Genderverteilung und -semantisierung in J.K. Rowlings "Harry Potter"-Romanen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Einführung in die Genderforschung

3. Die Genderverteilung und -semantisierung in der Welt von Harry Potter
3.1. Die Genderverteilung und -semantisierung innerhalb Hogwarts
3.2. Die Genderverteilung und -semantisierung außerhalb Hogwarts

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

The Harry Potter phenomenon has taken the world by storm, and in many ways the series appears to be responsible for a renaissance in reading for children all over the world, despite its competition from the supposedly more accessible forms of entertainment available on videos, television, or the internet.1

Grund für diesen beispiellosen Erfolg war unter anderem die Tatsache, dass J.K. Rowlings Romane verschiedene Genres in sich vereinen und den LeserInnen somit zahlreiche Anknüpfpunkte für eine Identifizierung bieten: Märchen, Fantasy, Coming-of-Age-Literatur, Internatsroman, Abenteuerroman, Entwicklungsroman, Detektivroman und sogar Horrorelemente. Umso wichtiger ist es, dass es sich bei den dargestellten Figuren um starke Identifikationsfiguren für heranwachsende Mädchen und Jungen handelt, die erstrebenswerte Eigenschaften verkörpern. J.K. Rowling hat in ihrem detailreichen fiktiven Harry Potter-Universum nicht nur ein völlig neues Regierungs-, Schul- und Währungssystem erschaffen, sondern vor allem auch eine Vielzahl von individuellen Figuren, die unterschiedliche Interessen haben, unterschiedlichen Berufen nachgehen und ebenso unterschiedliche Frauen- und Männlichkeitsbilder präsentieren. In dieser Hausarbeit sollen diese vermittelten Geschlechteridentitäten genauer untersucht werden. Hierfür wird zunächst eine kurze, theoretische Einführung in die Genderforschung formuliert und die zentralen Begriffe, die für die Untersuchungen dieser Hausarbeit von Belang sind, definiert. Anschließend soll eine quantitative Gegenüberstellung der beiden Geschlechter einen Überblick über ihre tatsächliche Verteilung innerhalb unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen geben. Schließlich wird mithilfe einer textnahen Analyse an konkreten, beispielhaften Figuren untersucht, welche Geschlechterrollen sie im Einzelnen verkörpern und welche Bedeutung diesen Darstellungen im Kontext des Gesamtwerkes zukommt. Ziel dieser Studie ist es somit, die von Rowling dargestellte Gesellschaft kritisch zu beleuchten und dabei ungleiche Geschlechterverteilungen ebenso freizulegen, wie geschlechterspezifische Machtstrukturen.

Da die Harry Potter-Saga von J.K. Rowling sieben Bücher mit insgesamt 3.407 Seiten umfasst2, würde eine detaillierte Analyse aller Figuren den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen. Daher sollen bestimmte, eingegrenzte Personengruppen innerhalb der dargestellten Welt beispielhaft herangezogen werden, um einen möglichst adäquaten Eindruck über die tatsächliche Anzahl von männlichen und weiblichen Figuren zu ermöglichen. Natürlich sagen diese Zahlen alleine nichts darüber aus, welche Rolle eine Figur innerhalb der Handlung spielt, daher soll die quantitative Analyse nicht im Mittelunkt stehen, sondern lediglich zur Veranschaulichung der tieferen Analyse der Genderverteilung und -semantisierung dienen.

2. Theoretische Einführung in die Genderforschung

Über Jahrhunderte wurden Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität als naturgegebene Normen angesehen, die nicht in Frage gestellt wurde. Alle davon abweichenden Sexualitäten – wie etwa Homosexualität, Bisexualität, Pansexualität und Asexualtität – wurden strikt tabuisiert und komplett vom gesellschaftlichen Diskurs ausgeschlossen. Innerhalb dieser binären Geschlechterordnung besteht kein Unterschied zwischen dem biologischen Geschlecht (engl. sex) und dem sozialen (engl. gender) einer Person. Vielmehr sind die beiden biologischen Kategorien männlich und weiblich bereits mit bestimmten Geschlechterrollen verbunden, die innerhalb des heteronormativen Systems verbindlich sind. Dass diese “universal law of culture”3 wirkt, die keine Abweichungen von der heteronormativen Norm erlaubt, mag uns zunächst nicht bewusst sein, bis sie im Diskurs explizit gemacht wird – zum Beispiel durch die Forschungen der Gender und Queer Studies. Gender Studies sehen die Geschlechterdifferenzen zwischen Mann und Frau nicht länger als naturgegebene, unveränderbare Tatsache, sondern vielmehr „als instabiles Gebilde an, das kulturell hergestellt und durch Interaktionsprozesse permanent bestätigt und aufrechterhalten wird.“4 Anfang der 1990er Jahre begann die Genderforschung also damit, sex als anatomische Kategorie von gender als kulturelle und soziale Kategorie zu unterscheiden5: Durch den neuen Gender-Begriff „soll auf die Geschlechtszuschreibungen aufmerksam gemacht werden, die als solche nicht anthropologisch, biologisch oder psychologisch gegeben sind, sondern kulturell konstruiert und insofern variabel sind“.6

Diese Differenzierung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht wird von der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler abgelehnt, da sie „das in der Gesellschaft verankerte Konzept einer Geschlechterdichotomie“ bestätige und „bestehende Machtverhältnisse“ stabilisiere.7 Für sie existiert gender nur „to the extent that it is acted out in social practice and reidealized and reinstituted in and through the daily social rituals of bodily life.”8 Das bedeutet, dass das soziale Geschlecht täglich konturiert oder – wie es Butler bezeichnet – gemacht (doing gender) wird, indem das Verhalten zu jeder Zeit daran ausrichtet wird – sowohl in sozialen Situationen als auch im Privaten. In ihrem Werk Das Unbehagen der Geschlechter (engl. Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity) geht Buttler sogar so weit zu sagen, dass auch die Kategorie des biologischen Geschlechts (sex) bereits durch kulturelle Einflüsse konstruiert wird, was er schwierig macht, eine klare Definition beider Begriffe zu formulieren.

In der modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist bereits eine Entwicklung zu erkennen, die die traditionelle Geschlechterordnung komplett aufzuheben versucht und an deren Stelle eine Vielzahl von Geschlechtern als “alternative to the binary system of gender” tritt.9 Ein solches System wirft jedoch neue Fragen auf: Wie viele verschiedene Geschlechter gibt es? Wie kann man sie voneinander unterscheiden? Aufgabe der Gender Studies ist es also, die Vielzahl der unterschiedlichen Geschlechteridentitäten sowie „die sozialen und kulturellen Prozesse, die differente Geschlechterbilder erzeugen“ zu untersuchen.10 Die Queer Studies setzten ihre Forschungen wiederum genau da an, wo „biologisches Geschlecht (sex), soziales Geschlecht (gender) und Begehren nicht zusammenpassen“11, also da, wo die heteronormative Norm abgelehnt wird und andere Arten der Sexualität an ihre Stelle treten.

3. Die Genderverteilung und -semantisierung in der Welt von Harry Potter

Für die Genderanalysen der folgenden Kapitel werden die Figuren der Zaubererwelt in die binären Kategorien „männlich“ und „weiblich“ eingeteilt. Dies geschieht stets mit dem Bewusstsein, dass sich diese Kategorien in Wahrheit nicht gegenseitig ausschließen oder eindeutig voneinander trennen lassen, da sich das biologische Geschlecht stets in einem Kontinuum bewegt, das Zwischenstufen zwischen den beiden Kategorien zulässt. Da es jedoch keinen Hinweis dafür gibt, dass sich das soziale Geschlecht einer der Figuren von ihrem biologischen unterscheidet, wird das von dem Erzähler verliehene Geschlecht der Figuren zur Vereinfachung der Analysen dieser Hausarbeit sowohl als ihr biologisches als auch ihr soziales akzeptiert – selbstverständlich unter der Bedingung, dass die unterschiedlichen Darstellungen der Geschlechter in einem zweiten Schritt an konkreten Figuren kritisch untersucht werden, besonders im Hinblick darauf, wie die einzelnen Geschlechterrollen konnotiert sind und welche Bedeutung ihnen in dem jeweiligen sozialen System, indem sich die Figur bewegt, zukommt. Diese vereinfachte Einteilung der Figuren ist nur möglich, weil in Rowlings fiktiver Welt schlichtweg keine transgeschlechtlichen Figuren existieren. Dass einer derart binären Gesellschaft nicht der Realität entspricht, steht dabei ebenso außer Frage, wie die Tatsache, dass eine binäre Einteilung von Personen, wie sie in dieser Hausarbeit vorgenommen wird, für Genderanalysen einer nicht-fiktiven Gesellschaft, in der die vorhandene Geschlechter- und Identitätenvielfalt adäquat repräsentiert werden muss, unzulänglich ist.12

Neben der fehlenden Repräsentation von transgender oder transsexuellen Figuren sucht man in Rowlings Romanen auch vergeblich nach homo-, bi-, pan- und asexuellen Figuren. Erst nachdem alle Teile bereits geschrieben und gedruckt waren, ließ die britische Autorin während einer Lesung zum siebten Band Harry Potter and the Deathly Hollows anmerken, dass Albus Dumbledore, Schulleiter von Hogwarts, schon immer homosexuell gewesen sei:

Nachdem Rowling, 42, kurz aus dem letzten Band […] vorgelesen hatte, wurde sie von einer Leserin gefragt, ob Dumbledore je seine ‘wahre Liebe’ gefunden habe. Rowling antwortete, sie habe ‚immer gedacht, dass Dumbledore schwul [sei]‘. Das Publikum in der Carnegie Hall verstummte schlagartig – und brach dann in Applaus aus. Rowling fügte an, sie hätte ihre Gedanken über Dumbledore schon früher mit dem Publikum geteilt, wenn sie diese positive Reaktion vorhergesehen hätte.13

Außerdem sei Dumbledore in seinen Jugendfreund Gellert Grindelwald verliebt gewesen, mit dem er eine romantische Beziehung hatte. Die Reaktionen auf diese Enthüllung fielen ambivalent aus: Harry Potter-Fans spekulieren bereits seit Jahren kontrovers über Dumbledores Sexualität, die Mehrheit hält ihn jedoch für asexuell, da er in keinem der Bücher romantisches oder sexuelles Interesse einer anderen Figur gegenüber äußert. Dies ist jedoch auch der Grund, wieso Dumbledores nachträglich verliehene Homosexualität in der Fangemeinde auf viel Unverständnis stieß, da sie nichts mit der Dumbledore-Figur der Bücher zu tun hat. Fans werfen Rowling daher queerbaiting vor, eine Marketing-Strategie bei der gezielt mit den Erwartungen und der Hoffnung des Publikums auf LGBTQ+-Repräsentation14 gespielt wird, indem diese immer wieder angedeutet, aber letztendlich nie dargestellt wird. Dies geschieht beispielsweise durch „homoerotische Subtexte (etwa in der Beziehung von Figuren der Handlung)“15, die nie explizit gemacht werden. Eine solche Vermarktung ermöglicht es, LGBTQ+-LeserInnen – sowie solche, die LGBTQ+-Rechte und Repräsentation unterstützen, anzulocken, ohne dabei andere Zielgruppen zu vergraulen. „ Queerbaiting wird oft als exploitative Strategie angesehen, die im Subtext eine andere Genderpolitik verfolgt als im Oberflächentext“.16

Wäre eine LGBTQ+-Repräsentation in der Harry Potter-Welt tatsächlich Rowlings Ziel gewesen, so hätte sie Dumbledore explizit als homosexuellen Mann darstellen können. Selbstverständlich liegt die Entscheidungsmacht darüber, welche Themen in einem Roman angesprochen werden, nicht alleine beim Autor: Da der Bloomsbury-Verlag Harry Potter and the Philosopher’s Stone zunächst als Kinder- und Jugendbuch für eine Zielgruppe von Neun- bis Elfjährige vermarktet hat, ist es durchaus nachvollziehbar, dass komplexe Themen, die das geistige Vermögen der Zielgruppe überschreiten, vermieden werden.17 Tatsächlich haben Rowlings Verleger darauf bestanden, dass sie den Roman unter ihren Initialen anstatt ihres vollen Vornamens veröffentlicht, ein „marketing ploy designed to make her work acceptable to boys, who actively choose not to read books by women.“18 Hinzu kommt, dass das Werk aufgrund seiner fantastischen Elemente ohnehin bereits in der Kritik stand, da es in den Augen von fundamentalistischen US-amerikanischen Christen Hexerei glorifiziere.19 Um Kritikern also keinen weiteren Angriffspunkt zu bieten, habe Rowling Dumbledores Sexualität für sich behalten. Doch auch elf Jahre, nachdem sie Dumbledore erstmals als homosexuell geoutet hat, hat sich an der Darstellung der Figur nichts verändert: 2018 wurde der zweite Film der Fantastic Beasts -Reihe20 veröffentlicht, für den Rowling das Drehbuch schrieb. Der Film beleuchtet zwar die komplizierte Vergangenheit zwischen Dumbledore und Grindelwald, doch zur erneuten Enttäuschung der Fans geht er dabei auf keine romantische oder sexuelle Beziehung zwischen den beiden Zauberern ein.21 Nach dem beispiellosen Welterfolg ihrer Romane ist es jedoch schwer zu glauben, dass es noch immer schlechte Kritiken sind, die Rowling davon abhalten, Dumbledores Sexualität explizit zu machen. Insbesondere wenn man bedenkt, dass die Zielgruppen der Harry Potter-Bücher (und damit auch die Zielgruppen aller Begleitwerke sowie filmischen Umsetzungen) längst nicht mehr nur Kinder und Jugendliche sind.22

3.1. Die Genderverteilung und -semantisierung innerhalb Hogwarts

In diesem Teilkapitel soll die Genderverteilung innerhalb der Lehrer- und Schülerschaft von Hogwarts näher untersucht werden. Ein Großteil der Handlung der Harry Potter-Bücher spielt sich im Schloss Hogwarts ab, jeder Band erzählt die Geschehnisse eines Schuljahres – mit Ausnahme der ersten Kapitel, in denen größtenteils erzählt wird, wie Harry die Sommerferien im Ligusterweg oder mit Ron und seiner Familie im Fuchsbau23 verbringt. Der letzte Band der Reihe weicht von diesem typischen Aufbau ab: In ihrem letzten Schuljahr entscheiden Harry, Ron und Hermine, nicht nach Hogwarts zurückzukehren, sondern sich gemeinsam auf die gefährliche Suche nach Voldemorts Horkruxen24 zu machen. Erst am Ende kehren die drei Freunde zur finalen Schlacht nach Hogwarts zurück.

Hogwarts wird von Prof. Albus Dumbledore geleitet, der nicht nur für „the greatest wizard of modern times“25 gehalten wird, sondern auch für den einzigen Zauberer, vor dem sich Lord Voldemort fürchtet.26 Die jungen Hexen und Zauberer der Hogwartsschule werden an ihrem ersten Schultag von einem Sprechenden Hut in eines von vier Häusern eingeteilt: Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin. Diese Entscheidung trifft der Hut entsprechend des individuellen Charakters des Kindes, da jedes Haus andere Eigenschaften verkörpert: Gryffindor steht für die heroischen Tugenden Tapferkeit – oder Ritterlichkeit („chivalry“27 ) – und Mut, Hufflepuff für Loyalität, Ehrlichkeit und Fleiß, Ravenclaw für Intelligenz, Weisheit und Gelehrsamkeit und Slytherin für Ehrgeiz, der nicht vor List und Tücke zurückschreckt, um seine Ziele zu erreichen.28 Dass die vier Häuser damit unterschiedlich konnotiert werden, ist augenscheinlich: Slytherin nimmt dabei eine Sonderrolle ein, da es das einzige Haus ist, das mit deutlich negativen Eigenschaften assoziiert wird.

Dass es problematisch ist, Elfjährige, die noch dabei sind, ihre Persönlichkeit zu erforschen und zu entwickeln, durch die Aufteilung in unterschiedliche Häuser zu stigmatisieren, steht außer Frage: Zum einen sind die Kategorien der Einordnung viel zu oberflächlich und gänzlich unzulänglich, um den komplexen Charakter einer Person zu erfassen. Zum anderen kann die Zuordnung in ein Haus und die damit verbundene Charakterisierung der Figur dazu führen, dass diese in ihrer Charakterentwicklung eingeschränkt wird oder sich dazu gezwungen fühlt, die postulierte Norm ihres Hauses zu erfüllen. Darüber hinaus herrscht ein ständiger Wettkampf zwischen den Häusern, den Prof. Minerva McGonagall, die Hauslehrerin von Gryffindor, während der „Sorting Ceremony“29 sogar aktiv ermutigt:

While you are at Hogwarts, your triumphs will earn your house points, while any rule-breaking will lose house points. At the end of the year, the house with the most points is awarded the House Cup, a great honour. I hope each of you will be a credit to whichever house becomes yours.30

Ein solcher Wettkampf führt nicht nur zu einem ständigen Konkurrenzdenken und einem damit verbundenen Leistungsdruck, sondern auch zu großer Feindseligkeit zwischen den Häusern: Anstatt sich untereinander zu verbrüdern, werden die SchülerInnen gegeneinander aufgestachelt. McGonagalls Erklärung des Hauspunktesystems vermittelt den Eindruck, dass es als pädagogische Methode eingesetzt wird, um die Schülerschaft dazu zu bringen, ihr volles Potential auszuschöpfen. Die wahren, problematischen Folgen werden in den Büchern jedoch kaum thematisiert: Freundschaften zwischen Figuren unterschiedlicher Häuser sind zwar nicht verboten, entstehen aber vergleichsweise selten, da die vier Sozialisationsgruppen sowohl räumlich als auch ideologisch voneinander getrennt gehalten werden. Darüber hinaus ist es nicht selten, dass die HauslehrerInnen die SchülerInnen ihres eigenen Hauses bevorzugt behandeln, auch wenn sie gemischte Klassen aus allen Häusern unterrichten und dabei fair und unparteiisch sein sollten. Auch J.K. Rowling lässt den einzelnen Häusern bewusst nicht die gleiche Bedeutung zukommen, was besonders daran deutlich wird, dass die Anzahl der Figuren nicht gleichmäßig auf die Häuser verteilt ist, worauf ich später noch im Detail eingehen werde.

Zunächst soll die Geschlechterverteilung innerhalb der Lehrerschaft in Hogwarts quantitativ analysiert werden: Hierfür werden alle Figuren, die zu irgendeinem Zeitpunkt der Handlung an der Schule beschäftigt waren und namentlich im Text erwähnt werden, berücksichtigt. Somit ergibt sich eine Aufteilung von 12 weiblichen und 13 männlichen Figuren, die zunächst keine klare Dominanz eines Geschlechts innerhalb der Belegschaft feststellen lässt. Unter den 12 weiblichen Figuren befinden sich acht Lehrkräfte31, sowie die kurzzeitige Schulleiterin und Lehrerin für Verteidigung gegen die Dunklen Künste Prof. Umbridge, die Lehrerin für Verwandlung und stellvertretende Schulleiterin Prof. McGonagall, die Krankenschwester Poppy Pomfrey und die Bibliothekarin Irma Pince. Besonders die beiden letzten Figuren repräsentieren traditionell weiblich dominierte Berufsgruppen. Madame Pomfrey nimmt in Bezug auf die SchülerInnen, für die sie sorgt und die sie gesund pflegt, fast die Rolle einer Ersatzmutter ein und verkörpert damit das stereotypische Weiblichkeitsbild der Frau als „nurturing and caring presence“. Sie wird zwar als kompetent angesehen, ihre Kompetenz bezieht sich allerdings lediglich auf ihren Zuständigkeitsbereich der Krankenpflege. Die Bibliothekarin Irma Pince ist dagegen eine eindimensionale Figur, die nur wenige nennenswerte Redebeiträge hat und die stark überspitzt – fast schon karikativ – gezeichnet wird: Sie wird äußerlich als ungesund und unästhetisch mit „vulture-like […] sunken cheeks“32 und fahler Haut beschrieben. Auch ihr geistiger Zustand scheint instabil zu sein: So wird sie im sechsten Band als „barking mad“ und als stünde sie kurz vor einem Krampfanfall beschrieben.33

Ebenso psychisch labil wird Prof. Trelawney beschrieben, die Lehrerin für Wahrsagen, ein Fach, das von der Mehrheit der Schülerschaft nicht ernst genommen und belächelt wird. Keiner glaubt ihr, dass sie tatsächlich mit ihrem „Inner Eye“34 die Zukunft voraussehen kann. Auch Harry schenkt ihr keinen Glauben, wann immer sie ihm eine unheilvolle Zukunft und sogar seinen Tod prophezeit: Er bezeichnet sie nicht nur als „very strange“35, sondern hält ihre Vorsehung für nichts weiter als „lucky guesswork and a spooky manner.“36 Sogar Hermine, die für gewöhnlich jedes Fach interessiert studiert, hält Wahrsagen für nutzlose Zeitverschwendung und Prof. Trelawney für einen „old fraud“37. Prof. Trelawney wird als sensibel und anfällig für äußere Einflüsse (wie Vorsehungen) beschrieben, sie verfügt über geringe körperliche Stärke und eine schwache Psyche. Dies tritt besonders augenscheinlich zu Tage, als ihr Unterricht im fünften Schuljahr unter dem streng prüfenden Blick von Prof. Umbridge inspiziert wird und sie derart nervös wird, dass ihre Hände und Stimme merklich zittern und sie sogar vor den Augen der gesamten Klasse „into hysterical sobs“ ausbricht.38 Als sie schließlich von Umbridge gekündigt wird, die Wahrsagen für eine reine Pseudo-Wissenschaft hält, erleidet sie einen Nervenzusammenbruch, der sich auch in ihrer äußerlichen Erscheinung wiederspiegelt:

Professor Trelawney was standing in the middle of the Entrance Hall with her wand in one hand and an empty sherry bottle in the other, looking utterly mad. Her hair was sticking up on end, her glasses were lopsided so that one eye was magnified more than the other; her innumerable shawls and scarves were trailing haphazardly from her shoulders, giving the impression that she was falling apart at the seams.39

Trelawney verkörpert damit ein schwaches Frauenbild, an dem sich Schülerinnen wie Lavender Brown und Parvati Patil, die sie bewundern, orientieren. Bei Trelawneys Rauswurf werden die beiden ebenso emotional und weinend beschrieben wie Trelawney selbst.40 Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass „most of the girls are depicted as anti-intellectual and most keenly interested in the low-status magic of Divination Class.”41

Auch die Fächer Kräuter- und Muggelkunde, die beide von Frauen unterrichtet werden, haben einen schlechten Ruf innerhalb der Schülerschaft. Besonders viele reinblütige42 Schülerinnen und Schüler aus Slytherin halten Muggelkunde für Zeitverschwendung und unter ihrer Würde. In Harry Potter and the Half-Blood Prince tötet Voldemord die Lehrerin für Muggelkunde, Charity Burbage, weil sie im Tagespropheten einen Artikel zur Verteidigung von muggelstämmigen Hexen und Zauberern (von den Todessern mudbloods genannt) veröffentlicht hat.43 In ihren letzten Momenten, in denen Prof. Burbage von Voldemort wie eine Trophäe vor den versammelten Todessern vorgeführt wird, ist sie außer sich vor Angst und fleht Severus Snape, den sie bis dato für einen Kollegen gehalten hatte, um Hilfe an.44 Sie unternimmt keinen Versuch, sich zu wehren oder zu retten, da sie alleine gegen einen Raum voller Todesser nichts ausrichten kann. Nach Voldemorts Machtergreifung und Burbages Tod wird das Fach von der Todesserin Alecto Carrow unterrichtet, die den SchülerInnen vermittelt, Muggel wären Menschen zweiter Klasse, „like animals, stupid and dirty“45.

Die meisten Frauenfiguren, die Rowling für den Raum Hogwarts kreiert hat, verkörpern somit eindimensionale, stereotypisierte Weiblichkeitsbilder. Darüber hinaus unterrichten sie tendenziell weniger anspruchsvolle und weniger nützliche Fächer als ihre männlichen Kollegen. „Males are represented more often, but they are also depicted wiser, braver, more powerful, and more fun than females.”46

Auch wenn einige Frauenfiguren wie Prof. Umbridge, Madame Hooch und Prof. McGonagall Eigenschaften zugeschrieben bekommen, die traditionell „‚typisch männlich’ konnotiert“47 sind, werden diese meist nicht überzeugend präsentiert: So sind bei Madame Hooch keinerlei traditionell weibliche Züge mehr zu erkennen, was nicht das Ziel bei der Konzeption von starken und emanzipierten Frauenfiguren sein sollte: „[D]enn wenn die Absicht ist, auf den kulturell konstruierten Charakter des bipolaren Geschlechtsmodells hinzuweisen und sich dies in der [Literatur] insofern wiederfindet, dass Frauen nun sogenannte ‚männliche‘ Eigenschaften auszeichnen, findet statt einer Aufhebung dieser Bipolarität erneut eine verstärkte Betonung der spezifischen ‚männlichen‘ und ‚weiblichen‘ Merkmale statt.“48 Dadurch sind bei Madame Hooch aus „Antinormen wieder zumindest implizite Normen geworden“, da die scheinbar emanzipierten Frauenfiguren nun nur „dadurch definiert [werden], dass [sie] all das“ sind, was die anderen Frauenfiguren nicht bzw. die männlichen Figuren sind.49

[...]


1 Anne Hiebert Alton: Generic Fusion and the Mosaic of “Harry Potter”. In: Harry Potter ’s World. Multidisciplinary Critical Perspectives. Hg. von Elisabeth E. Heilman, S. 144.

2 Die Angabe bezieht sich auf die englischen Originalfassungen der Bücher: Vgl. Anonym: Harry Potter and the final chapter: How do the books and films compare? In: The Guardian UK: https://www.theguardian.com/news/datablog/2011/jul/08/harry-potter-book-sales-box-office-results (05.10.20).

3 Lévi-Strauss zitiert nach Butler: Undoing Gender, New York 2004, S. 45.

4 Vera Cuntz-Leng: Harry Potter que(e)r. Eine Filmsage im Spannungsfeld von Queer Reading, Slash-Fandom und Fantasyfilmgenre, Bielefeld 2015, S. 50.

5 Vgl. Jill L. Matus: Unstable Bodies. Victorian representations of sexuality and maternity, Manchester/New York 1995, S. 7.

6 Dagma Grenz: Mädchenliteratur. In: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Bd. 1: Grundlagen – Gattungen. Hg. von Günter Lange, Baltmannsweiler 2000, S. 387.

7 Vera Cuntz-Leng: Harry Potter que(e)r, S. 50.

8 Judith Butler: Undoing Gender, New York 2004, S. 48.

9 Ebd., S. 43.

10 Vera Cuntz-Leng: Harry Potter que(e)r, S. 50.

11 Annamarie Jagose: Queer Theory. Eine Einführung, Berlin 2001.

12 Magische Geschöpfe und Fabelwesen werden von den Analysen dieser Hausarbeit ausgeschlossen (auch wenn sie sprechen können oder andere menschenähnliche Attribute aufweisen), da ihr biologisches Geschlecht oftmals nicht klar festgelegt werden kann und eine solche detaillierte Analyse den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde.

13 Anonym: Zauberer-Outing. Dumbledore ist schwul. In: Spiegel Kultur vom 20.10.2007: https://www.spiegel.de/kultur/literatur/zauberer-outing-dumbledore-ist-schwul-a-512613.html (01.10.20). Rowling merkte außerdem an, dass eine Szene aus dem Drehbuch des sechsten Harry Potter-Films, indem Dumbledore über eine über eine verflossene, weibliche Liebschaft nachdenkt, auf ihren Wunsch hin gestrichen wurde: Sie haben dem Regisseur David Yates die Notiz „Dumbledore ist schwul“ ins Drehbuch geschrieben. (ebd.)

14 LGBTQ+ ist eine aus dem Englischen entlehnte Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer+, sprich: Personen, die lesbisch, schwul, bisexuell oder transgeschlechtlich sind, sowie alle anderen Personen, die von der gesellschaftlichen Cis-Norm abweichen (also queer sind). Das Plus-Zeichen dient als inklusiver Platzhalter für weitere Geschlechtsidentitäten.

15 Lexikon der Filmbegriffe der Universität Kiel: queerbaiting: https://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=9334 (05.10.20).

16 Ebd.

17 Vgl. Scott Huler: The magic years. Along with Harry, we‘ve all grown to find a more complex, darker world. In: The News & Observer vom 15. Juli 2007: https://web.archive.org/web/20081218170339/http://www.newsobserver.com/308/story/637623.html.

18 Richard Savill: Harry Potter and the mystery of J.K.’s lost initial. In: The Telegraph vom 19. Juni 2001: https://web.archive.org/web/20081220012350/http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1349288/Harry-Potter-and-the-mystery-of-J-Ks-lost-initial.html.

19 Vgl. Anonym: Zauberer-Outing: Dumbledore ist schwul vom 20.10.2007.

20 Eine Fantasy-Filmreihe von insgesamt fünf geplanten Filmen, die größtenteils auf dem Buch Fantastic Beasts and Where to Find Them von J.K. Rowling basieren, ein Begleitwerk zu ihren Harry Potter-Romanen, das die Vorgeschichte erzählt.

21 Vgl. Devan Coggan: J.K. Rowling's long history of discussing – but not depicting – Dumbledore's sexuality. In: Entertainment Weekly vom 19.03.2019: https://ew.com/movies/2019/03/19/harry-potter-fantastic-beasts-jk-rowling-dumbledore-sexuality/ (05.10.20).

22 Die Harry Potter-Saga ist ein Paradebeispiel für das sogenannte Cross-Over-Phänomen, bei dem Romane die Grenze zwischen Kinder- und Allgemeinliteratur überschreiten und von allen Altersklassen konsumiert werden.

23 Das Haus der Weasleys wird Fuchsbau (engl. Burrow) genannt. (Vgl. beispielsweise Rowling: Harry Potter and the Goblet of Fire, S. 46).

24 Insgesamt sechs Gegenstände, in denen Lord Voldemort Teile seine Seele außerhalb seines Körpers aufbewahrt, um sich selbst vor dem Tod zu schützen, da er erst dann endgültig getötet werden kann, wenn alle Teile seiner Seele vernichtet wurden. Harry ist selbst ein Horkrux, da ein Teil von Voldemorts Seele in ihn überging, als er den Todesfluch als Baby überlebte. Somit muss auch er sterben, damit Voldemort besiegt werden kann. Darüber hinaus ist auch ein letzter, achter Teil von Voldemorts Seele in ihm selbst verblieben, der zuallerletzt von Harry selbst vernichtet wird.

25 Rowling: Harry Potter and the Philosopher’s Stone, London 1997, S. 77.

26 Vgl. ebd., S. 14.

27 Ebd., S. 88.

28 Vgl. ebd.

29 Vgl. ebd., S. 86.

30 Ebd., S. 86.

31 Prof. Sprout (Hauslehrerin von Hufflepuff und Lehrerin für Kräuterkunde), Prof. Trelawney (Lehrerin für Wahrsagen), Prof. Vektor (Lehrerin für Arithmantik), Prof. Sinistra (Lehrerin für Astronomie), Prof. Burbage (Lehrerin für Muggelkunde bis zum Ende des sechsten Schuljahres), Prof. Carrow (Lehrerin für Muggelkunde im siebten Schuljahr), Prof. Raue-Pritsche (Vertretungslehrerin für Pflege magischer Geschöpfe) und Madame Hooch (Lehrerin für Besenflug).

32 Rowling: Harry Potter and the Half-Blood Prince. Enhanced Edition (Ebook), London 2015, S. 263.

33 Ebd., S. 264.

34 Vgl. Rowling: Harry Potter and the Goblet of Fire. Enhanced Edition (Ebook), London 2015, S. 167.

35 Rowling: Harry Potter and the Prisoner of Askaban, London 2010, S. 458.

36 Rowling: Harry Potter and the Goblet of Fire, S. 173.

37 Ebd., S. 131.

38 Vgl. Rowling: Harry Potter and the Order of the Pheonix. Enhanced Edition (Ebook), London 2015, S. 304 und 559.

39 Ebd., S. 570.

40 Vgl. ebd., S. 172.

41 Elisabeth E. Heilman: Blue Wizards and Pink Witches: Representation of Gender Identity and Power. In: Dies. (Hg.): Harry Potter ’s World. Multidisciplinary Critical Perspectives, S. 223.

42 Reinblütige Hexen und Zauberer sind diejenigen, die einen Zauberer als Vater und eine Hexe als Mutter haben. Muggelstämmige Hexen und Zauberer werden dagegen von Todessern und/oder Slytherins abwertend als Schlammblüter bezeichnet.

43 Rowling: Harry Potter and the Half-Blood Prince. Enhanced Edition (Ebook), London 2015, S. 17. Der Tagesprophet ist die tägliche Zeitung der Zaubererwelt, die von Eulen ausgeliefert wird und über das aktuelle Tagesgeschehen berichtet.

44 Vgl. ebd.

45 Rowling: Harry Potter and the Deathly Hollows. Enhanced Edition (Ebook), London 2015, S. 489.

46 Heilman: Blue Wizards and Pink Witches, S. 223.

47 Nadine Bieker: Weiblichkeitsbilder im aktuellen Adoleszensroman am Beispiel von Tamara Bachs Roman Marienbilder. In: Die Zeitalter werden besichtigt. Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung. Hg. von Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann und Felix Giesa, Frankfurt 2015, S. 708.

48 Ebd., S. 598.

49 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Genderverteilung und -semantisierung in J.K. Rowlings "Harry Potter"-Romanen
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V951024
ISBN (eBook)
9783346292773
ISBN (Buch)
9783346292780
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit wurde im Rahmen eines Masterseminars unter dem Titel "Tendenzen aktueller Kinder- und Jugendliteratur" angefertigt und mit 1,3 bewertet. Die Arbeit wurde in deutscher Sprache verfasst, Zitate wurden jedoch in der Originalsprache (Englisch) übernommen.
Schlagworte
Harry Potter, Gender, Geschlechterforschung, Fantasy, Queerreading, Gegenwartsliteratur, genderstudies, Genderverteilung, gendersemantisierung, Rowling, Geschlechterverhältnisse, Hogwarts
Arbeit zitieren
Lea Gremm (Autor), 2020, Genderverteilung und -semantisierung in J.K. Rowlings "Harry Potter"-Romanen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/951024

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