition mit gotischem Bogen (rechts)30 im Bogen unter der Orgel [...] endgültig aus[scheidet]“31 Nachdem offenbar keine weiteren Vorschläge zu einer Neuplatzierung eingingen, stellte der Gesamt-Kirchengemeinderat den Initiatoren ein Ultimatum, die Figur längstens bis zum 1. Oktober desselben Jahres am Standort unter der Orgel zu belassen.32 Andernfalls würde man es sehr bedauern, „ [...] wenn wir genötigt wären, dasselbe [die Figur, R.M.] vorerst abnehmen und in sicheren Gewahrsam bringen zu lassen“33 Daraufhin bescheinigte die Württemberger Zeitung dem Gesamt-Kirchengemeinderat eine „nicht ganz verständliche Machtvollkommenheit“34 anhand der „geradezu begeisterten Gutachten“35 renommierter Professoren, namentlich Theodor Fischer aus München und Paul Bonatz aus Stuttgart. Auch das Landesamt für Denkmalpflege hätte positiv gegenüber dem Vorhaben geäußert, so dass die Position des kirchlichen Gremiums eine Anmaßung darstelle.36 Ikonografischer Bedenken hatte hingegen der unbekannter Schreiber eines Leserbriefs, welcher im Februar 1928 in der modellierten Michaelsfigur einen Widerspruch in sich sah. Demnach passe gesenktes Schwert und bebender Flügelschlag nicht zusammen, zumal der Erzengel im Modell mit niemandem zu kämpfen hatte.37 Tatsächlich erfuhr die Plastik in der Folge eine Neugestaltung mit erhobenen Schwert und einer Schlange zu Füßen des Erzengels, worauf Professor Wetzel erleichtert antwortete: „Ich [bin] froh, dass die frühere Trauerpose überwunden ist.“38

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neufassung der Michaelsfigur mit erhobenem Schwert bei der versuchsweisen Aufstellung im Bogen unter der Orgel39

Eine Einigung erschien erneut in Sichtweite als sich der Arbeitsausschuss für das Münsterdenkmal40 um einen alternativen Standort innerhalb des Münsters bemühte.41 Ein möglicher Kompromiss sollte die Anbringung der Figur im westlichen Bogen des südlichen Seitenschiffes darstellen, zumal dadurch eine Verbindung zu den Totenschilden auf gleicher horizontaler Ebene möglich wäre. Auch der Gesamtkirchengemeinderat sowie das Münsterbaukomitee zeigten sich mit diesem Vorschlag einverstanden, wobei die Gremiumsmitglieder Wieland und Mössner anregten, wieder auf die ursprüngliche Figurenform mit gesenktem Schwert zurückzugreifen.42 Als wesentliches Hindernis wurde allerdings weiterhin die nur schleppende Finanzierung angeprangert, zumal die anfangs veranschlagte Summe aufgrund der zwischenzeitlich gestiegenen Arbeitslöhne wohl nicht mehr gehalten werden könne.43 Die unsichere wirtschaftspolitische Lage im Zusammenhang mit den Turbulenzen an den weltweiten Finanzmärkten Ende in den letzten Monaten der 20er Jahre erschwerten zusätzlich die Möglichkeiten der Mittelbeschaffung enorm. Lediglich ein Gipsmodell der Figur konnte zur Begutachtung an Ort und Stelle angefertigt werden, wobei erneut Diskussionen über die Gestaltung des Schwertes in Gang kamen.44 Wiederum eine neue Debatte über die Positionierung der Plastik ergab sich nach dem Bekanntwerden des Wechsels des Dekans Ludwig Vöhringer nach Ludwigsburg. In einem Brief an Professor Janssen bescheinigt Oberst Porz dem Geistlichen zwar keine Unterstützung bei der Durchführung des Ehrenmals, lokalisiert im gleichen Wortlaut aber die „Quelle des Widerstands“ nicht bei ihm, sondern im „K.G.R.“ [Kirchengemeinderat, R.M.].45

Die 1933 beabsichtigte Einweihung am 15. Oktober desselben Jahres musste aufgrund des ausdrücklichen Wunsches mehrerer Truppenteile auf das Folgejahr verschoben werden.46 Eine neue Terminierung einigte sich auf den 5. August 1934, wobei dieser Tag der nächstfolgende Sonntag des 20. Jahrestags der Mobilmachung für den Ersten Weltkrieg darstellte. Der in diesem Zusammenhang begangene „Tag der Garnison“, welcher die Feierlichkeiten zur Einweihung des Münsterdenkmals rahmen sollte, erfuhr durch den Tod des Reichspräsidenten Hindenburg drei Tage zuvor einen grundlegend anderen Charakter. Nach einem Festgottesdienst und einer Trauerkundgebung konnte schließlich das Denkmal an der ursprünglich vorgesehenen Stelle am Bogen unter der Orgel der Öffentlichkeit übergeben werden. Doch nicht mehr der ursprüngliche Entwurf Wetzels aus den 20er Jahren, die tatsächlich noch engelhafte Züge tragende Michaelsfigur wurde dem Betrachter präsentiert; vielmehr starrte nun ein eine vom Künstler selbst abgewandelte, dem Zeitgeist entsprechende Form eines waffenbewehrter Krieger in das Kirchenschiff. Bereits am 2. August wurde in der neugeschaffenen Kriegergedächtnishalle ein kupferner Schrein mit den Namen der Gefallenen versenkt.47 Von einem „unvergeßlichen Erlebnis“ und einer „ungeheuren Anteilnahme der Ulmer Bevölkerung“ sprach angesichts der monströsen Feierlichkeiten das Ulmer Tagblatt.48

[...]


1 vgl. Ulrich, Bernd / Ziemann, Benjamin: Krieg im Frieden, S. 124

2 Übersetzung von Ralph Manhalter

3 vgl. Jeismann, Michael / Westheider, Rolf in: Koselleck, Reinhart / Jeismann, Michael (Hrsg.): Der politische Totenkult, S. 28ff

4 vgl. ebd. S. 33ff

5 vgl. Münkler, Herfried / Storch, Wolfgang: Siegfrieden, S. 115ff

6 Rundschreiben des ›Arbeitsausschuß für ein Münsterkriegsmal der Vorkriegsgarnison Ulm‹ vom 12.12.1922, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

7 Anzeige des ›Arbeitsausschuß für ein Münster-Kriegsmal der Vorkriegs-Garnison Ulm an Donau‹ vom 15.12.1922, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

8 ebd.

9 ebd.

10 ebd.

11 Dr. Heinrich Holzinger wurde jedoch im Herbst 1922 zum Prälaten und Generalsuperintendenten nach Ludwigsburg berufen. S.: Raberg, Frank: Biografisches Lexikon für Ulm und Neu-Ulm, S.179

12 Rundschreiben des ›Arbeitsausschuß für ein Münsterkriegsmal der Vorkriegsgarnison Ulm‹ vom 12.12.1922, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

13 ebd.

14 Sitzungsprotokoll des Preisgerichts vom 14.03.1923, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

15 Schreiben des Württembergischen Landesamts für Denkmalpflege vom 05.01.1923, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

16 Notiz, o.A., undatiert, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

17 Sitzungsbericht des Preisgerichts vom 14.03.1923, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

18 ebd.

19 Pressemitteilung des Arbeitsausschusses für ein Münsterkriegsmal der Vorkriegsgarnison Ulm vom 01.07.1923, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

20 Auszug aus dem Gesamt-Kirchengemeinderats-Protokoll vom 12.06.1923, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

21 Schreiben des Ausschusses zur Errichtung eines Ehrenmals im Münster für die Gefallenen der Garnison Ulm vom Mai 1924, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01. Offenbar hatte sich der Ausschuss umbenannt oder hatte auch vormals nie eine eindeutige Bezeichnung. Das exakte Datum wurde dem Schreiben nicht beigefügt.

22 ebd.

23 Abschrift des Vereins für christliche Kunst vom 07.06.1924, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

24 ebd.

25 Schreiben des Vorsitzenden des Ausschusses für das Gefallenen-Denkmal im Münster zu Ulm vom 14.11.1924, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

26 ebd.

27 Schreiben des Oberstleutnants a.D. Knies einer unbekannten Offiziersvereinigung an den Vorsitzenden des Ausschusses für die Erstellung eines Gefallenendenkmals im Münster vom 13.07.1925, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01 (erneut erscheint hier eine neue Firmierung des Ausschusses)

28 Schreiben des Oberstleutnants a.D. Knies einer unbekannten Offiziersvereinigung an den Vorsitzenden des Ausschusses für die Erstellung eines Gefallenendenkmals im Münster vom 13.07.1925, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

29 vgl. Württemberger Zeitung vom 11.10.1928, Blatt 2, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 04

30 beide Fotos: Stadtarchiv Ulm, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 08

31 Auszug aus dem Verhandlungsbuch des Gesamt-Kirchengemeinderats vom 22.05.1928, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

32 Auszug aus dem Verhandlungsbuch des Gesamt-Kirchengemeinderats vom 07.08.1928, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

33 Schreiben des Vorsitzenden des Gesamt-Kirchengemeinderates Dekan Ludwig Vöhringer vom 20.09.1928, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

34 vgl. Württemberger Zeitung vom 11.10.1928, Blatt 2, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 04

35 ebd.

36 ebd.

37 Leserbrief o.A. im Ulmer Tagblatt vom 22.02.1928, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 04

38 Schreiben von Heinz Wetzel an Oberst Port am 16.02.1928, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

39 Zeichnungen aus Württemberger Zeitung vom 11.10.1928, Blatt 2, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 04

40 hierbei handelt es sich immer noch um das selbe Gremium, welches die Errichtung des Gefallenenehrenmals unter unterschiedlichen Firmierungen von Anfang an betrieben hat.

41 Schreiben des Arbeitsausschusses für das Münsterdenkmal vom 03.03.1929, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

42 Auszug aus dem Verhandlungsbuch des Gesamt-Kirchengemeinderats und Münsterbaukomitees vom 10.06.1929, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

43 Schreiben des Arbeitsausschusses für das Münsterdenkmal vom 03.03.1929, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

44 Schreiben des Geschäftsführenden Ausschusses für das Münsterdenkmal vom 12.04.1930, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01. Darin führt der Vorsitzende Port die bereits eingegangenen Spenden auf, nicht ohne nochmals eindringlich an die Verantwortung der einzelnen Regimenter zu appellieren

45 Schreiben von Oberst Porz an Professor Janssen vom 03.09.1932, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

46 Schreiben von Oberst Porz an Rektor Gustav Siegle, Mitglied des Arbeitsausschusses für ein Münsterdenkmal vom 13.06.1933, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 01

47 Bilder-Chronik, Heft Nr. 92 vom August 1934, Stadtarchiv Ulm, Signatur G4, Nr. 370a

48 Ulmer Tagblatt vom 06.08.1934, Stadtarchiv Ulm, Signatur E 603 Nr. 04

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Divergierendes Weltkriegsgedenken. Die Ehrenmale der Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Ulm und Neu-Ulm im Vergleich
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V945314
ISBN (eBook)
9783346280671
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erinnerungskultur, Weimarer Republik, Ulm / Neu-Ulm, Gefallenendenkmäler
Arbeit zitieren
Ralph Manhalter (Autor), 2020, Divergierendes Weltkriegsgedenken. Die Ehrenmale der Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Ulm und Neu-Ulm im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/945314

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