Am Land draußen. Wahre Geschichten aus Salzburgs Gauen


Klassiker, 2020

100 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1 Ich denke noch oft an die Ischlerbahn

2 Das waren halt noch Briefträger!

3 So wurde Wals zum Ringerdorf

4 Vom Bauerndirndl, das nach Island zog

5 Vor Hagel, Blitz und Ungewitter

6 Die Sennerin von der Dickkopfalm und ihr "Bruada"

7 Die klugen Kühe von der Eggeralm

8 „Mein Vater war Einleger

9 Ein Platzerl für die Gertraud

10 Der Riesenfrosch vom Walserberg

11 Schulen im Winkel

12 Pfund und Pfennig

13 Wie der Zederhauser Oberlehrer Bezirksdolmetscher wurde

14 Ganz a g'selchter Hund

15 Bauernaustreibung am Fuschlsee

16 Die verhaftete Florianiprozession

17 „Du jetzt Bürgermeister!"

18 Ausg'schamte Hund' und o'drahte Gauner

19 Eine Schlacht mit Schmugglern

20 „Im Jahre 67“

21 Ein Untersbergförster erzählte

22 Richard Wagner beim Schmuggeln erwischt

Quellen- und Literaturnachweis

Am Land draußen

Wahre Geschichten aus Salzburgs Gauen

erzählt von

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Arno Müller

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Ich stelle mich vor:

Geboren wurde ich 1935 in Salzburg, Kindheit und Jugend habe ich in Wals erlebt, meine Lehrerdienstjahre führten mich nach Unken, Bruck a. d. Glocknerstraße, Bischofshofen und Annaberg. Zum Abschluss meines Berufslebens durfte ich noch 13 Jahre als Bezirksschulinspektor im Flachgau wirken und zog mit meiner Familie (Ehefrau Inghild, Söhne Johannes und Gebhard) nach Hof bei Salzburg.

Neben meinem Beruf war ich immer Mitglied (und mehrmals auch Gründer) von Singgemeinschaften und Theatergruppen. Weiters hatte (und hat noch) für mich das Bergsteigen einen hohen Stellenwert.

Ich habe mein ganzes, bisher 85jähriges Leben „draußen am Land“ verbracht. Einiges von dem, was ich dabei erfahren, gehört oder erlebt habe, sei hier erzählt. Bei all denen, die mich zum Schreiben ermuntert haben, möchte ich mich herzlich bedanken.

Ich wünsche viel Lesevergnügen!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ihr/Euer

Arno Müller

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1 Ich denke noch oft an die Ischlerbahn…

August 1944! Nach trotz Kriegszeit schönen Ferienwochen am großelterlichen Brucker-Bauernhof in Keuschen bei Mondsee wurden meine zwei Brüder und ich von unserer Mutter zur Heimfahrt nach Wals abgeholt. Wir brachen verspätet auf. Als wir die Haltestelle Teufelmühle erblickten, stand der Zug schon dort und setzte sich in Bewegung, wir hatten ihn versäumt! Aber die Mutter gab noch nicht auf und rannte – wir Buben hinter ihr – querfeldein zum Bahngleis, dem nahenden Zug entgegen. Als das Gesicht des Lokführers zuerkennen war, rief sie: „Dös is der Schruckensepp! Sepp! Bittschön!“ Der Sepp war ein „Nachbarbub“! Heute sehe ich noch das freundliche Gesicht des Mannes vor mir, wie er lachte, winkte - und den Zug zum Stehen brachte! Wir nichts wie hinein, und mit „Schsch – schsch – schsch…“ gings wieder los, in Richtung Vetterbach und Thalgau.

Das war die Ischlerbahn! Ich bin noch oft mit ihr gefahren. Der Ischlerbahnhof stand neben dem Salzburger Hauptbahnhof. Gleich nach Itzling ging es hinaus ins Flachgauer Hügelland, bei Kraiwiesen in den Wald hinein, über das Bärental hinab nach Thalgau und weiter über Mondsee, St.Gilgen und Strobl zum Endziel Bad Ischl.

Nicht nur wegen der schönen Landschaft war so eine Fahrt ein Erlebnis, es gab auch sonst allerlei Bemerkenswertes. Da war einmal die Bedarfshaltestelle Leitnerbräukeller, 1 Kilometer vor Mondsee (heute Hotel Lackner). Die Gaststube war Warteraum, der Wirt verkaufte die Fahrkarten und rühmte sich, oft mehr Fahrgäste zu haben als der eigentliche Bahnhof Mondsee. Eine ausgehängte Fahne signalisierte den Zugführern wartende Leute. Damit diese in Ruhe ihr Bier austrinken konnten, hielt die Wirtin Ausschau und rief, wenn es so weit war: „Leutl, der Zug kimmt!“.

Bei St Lorenz gab es die Haltestelle Schwarzindien. Über die Herkunft dieses Namens gibt es verschiedene Deutungen, vielleicht geht er auf Sommergäste zurück, die sich hier – im Blickfeld der staunenden Zugreisenden – nackt(?) bräunen ließen. Beliebt war auch die Haltestelle Gschwandt am Wolfgangsee (Gemeinde St.Gilgen). Der Zug stand dort so nahe beim Gasthof Gamsjäger, dass die Wirtin vom Küchenfenster aus Krapfen verkaufen konnte. 30 Haltestellen gab es auf der gesamten Strecke und drei Stunden dauerte die Fahrt, man hatte damals eben noch mehr Zeit. In dem beliebten Lied „Zwischen Salzburg und Bad Ischl“, das fast in keinem Wunschkonzert fehlte, hörte man den Schaffner rufen: „Blumenpflücken während der Fahrt verboten!“ 1957 wurde die Salzkammergutlokalbahn (SKGLB), so lautete der amtliche Name der Ischlerbahn, trotz heftiger Proteste der Bevölkerung eingestellt. Allen Interessierten empfehle ich den Besuch des SKGLB-Museums in Mondsee. Glanzstück ist dort eine Lokomotive mit Baujahr 1890. Sie wurde 1915 – nach 25 Dienstjahren bei der Ischlerbahn - von der k.u.k.Armee beschlagnahmt und im 1.Weltkrieg in Bosnien eingesetzt, wo sie auch nach Kriegsende verblieb. 1988 wurde das technische Meisterwerk vom Mondseer Museumsgründer August Zopf aufgespürt und nach acht Verhandlungsjahren (!) gekauft. Sie wäre auch heute noch voll einsatzfähig!

2 Das waren halt noch Briefträger!

Zum Beispiel Karl Eberl aus Wals – Siezenheim

Der gebürtige Schwarzacher (1921) landete nach Kriegsende in Wals und übernahm den Briefträgerdienst für Wals, Siezenheim, Kleßheim, Himmelreich, Loig, Viehhausen, Gois, Walserberg, Käferheim und Grünau. Seine Frau musste mithelfen, allein hätte er das nicht geschafft. Wenn Eberl mit dem Fahrrad losfuhr, lag die Posttasche auf dem Gepäcksträger und er selbst war rundum mit Paketen behängt. Da es damals öfter zu Überfällen auf Briefträger kam, erhielten sie eine Dienstwaffe: einen Schlagring! Gott sei Dank brauchte Eberl den nie.

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Trotz seines schweren Dienstes war er immer guter Laune und ein begabter Witzeerzähler. Ein Beispiel, selbst im Sommer 1950 erlebt. Ein Sauwetter herrschte damals, wochenlang strömender Regen. Ich saß im dichtgedrängten Warteraum von Dr.Erwin Aigner in Siezenheim, die Stimmung war allgemein am Tiefpunkt. Da erscheint der Briefträger in patschnasser Uniform, klopft bei der Ordination und überreicht dem Herrn Doktor die Post. Dieser fragt: „Herr Eberl, wie wird das Wetter?“ Eberl, sehr laut in bestem Hochdeutsch: „Gute Nachricht! Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und schönes Badewetter sind angesagt!“ Dann mit leiser Stimme: „Zeitpunkt noch nicht festgelegt…“ Eberls Freundlichkeit ermunterte die Leute, ihn auch um allerlei Gefälligkeiten zu bitten: Gesuche schreiben, Formulare ausfüllen usw… Da die vielen Wünsche in der Dienstzeit nicht erfüllt werden konnten, stand der hilfsbereite Mann auch an Abenden zur Verfügung. „Unser Wohnzimmer war das reinste Auskunftsbüro!“ erzählt seine Stieftochter Lieselotte Leikermoser.

Eberls Einsatzfreude bescherte ihm auch politische Funktionen: Personalvertreter, Gewerkschafter und Vizebürgermeister (SPÖ).

Der rennende Briefträger aus der Faistenau

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Josef Resch, geb. 1929 in Faistenau, erlernte zuerst das Schusterhandwerk und trat mit 29 Jahren in den Postdienst. Sein Rayon war umfasste Hof bei Salzburg, Thalgauegg, den Faistenauer Graben sowie Randgebiete der Gemeinden Fuschl und Plainfeld. Er und zwei Kollegen waren damals von sechs Uhr früh bis tief in die Nacht unterwegs, pro Person täglich an die vierzig Kilometer!

Sepp: "Das war eindeutig zu viel, daher haben wir eine Meldung an die Postdirektion in Salzburg gemacht. Zuerst hat man uns nicht geglaubt, aber dann haben sie einen Kontrollor geschickt. Der ist mit uns um 6 Uhr losmarschiert - und erst 10 Minuten vor 2 Uhr in der Nacht waren wir zurück. Darauf wurden uns noch drei zusätzliche Dienstposten genehmigt."

Woher kam der Beiname „rennender Briefträger?“ Das Briefaustragen war nicht seine einzige Arbeit, die Bewohner einsamer Gehöfte und Siedlungen haben oft schon mit Sehnsucht auf ihn gewartet. Einer Frau z. B., deren Hand eingegipst war, hat er beim Zwiebelschneiden geholfen und viele einsame Menschen wollten mit ihm "schatzen". Oft haben da ein paar Sätze genügt, etwa: „Na, heut schaust aber guat aus, geht’s dir wieder besser?“ Nachdem Sepp einmal einem bettlägerigen Witwer die Tabletten vom Arzt gebracht hatte, sprach sich dies herum, ähnliche Wünsche mehrten sich, ab da musste er sich oft am Morgen, ehe das Briefaustragen begann, noch schnell in die Arztordination begeben… Da viele Leute Angst vor dem Ausfüllen von Formularen hatten, ergab sich für den Briefträger ein neuer Aufgabenbereich. Oft lagen am Tisch ein Geldbetrag und ein leerer Erlagschein, das Schriftliche wurde dem Postler überlassen. Ohne Beratung durch ihn wäre manch armer Teufel nie zu einem Hilflosenzuschuss gekommen.

Natürlich wussten die Leute diese Hilfsbereitschaft zu schätzen und erwiesen sich auch dankbar. So erwartete z. B. unseren Briefträger in einem gewissen Haus täglich eine Vormittagsjause. Wenn niemand daheim war, wusste Sepp, wo der Schlüssel lag.

Wie hält ein Mensch das aus, Jahr um Jahr von früh bis spät draußen, bei jedem Wetter? Der Schustersepp, lachend: "Ob du's glaubst oder nicht: I hab in meiner ganzen Dienstzeit höchstens drei oder vier Tag' gefehlt - wegen Verkühlung oder solchem Zeug.“

Die Postmarie von Lungötz

Maria Eder, so lautet ihr richtiger Name, war Briefträgerin im oberen Lammertal.

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Ein Wintertag in den Fünfzigerjahren! Um fünf Uhr klingelt der Wecker. Marie späht bei der Haustür hinaus und denkt: O je, wieder einmal eingeschneit! Also Stiefel und Schneeschaufel her und los geht die Buddelei, vom Haus hinunter bis zur Gemeindestrasse. Gott sei Dank, der Schneepflug war schon da! Zurück ins Haus, ein kurzes Frühstück und hinab ins "Dörfi".

Nach Entleeren von zwei Postkasterln erreicht Marie das saukalte Postamt und trifft sich dort mit den Kollegen Blasius Buchegger und Franz Hirscher. Kaum ist der Ofen geheizt und sind die Briefe eingesackelt, heißt es schon wieder : Hinaus zum Postautobus! Der wartet schon. Eine Leiter wird angelehnt und Blasi, der Kleinste und Wendigste, turnt sich zum Dachträger hinauf, die angekommenen Poststücke werden herab- und die abgehenden hinaufbefördert, alles muss schnell gehen, der Autobus ist schon verspätet... Die Drei laden ihre Tagesration auf einen Schlitten und stapfen zurück ins Postamt. Dort ist es jetzt wärmer, wenigstens schon deutlich über dem Gefrierpunkt. Die Post wird in drei Haufen sortiert: fürs Neubachtal, fürs hintere Lammertal und für die Häuser entlang der Bundesstraße. Pakete bis 2 kg müssen die Briefträger in ihren Rucksäcken verstauen, schwerere haben die Empfänger selbst abzuholen.

Und dann kommt die Hauptarbeit: Hinaus in die Schneelandschaft, talein und bergauf bis zu den letzten Höfen. Nun zeigt sich, wie nützlich der Schisport ist! Ohne die Bretteln wäre die Briefträgerei unmöglich. gewesen.

Wie Eberl und Schustersepp war auch Marie so etwas wie Nothelferin für alles. Da hat es zum Beispiel öfter geheißen: "Marie, guat dass'd da bist, wir hab'n scho wieder koan Strom!" Was blieb übrig? In dem Beruf musste man eben wissen, wie man eine Sicherung flickt. Oder es hieß: "Bittschön, komm in Stall, hilf uns beim Kaiblziehn!" Wie die schöne blaue Postleruniform dann ausgeschaut hat!

Briefträger mussten damals auch die Pensionen auszahlen, bis zu 70.000 Schilling hatte Marie dabei mit. „Überfälle hat es bei uns Gott sei Dank nie gegeben," erzählt sie, „aber angebettelt sind wir schon worden. Manchmal wollte sich wer Geld ausleihen, z. B. 500 Schilling für einen Tag. Natürlich haben wir das abgelehnt, aber wenn mir einer derbarmt hat, hab' ich ihm halt mit meinem eigenen Geld ausgeholfen."

Die Winter dauerten damals oft von Oktober bis Mai. Mehrmals passierte es, dass der Rückweg durch Lawinenkegel verlegt war.

Wenn Marie und ihre Kollegen dann gegen Abend ins Dörfi zurückkamen, plagte sie eine Sorge: Hoffentlich ist kein Telegramm eingetroffen! Wenn doch, dann hieß es nochmals losziehen, denn Telegramme mussten am gleichen Tag zugestellt werden.

Hat man als Briefträgerin dann und wann auch ein Schnapserl bekommen? Marie lachend: "In ganz frühen Zeiten war das Brauch. Aber 1958 bin ich schon mit eigenem Moped gefahren und 1979 haben wir ein Dienstauto bekommen, einen VW. Ab da galt 0,0%!"

Geschichtliches

Den Beruf des Briefträgers gibt es bei uns erst ungefähr 150 Jahre. Aber schon im Mittelalter wurden Briefe und Pakete durch sogenannte Boten befördert: Fuhrleute, die in regelmäßigen Zeitabständen aufs Land hinausfuhren. Ihre Stützpunkte waren Gasthöfe, deren Wirte "Posthalter" hießen. Die Empfänger hatten ihre Post selbst abzuholen. Blieben Poststücke liegen, wurde dies am Sonntag in der Kirche nach dem Hochamt verkündet. Zur Erinnerung an diese Zeit gibt es auch heute noch fast in jedem größeren Ort einen Gasthof zur Post. In der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde das Postwesen modernisiert. Man erbaute eigene Amtsgebäude, die Bediensteten waren Staatsangestellte, zum Postmeister und den Schalterbeamten kamen nun auch die Briefträger. An Stelle des Pferdefuhrwerks kam die Postkutsche und der Bote wurde durch den Postillion ersetzt, der beim Einfahren in den Ort sein Kommen mit dem Posthorn verkündete: Trara, die Post ist da!

Und heute?

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Ausgestorben sind die Landbriefträger noch nicht. Aber sie sind trotz aller Motorisierung oft nur noch gehetzte Wesen… Schade!

3 So wurde Wals zum Ringerdorf

Es begann mit den Brüdern Bartl und Georg Brötzner, nach dem elterlichen Braitenbauernhof „Broadein“ genannt. Österreich erlebte in der Nachkriegszeit eine Sportbegeisterung wie nie zuvor. Fußballvereine schossen wie Schwammerl aus dem Boden, Schifahren wurde Nationalsport, der Mühlbacher „Bubi“ Bradl Weltmeister und Volksheld Nr.1... Natürlich wollte da auch die bäuerliche Jugend mithalten. Aber wie und wo? Wer von fünf Uhr früh bis sieben Uhr abends auf dem Feld, im Stall und im Wald rackern muss, dem bleibt kaum noch Zeit für anderes. Trotzdem: Als sich in Wals die Kunde verbreitete, dass in Salzburg beim SAK (Salzburger Athletikklub) die Kraftsportarten Boxen, Ringen und Stemmen geübt wurden und Burschen aus den Umlandgemeinden willkommen wären, beschlossen die Brüder Brötzner, sich das einmal anzuschauen.

Den Anfang machte Bartl. Er stieg auf sein Fahrrad („a uraltes G’stell mit Vollgummireifen“), radelte in die Stadt zur „Griesschule“, dem damaligen Trainingsort, und meldete sich an – bei den Boxern. Dort war man von seiner Schlagkraft beeindruckt, aber gleich darauf gab es eine kalte Dusche: Bartl sollte die Boxhandschuhe selbst bezahlen, bei einem Monatslohn von 20 Schilling ein Ding der Unmöglichkeit. Aus war der Traum von einer Boxer – Karriere! Aber die SAK-Funktionäre wollten den talentierten Kraftlackl nicht loslassen und rieten: „Geh’ halt zu den Ringern, dort brauchst nur a Turnhos’n!“ Die konnte sich Bartl leisten und wurde Ringer. Bruder Georg folgte seinem Beispiel, Freunde schlossen sich an, die Zahl der Radler von Wals zur Griesschule wuchs - und mit ihnen auch die Ringersektion im SAK.

Von Anfang an bewiesen die Broadein ihr außergewöhnliches Talent. Sie sahen zwar nicht wie Superathleten aus: Bartl (geb. 1928) brachte bei einer Größe von 1’75 m 62 kg auf die Waage, Georg (geb. 1933, 1’77m groß) hatte das gleiche Gewicht. Schon nach kurzer Trainingszeit beherrschten sie die wichtigsten Griffe und legten ihre Gegner – auch den längsten Lulatsch – auf die Matte.

Bei den folgenden Turnieren verhalfen die Walser dem SAK zu einer Erfolgsserie und auf den Sportseiten der Zeitungen tauchten immer öfter die Namen Bartl und Georg Brötzner auf.

Dann geschah etwas, was heutzutage undenkbar wäre. Man schrieb das Jahr 1950. Georg war gerade dabei, dem Moarbauern in Loig beim Dachdecken zu helfen, da ertönte von unten eine Stimme:

„Schorsch, du sollst runterkommen!“

„Was ist denn los?“

„Komm runter, wirst schon sehen!“

Unten stand ein PKW mit deutschem Kennzeichen, daneben der Kammererwirt von Bad Reichenhall, Obmann im dortigen Athletikklub. Der Bayer kam gleich zur Sache: „Du, i brauch dich. Für die deutsche Meisterschaft.“

Georg: „Ja, wia soll denn dös gehen? I bin doch österreichischer ...“ „Dös is wurst. Du tritt’st unserm Verein bei, unterschreibst a paar Papierl und alles andere erledigen wir. Für dein’ Bruada haben wir a schon a Lösung. Der tuat mit!“ So geschah es, dass die Brüder Brötzner parallel zur österreichischen auch eine deutsche Ringerkarriere starten konnten.

Die bayerischen Sportsfreunde wurden von ihren Neumitgliedern nicht enttäuscht. Georg schaffte 1950 auf Anhieb zuerst die deutsche und kurz darauf die österreichische Meisterschaft. Beide Urkunden hängen heute nebeneinander in seinem Wohnzimmer, ein sportgeschichtliches Kuriosum! Nun ging es richtig los, kreuz und quer durch Deutschland: Heidelberg, München, Berlin, Stuttgart, Freising,...von Sieg zu Sieg. Das deutsche Publikum war begeistert von den zwei „Reichenhallern“, die ihre Gegner so gekonnt auf die Matte legten.

Aber auch abseits der Matte gab es allerlei Aufregendes. Eine Deutschlandtour wird Georg besonders in Erinnerung bleiben: Karlsruhe 1953, Eröffnungsfeier der riesigen Schwarzwaldhalle! Ein buntes Programm lief vor 9 000 Zuschauern ab, der Auftritt der Ringer wurde Höhepunkt, viel Beifall für die „Reichenhaller“! Als alles vorbei war, beim Hinausgehen, wurde Georg auf die Schulter geklopft: „Grenzpolizei! Sie sind verhaftet!“ Und, auf Georgs verblüffte Frage nach dem Grund: „Das werden Sie gleich erfahren!“ Hinein ins Polizeiauto, Fahrt zum Gerichtsgebäude, Einvernahme durch einen Untersuchungsrichter:

„Sie wissen, warum Sie hier sind?“

„Nein, Herr Richter.“

„Sie stehen in unserer Fahndungsliste. Wegen Schmuggel!“

Obwohl Georgs Gewissen bei diesem Thema nicht ganz rein war, gelang es ihm, den Unschuldsengel zu spielen: „Herr Richter, das ist ganz unmöglich!“

„Sie sind doch Georg Brötzner aus Wals?“

„Jawohl, Herr Richter“.

„Geboren am 14. April 1932?“

„Nein, Herr Richter. Geboren am 1. Februar 1933!“

Nun hatte Georg Oberwasser. Der Richter wurde belehrt, dass es in Wals viele Brötzner und wegen des Kirchenpatrons noch mehr Georgs gibt. Wahrscheinlich habe man ihn, Georg Brötzner vom Braitenhof, mit einem gleichnamigen Cousin verwechselt.

Der Richter, immer noch in der Hoffnung auf einen Fahndungserfolg, hakte da ein: „Ist dieser Cousin auch mitgefahren?“ Georgs Antwort: „Nein, so blöd ist der net!“

Mit Speck durch den Eisernen Vorhang

Internationales Ringerturnier in Prag! Eigentlich hätte Bartl dort Österreich vertreten sollen, aber er konnte oder wollte nicht und sprach zu seinem Bruder: „Fahr‘ du und nimm’ mein‘ Ausweis, die kennen uns eh net auseinander!“ Warum auch nicht, dachte Georg und sagte ja.

Man fuhr mit der Bahn, die Ringer hatten ein eigenes Abteil. Alles war in bester Stimmung, bis der Zug in Ennsbrücke hielt: Zonengrenze, Eiserner Vorhang. Die Tür flog auf, ein russischer Grenzpolizist mit umgehängter Maschinenpistole trat ein und schrie: „ Ausweise zeigen! Gepäck ausleeren!“ Mäuschenstill war es, während der Russe peinlich genau von Mann zu Mann kontrollierte. Als er zu Georg kam, ein prüfender Blick auf den Ausweis (noch kein Zeichen von Argwohn), aber beim Rucksack! Kurzes Schnuppern, ein Griff und ein riesiges Specktrumm kam zum Vorschein. Lebensmittelschmuggel war ein Verbrechen! Georg bereute seinen Leichtsinn, gewarnt war er ja worden. Aber was tun? Hätte er geschwiegen – wer weiß, was passiert wäre. Doch blitzschnell, wie beim Ringen ein guter Griff, kam ihm ein Einfall.

Er hielt dem Russen die mehrsprachige Einladung zum Prager Ringerturnier unter die Nase, deutete auf seine Brust, dann auf den Speck, machte Kaubewegungen und entblößte seine Armmuskel: „Speck gut für Ringen!“ Und welch ein Glück! Der Russe war gut aufgelegt und beendete die Kontrolle mit verständnisvollem Grinsen. Vielleicht war er selbst Ringer?

Die Walser gründen eigenen Verein

„Walser Ringer verlassen SAK, Athletik – Club Wals gegründet“ titelten am 28. August 1952 die Salzburger Nachrichten.

Treibender Geist war Hias Berger, ein Naturtalent von einem Manager. Das von ihm ausgetüftelte Statut bewährt sich bis heute: ein Präsident, ein Obmann, Stellvertreter und Aktivisten für spezielle Aufgabengebiete. In der Gründungsurkunde stehen vier Namen: Hans Haring (Präsident), Hias Berger (Obmann), Bartl Brötzner und Andreas Berger.

Die Raumfrage wurde sehr einfach gelöst: Im Sommer, bei Schönwetter, wurde im Garten des Schusterwölflbauern gerungen und bei Regen oder Schnee im Hochzeitssaal des Walserwirtes. Da Gastwirtssohn Paul Santner selbst begeisterter Ringer war, war die Saalbenutzung kostenlos.

Gegner im ersten Wettkampf war der hessische Mannschaftsmeister Germania Dettlingen. Das Freundschaftsturnier endete 5:2 für Wals.

Ein Generationenkonflikt

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Walser Gemeindeoberhaupt war damals Franz Brötzner, Vater von Bartl und Georg. Also eine g’mahte Wies’n für die Ringer, könnte man meinen? Nein, im Gegenteil!

Franz Brötzner war ein Bauernpatriarch vom alten Schlag, mit vielen Vorzügen, aber auch Ecken und Kanten. Wie ein Vater sorgte er für das Wohl der Bürger, modernisierte das Straßennetz, baute Schulen und Wohnungen, förderte Betriebe, half unbürokratisch in Notfällen... Aber als Gegenleistung erwartete er Gefolgschaftstreue und Gehorsam, zu „melden“ hatte außer ihm niemand etwas. In diesem Weltbild war kein Platz für die Ringerei: Bauernbuben gehörten aufs Feld, wer den ganzen Tag ordentlich arbeitet, dem bleibt für solche Spumpernagerl keine Zeit… Daher: Keine Gemeindeunterstützung!

Allerdings, wer Franz Brötzner gut kannte, merkte, dass in ihm der Bürgermeister und der Vater uneins waren: Insgeheim war er ja doch stolz auf seine berühmten Söhne, nur zeigen wollte er dies auf keinen Fall.

Wie kamen die Buam damit zurecht? Gut, denn sie hatten vom Vater den gleichen Schädel geerbt, ihre Reaktion war: Jetzt erst recht, der wird sich noch anschauen!

Hin und wieder gab es auch Gelegenheit, dem Alten eines auszuwischen. So z. B., als Bartl einmal von einem Turnier aus Wien heimkam: „Du, Vater, i soll dir an schön Gruaß ausrichten. Vom Figl.“

Der Vater: „Wia kommst du zu dem?“

Bartl: „Er hat beim Ringen zuag’schaut und mir gratuliert!“

Bartl Brötzner als Olympiakämpfer

Im Juli 1952, bei den Olympischen Spielen in Helsinki, wurde Österreich erstmals durch Ringkämpfer aus Wals vertreten. Bartl Brötzner schlug sich wacker: drei Siege, erst beim vierten Kampf – gegen den Italiener Umberto Trippa – eine Niederlage. Resultat: Platz 5, ein schöner Erfolg.

Vier Jahre später: Melbourne! Nach einigem Hin und Her, welcher der beiden Brüder im Leichtgewicht teilnehmen sollte, entschied sich der Österreichische Ringerverband für Bartl. Dabei galt es eine familiäre Hürde zu überwinden, denn wegen dringender Feldarbeiten verweigerte der Vater seine Zustimmung. Erst als vom Unterrichtsministerium interveniert wurde, gab er brummend nach: „Na ja, wenn der (Unterrichtsminister) Drimmel schreibt,...“ Die Kämpfe begannen hoffnungsreich. Bartl besiegte seine stärksten Rivalen, den Türken Dogun und den Russen Rosin. Dann aber, beim nächsten Kampf, wurde ihm auf unfaire Art ein Punktesieg aberkannt und es kam zuletzt zu der grotesken Situation, dass der von Bartl vorher besiegte Türke die Silbermedaille erhielt und er nur auf Platz 4 landete. Dieser Schiedsrichterskandal wurde nicht nur in Österreich, sondern auch international scharf kritisiert. Ein hoher Olympia – Funktionär, der Finne Nymber, brachte es auf den Punkt: „Brötzner wurde verkauft!“

In der Heimat erlebte Bartl einen triumphalen Empfang. Schon am Flughafen Schwechat gab es eine Überraschung: Der Vater stand da und gratulierte! Und daheim, vor dem Gasthaus Santner, warteten schon Musikkapelle, Honoratioren und eine jubelnde Menge.

Ausklang

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Der aktive Ringersport ist – von Ausnahmen abgesehen - nur etwas für Junge. Auch für die Broadein kam einmal die Zeit des Abschieds von der Matte. Sie heirateten, Bartl übernahm eine Tankstelle in Walserberg und Georg den elterlichen Bauernhof. Bartl starb 2015, aber Georg kann trotz seiner 87 Jahre manchmal noch bei der Feldarbeit gesehen werden.

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4 Vom Bauerndirndl, das nach Island zog

„Was, nach Island geht heuer die Reise? Da wirst du wohl auch die Cilli besuchen, das Bauerndirndl von da, das dort hinaufgeheirat' hat!" „Aber ich kann doch nicht so einfach..." „Freilich kannst. Da brauchst nur zu ihrer Schwester fahren, zur Martina, der Unterhirschbergbäuerin..." Diesem kurzen Zwiegespräch mit Frau Ebner an meiner Tankstelle in Hof im Juni 1988 verdanke ich eine meiner interessantesten Reisebegegnungen.

Zwei Wochen später war ich dort, im Hafenstädtchen Seydisfjördur an Islands Ostküste. Eine imposante Fjordlandschaft! Nachdem ich mein Zelt aufgestellt hatte, begab ich mich auf die Suche nach Cilli. Wie hatte mir Martina den Weg beschrieben? „Sie ist Friedhofsgärtnerin und arbeitet dort jeden Tag. Der Friedhof ist neben der Kirche. Die Cilli ist leicht zu erkennen: zaundürr und graue Haar' ". Und tatsächlich! Durch das vergitterte Friedhofstor sah ich eine Frau und die Beschreibung passte. Das verschlossene Tor war für mich kein Hindernis, ich war damals noch (relativ) jung. Als Cilli mich von der Mauer herabspringen sah, stemmte sie die Arme in die Seite und machte einen ziemlich ungnädigen Eindruck. „Grüß Gott", sagte ich, „Ich komm' aus Hof bei Salzburg und soll Ihnen schöne Grüße von Ihrer Schwester Martina ausrichten und das hier übergeben!" Dabei überreichte ich eine Flasche Stieglbier, damals wegen des in Island herrschenden Alkoholverbots eine Rarität. Cilli lachte, nahm das Bier und schnell waren wir wie alte Bekannte. Ich wurde zu einem „Ratsch" in ihr Haus eingeladen und der Großfamilie vorgestellt: Ehemann Emil, Tochter, Söhne, Enkelkinder, deren Freundinnen und Freunde. Der „Ratsch" dauerte lange, Cilli erzählte mir ihre ungewöhnliche Lebensgeschichte…

Der Bauernhof Unterhirschberg liegt, eingerahmt von Wiesen und Wald, am Fuße des Berges Lidaun nahe dem Fuschlsee. Cilli kam dort 1934 als Tochter der Bauersleute Johann und Martina Höfner zur Welt. Sie war immer schon eine „Besondere“, wird über sie erzählt. Von Bauerntöchtern wurde damals erwartet, dass sie nach der Volksschule so lange als Dirn arbeiteten, bis (vielleicht?) der Richtige auftauchte. Das war aber ganz und gar nicht nach Cillis Geschmack. Sie bearbeitete ihre Eltern so lange, bis ihr zugestanden wurde, eine Landwirtschaftsschule ihrer Wahl zu besuchen. Und sie wählte. Aber nicht nach Kleßheim, Elixhausen oder Oberalm wollte sie, sondern ausgerechnet nach Lunden, einem Städtchen an der Nordsee nahe der dänischen Grenze!

Dort gefiel es ihr. Alles war neu und aufregend, der Unterricht interessant und die Leute freundlich. Aber etwas störte sie: Die Mitschülerinnen redeten privat nur in Plattdeutsch miteinander, für Cilli eine unverständliche Fremdsprache. Es gab jedoch in der Klasse noch zwei Mädchen, denen es genau so erging, und die waren aus Island. Geteiltes Leid ist halbes Leid, die Flachgauerin und die Nordländerinnen wurden Freundinnen.

Als die schöne Schulzeit an der Nordsee vorbei war, blieb man brieflich in Verbindung. Ein paar Jahre vergingen…

Im Dezember 1956 kam ein Brief aus Island. Sie hätte, schrieb die Freundin, für Cilli einen Arbeitsplatz als Kindermädchen gefunden, und zwar beim Schuldirektor von Isafjördur. Cilli möge sich schnell entscheiden!

Nun war in Unterhirschberg Feuer am Dach: Die Eltern vehement dagegen, Cilli mit Leidenschaft dafür. Die Schwestern Martina und Annemarie beobachteten gespannt, wie dieser Machtkampf ausgehen würde. Schließlich wurde die Mutter wankend und meinte, das Lausdirndl solle doch dort oben einmal einen Winter lang richtig frieren, dann würden ihr die Flausen schon vergehen. Cilli, die ja schon volljährig war, beendete die Diskussion, indem sie das Angebot annahm und fortzog – für immer.

Die Flugreise von Hamburg nach Reykjavik und die Schiffsfahrt nach Isafjördur wurde vom zukünftigen Dienstherren im Vorhinein bezahlt. Wo liegt Isafjördur? Als Cilli feststellte, dass ihr Reiseziel auf einer Halbinsel im äußersten Nordwesten von Island lag, ganz nahe am Polarkreis, ahnte sie nicht, dass diese Gegend auch für Isländer so etwas wie das Ende der Welt bedeutet. Auf der Schiffsreise dorthin zeigte sich die Insel von der rauen Seite: Polarnacht, Kälte, Sturm, hohe Wellen. Cilli wurde seekrank. Sie fühlte sich so übel, dass sie nach mehrtägiger Fahrt fast das Erreichen ihres Reiseziels verpasst hätte. Der Dampfer konnte wegen des hohen Seegangs nicht anlegen, hilfsbereite Hände hoben sie samt Koffer in ein Ruderboot und brachten sie ans Ufer. Dort wurde sie bereits erwartet, zum Haus des Schuldirektors geleitet und bestens versorgt. Sie war glücklich!

Cilli wird Isländerin

In Isafjördur – der Name bedeutet Eisfjord – herrscht im Winter monatelang Finsternis, im Sommer bleibt es Tag und Nacht hell. Die Tageseinteilung richtet sich nicht nach Licht und Dunkel, sondern nach der Uhr. Cilli fand sich schnell zurecht, die Arbeit ging ihr leicht von der Hand und die Leute waren freundlich. Verständigen konnte sie sich allerdings nur mit dem bisschen Englisch, das sie in Lunden gelernt hatte. In ihren ersten Briefen war immer davon die Rede, wie sehr sie ihre Muttersprache vermisste. Dann schrieb sie eines Tages von einem Gerücht, dass ein Deutschlehrer an die Schule kommen würde und wie sehr sie sich darauf freue. Der Deutschlehrer kam wirklich, aber welche Enttäuschung! Er erwies sich als redefaul. „Wenn ich den heute etwas frage,“ beklagte sich Cilli, „krieg ich in drei Tagen eine Antwort!“

Der nächste Brief aber schlug wie ein Blitz ein: „Wir heiraten!“ Sie hatte den Mann zum Reden gebracht! Helle Aufregung in Cillis Elternhaus, gegenseitige Vorwürfe, der Vater: „Ich hab’s doch gleich schon g’sagt, aber niemand hat mir geglaubt…“ Die Mutter, von Selbstvorwürfen gequält, trat in den Hungerstreik. Nun ergriffen Cillis Schwestern das häusliche Ruder. Es gelang ihnen, für ihre Eltern in Salzburg ein Treffen mit einem Islandkenner zu organisieren, der ihnen die größten Sorgen ausreden konnte: Island sei ein wunderschönes und zivilisiertes Land, ihre Tochter würde dort glücklich werden, sie sollten so bald wie möglich hinfahren und sich selbst ein Bild machen… Die Hochzeit wurde in Hof gefeiert, im Gasthof zur Post. Die Trauung musste in der evangelischen Kirche zu Salzburg stattfinden, da für Katholiken damals Heiraten mit Andersgläubigen nicht erlaubt waren.

Cilli war nun isländische Staatsbürgerin mit dem Familiennamen Johannsdottir (Tochter des Johann).

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Heimat Seydisfjördur

Cillis Ehemann Emil entstammte einem Bauerngeschlecht aus den Ostfjorden. Es gelang ihm, nach der Heirat an die Volksschule seines Heimatortes Seydisfjördur versetzt zu werden. Cilli fand dort einen Arbeitsplatz in einer Fischfabrik. Nach Jahren harter Arbeit und eiserner Sparsamkeit konnte das junge Paar ein Haus erbauen.

Cillis Briefe wurden in Hof mit großem Interesse gelesen und weckten Reiselust. Den Anfang machten die Schwestern. In jugendlichem Optimismus fuhren sie schon los, wenn sie nur für die Hinfahrt das Geld hatten. Hauptsache, dachten sie, man war einmal dort, alles Übrige würde sich schon finden. Und es fand sich, allerdings erst nach monatelanger Arbeit in der Fischfabrik. Annemarie musste sogar, um wieder heimreisen zu können, ein Jahr dort ausharren. „Ich hab den Fischen die Köpf‘ abhacken müssen“, erzählt sie heute, „und dabei hat mir so bitter gegraust!“ Auch die Mutter wagte die Reise. Der Vater allerdings wollte von dem „Island da oben“ nichts hören und sehen. Dafür reisten andere Verwandte und Bekannte hin, Fahrten von Hof nach Island kamen in Mode. Gegenbesuche aus dem Norden ließen nicht auf sich warten, Hof und Seydisfjördur wurde so etwas wie inoffizielle Partnergemeinden. Und den Isländern gefiel es bei uns! Besonders begeistert waren sie über die Mehlspeisen der Martina und den (ihrer Meinung nach) warmen Fuschlsee.

Bei Cilli und Emil gab es reichen Kindersegen: eine Tochter, vier Söhne und acht Enkelkinder! Aber trotz allem Familienglück litt Cilli an Heimweh. Etwas vermisste sie ganz besonders: Wälder! In Island hatte man diese des Schiffbaues wegen im Mittelalter abgeholzt, spätere Aufforstungsversuche waren gescheitert. Cilli aber wollte unbedingt einen Wald! Sie ließ sich fachkundig beraten, suchte einen windgeschützten Platz und pflanzte Nadelbäume. Etliche davon stammten aus Salzburger Gärtnereien. Und siehe da: Die Bäume wuchsen und gediehen zu einem kleinen Wald!

Ihre Urenkel konnte Cilli leider nicht mehr erleben, sie erlag 1995 einem Krebsleiden. Das Steingrab steht in ihrem Wald und trägt den heimatlichen Mädchennamen: Cäcilia Höfner. Die Leute von Seydisfjördur nennen den Platz „Cillis Hain“.

5 Vor Hagel, Blitz und Ungewitter

Bewahre uns der Herr! So hieß es früher beim Wettersegen im Hochamt. Diese Bitte hatte (und hat wohl noch) für Almleute besonderen Sinn.

Im September 1954 begann ich in der 6.Klasse (7. Und 8.Schulstufe) der Volksschule Unken mein Lehrerdasein. Am Montag der 3.Schulwoche, es war der 2.Oktober, empfingen mich die Kinder mit einer Schreckensnachricht: „Herr Lehrer, gestern ist der Wimmer Franzi auf der Alm erfroren!“ Wie konnte das passieren? Im Vertrauen auf einen schönen Herbst hatte man auf der Reiter Alpe den Abtrieb der Schafe bis in den Oktober aufgeschoben. Ende September aber merkten die Bauern an verschiedenen Zeichen, dass ein Wettersturz bevorstand. Nun bemühte man sich fieberhaft um die Rettung der Tiere. In der Ortschaft Reith wurden Suchtrupps zusammengestellt, bei denen sich auch der vierzehnjährige Franzi meldete.

Am 1.Oktober erfolgte vor dem Morgengrauen, bei Nebel und Nieselregen, der Anstieg. Als die Schafsucher das Plateau erreichten, brach ein Schneesturm los. Man konnte die Hand vor den Augen nicht sehen! Die Gesichter von Eiskörnern verschwollen, irrten die Männer stundenlang orientierungslos durch das Gelände. Franzi war diesen Anstrengungen nicht gewachsen. Obwohl es gelang, Hilfe zu holen – der Hüttenwirt der Traunsteiner Hütte kam mit einer „Kraxen“ – starb der Bub an Erschöpfung.

6 Die Sennerin von der Dickkopfalm und ihr "Bruada"

Die Dickkopfalm hat ihren Namen von einer 1204 Meter hohen Bergkuppe, die das Heutal vom Unkental trennt. Vor gut 60 Jahren werkte dort die Sennerin Moidi.

Moidis heimlicher Freund Seppi, von dem niemand wissen durfte, arbeitete bei den bayerischen Saalforsten und konnte sie während des Almsommers oft unauffällig besuchen. So auch an einem Septembernachmittag des Jahres 1957. Sommergäste waren zu dieser Jahreszeit nicht mehr zu erwarten, die Arbeit war getan, Moidi und Seppi genossen in Ruhe ihre Zweisamkeit. Plötzlich schreckten sie auf: Laute Stimmen, die Tür flog auf und ein Rudel Wanderer füllte die Hütte. Sie stammten alle, das war unschwer zu erkennen, aus dem Norden von Deutschland und fielen damals unter den Sammelbegriff „Preußen“. Händeschütteln, Begrüßungstrara! Dann ergriff Moidi das Wort: „Grüaß Gott beinand! I bin die Moidi und der dort,“ sie wies auf den Seppi, „is mei Bruada. In seiner Freizeit kommt er zu mir rauf, damit i net soviel allein sein und mi fürchten muaß. Bei der Arbeit hilft er mir auch!“

Die Besucher waren gerührt. Bruder und Schwester halten zusammen, dass es so etwas noch gibt! Na ja, die unverdorbenen Naturkinder! „Ich habe auch Sohn und Tochter“, erzählte eine Dame, „aber die sind miteinander wie Hund und Katz!“ „Man sollte unsere Jugend einmal hierher mitnehmen, damit sie sich ein Beispiel nehmen können“. Als sich die Gäste verabschiedeten, bekam Seppi nochmals dickes Lob zu hören, so dass er selbst ganz gerührt war… Natürlich erzählten die Sommerfrischler ihren Hausleuten alles und die machten große Augen. Die Moidi hat an Bruada? Seit wann denn?

Noch im gleichen Herbst standen Moidi und Sepp vor dem Traualtar. Damit a Ruah is!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

7 Die klugen Kühe von der Eggeralm

Hochalm nennen die Unkener das Gebiet unterm Sonntagshorn, in dem auf 1600 Meter Seehöhe ein Dutzend Almen so etwas wie ein kleines Dorf bilden.

Sebastian Wimmer, Altbauer vom Eggerhof in Unken, geb. 1917, verbrachte ab dem Alter von fünf Jahren alle Sommer dort oben und hat mir viel erzählt. Wöchentliche Zusammenkünfte waren immer schon Brauch, meist an Donnerstagen, die Verständigung erfolgte durch Juchezer. Man traf sich abwechselnd in den verschiedenen Almhütten. Wenn alle beisammen waren, wurde zuerst der Rosenkranz gebetet, als Bitte um gutes Wetter. Anschließend besprach man gemeinsame Probleme und zuletzt wurde es lustig: eine „Zugin“ erklang, die Schnapsflasche kreiste, Gstanzl wurden angestimmt… Um Mitternacht war Schluss, denn pünktlich um fünf Uhr standen die Kühe vor der Tür und brüllten nach dem Melker.

In den Siebzigerjahren, erzählte mir der Egger, gab es einmal eine ungewöhnlich lange Schönwetterperiode. Die ganze Zeit kein Wölklein am Himmel, ein Traumwetter wie kaum einmal. Eines Nachmittags aber zeigten die Kühe nach dem Melken ein sonderbares Verhalten. Normalerweise gingen sie um diese Zeit auf die Weide hinaus zu ihren Schlafplätzen am Waldrand, diesmal aber blieben sie vor der Hütte stehen und waren nicht fortzubringen. Es half kein Schimpfen und Schieben. Der Nachbar von der Brandlalm blieb stehen: „Was is da los? Warum wollen deine Küah net weiter?“ „Was woaß i“, schrie der Egger zurück, „sie wollen einfach net!“ Schließlich gab der Senner nach und die Kühe drängten – bei Sonnenschein! - in den Stall zurück.

Was sagte der Wetterbericht? Nichts Besonderes, nur von „Fortbestand des …“ war die Rede. Die Almleute saßen auf den Hausbänken und genossen den schönen Abend…So um 22 Uhr kam eiskalter Wind auf, der sich in Minutenschnelle in einen Sturm mit Blitz und Donner verwandelte. Hagel donnerte aufs Dach und dichtes Schneetreiben setzte ein…Am nächsten Morgen glänzte die Landschaft in weißer Winterpracht! Der Egger stellte zufrieden fest, dass an der Almhütte außer ein paar kleinen Schäden nichts passiert war. Dann ging er in den Stall. „Und ob du mir glaubst oder net“, erzählte er mir, „die Küah haben mich ang’schaut, als wollten sie sagen: ‚Na, was sagst jetzt?‘ “

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Grenzhäusl, hinten von rechts Anton und zweiter Bernhard

8 „Mein Vater war Einleger

Und das schon mit acht Jahren!“ Mit diesen Worten begann Bernhard Ponemayr, geb. 1937, pensionierter Direktor der Raiffeisenkassa Annaberg, bei der Feier zu seinem „Achtziger“ mit der Erzählung seines Lebenslaufes. Es war ein sehr realistischer Rückblick auf die sogenannte gute, alte Zeit.

Großvater Johann Ponemayr, geb.1852, Bauernsohn aus St.Veit i. Pg., hatte es mit viel Fleiß und Ehrgeiz zum Förster von Embach (Pinzgau) gebracht. Ihm war ein tragisches Schicksal beschieden: Er vergiftete sich beim Legen von Fuchsködern, wurde berufsunfähig und starb nach langem Siechtum. Bald darauf starb auch seine (zweite) Frau und sechs Kinder wurden zu Vollwaisen. Sie wurden „ausgestiftet“, in alle Himmelsrichtungen verteilt, verloren sich aus den Augen, wussten nichts mehr voneinander… Anton Bonimaier (den Familiennamen gibt es bis heute in zwei verschiedenen Schreibungen), Bernhards späterer Vater, das Jüngste der sechs Waisenkinder, musste von der Gemeinde Altenmarkt aufgenommen werden, da die verstorbene Mutter dort das Heimatrecht gehabt hatte. Dies geschah wohl widerwillig, denn ein richtiges Platzerl gab es für den Kleinen nicht. Der erst Achtjährige wurde als „Einlegerkind“ von Hof zu Hof weitergereicht, oft von einem Tag zum anderen. Erst mit 12 Jahren fand sich für ihn eine Bleibe, als sich zwei ältere Schwestern, die Besitzerinnen vom Strangerhof, seiner erbarmten und ihn aufnahmen.

Aber der Bub war eine harte Nuss und ließ sich nicht kleinkriegen. Er ging gerne in die Schule, durfte Ministrant werden und bekam - auf Drängen des Pfarrers! - einen Studienplatz am Stiftsgymnasium Stams in Tirol. Aber leider!

Ihm und einem Schulfreund, ebenfalls einem Altenmarkter, gefiel es dort überhaupt nicht, die Buben litten unter Heimweh. Sie lösten das Problem auf einfache Art, verschwanden heimlich und marschierten zu Fuß heim, über 200 km!

Bis zur Vollendung der Schulpflicht blieb Anton beim Scheikbauern, anschließend fand er eine Anstellung als Landarbeiter auf Schloss Höch in Reitdorf.

[...]

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Am Land draußen. Wahre Geschichten aus Salzburgs Gauen
Autor
Jahr
2020
Seiten
100
Katalognummer
V949846
ISBN (eBook)
9783346291011
ISBN (Buch)
9783346291028
Sprache
Deutsch
Schlagworte
land, wahre, geschichten, salzburgs, grauen
Arbeit zitieren
Arno Mueller (Autor:in), 2020, Am Land draußen. Wahre Geschichten aus Salzburgs Gauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/949846

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