Massenvergewaltigung als Kriegsstrategie im serbisch-bosnischen Krieg 1992-1995


Hausarbeit, 2008

35 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Versuch einer begrifflichen und theoretischen Einordnung
2.1. Vergewaltigung, Sexualität und Geschlecht
2.2. Die Funktionen von Vergewaltigung im Krieg
2.2.1. Der sozio-kultureller Akt
2.2.2. Der symbolischer Akt
2.2.3. Der kommunikative Akt
2.3. Massenvergewaltigungen in Bosnien als Strategie des Völkermords?
2.4. Schlussfolgerung

3. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien 1991-1995
3.1. Kriegsverlauf
3.2. Massenvergewaltigungen im Krieg und andere Kriegsverbrechen

4. Der sozio-politische und historische Hintergrund
4.1. Geo-politische Identitäten
4.2. Historische Identitäten
4.3. Geschlechterrollen und gesellschaftliche Einflüsse

5. Reaktionen auf die Massenvergewaltigungen und das Problem der theoretischen Einordnung
5.1. Reaktionen nach dem Krieg in den beteiligten Staaten
5.2. Die feministischen Reaktionen
5.3. Definitionsprobleme im internationalen Recht
5.4. Die Fragen nach Verantwortlichkeit und kollektiven Verbrechen

6. Fazit und Kritik

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist die historische und sozio-politische Analyse von Massenvergewaltigungen im serbisch-bosnischen Krieg 1992-1995.

2. Versuch einer begrifflichen und theoretischen Einordnung

2.1. Vergewaltigung, Sexualität und Geschlecht

In der Forschung wird inzwischen häufig verneint, dass es sich bei Vergewaltigungen vorranging um einen Sexualakt handelt, da in der Mehrheit der Fälle nicht das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung als Motiv für den Täter dient. Vielmehr handelt es sich um eine Gewalttat, bei der die Befriedigung aus der Demütigung und Erniedrigung des Opfers und des Gefühls der Macht beim Täter resultiert.1

Dennoch schließt dies nicht aus, dass keine sexuelle Bedeutung vorliegt, denn die Vergewaltigung beeinflusst die Sexualität/sexuelle Identität des Opfers (und des Täters) nachhaltig. Vergewaltigung ist außerdem eine Gewalttat, die immer auf einer sexuellen Handlung beruht. Sie wird bewusst eingesetzt, um das Opfer durch diese intime Handlung zu demütigen und zu foltern.2

Sowohl bei Vergewaltigungen im Krieg als auch bei Vergewaltigungen in Friedenszeiten sind Frauen im Vergleich zu Männern die größere Opfergruppe. Diese Tatsache zeigt, dass dem Akt eine geschlechtsspezifische Bedeutung zugewiesen wird, auch wenn nicht zwangsläufig eine primär sexuelle Bedeutung der Handlung vorliegt.

Kein Akt der gegen das Geschlecht des Opfers gerichtet ist, hebt aber zwangsläufig andere Aspekte der Identität auf oder marginalisiert sie. Die geschlechtsspezifische Identität der vergewaltigten Frauen im Bosnienkrieg ist verknüpft mit ihrer Religionszugehörigkeit, Ethnie und Nationalität.3

Es ist absolut notwendig, darauf hinzuweisen, dass beide Geschlechter sowie alle Altersgruppen zu den Opfern zählten. Auch wenn Vergewaltigungen von Männern weniger häufig vorzukommen scheinen, beziehungsweise dokumentiert werden, sind sie trotzdem Teil der Kriegsrealität und verweisen darauf, dass es nicht ausreicht Frauen aufgrund ihres Geschlechts als natürliche Opfer anzunehmen.4

2.2. Die Funktionen von Vergewaltigung im Krieg

2.2.1. Der sozio-kultureller Akt

Bei dem Vergleich von Vergewaltigungen in Friedenszeiten und im Krieg wird deutlich, dass der weibliche Körper in beiden Fällen sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Bedeutungen zugewiesen bekommt.5

Vergewaltigungen im Krieg sind verknüpft mit gesellschaftlichen Normen und Werten bezüglich beider Geschlechterrollen und der Bewertung von männlicher und weiblicher Sexualität. Der Einsatz von Gewalt gegen Frauen im Krieg steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Bedeutung von Sexualität, Ehre und dem weiblichen Körper in der gesellschaftlichen Ordnung, wie sie zu Friedenszeiten existiert. Vergewaltigung im Krieg ist daher keine Anomalie sondern verknüpft mit bereits existierenden sozio-kulturellen Dynamiken. Daher kann Massenvergewaltigung im Krieg nur dann eine wirksame Strategie sein, wenn sowohl Täter als auch Opfer ihre spezifische soziologische Bedeutung verstehen.6

Geschlechtsspezifische Gewalt im Krieg hat ihre Wurzeln und Parallelen in der alltäglichen Gewalt gegen Frauen. In Friedenszeiten werden Elemente des individuellen weiblichen Körpers, vor allem jene Aspekte, die mit Sexualität und Reproduktion verbunden sind, als Ausgangspunkt für Aggression und Dominanz gegenüber Frauen benutzt. Während des Krieges verliert der weibliche Körper einer Frau größtenteils sein individuelles Potential und wird als ein sozialer Körper verstanden. Nach dem Krieg kehrt sich diese Bedeutungszuweisung wieder um und der weibliche Körper erhält seine individuelle Bedeutung zurück, welche sich vor allem in den Angriffen der Gesellschaft auf die im Krieg vergewaltigten Frauen äußert.7 Im Zuge dieser Verschiebung erhält die Vergewaltigung, vor allem die Massenvergewaltigung im Krieg, eine symbolische Funktion.

2.2.2. Der symbolischer Akt

Der weibliche Körper repräsentiert aufgrund seiner reproduktiven Eigenschaften in vielen Gesellschaften den „Volkskörper“. Gewalt gegen den weiblichen Körper bekommt somit eine symbolische Bedeutung, weil der Körper eine kulturelle und nationale Repräsentanz darstellt. Die Tötung und Verwundung von Frauen zielt in diesem Kontext nicht nur auf die individuelle sondern auch auf die kollektive Integrität der feindlichen Volksgruppe ab.8 Im bosnisch-serbischen Fall kommen außerdem zwei weitere symbolische Elemente hinzu, die vor einem spezifischen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund funktionieren: In Kulturen in denen großer Wert auf die sexuelle Unschuld und die Jungfräulichkeit von Frauen gelegt wird, stellt die Vergewaltigung eine Beschmutzung und Verunreinigung der Frau, ihrer Ehre, der Ehre ihres Mannes, der Familie und der Gemeinschaft dar. Fügt man dieser Vorstellung noch einen biologischen Rassismus hinzu, so findet außerdem eine Verunreinigung des Blutes statt, vor allem wenn die Vergewaltigung eine Schwangerschaft zur Folge hat.9

Eine solche Bedeutungszuweisung hat über den Krieg hinaus gesellschaftliche und individuelle Folgen, die auch nach Beendigung der Kampfhandlungen nachwirken. Indem die Vergewaltigung primär als Angriff auf die männlichen Mitglieder der Gemeinschaft angesehen wird, kann die Narration einer vergewaltigten Frau nach dem Krieg kaum eine Rolle in der kulturellen und kollektiven Erinnerung spielen. Damit werden die Erfahrungen der betroffenen Frauen marginalisiert und das erlittene Trauma weiter verstärkt. Vergewaltigung ist damit eine Waffe, die einer Gemeinschaft auch nach dem Krieg erheblichen Schaden zufügen kann.10

2.2.3. Der kommunikative Akt

Aufgrund der zugeschriebenen kulturellen und sozialen Bedeutung zeigt sich eine weitere Funktion von Vergewaltigung im Krieg: es handelt sich um einen kommunikativen Akt von Mann zu Mann über den Körper der Frau hinweg. Der weibliche Körper wird ein soziales Territorium, über dessen „Besitz“ die Hierarchien zwischen den verfeindeten Gruppen definiert werden. Die Vergewaltigung der Frau ist nicht nur ein Angriff auf die Ehre und Integrität der Männer der feindlichen Volksgruppe, sie symbolisiert auch den Verlust des nationalen Besitzes und legt damit eine hierarchische Beziehung zwischen „Siegern“ und „Besiegten“ fest.11

2.3. Massenvergewaltigungen in Bosnien als Strategie des Völkermords?

Folgt man der Theorie, dass der weibliche Körper vor allem im Krieg mit einer Vielzahl von nationalen, kulturellen und ideologischen Bedeutungen belegt wird, gelangt man zu der Frage, ob es sich im serbisch-bosnischen Fall um Massenvergewaltigung als Instrument des Völkermordes handelt und ob auf dem Körper der bosnischen Frau symbolisch die Minderwertigkeit der Bosnier dargestellt und ein Vernichtungsfeldzug gegen ihre ethnische und kulturelle Integrität geführt wurde?12

Grundsätzlich ist Genozid ein Merkmal des Prozesses, in dem eine „Nation“ konstruiert wird. Das theoretische Konzept der Nation beinhaltet die Vorstellung von ethnischer und kultureller Homogenität, die die Anwesenheit „fremder Elemente“ auf dem nationalen Territorium ausschließt. In dieser Vorstellung gleichen sich alle nationalen Ideologien, doch sie stellen zunächst einmal nur die Dominanz eines nationalen Anspruches und einen symbolischen Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen dar. Genozid übersetzt diese Ideologie in eine tatsächliche Auslöschung des „Fremden“.13 Der Völkermord erfolgt dabei in zwei Phasen. Zunächst werden die nationalen Strukturen (Territorium, Genealogie, Kultur) der feindlichen Volksgruppe zerstört und danach die neu definierten, dominanten nationalen Strukturen implementiert. Genozid richtet sich dabei gegen Individuen nicht in ihre Kapazität als Individuen sondern als Mitglieder einer Volksgruppe.14

Vergewaltigung kann daher als ein struktureller Bestandteil von Genozid gesehen werden, der als ethnische Säuberung praktiziert wird. Denn systematische Vergewaltigungen dieser Art sind nicht das Resultat spontaner Handlungen einzelner Vergewaltiger, sondern folgen einer übergeordneten Logik.15

Ethnische Säuberung ist in diesem Zusammenhang die konzeptionelle Praxis zwei in der Nation institutionalisierte Modi von Verhalten und Wahrnehmung: (1) territoriale Souveränität einer einzigen ethnisch homogenen Gruppe und (2) Heterosexualität. Während die Nation nach innen eine Geburtenpolitik betreibt, richtet sich die Völkermordpolitik nach außen, um neue physische und soziale Grenzen zu erschaffen. Dies trifft vor allem dann zu, wenn der Nationalstaat sich in einem Zustand der Liminalität befindet (wie dies nach dem Zerfall Jugoslawiens der Fall war) und Nationalität, Territorium und ethnische Identität neu definiert werden.

Der Fokus auf eine Ideologie der Heterosexualität und der Geburt von Kindern, die den souveränen Anspruch auf das nationale Territorium verstärken sollen, bietet auch einen Erklärungsansatz, warum Frauen und nicht Männer die primäre Opfergruppe von Vergewaltigungen im Krieg sind. Der vergewaltigte Körper wird als das ethnische Territorium selbst konstruiert und als „verunreinigtes Objekt“ vom reinen Territorium der homogenen Nation ausgeschlossen.16

Dieser Logik entspricht auch die Idee der biologischen oder genetischen Kriegsführung in Form von Vergewaltigung beziehungsweise erzwungener Schwangerschaft.17

Beverly Allen zeigt mit ihrer Definition der Vergewaltigungen im Bosnienkrieg durch das serbische Militär, die serbische Polizei und serbische Milizeinheiten auf, dass durchaus von einer Völkermordstrategie gesprochen werden kann.

Sie beschreibt drei Formen vom systematischen Einsatz von Vergewaltigung in Bosnien:

1. Serbische Milizen vergewaltigen öffentlich einige Frauen in einem bosnischen Dorf und verlassen den Ort wieder. Diese Aktion dient der Verbreitung von Angst und Terror unter den Dorfbewohnern, sodass die serbische Armee, die sich einige Tage später dem Dorf nähert, kaum auf Widerstand der Bevölkerung trifft. Die Soldaten bieten den Dorfbewohnern an, auf weitere Gewalt zu verzichten, solange diese das Gebiet verlassen und niemals zurückkehren.
2. Bosnische Frauen werden von serbischen Einheiten in Lager verschleppt und dort im Zuge von Folter, die der anschließenden Ermordung vorausgeht, vergewaltigt.
3. Die Frauen werden festgenommen, in Lagern interniert und systematisch über einen längeren Zeitraum vergewaltigt. Diese Folter endet entweder mit dem Tod der Frauen oder mit Schwangerschaft. Die Frauen werden im Anschluss solange festgehalten, bis die Schwangerschaft nicht mehr abgebrochen werden kann.

Alle drei Fälle dienen dem gleichen Ziel: der schlussendlichen Abwesenheit von Bosniern auf dem Territorium, dass die Täter als serbische Nation definieren. Die angewendeten Methoden reichen dabei von Tötung, Vertreibung aus Dörfern und Städten ohne Möglichkeit der Rückkehr, sowie der erzwungene Geburt von serbischen Kindern, die, der Logik der Täter folgend, keine identitätsbestimmenden Merkmale der Mutter übernehmen.18

Die Vergewaltigung dient im individuellen Fall dem Ziel das Opfer zu traumatisieren, zu erniedrigen und zu dominieren und geht häufig weiterer Folter beziehungsweise der Tötung voraus. Überlebende Opfer sehen sich mit dem Verlust all jener Lebensfaktoren konfrontiert, die eine zukünftige Existenz bestimmt hätten. Ihre Familienmitglieder sind häufig ebenfalls getötet worden, ihre Häuser, Dörfer und Städte sind zerstört, sie haben multiple psychische und physische Verletzungen erlitten. Diese beabsichtigten Folgen der eigentlichen Vergewaltigung und Folter sind Garanten dafür, dass die Opfer nicht in ihr altes Lebensumfeld zurückkehren können und werden. Diesem Ziel dient auch die öffentliche Vergewaltigung von Frauen in ihren Dörfern und Gemeinden. Die Vergewaltigung vor den Augen von Familie und Nachbarn hat zur Folge, dass das ursprüngliche Lebensumfeld mit dem erlittenen Trauma assoziiert wird.19

2.4. Schlussfolgerung

Der serbisch-bosnische Fall demonstriert, wie Vergewaltigungen keine Randerscheinung sondern integraler Bestandteil eines Krieges sind. Die verschiedenen Funktionen die Vergewaltigung im Krieg besitzen kann und die Systematik, mit der die Massenvergewaltigungen durchgeführt wurden, widerlegt auch abschließend, dass es sich dabei doch nur um den extremen Ausdruck des männlichen Sexualtriebs oder der männlichen Natur handelt. Auch Erklärungsversuche, die auf einen sozialen Akt abzielen, der ahistorisch oder transhistorisch und universell ist und aus dem Bedürfnis der Männer nach Unterdrückung der Frau resultiert, erklären nicht ausreichend die Motive und Hintergründe von Massenvergewaltigungen wie sie in Bosnien stattgefunden haben.20

Eine Analyse der Ereignisse muss auf verschiedenen Erklärungsebenen stattfinden, die sowohl historische Hintergründe, politische Strukturen, sowie kulturelle Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität beinhalten.21 Darüber hinaus stellt sich immer auch die Frage nach den Ursachen solcher kollektiv begangener Verbrechen, deren Wirkung und Bedeutung über den eigentlichen Krieg hinaus geht und individuelle wie auch politische Folgen hat.22 Denn trotz aller Systematik und Logik, die den Massenvergewaltigungen zugeschrieben wird, ist es problematisch nur auf die Funktionalität und Zweckrationalität des nationalen Prozesses zu verweisen und die Frage nach individuellen Handlungsentscheidungen nicht zu stellen.

3. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien 1991-1995

3.1. Kriegsverlauf

Nach dem Tod Titos 1980 wurde Jugoslawien noch etwa 10 Jahre von Kollektivregierungen nach einem Rotationsprinzip geführt, aber aufgrund verschiedener ökonomischer und nationaler Interessen, sowie dem schwächer werdenden Realsozialismus als ideologischen Integrationsfaktor, war der Zerfall des Staates nur eine Frage der Zeit.23 1990 fanden in Jugoslawien freie Wahlen statt, wobei sich jene Fraktionen durchsetzten, deren Kernbotschaft ein klassischer Nationalismus darstellte. Die Ergebnisse zeigten deutlich den Machtverlust der sozialistischen Parteien (mit Ausnahme Serbiens) und das Erstarken nationalistischer und separatistischer Bewegungen.24 Die politischen Eliten, die sich durch diese Wahl etablierten, bemühten sich, diese nationale Idee auch in die Realität umzusetzen. Das Ergebnis waren fünf Nationalstaaten (Kroatien, Makedonien, Montenegro, Serbien und Slowenien), die ihre Souveränität auf die zugehörige nationale und ethnische Mehrheit stützten.25 Bei der Parlamentswahl in Bosnien im November 1990 erhielt die Partei „bosnischer Moslems“ die relative aber nicht absolute Mehrheit. Die beiden anderen stärksten Fraktionen waren die Partei der Serben in Bosnien und die HDZ, die mit der kroatischen Partei im Mutterland identisch war. Dieses Wahlergebnis zeigte bereits die Polarisierung und das komplexe Mehrheitsverhältnis der zukünftigen Kriegsparteien.26

Im Juni 1991 deklarierten Kroatien und Slowenien offiziell ihre Unabhängigkeit, die von der Europäischen Union anerkannt wurde, mit dem Hinweis, dass auch andere Staaten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien anerkannt werden würden.27

Im Kontext dieser neuen Nationalstaaten konnten die bisher ethnisch gemischten Regionen nicht weiter existieren. Bereits während der Wahlen hatten sich gegenseitige ethnische Feindseligkeiten zwischen den einzelnen Volksgruppen gezeigt. Der Klassenfeind der kommunistischen Ideologie wurde durch den nationalen Feind ersetzt, der häufig durch die größte ethnische Minderheit im jeweiligen Gebiet verkörpert wurde.28

Im Zuge dieser sozio-politischen Abgrenzung wurden auch die nationalen Territorien bestimmt und Serbien und Kroatien erhoben beide Ansprüche auf Gebiete in Bosnien-Herzegowina. Gleichzeitig fand zwischen den beiden Gebieten ein fast vollständiger Austausch der Bevölkerung statt. Zwischen Juni 1991 und August 1995 verließen mehr als 85% der serbischen Bevölkerung kroatisches Gebiet (mit Ausnahme von Sarajevo).29

Betrachtet man die ethnische Verteilung auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien zu Kriegsbeginn, wird deutlich, dass die Konfliktherde für militärische Auseinandersetzungen eben jene Regionen und Städte sind, in denen keine absolute ethnische Mehrheit herrscht. Während Slowenien ethnisch relativ homogen und damit weniger konfliktgefährdet war, sind es in Kroatien vor allem Städte wie Krajina und Vukovar, die einen großen serbischen Bevölkerungsanteil und damit das größte Konfliktpotential aufweisen.30

In den neu begründeten Nationalstaaten wurden sehr schnell neue Bürgerrechte eingeführt, die auf die Diskriminierung von ethnischen Minderheiten abzielten. Gleichzeitig erweiterten diese Gesetze aber die Staatsbürgerschaft auf nicht-ansässige Mitglieder der ethnischen und nationalen Gemeinschaft. Damit wurden Mitglieder ethnischer Minderheiten Fremde in einer geografischen Region, zu dem sie sich bis zu diesem Zeitpunkt zugehörig gefühlt hatten.31

Die ersten Kriegshandlungen brachen bereits im Frühjahr 1991 zwischen Kroaten und Serben aus. Im Januar 1991 hatte der kroatische Staatspräsident Tudjman die kroatische Nationalarmee gegründet, die sich im Kriegsverlauf vor allem durch illegalen Waffenhandel zu einer schlagkräftigen Nationalarmee entwickelte. Das Waffenarsenal der Jugoslawischen Armee war nach dem Zerfall des Staates in serbischen Besitz übergegangen und stellte die Basis der serbischen Nationalarmee dar.32

Zum Zeitpunkt der kroatischen Unabhängigkeit kontrollierten serbische Einheiten ein Drittel des vorgesehen kroatischen Staatsgebietes. Serbien benutzte im Zuge seiner territorialen Ansprüche kroatische Gebiete mit absoluter serbischer Bevölkerungsmehrheit als Rechtfertigung, um bis zum Ende des Jahres 1991 zwei Drittel des kroatischen Territoriums zu erobern. Die ersten blutigen Kriegshandlungen brachen daher in Krajina aus. Serbien begann einen Krieg mit dem Ziel der Errichtung Großserbiens.33

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verhängte im September 1991 ein Waffenembargo über alle Kriegsparteien und entsandte 1992 internationale Truppen nach Kroatien, die einen Waffenstillstand und das Ende der Kampfhandlungen sicherstellen sollten. Doch obwohl die Kriegshandlungen offiziell in diesem Jahr endeten, verblieben große Gebiete Kroatiens noch bis August 1995 unter serbischer Besatzung, bis die kroatische Gegenoffensive praktisch alle von Serbien besetzten Gebiete zurückerobert hatte.34

Der Kriegsschauplatz verlagerte sich ab 1992 nach Bosnien-Herzegowina. Das Referendum über die Unabhängigkeit der ehemaligen Republik wurde von den serbischen, christlich-orthodoxen 31% der Bevölkerung weitgehend boykottiert. Der serbische Angriff auf bosnisches Territorium folgte unmittelbar, ohne dass sich die Aggressoren einer umfassenden Rechtfertigung bedienten. Es ging vorrangig um den Anschluss serbisch besiedelter Gebiete an „Großserbien“. Als Resultat wurden 60% von Bosnien-Herzegowina besetzt und die muslimische und kroatische Bevölkerung durch systematische Kriegsverbrechen vertrieben. Im Dezember 1992 wurde Radovan Karadžić der erste Präsident der Serbischen Republik von Bosnien-Herzegowina.35

Die Annexion der von Serbien eroberten Gebiete war bereits im Frühjahr 1992 abgeschlossen und wurde bis 1995 weitgehend beibehalten. Die muslimische Bevölkerung in Bosnien-Herzegowina befand sich in einer Situation militärischer und wirtschaftlicher Isolation, was den Ausbruch von Hungersnöten und anderen humanitären Katastrophen zur Folge hatte.36

Einige bosnisch-muslimische Widerstandsenklaven (Bihač, Goržade, Srebrenica, Žepa, Sarajewo, Tuzla) hielten der serbischen Okkupation stand, wurden aber im Zuge des UN-Einsatzes zu sogenannten „safe areas“ proklamiert, was rückblickend ihre Situation noch aussichtsloser werden ließ.37

3.2. Massenvergewaltigungen im Krieg und andere Kriegsverbrechen

Bereits im September 1992 veröffentliche die bosnische Regierung erste Angaben nach denen 15% der bosnischen Bevölkerung von serbischen Truppen in Lagern gefangen gehalten und gefoltert wurden. Zu den Foltermethoden zählten vor allem Verstümmlung und Vergewaltigung und darauf folgende Ermordung.38 Auch außerhalb der Lager wurden unzählige Kriegsverbrechen dokumentiert, so zum Beispiel der gezielte Granatenbeschuss von Krankenhäusern, Krankentransporten und Feuerwehrleuten im Einsatz. Bei der „Säuberung“ bosnischer Dörfer von muslimischen Bewohnern wurden die Opfer zum Teil bei lebendigem Leib in ihren Häusern verbrannt oder auf öffentlichen Plätzen gekreuzigt.39

Serbische Soldaten und Paramilitärs veranstalteten nationalistische Orgien mit Alkohol, athletischen Wettbewerben und serbischen Liedern während sie ihre Gefangenen folterten. Muslime wurden dabei von Klippen oder Häusern gestürzt, man schnitt ihnen orthodoxe christliche Symbole in die Haut und trennte ihnen die Gliedmaßen mit Kettensägen ab.40

Obwohl auch Vergewaltigungsfälle und andere Kriegsverbrechen durch kroatische und bosnische Truppen bekannt wurden, schien der systematische Einsatz von Massenvergewaltigung und Gefangenhaltung von Frauen eine Hauptstrategie der serbischen Truppen im Besonderen gegen die muslimische Bevölkerung in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo gewesen zu sein.

Ein im Dezember 1992 veröffentlichter Bericht der Europäischen Gemeinschaft spricht bereits von 20.000 muslimischen Frauen in Bosnien, die durch serbische Soldaten, Polizisten oder Paramilitärs vergewaltigt wurden. Die Vergewaltigungen fanden dabei hauptsächlich in Lagern statt, die in ehemaligen Kaffeehäusern und Restaurants eingerichtet worden waren.41

Die Lager wurden als ein systematisch eingesetztes Instrument des Völkermordes dokumentiert, welches neben der Tötung der Frauen, die Vertreibung muslimischer Bosnier beschleunigen und familiäre Bande zwischen Kindern und Eltern, sowie Ehepartnern zerstören sollte. Eine weitere Folge der Folter waren erzwungene Schwangerschaften und die Unfruchtbarkeit einer großen Zahl bosnischer Frauen nach den erlittenen Torturen und Abtreibungen.42

Es gab mit großer Sicherheit auch häufige Fälle von Genitalverstümmlung und Vergewaltigung an Männern, doch es liegen kaum Berichte über diese Folterungen vor. Die Mehrheit der Verstümmlungsfälle endete tödlich und darüber hinaus gingen die Täter weitaus „heimlicher“ vor als bei der Vergewaltigung von Frauen, wenn man den wenigen Zeugenberichten folgt. Gleichgeschlechtlicher Sex zwischen Männern wird in der serbischen Gesellschaft als eine Verweiblichung für beide Akteure gesehen, weshalb die Vergewaltiger ihr Opfer häufig in Abwesenheit anderer Zeugen folterten. Vergewaltigungen von Männern wurden nur dann als Gruppenhandlung durchgeführt, wenn zur Penetration ein Objekt verwendet wurde oder andere Gefangene zur Vergewaltigung gezwungen wurden.43

An der Folter und Tötung der bosnischen Bevölkerung waren neben der serbischen Armee unter Slobodan Milošević auch die bosnisch-serbische Armee unter Radovan Karadžić, sowie paramilitärische Einheiten und lokale Polizeitruppen beteiligt. Darüber hinaus wurden Vergewaltigungen auch von Zivilisten, zum Teil unter Zwang durchgeführt.

Die serbische Armee zwang bosnische Serben den Vergewaltigungen ihrer Nachbarn zuzusehen und teilzunehmen, um eine Komplizenschaft zu schaffen, durch die die Möglichkeit eines Zusammenlebens nach dem Krieg ausgeschlossen war. Als weitere Konsequenz konnte man davon ausgehen, dass auch zwangsweise beteiligte Personen ihre eigenen Verbrechen nicht anzeigen würden.44

[...]


1 Vgl. Seifert, 1996: 14.

2 Vgl. Andrić-Ružičić, 2003: 104.

3 Vgl. Allen, 2002: 778.

4 Vgl. Vetlesen, 2005: 199f.

5 Vgl. Olujie, 1998: 45.

6 Vgl. Olujie, 1998: 31.

7 Vgl. Olujie, 1996: 31.

8 Vgl. Seifert, 1996: 20f.

9 Vgl. Seifert, 1996: 22.

10 Vgl. Boose, 2002: 72.

11 Vgl. Seifert, 1996: 26.

12 Vgl. Seifert, 1996: 27.

13 Vgl. Denich, 1994: 368.

14 Vgl. Vetlesen, 2005: 155.

15 Vgl. Vetlesen, 2005: 197

16 Vgl. Hayden, 2000: 33.

17 Vgl. Allen, 1996: 1.

18 Vgl. Allen, 1996: 1.

19 Vgl. Vetlesen, 2005: 197f.

20 Vgl. Seifert, 1996: 13.

21 Vgl. Seifert, 1996: 19.

22 Vgl. Andrić-Ružičić, 2003: 105.

23 Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 61.

24 Milan Kučan wurde im April 1990 zum Präsidenten Sloweniens gewählt und stand der nationalistisch-separatistischen DEMOS-Partei vor. In Kroatien gewann die radikal-nationalistische Partei HDZ die Parlamentswahlen und Franjo Tudjman wurde der neue Präsident. Beide Republiken bereiteten daraufhin ihre Unabhängigkeit vor. Im Juli 1990 wurde Slobodan Milošević zunächst Vorsitzender der Sozialistischen Partei Serbiens und im Dezember desselben Jahres zum Präsidenten gewählt. (Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 67.)

25 Vgl. Hayden, 1996: 787.

26 Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 67f.

27 Vgl. Olujie, 1998: 32; Denich, 1994: 368.

28 Vgl. Hayden, 1996: 790.

29 Vgl. Hayden, 1996: 792, 795.

30 Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 65.

31 Vgl. Hayden, 1996: 793.

32 Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 68.

33 Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 65, 71.

34 Vgl. Olujie, 1998: 32.

35 Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 76f.

36 Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 81.

37 Den Orten wurden Einheiten der UNPROFOR zugewiesen, die für die Sicherheit der in diesem Prozess entwaffneten Bevölkerung sorgen sollten. Das Beispiel Srebrenica zeigte dabei auf erschreckende Weise, wie die Neutralität der UN den serbischen Aggressoren die Möglichkeit gab, die Ortschaften zu überrennen und die Bevölkerung zu massakrieren. (Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 83.)

38 Vgl. Olujie, 1998: 40.

39 Vgl. Baumgartner/ Baumgartner, 1997: 97.

40 Vgl. Boose, 2002: 74.

41 Vgl. Boose, 2002: 71; Olujie, 1998: 40.

42 Vgl. Boose, 2002: 73.

43 Vgl. Boose, 2002: 90f.

44 Vgl. Boose, 2002: 74.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Massenvergewaltigung als Kriegsstrategie im serbisch-bosnischen Krieg 1992-1995
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
35
Katalognummer
V950124
ISBN (eBook)
9783346289773
ISBN (Buch)
9783346289780
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krieg, Vergewaltigung, Bosnien, Jugoslawien, Serbien, Gender
Arbeit zitieren
Alexandra Samoleit (Autor:in), 2008, Massenvergewaltigung als Kriegsstrategie im serbisch-bosnischen Krieg 1992-1995, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950124

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