Verbrecher. (K)Ein Menschenbild des Bösen?


Masterarbeit, 2020

81 Seiten, Note: 1,0

L.-A. Fischer (Autor:in)


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Das verbrecherische Böse? - eine Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau und Ziele

2. Ein theoretischer Einblick - die Saat des Boshaften
2.1 Verbrecherische Menschenbilder
2.2 Die Anthropologie des Guten und des Bösen
2.3 Serienmörder - ein Rätsel des Bösen

3. Als Mörder geboren oder zum Mörder gemacht?
3.1 Der geborene Verbrecher
3.1.1 L'Uomo delinquente di Cesare Lombroso
3.1.2 Die evolutionären Wurzeln von Gewalt und Verbrechen
3.1.3 Zwillings- und Adoptionsstudien
3.1.4 Das Mörder-Gen - Utopie oder Realität?
3.1.5 Gehirn eines Mörders - Vermessung des Bösen?
3.2 Biografien - hinter der Fassade der Wirklichkeit
3.2.1 Risiko Bindungsstörung?
3.2.2 Mörderische Sozialisationshintergründe
3.2.3 Edmund Emil Kemper III
3.2.3.1 Kindheit und familiärer Hintergrund
3.2.3.2 Prägende Einflüsse - ein Erklärungsversuch
3.3 Eine biosoziale Perspektive
3.3.1 Das Phänomen der Resilienz
3.3.2 Zusammenspiel von Umwelt und Genetik

4. Das pure Böse - eine Utopie? Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

«Sehen Sie in Ihrem geistigen Auge einen Reigen weißer Engel, die vor einem dunklen Himmel tanzen? Oder sehen Sie schwarze Dämonen - gehörnte Teufel, die eine weiße leuchtende Hölle bevölkern?» (Zimbardo, 2012, S. 1)

1. DAS VERBRECHERISCHE BÖSE? - EINE EINLEITUNG

«Sag mir, nachdem man meinen Kopf abgehackt hat werde ich noch in der Lage sein, zumindest für einen Moment den Klang zu hören, wie mein eigenes Blut aus dem Stumpf meines Halses sprudelt? Das wäre eine Freude, alles Vergnügen so zu beenden.» (Kürten zit. n. Pena, 2020)

Verbrechen und Straftaten wie Gewalt, Mord und Totschlag sind kein neuzeitliches Geschehen, sondern sind so alt wie die Menschheit selbst. Bereits das Alte Testament berichtet, dass Kain seinen Bruder Abel erschlagen hat, weil dessen Opfer Gott wohlgefälliger war. Unter Neandertalern gab es tödliche Fehden, Massaker und Kannibalismus - und auch der Homo sapiens schreckte vor Gewalt nicht zurück, wie Fossilfunde zeigen. So belegen Skelettfunde, dass unsere Vorfahren bereits vor tausenden von Jahren Kriege führten und brutale Massenhinrichtungen vollzogen (Endt, 2016). Gewalt, Blutvergießen, Mord - sowohl in der Vergangenheit als auch heutzutage sind das weltweit aktuelle Themen. Es gibt allerdings viele verschiedene Arten von Mord, die sich in ihren Ausmaßen und Motiven differenzieren. Um beispielsweise den Zorn der Götter zu besänftigen, wurden Menschenopfer in vielen Kulturen auf blutige Art und Weise massakriert. Es gibt aus nahezu allen Religionen der Welt Berichte über Menschenopfer. In Europa etwa von den alten Griechen und den Etruskern oder den Galliern und Germanen. Forscher fanden ebenso in China und Mesopotamien, auf Hawaii und bei den Azteken Hinweise auf Ritualmorde (Endt, 2016). In vielen Fällen trug demnach das religiös fundierte Morden dazu bei, dass sich in der Kultur Herrschaftsstrukturen und Hierarchien verfestigten. In zahlreichen Fällen ist nicht sicher, ob die Menschenopfer tatsächlich erbracht wurden oder inwiefern sie als symbolische Bedeutung dienen sollten - wie der biblische Fall von Abraham, der seinen Sohn Isaak auf Geheiß eines Engels im letzten Moment verschont haben soll (Endt, 2016). Demnach waren Menschenopfer ein barbarisches Instrument der Machtausübung und ein blutiger Preis für den Weg zu modernen Lebensweisen. Eine spezifische Form des Mordens ist das Morden in Serie - worauf der Fokus in dieser Arbeit gelegt werden soll. Dabei stellt der Serienmord ein Phänomen dar, welches gleichermaßen Angst und Faszination auf Menschen ausübt. Abgründe menschlichen Handelns offenbaren sich in ihm und es überrascht, wie einfach sich Serienmörder über ihre eigenen Werte und Normen sowie über ihre Moral, allgemeine Ethik und Gesetze hinwegsetzen können. An und für sich stellt das Morden in Serie kein neuzeitliches Phänomen dar1 2. Im ersten Jahrhundert n. Chr. soll die römische Giftmischerin Lucusta unter anderem für die Ermordung von Kaiser Claudius verantwortlich gewesen sein und gilt somit als erster überlieferter Fall eines Seriemnordes (Newton, 2016). Das Mittelalter bleibt ebenfalls nicht verschont, denn zu den berüchtigten Serieninördem gehörten die Mitglieder der indischen Thugee mid die Assassinen im Nahen Osten. Zudem wurde im Jain 1440 in Europa der französische Graf und Serienmörder Gilles de Rais wegen der Tötung von über 100 Kindern gehängt. Des Weiteren winde die ungarische Gräfin Elisabeth Bâthory zum Tode verurteilt, die Schätzungen zufolge Ende des 16. Jahrhunderts bis Anfang des 17. Jahrhunderts bis zu 650 junge Frauen gefoltert und ermordet haben soll (Newton, 2016). Im 19. Jahrhundert tötete Jack the Ripper mehrere Prostituierte im Londoner East End und war der erste Serienmörder, der mit seinen Straftaten und seiner Interaktion mit der Presse einen universellen Medienruinniel auslöste. Er gilt als der wohl berühmteste Serienmörder des Kosmos und winde angesichts seiner nie aufgeklärten Identität zum Objekt zahlreicher Verschwörungstheorien, Forschungen und Verarbeitungen in der Kunst.

Auch Deutschland blieb nicht von grausamen Taten verschont. Der zum Tode verurteilte Peter Killten (1883— 1931) war einer der berüchtigtsten kannibalistischen Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte. Mindestens neun Menschen ermordete der sogenannte Vampir von Düsseldorf auf erbarmungsloseste Art. Sein mumifizierter Kopf gelangte nach dem zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten und ist heute sogar als Exponat in einem Museum in Wisconsin Dells zu besichtigen. Nachdem das Fallbeil auf den Serienmörder Kürten herabgefallen war, wollten Kriminologen, Psychologen und Wissenschaftler in die Untiefen des Bösen eintauchen und der Frage nachgehen, was im Kopf eines Serienmörders hervorgeht - die Ergebnisse waren jedoch ohne Himaktivitäten ernüchternd (Brauer, 2015).

Der sogenannte Schlächter von Hannover Fritz Haarmann (1896-1925) zählt ebenfalls zu einem der berüchtigtsten deutschen Serienmörder der Kriminalgeschichte und ermordete in Hannover insgesamt 24 Jungen im Alter von zehn bis 22 Jahren. Wählend des Missbrauches verlor Haarmann die Beherrschung und biss sich an den Adamsapfel seines Opfers fest und brachte sie anschließend um. Haarmann verbrannte Teile der Leichen in seinem Gasofen, Übeneste warf er in den Fluss Leine. Im Jain 1924 fanden Kinder beim Spielen mehrere Schädel, die ihm letztendlich zum Verhängnis winden. Er wurde im Jain 1924 vom Schwurgericht in Hannover zum Tode verurteilt und starb am 15. April 1925 unter dem Fallbeil (Brauer, 2015).

Erstaunlich ist jedoch, dass 76 Prozent aller bekannten Serienmörder des 20. Jahrhunderts aus den Vereinigten Staaten stammen, darunter beispielsweise Charles Manson, Theodore Bundy, David Berkowitz, Edmund Kemper, Jeffrey Dahmer und Aileen Wuomos. In den 1970er- Jahren der Vereinigten Staaten galt Theodore Bundy als Inbegriff eines Psychopathen, der mehr als 36 Frauen auf barbarische Weise misshandelt und ermordet hat. Neben Charles Manson gilt er als einer der berühmtesten Serienmörder in der jüngeren Geschichte der USA (Newton, 2016). Der charmante und attraktive Serienmörder geriet schon früh ins Visier der Polizei, doch es fehlten Beweise. Und als er 1975 verhaftet winde, gelang ihm die Flucht - sogar zweimal. Dann, im Februar 1978, ging er den Fahndern zum dritten und letzten Mal ins Netz. Bundy winde zum Tod verurteilt und starb im Januar 1989 auf dem elektrischen Stuhl (Newton, 2016). Sogar Ted Bundys Anwältin nannte ihn nach seiner Hinrichtung die Verkörperung des herzlosen Bösen.

Edmund Kemper ermordete zwischen 1964 und 1973 zehn Menschen, zumeist Studentinnen vom College, was ihm den Namen Co-Ed-Killer eintrug. Außerdem brachte er seine Mutter und seine Großeltern um. Edmund Kemper galt lange Zeit als ,Vorzeige- Seriemnörder', da er alle Ermittler mit seiner Intelligenz, seiner Offenheit, seinem freundlichen Wesen und seiner analytischen Einsicht in seine Straftaten faszinierte (Newton, 2016).

Aileen Wuomos war selbst Opfer grausamer Taten und winde mehrmals misshandelt und vergewaltigt. Wuomos war alkohol- und drogensüchtig und fing an, sich zu prostituieren. Ende November 1989 beging sie ihren ersten Mord. Weitere Morde folgten nach nur kurzer Zeit, die immer nach demselben Muster ablaufen sollten - Wuornos stieg zu den Freiern ins Auto, erschoss sie anschließend und nahm deren Wertsachen an sich. Sie ermordete insgesamt sieben Männer und wurde zehn Jahre nach ihrer Verhaftung im Jahr 2002 mit der Giftspritze hingerichtet (Newton, 2016).

Verbrechen, wie die des Serienmörders Samuel Little - der mit 93 bestätigten Morden als der schlimmste Serienmörder der US-Geschichte gilt - zeigen, dass der Begriff des Serienmörders nicht an Aktualität verloren hat. Schätzungen des Statistic Brain Research Institute (2017) zufolge sollen allein in den USA gegenwärtig 35 Serienmörder aktiv sein. Beim Lesen solcher erschreckender Aussagen ist entsetztes Kopfschütteln nicht von Seltenheit. Dabei kommt ein großes Gefühl von Verwunderung auf, warum es das Schlechte im Menschen gibt und ob dies zu misanthropischen und gefühlskalten Taten führen kann. Jeder Einzelne hat Vorstellungen über das Gute und das Schlechte im Menschen - ob in sich selbst, der Familie, der Gesellschaft3 oder in den täglichen Medien.

Der Begriff des Serienmörders schürt dabei jedoch Urängste und löst zugleich eine Faszination in der Gesellschaft aus - welche vor allem den Massenmedien und der Filmindustrie geschuldet sind. In den Medien werden Serienmörder als gefühlslose Monster, herzlose Bestien oder erbarmungslose Ungeheuer bezeichnet. Serienmörder widerspiegeln das buchstäbliche Böse, welches ein markantes Gesicht und eine idealtypische Vita bekommt. Allerdings muss zur eigenen Verwunderung eingestanden werden, dass oftmals ganz normale und unscheinbare Menschen hinter solchen Verbrechen stecken - Menschen, die sich oftmals auch in der Gesellschaft engagieren und deren Untaten für eine lange Zeit unentdeckt bleiben können - dabei leben und morden sie mitten unter uns.

1.1 PROBLEMSTELLUNG

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Kommentare auf Twitter (2020) über Serienmörder.

Straftat gemeldet (Bundesministerium des Innern, 2016). Sie sind Opfer von Einbrüchen, Raubüberfällen, Körperverletzung bis hin zu Sexualdelikten, Totschlag oder Mord. Angst, Wut und Misstrauen in die Justiz und deren verübte ,Kuscheljustiz‘ stoßen auf Unverständis in der Gesellschaft und es werden härtere Maßnahmen und Strafen für ,außer Kontrolle geratene Bestien' verlangt. Doch kann jenes über alle Mörder behauptet werden? Die Mehrheit der Gesellschaft würde instinktiv wahrscheinlich jene Frage bejahen. Wie würde die Antwort allerdings lauten, wenn eine Mutter den Vergewaltiger ihrer Tochter ermordet oder eine Ehefrau jahrelange Gewalt über sich ergehen lassen musste und ihren Ehemann tötet? - höchstwahrscheinlich anders. Da in dieser Arbeit der in Serie verübte Mord im Fokus stehen soll, muss vor allem der Frage nachgegangen werden, ob diese moralische Relativierung der Schuld auch für Serienmörder gilt und inwieweit die Wissenschaft hier eine Antwort liefern kann. Für zahlreiche Menschen stellen Serienmörder einen rätselhaften Begriff dar, deren begangene Verbrechen eine Vielzahl unbeantworteter Fragen aufwerfen.

In diesem Zusammenhang kann auf das Böse in der Welt geschlossen werden. Kaum eine Frage hat die Anthropologie, Philosophie, Theologie sowie die Psychologie, Kriminologie und viele weitere Disziplinen über die Jahrhunderte so beschäftigt wie diejenige nach dem Übel und dem Leiden auf der Welt (Heckeley, 2017) . Das Böse stellt dabei für den Verstand ein grenzenloses Rätsel dar. Die Frage nach dem Ursprung und der Tatsache, ob es das Böse gibt, regt immer wieder zur Reflexion an und fordert wiederholend Ansprüche an das Denken. Das Verständnis dafür erlebt bei jeglicher Annäherung an die Thematik einen Rückschlag oder wird durch weitere Theorien widerlegt. Abgesehen von dem aufkommenden Diskussionsbedarf und der Ablehnung gegenüber ,solchen' Menschen, kommen dabei Schwierigkeiten auf, eine klare Grenze ziehen zu können, ab wann eine Person ,gut' oder ,böse' ist. „ Es geht mir gut!“, „Das hast du gut gemacht!“ oder „Das Essen schmeckt gut!“ sind Ausdrucksformen, die im sprachlichen Alltagsgebrauch inflationär verwendet werden. Im Gegensatz dazu pflegt die Öffentlichkeit beim Begriff ,böse' einen vorsichtigen Umgang, außer ein Verbrecher wird für seine unerklärlichen Taten verantwortlich gemacht und als Bestie, Ungeheuer oder das personifizierte Böse etikettiert. Doch worum handelt es sich tatsächlich?

Im Duden wird ,gut' als „den Ansprüchen genügend, von zufriedenstellender Qualität, ohne nachteilige Eigenschaft oder Mängel, wirksam, nützlich; angenehm, erfreulich, sich positiv auswirkend“ (Duden, 2020) definiert. Die Begrifflichkeit ,böse' wird als Gegenteil von ,gut' angesehen und wird als „moralisch schlecht, verwerflich, schlecht, schlimm, übel“ oder auch als „ärgerlich, zornig, wütend“ (Duden, 2020) beschrieben. ,Gut‘ und ,böse‘ stellen wertende und moralische Kategorien dar, die ihren Ursprung in der Philosophie finden. Die Begrifflichkeiten dienen dazu, entweder sich selbst oder andere hinsichtlich ihres Verhaltens oder Gefühlszustandes zu bewerten (Frey, 2019). Vergleichsweise gibt es in der Psychologie die Kategorien ,gut‘ und ,böse‘ eigentlich nicht, da sie weitgehend versucht, das Verhalten von Menschen als wertfreie Disziplin zu erklären. Es geht ebenfalls um Werte, welche Individuen befürworten oder ablehnen. Dabei widerspiegeln Werte Grundsätze, die das Zusammenleben in einer Gesellschaft prägen und nach denen sich die Akteure richten sollen und dies im Regelfall auch umsetzen - es sind Ideen und Vorstellungen vom Miteinanderleben, die als wertvoll und richtig betrachtet werden. Hierbei leiten Werte das Verhalten von Individuen, legen den Grundstein für Entscheidungen und bilden einen inneren Kompass ab, an dem sich die Gesellschaft orientieren kann (Frey, 2019). Laut der Psychologie können sich diese Werte sowohl bei ,gut‘ als auch bei ,böse‘ handelnden Menschen wiederfinden.

Die Kategorisierung von Gut und Böse ist maßgeblich historisch geprägt und an die Werte und Normen einer Gesellschaft gebunden. Häusliche Gewalt wurde demnach in Deutschland bis zum Jahr 1990 als ein Privatproblem der Familie angesehen und weder strafrechtlich verfolgt noch sanktioniert. Gewalt an Kindern beziehungsweise die körperliche Züchtigung4 wurde erst im Jahr 2000 in Deutschland durch das ,Recht auf gewaltfreie Erziehung‘ verboten - in vielen Kulturen weltweit gehört dies jedoch noch zur Normalität (Frey, 2019). Die Erlassung dieses Gesetzes begünstigte als positiver Nebeneffekt eine Entwicklung, bei der Sexualmorde in Deutschland beispielsweise seit 30 Jahren um fast 90 Prozent abgeklungen sind, weil eine solche sadistisch-brutale Kindererziehung an Überzeugung verloren hat (Pfeiffer, 2018). Dies sind Beispiele dafür, dass in der Vergangenheit Taten, welche in der heutigen Zeit als grausam angesehen werden, als selbstverständlich oder weitestgehend nicht als ,böse‘ angesehen wurden, da die Vorstellungen von Recht und Unrecht in unterschiedlichen Epochen weit auseinandergingen. Ein weiteres Beispiel, bei dem die Problematik der Relativität der Beurteilung von Gut und Böse deutlich wird, sind Politiker und Soldaten, die einerseits im Krieg Menschen foltern, erschießen oder hinrichten und andererseits liebevolle Eltern, hilfsbereite Nachbarn oder treue Mitglieder einer Kommune sind. Laut Gesetz und Menschenrechten sind jene Taten im Allgemeinen dennoch nicht legitimiert und spiegeln nach der Auffassung der heutigen Zeit eine Bösartigkeit wider (Frey, 2019). Die Liste der Annahmen und Theorien über das Gute und Böse in all seinen Facetten ist ausgiebig - jedoch nicht in allen Disziplinen. In der Pädagogik bestehen im Hinblick auf die Thematik des Guten und Bösen partielle Wissenslücken und eine gewisse Tabuisierung, obwohl die Auseinandersetzung dessen für den Umgang mit Menschen, deren Erziehung und daraus resultierend für deren Moral- und Persönlichkeitsentwicklung ein zentraler Bestandteil pädagogischen Denkens sein sollte.

Es lassen sich in der Geschichte der Pädagogik immer wieder verschiedene Sichtweisen über den Menschen finden. Besonders interessant ist die Zeit der schwarzen Pädagogik, bei der im familiären sowie im schulischen Kontext mit Gewalt und Einschüchterungsmaßnahmen gearbeitet wurde. Ziel dieses Erziehungsgedanken war, den Willen des Kindes mit Macht- und Gewaltausübung, Liebesentzug, Isolation bis hin zu Folter zu brechen und zu einem gehorsamen Menschen zu formen (Rutschky, 1977). In der heutigen Zeit sind solche Erziehungsgedanken unvorstellbar - welche Anthropologie dahinter steckt, soll im Laufe der Arbeit erläutert und kritisch hinterfragt werden. In der Pädagogik bestehen im Hinblick auf eine Auseinandersetzung mit delinquenten Verhalten - vor allem außerhalb des Gebietes der Kinder- und Jugendkriminalität - enorme Wissenslücken. Das Forschungsfeld der seriellen Tötung in Verbindung mit dessen Beschäftigung eines ,guten‘ oder ,schlechten‘ Menschenbildes ist kaum bis gar nicht in der Literatur vorhanden. Aus diesen Gründen sollen im Folgenden Theorien und Auffassungen aus den Disziplinen der Philosophie und Theologie sowie der Anthropologie und Psychologie herangezogen werden.

Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist nicht nur der Ursprung des Bösen, sondern auch die Auseinandersetzung mit der Person des Serienmörders. Hierzu gibt es vor allem eine Kluft zwischen der Neurobiologie, der Psychologie und den Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Frage aller Fragen ist dabei, ob Kriminalität und die daraus resultierenden Taten angeboren sind oder bestimmte Umstände im Leben einer Person dazu führen können. Der Serienmörder Richard Speck überfiel im Jahr 1966 ein Schwesternwohnheim in Chicago, fesselte acht Schülerinnen und ermordete sie anschließend. Der 24-jährige Serientäter hatte schon vor dem Verbrechen mit über 40 Verhaftungen - unter anderem auch wegen zweifachen Mordes - eine lange kriminelle Laufbahn hinter sich (Ruffing, 2011). Wissenschaftler zweifelten nach und nach an seiner Schuldfähigkeit und untersuchten Speck. Dabei meinten Gefängnisärzte einen genetischen Defekt bei ihm entdeckt zu haben, bei dem ein zweites Y-Chromosom gefunden wurde - statt den üblichen XY-Chromosomen, wurde an der neuen ,gewalttätigen‘ Chromosomen-Kombination XYY festgehalten (Ruffing, 2011). Die schottische Medizinerin Patricia Jacobs hatte ein Jahr zuvor eine Studie veröffentlicht, wonach Männer durch ein überzähliges Y-Geschlechtschromosom eher zu Gewalt und Aggressivität neigen. Jacobs fand bei acht von 196 untersuchten Inhaftierten eines schottischen Gefängnisses ein zusätzliches Y- Chromosom5 (Ruffing, 2011). Durch die Untersuchung an Richard Speck wurde erstmals eine enorme Diskussion über die Existenz eines Mörderchromosoms ausgelöst. Seitdem glaubten zahlreiche Wissenschaftler an die Existenz einer genetischen Disposition für Kriminalität. Einige Studien, wie die des Serienmörders Specks, wurden im Nachhinein wieder falsifiziert - es gibt jedoch auch heutzutage viele Ansätze, die an einem Verbrecher-Gen festhalten. Andere positionieren die Ursache von Kriminalität eher im sozialen Umfeld und in der Biografie des Täters und vertreten die Meinung, dass alle Menschen zum Mörder werden können und die Genetik nicht als Schicksal vorausgesetzt werden kann. Die Beschäftigung mit Lebensgeschichten fand ihren Ursprung in der theologischen Forschung und genießt eine jahrhundertealte Tradition, wie christliche Autobiografien und Hagiografien zeigen (Sparn, 1990). Die kulturwissenschaftliche und soziologische Biografieforschung untersucht soziale Lebenswelten und Entwicklungen durch Analysen und Betrachtungen von Lebensgeschichten. Entwicklungsverläufe und Identitätsdarstellungen sowie Interaktionen in individuellen Situationen des Alltagslebens werden in psychologischen Ansätzen interpretativ erschlossen (Thomae, 1998). Die qualitative Biografieforschung gewann seit den 1980er Jahren auch in der Sozialisationsforschung und Pädagogik immer mehr an Bedeutung. Doch kann die Analyse von Biografien als hinreichende Erklärung dienen, um kriminelles Verhalten zu erklären und der Gesellschaft, Justiz und Politik gerecht zu werden?

Letzendlich soll diese Arbeit einen Beitrag dazu leisten, Schubladendenken, Stigmatisierungen und Vorurteile gegenüber Serienmördern als Personifikation des Bösen in der Gesellschaft ein Stück weit aufzuarbeiten und einen Blick hinter die Fassaden zu ermöglichen, um einerseits die Gefühle, Gedanken und Absichten der Serienmörder zu analysieren und andererseits die Theorien, Forschungen und Streitigkeiten der Disziplinen kritisch zu hinterfragen und mit einem kleinen Funken Hoffnung zu versöhnen.

1.2 AUFBAU UND ZIELE

Im ersten Teil wird ein theoretischer Einblick in das Thema der Anthropologie und deren Menschenbild in Bezug auf das Gute und das Böse gegeben. Hierbei werden Kriminalitätstheorien der klassischen Schule sowie der italienisch kriminalanthropologischen, französisch kriminalsoziologische und der Marburger Schule zur Hilfe gezogen. Moderne Ansätze sollen das verbrecherische Menschenbild6 abrunden. Darüber hinaus soll auf die Anthropologie des Guten und des Bösen eingegangen werden. Hier werden philosophische, biblische und humanwissenschaftliche Stellungnahmen über die Entstehung des Guten und Bösen erläutert, um ein allgemeines Verständnis zu erlangen. Zuletzt soll ein Überblick über Serienmörder gegeben werden. Neben Definitionen und Zahlen soll die Thematik des Bösen aufgegriffen werden, wobei hier primär auf Theorien eingegangen wird, die dem Rätsel einer Personifikation des Bösen bei Serienmördern näherkommen soll. Im zweiten Teil wird auf die aktuelle Diskussion eingegangen, ob Menschen als Mörder geboren oder zum Mörder gemacht werden. Hierbei spielt die Evolution eine bedeutende Rolle, durch welche die Wurzeln der menschlichen Gewalt und den daraus resultierenden Verbrechen geprägt wurde. Hierzu soll im Anschluss die kriminalanthropologische Theorie Cesare Lombrosos und dessen anschließende Bewegung aufgezeigt werden. Zwillings- und Adoptionsstudien sowie Studien über Gehirnscans von Serienmördern unterstreichen dabei das Bild eines geborenen Verbrechers. Auf der anderen Diskussionsseite sollen Annahmen aufgezeigt werden, bei dem der Fokus auf der Biografie des Serientäters Edmund Emil Kemper III gelegt wird. Hierbei wird primär auf gesellschaftliche, familiäre und soziale Einflüsse eingegangen. Zudem soll die Bedeutung der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth in Verbindung mit Bindungsstörungen und deren Folgen vermittelt werden. Daraufhin soll die Ansicht einer biosozialen Perspektive beleuchtet werden, bei der beide zuvor genannten Diskussionspunkte ineinander verschmelzen und das Phänomen der Resilienz in Verbindung mit Risiko- und Schutzfaktoren eine zentrale Rolle spielt. Abschließend soll die Frage diskutiert werden, inwieweit Fehlerziehung und Liebesentzug der Eltern einen Teil dazu beitragen, den Menschen als Serienmörder zu formen. Ziel dieser Masterarbeit ist es, der folgeschweren Frage nachzugehen, ob Mord unter Menschen eher eine Folge gesellschaftlicher Auswüchse und Irrwege ist - und in Grenzen resozialisierbar - oder ob es sich vielleicht doch um ein biologisches Erbe handelt. Zudem soll kritisch hinterfragt werden, inwiefern Serienmörder eine Personifikation des Bösen widerspiegeln oder anthropologische Theorien des reinen und guten Herzens widersprochen werden können.

2. EIN THEORETISCHER EINBLICK - DIE SAAT DES BOSHAFTEN

2.1 VERBRECHERISCHE MENSCHENBILDER

«Nahezu alle Menschen sind kriminell, aber nur ein ganz kleiner Prozentsatz der kriminellen Handlungen wird sanktioniert.» (Sack, 1979, S. 463f.) Menschenbilder haben in der Anthropologie, Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Kriminologie - der empirischen Wissenschaft für Kriminalität und Verbrechen - eine erhebliche Bedeutung, da sie Erklärungen über straffällig gewordene Menschen und deren delinquenten Verhalten mitbestimmen und so Relevanz für den Umgang mit straffälligen Menschen schaffen. Die Vorstellungen von einem Täter haben sich im Verlauf der Kriminalitätsgeschichte einem ständigen Wandel unterzogen, weshalb ein einheitliches Bild von verbrecherischen Person nicht vorhanden ist. Die Veränderungen stehen im Zusammenhang mit wissenschaftstheoretischen, kulturellen und gesellschaftlichen Bewegungen, woraufhin im Folgenden ein Überblick über die Evolution des Täterbildes und des darauf entstehenden Menschenbildes gegeben werden soll.

Rätsel, Spekulationen und Diskussionen rund um den Ursprung kriminellen Verhaltens, die von der jeweiligen Epoche und Gesellschaftsstruktur unabhängig sind, gibt es schon seit Urzeiten. Bereits im Alten wie im Neuen Testament können Berichte und Erzählungen über schwerwiegende Verbrechen und den daraus folgenden Sanktionen gefunden werden. Die Philosophen Plato und Aristoteles beschäftigten sich mit den Ursachen des delinquenten Verhaltens eines Menschen (Kunz, 2004). Plato war der Ansicht, dass ein Straftäter ein aus der Dummheit, Genusssucht oder Leidenschaft zum Geisteskranken entwickelter Mensch ist (Mergen, 1995). Demnach sind nach Plato biologische Faktoren strafschärfend zu bewerten, während bei Aristoteles angeborene Faktoren wie der menschliche ,Schwachsinn‘ oder Geisteskrankheiten als legale Entschuldigungsgründe zu betrachten sind. Trotz Aristoteles Feststellung, dass der Mensch durch Umwelteinflüsse und Veranlagung zum Straftäter wird, sah er es als unerlässlich an, sie als Feinde der Gesellschaft schwerwiegend zu sanktionieren (Mergen, 1995). Jenes präsentiert, dass sich Individuen schon Jahrhunderte vor der Zeitrechnung mit Delinquenz und deren Gründe auseinandersetzten. Die wissenschaftlichen Anfänge des Erklärens von straffälligem Handeln gehen bis in das frühe Mittelalter zurück, wobei zu dieser Zeit für den Umgang mit Straftätern nur religiöse Erklärungsversuche in Anbetracht gezogen wurden (Meier, 2007). Die ersten kriminologischen Ansätze fingen mit Beginn der Rechtsmedizin im 15. Jahrhundert an (Kaiser, 1993). Die im 13. Jahrhundert erlassenen normannischen Gesetze waren hierfür der Grundbaustein, bei denen erstmals in der Historie ein Obduktionszwang eingeführt wurde. Somit entstand nach und nach eine Abkehr vom Gottesurteil hin zur materiellen Wahrheit und zum Rationalismus - der fundamentale Umbruch und die ersten theoretischen Denkanstöße erfolgten allerdings erst nach dem Zeitalter der Aufklärung.

Die sogenannte klassische Schule prägt erstmals den Ursprung der Kriminologie als alleinstehenden Wissenschaftszweig (Meier, 2007). Die Hauptvertreter der klassischen Schule, Cesare Beccaria (1988) und Jeremy Bentham (1823), gingen von einem utilitaristischen Menschenbild aus, bei dem menschliches Handeln vom Bedürfnis nach Lust und dem Ausweichen von Schmerz bestimmt ist. Die Kernaussage der Kriminalitätstheorien war, dass es sich bei dem Straftäter um ein eigenverantwortliches und daraus resultierend willensfreies Individuum handelt, dem parallel rational abwägende Eigenschaften und Fähigkeiten attestiert werden. Kriminalität ist demzufolge das Resultat willensfreier und rationaler Entscheidungen der handelnden Bürger - der Mensch ist demzufolge indeterminiert (Meier, 2007). Dabei wägen potenzielle Verbrecher Vor- und Nachteile eines Verbrechens gegeneinander ab und entscheiden sich für die Tatbegehung, wenn der Nutzen, der aus dem Verbrechen entnommen werden kann, größer ist, als die mutmaßlichen Konsequenzen, die bei der Feststellung der Tat entstehen (vgl. ebd.). Das Verständnis der Theorie der klassischen Schule wird heutzutage von der ökonomischen Kriminalitätstheorie nach dem Nobelpreisträger Gary S. Becker (1993) vertreten, wobei es sich um eine Übertragung des klassischen Rational-Choice-Ansatzes7 auf delinquentes Verhalten handelt und nach der kriminelles Handeln Folge einer Kosten-Nutzen­Abwägung des Täters ist.

Anfang des 19. Jahrhunderts prägte sich vermehrt ein Menschenbild des Straftäters, das stärker auf die Moral des Täters fokussiert war. Er wird als ein Mensch gesehen, der sich durch fehlerhafte Entscheidung von der richtigen Gesinnung abgewendet und eine falsche, von Egoismus und Hedonismus geprägte Gesinnung angenommen hat, die dann seine weitere Lebensführung prägt und ihn für die bürgerliche Gesellschaft gefährlich macht. Diese Sichtweise wird Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Positivismus abgelöst, wobei menschliches Verhalten und damit verbunden auch Delinquenz als Anwendungsfall allgemeiner empirischer Gesetzmäßigkeiten betrachtet wird (Meier, 2007). Der Mensch ist demnach, im Gegensatz zur klassischen Schule, determiniert - denn, wenn menschliches Handeln nicht dem freien Willen unterworfen ist, gilt dies auch für Delinquenz. Eine Straftat ist somit in den Ursachen und Gründen zu betrachten, die nicht der Kontrolle des Einzelnen unterliegen (Meier, 2007). Der Positivismus kann in drei verschiedene Säulen unterteilt werden, die italienisch kriminalanthropologische Schule, die französisch kriminalsoziologische Schule und die Marburger Schule, welche eine Verbindung der zuvor genannten positivistischen Schulen erreichen wollte.

Die italienisch kriminalanthropologische Schule des Positivismus geht davon aus, dass die Gründe und Ursachen für straffällige Verhaltensweisen in den anthropologischen Merkmalen des Verbrechers zu finden sind und das Handeln eines Individuums durch biologische Anlagen voreingenommen ist. Nach der italienischen Schule wird der Mensch demzufolge aufgrund seiner seelischen und körperlichen Anomalien zum Straftäter geboren und das Böse wohne dem Verbrecher von Geburt aus inne (Meier, 2007). Wesentliche Vertreter der italienischen Schule waren vor allem Enrico Ferri, Raffaele Garofalo und Cesare Lombroso, der ein Anhänger der darwinschen Evolutionstheorie war - auf welchen in Kapitel 3.1.1 der Arbeit explizit eingegangen wird.

Im Gegenzug dessen steht die französisch kriminalsoziologische Schule, die im Vergleich zur klassischen Schule nicht auf die Vergangenheit und Schuld des Täters fokussiert ist, sondern auf den Grad der Gefährlichkeit und dessen Zukunft. Somit ist die französische Schule nicht tatsachenorientiert, sondern behandlungsorientiert und lehnt den anthropologischen Ansatz der italienischen Schule ab, in dem die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen von Kriminalität in den Fokus gelegt werden (Meier, 2007). Die Philosophen Montesquieu, Locke und Rousseau sind wichtige Mitbegründer der französischen Schule - deren Kerngedanke war, dass die soziale Entwicklung eines Individuums von seiner Erziehung abhängig ist (Schwind, 2009). Dabei gelten die Moral- und Sozialstatistiker André-Michel Guerry und Adolphe Quetelet als Vorläufer der französischen kriminalsoziologischen Schule, die im Jahr 1833 versuchten, die Abhängigkeit der Kriminalität vom Lebensraum nachzuweisen, wobei auch die soziale Schicht, das Geschlecht und das Alter eine bedeutende Rolle spielten. Dabei wurde Kriminalität als ein gesellschaftliches Erscheinungsbild angesehen, bei dem der Mensch ein Produkt aus seiner sozialen und physischen Umwelt sowie seiner individuellen Eigenart ist (Schneider, 1987).

Alexandre Lacassagne, Émile Durkheim und Robert Merton entwickelten auf Grundlage dessen die Basis der ersten kriminalsoziologischen Theorien. Der Mediziner Lacassagne entwickelte im direkten Gegensatz zu Lombroso eine Milieutheorie des Verbrechens. Dabei geht die Milieutheorie davon aus, dass die Eigentümlichkeit des Menschen ausschließlich auf die äußeren Umstände abgeleitet werden muss und das Milieu als Nährboden der Kriminalität angesehen werden kann (Schwind, 2009). Somit ist der Mensch ein Resultat seiner sozialen Umwelt und wird nach der Auffassung Lacassagnes zur Tat gezwungen.

Die Anomietheorie gehört zu der anerkanntesten soziologischen Kriminalitätstheorie des normativen Paradigmas8. Die älteste Ausführung dessen wurde von Emile Durkheim im Jahr 1895 publiziert und schaffte die Grundlagen für die moderne Kriminalsoziologie. Durkheim vertrat die Meinung, dass Straffälligkeit eine normale und zugleich erforderliche Begebenheit jeder Gesellschaft ist - ohne Verbrechen könne sich demnach eine Gesellschaft nicht weiterentwickeln und es gäbe keinen sozialen Wandel (Schneider, 1987). Aus diesen Gründen erachtete Durkheim Kriminalität als erforderlich, da diese mit den Rahmenbedingungen und Prämissen sozialen Lebens verbunden sei. Falls ein Verbrechen jedoch in erhöhtem Maße vorkomme, wäre dies nach Durkheim abnorm. Als Erklärung für einen Anstieg der wiederholten Delinquenz wird hier die Nichtbeachtung sozialer Regeln herbeigezogen oder die Zunahme der menschlichen Triebe, wobei die Bedürfnisse immer dominierender werden, welches Delinquenz zur Folge hat (Mergen, 1995). Demnach ist gesellschaftliche Inklusion nur möglich, wenn die unbegrenzten Bedürfnisse und Triebe der Menschen in Zaum gehalten werden. Einerseits soll durch ein solches Kollektivbewusstsein der Gesellschaft Orientierungssicherheit vermittelt, andererseits ein Gefühl von Solidarität erzeugt werden - Straffälligkeit kann demnach nach Durkheim als gesellschaftsbezogen angesehen werden (Schneider, 1993). Die später entwickelte Anomietheorie von Merton (1995a) lehnt sich vorwiegend an Durkheim an, bei dem Anomie folglich aus den Komponenten einer fehlenden Normgeltung, der Akzeptanz gesellschaftlicher Ziele und der Unzulänglichkeit legaler Mittel zur Zielerreichung entsteht. Dabei versteht er unter der Anomietheorie einen Zusammenbruch der kulturellen Struktur, welche nach seiner Annahme auf zwei Gründe zurückzuführen ist. Auf der einen Seite die gesellschaftlich vorgeschriebenen Ziele und auf der anderen Seite die legalen Chancen, diese Ziele zu erreichen. Die Entwicklung der Anomie erscheint ausschließlich dann, wenn die zur Verfügung stehenden Mittel nicht genügen, um gesellschaftliche Ziele auf legalem Wege zu erreichen und so bei mangelnder Toleranz von Normen illegale Mittel zur Zielerreichung angewendet werden. Somit ist Anomie nach Merton ein Nachklang eines Ziel­Mittel-Konflikts sowie einer mangelnden Normakzeptanz in der Gesellschaft, die als Triebfeder angestiegener Kriminalität angesehen werden können.

Der Rechtswissenschaftler Franz von Liszt brachte die Kriminalsoziologie im 19. Jahrhundert nach Deutschland, welche neben der italienischen und französischen Schule die dritte Säule bildet. Mit großem Interesse für kriminologische Forschung und für die Verwendung kriminologischer Erkenntnisse enpole des Schulenstreits der italienischen und 1882 schrieb der Rechtswissenschaftler in seinem Marburger Programm seine wesentlichen Gedanken nieder und verlangte nach einer Strafrechtswissenschaft, welche Kriminalanthropologie, -psychologie und -statistik miteinbeziehen sollte (Meier, 2007). Die Kernaussage seiner Vereinigungstheorie verdeutlichte, dass Kriminalität ein Produkt aus persönlichen Eigenschaften des Täters und Umwelteinflüssen ist. Die Hypothese der sogenannten Anlage-Umwelt-Formel war der erste empirische Mehrfaktorenansatz, wonach kriminelles Verhalten keinesfalls aus einer bestimmten Ursache heraus entstünde.

Im 20. Jahrhundert waren vor allem Ansätze der Lern-, Sozialisations-, Labeling- und Kontrolltheorien prägnant. Bei den folgenden Lerntheorien ist eine Abfärbung der Pädagogik und Psychologie erkennbar, die davon ausgeht, dass nonkonformes Verhalten genauso erlernt werden kann wie konformes Verhalten9. Die in dem Jahr 1924 gegründete Theorie der differentiellen Kontakte des amerikanischen Soziologen Edwin Sutherland (1979) gehört zu den klassischen Lerntheorien der Begründung verbrecherischen Handelns, wobei Kriminalität nach Sutherland ein Produkt einer entsprechenden Haltung ist. Diese Einstellung und die zur Ausführung eines Verbrechens erforderliche Vorgehensweise und Strategie wird aufgrund von Kontakten mit Kriminellen meist in intimen persönlichen Gruppen erlernt - dabei ist das Kennenlernen krimineller Verhaltensmuster besonders wichtig (vgl. ebd.). Die Theorie des sozialen Lernens von Robert Burgess und Ronald Akers (1966) baut auf dem Gedanken Sutherlands und Skinners Theorie der operanten Konditionierung10 auf und soll erläutern, wie kriminelles Handeln erlernt wird. Burgess und Akers postulieren, dass kriminelle Verhaltensweisen entsprechend den Grundsätzen operanter Konditionierung angeeignet werden. Demzufolge ist die Wahrscheinlichkeit strafbaren Handelns umso dominierender, je stärker jenes in der Vergangenheit belohnt und je weniger es bestraft wurde. Aus diesen Gründen wird delinquentes Verhalten durch positive Verstärker, beispielsweise in der Familie, durch Freunde oder dem sozialen Umfeld, erlernt und durch negative Verstärkung gehemmt oder sogar negiert. Nach der sozial-kognitiven Lerntheorie des kanadischen Psychologen Albert Bandura (1979a) werden Verhaltensweisen vorrangig durch Beobachtung erlernt - dies gilt auch für straffälliges Verhalten. Nach der Methode des ,Lernen am Modell‘ werden Bezugspersonen wie Eltern, Peergroups, Idole und Medienvorbilder eine zentrale Bedeutung zugesprochen. Dabei spiegelt der Lernprozess keine reine Nachahmung der Handlungen nahestehender Personen wider, sondern weist neben den sozialen auch kognitive Bestandteile auf, bei dem eine Abwägung von positiven sowie negativen Folgen durchgeführt wird. Nach Banduras Annahme ist der Lernprozess demzufolge nicht primär reaktiv disponiert, sondern wird durch Mechanismen der Selbststeuerung beeinflusst. Durch rationale Einschätzungen und individuelle Wertorientierungen kann der Lernende den Prozess mitgestalten und bewerten. Sozialisationstheoretische Kriminalitätstheorien beziehen sich einerseits auf eine mikrosoziologische Ebene und andererseits auf eine makrosoziologische Ebene. Auf der Mikroebene wird das Gewicht von Sozialisationsdefiziten und -störungen berücksichtigt, auf der Makroebene Einflüsse von kulturellen und sozioökonomischen Eigenschaften auf den Sozialisationsverlauf. Die wichtigsten Vertreter der Sozialisationstheorie sind der Soziologe Talcott Parsons und Sozialpsychologe Robert Bales. Ein gemeinsames Normen- und Wertesystem ist zumindest partiell wichtig für die Konformität in einer Gesellschaft, welches durch Sozialisationsprozesse vermittelt wird (Parsons & Bales 1964). So kann eine Sozialisation auch als Durchsetzungsmittel kulturell gefestigter Erziehungsziele gesehen werden. Dabei wird straffälliges Handeln als ein normativ orientiertes Verhalten angesehen, welches im Großen und Ganzen durch eine Disparität zwischen positiven und negativen Sanktionierungen erklärt wird (vgl. ebd.). Aus diesen Gründen braucht eine Sozialisation sowohl einen Gleichklang zwischen Zuwendung, Belohnung und Liebe als auch Kontrolle und Reglementierung.

In Anlehnung an Piaget entwickelte der Psychologe Lawrence Kohlberg (1969) eine weitere Sozialisationstheorie, die auf ein sechsstufiges Modell der Moralentwicklung11 - der Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden -beruht. Dabei ist die erlangte Ebene der Moralentwicklung eines Individuums der Schlüssel für moralisches Handeln. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit für straffälliges Verhalten umso geringer, je höher die Moralstufe ausgeprägt ist.

Neben den Lehr- und Sozialisationstheorien wurde der Labelingstheorie ebenfalls eine wichtige Bedeutung zugeschrieben. Dabei ist die Kernaussage, dass Straffälligkeit anhand der Interaktionen zwischen dem Täter und denjenigen, die Verbrechen definieren - beispielsweise die Gesellschaft oder Justiz - begründet wird. Diese wurde vor allem durch den symbolischen Interaktionismus von George Mead (1934) geprägt und unter anderem von den Vertretern F rank Tannenbaum (1938), Howard S. Becker (1963) und Edwin Lemert (1951) weiterentwickelt. Demnach wird die Eingruppierung delinquenten Verhaltens als ein Resultat eines gesellschaftlichen und selektiven Zuschreibungs- und Definitionsprozesses betrachtet. Hierbei spielen Stigmata und Vorurteile im Zuge einer Kriminalisierung eine maßgebende Rolle, weswegen Straffälligkeit nicht das Ergebnis des Geschehens ist, sondern die Bilanz eines ,Etikettierungsprozesses‘. Interessant ist, dass laut der Labelingtheorie etikettierte Individuen bestimmte Attribute adaptieren und sich in ihrem Verhalten diesen anpassen, weshalb Strafen dabei als paradoxe Mittel angesehen werden, die straffälliges Verhalten erhöhen können.

Im Gegenzug dazu stehen die ätiologischen Kriminalitäts- beziehungsweise Kontrolltheorien - ein modernerer Ansatz ist die ,General Theory of Crime‘ von Gottfredson und Hirschi (1990). Dabei nehmen sie an, dass eine Tat nur dann verübt werden kann, wenn der Hang zur Kriminalität mit einer adäquaten Gelegenheit einhergeht. Folglich ist der Hang zur Delinquenz ein Ergebnis minderer Selbstkontrolle, welche sich laut den Kriminologen in der Kindheit bis zum achten Lebensjahr im Rahmen der Sozialisation entwickelt und resultierend ein spärlich veränderbares Persönlichkeitsmerkmal darstellt (Gottfredson & Hirschi, 1990). Hierbei kann eine mangelhafte Beaufsichtigung der Eltern, eine Nichterkennung oder nicht angemessene Reaktion von devianten Verhalten bei den Kindern zur Entstehung von Makeln in der Selbstkontrolle führen. Aus diesen Gründen fällt es Menschen mit einer gesunden Selbstkontrolle einfacher, kriminellen einladenden Impulsen zu widerstehen. Individuen, die jedoch einen Mangel an Selbstkontrolle aufweisen, neigen eher dazu kriminell zu werden (vgl. ebd.).

Die vorstehende Übersicht macht deutlich, dass in der Vergangenheit sowie in der Gegenwart viele verbrecherische Menschenbilder vorhanden waren und bis heute noch sind - die unterschiedlicher kaum sein könnten. In den Vorstellungen der Gesellschaft über Verbrecher schlagen sich allgemeine Menschenbilder nieder. Die Auffassungen unterscheiden sich unter anderem im Hinblick auf die Ähnlichkeit zwischen Täter und Nichttäter, die Einschätzung des Täters als rational oder irrational agierende, als frei oder unfrei aber vor allem gut oder böse handelnde Person. Doch was genau bedeutet es eine böse handelnde Person zu sein? Die Frage nach dem Bösen treibt Denker seit jeher um. Ist es dem Guten als eigenständige Macht entgegengesetzt oder ist es nur die Abwesenheit des Guten? Ist es radikal und tief in unserer Natur verwurzelt oder ist es banal und oberflächlich? Im Folgenden sollen das Gute und das Böse aus biblischer, philosophischer und pädagogischer Sicht beleuchtet werden, um einer möglichen Erklärung für ein Menschenbild des Bösen und der Spur der Saat des Boshaften und der Entstehung des Guten - aber vor allem - des Bösen näher zu kommen.

2.2 DIE ANTHROPOLOGIE DES GUTEN UND DES BÖSEN

«Es ist charakteristisch für die ganze heutige Literatur, dass sie so wenig vom Bösen spricht. Der Materialismus befasst sich eben nicht mit dem Bösen. Leid, Krankheit und Tod können anscheinend eine materielle Erklärung finden, aber das Böse nicht.» (Steiner, 1906, S. 1) Die Auseinandersetzung mit der Thematik des Guten und des Bösen und die Frage nach einer einheitlichen Lösung und Definition erweist sich seit Urzeiten als etwas Unmögliches. Die Anthropologie spielt hierbei eine bedeutende Rolle, die als ,Wissenschaft vom Menschen‘ einerseits den prähistorischen und andererseits den modernen Menschen in allen Lebensweisen erforscht. Im Folgenden soll ein historischer Überblick über Theorien des Guten und des Bösen aufgezeigt werden, die für ein Verständnis zur Beantwortung der zentralen Fragestellung notwendig sind. Interdisziplinäre Ansichten aus der Theologie, Philosophie, Pädagogik und Psychologie sollen hierfür zur Hilfe gezogen werden.

Eine bekannte Differenzierung - die vor allem im Sinne der Theodizeefrage verwendet und vom Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz vertreten wurde - ist die Unterscheidung zwischen einem malum physicum, malum morale und malum metaphysicum Menschen (Leibniz zit. n. Schäfer, 2014). Ersteres bezeichnet das natürliche und vorgegebene Übel wie Krankheiten oder Naturkatastrophen, welches in der Natur immer gegenwärtig ist. Das malum morale beschreibt die Schuld und Sünde, wenn der Mensch willentlich und gegen die Normen und Regelungen - das ,Gute‘ - verstößt. Zuletzt stellt das malum metaphysicum jenes Übel dar, welches den Menschen vom vollkommenen Gott unterscheidet. Beispiele hierfür sind die Sterblichkeit, die Unvollkommenheiten des Seins und die Beschränktheit der Erkenntnis (vgl. ebd.). Das Böse beginnt in der christlichen Weltanschauung bereits im Paradies. Im Alten Testament wird der erste Sündenfall des Menschen erläutert, bei dem Adam und Eva entgegen dem Verbot Gottes vom Baum der Erkenntnis im Garten Eden gegessen haben (Gen 2,17). Aus diesem Grund konkretisiert die Bibel die grundsätzliche Aussage, dass alle Menschen Sünder sind, denn jene Sünde setzt sich seither in jeder Seele der Menschheit fort. Zudem wird geschildert, dass Grenzen im Sinne Gottes vom Menschen nicht akzeptiert werden und daraus resultierend das Verhältnis zu Gott, den Mitmenschen und der Umwelt zerstört wird (Gen 3,11). So trat erstmals in der Bibel auf, dass sich der Mensch bewusst für das Böse entscheidet. Die Confessio Augustana lehrt, dass die Menschen „alle vom Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können“ (CA, 2). Das Neue Testament stellt die Sünde wiederum als eine objektive Macht dar (Rö 7/8), die jeden einzelnen Menschen beherrscht und erst durch Gott gebrochen werden kann. Die christliche Tradition spricht vom Bösen als ein Mangel des Guten - privatio boni -, das entsteht, wenn es an der Ausrichtung auf das höchste Gut, auf Gott, fehlt. Die Bibel macht jedoch keine konkreten Aussagen darüber, woher das Böse auf der Welt letzten Endes kommt. Der Mensch bleibt ein simul iustus et peccator - Gerechter und Sünder zugleich.

Mit Platon beginnt die systematische Auseinandersetzung der abendländischen Philosophie mit der Frage nach dem Guten. Im Mittelpunkt der platonischen Ideenlehre steht das Gute, welches als Ursprung und Ziel allen Seins und als die Idee aller Ideen wahrgenommen wurde (Lippert & Ott, o.J.). Diese Ideen können als eine eigene Wirklichkeit - sogenannte Urbilder - hinter einer Sinnenwelt verstanden werden, welche jener immer übergeordnet sind. Dabei können Urbilder als geistig und immateriell angesehen werden, die in der Realität zu Abbildern geformt werden. Für Platon stellen diese Urformen Ideen dar, die unvergänglich und absolut sind und woraus beispielsweise eine Idee des Menschen, eine Idee eines Hauses oder eine Idee eines Stuhles entstehen kann. Die platonischen Ideen stellen eine seiende Welt dar, welche nicht mit den menschlichen Sinnen wahrgenommen werden kann, jedoch durch die Vernunft erkennbar wird - die Abbilder der Ideen können jedoch nie so vollkommen sein wie die Idee selbst. Dabei spiegelt die höchste Idee die Idee des Guten wider, bei der der Eros (Eprnq) nach Platon die treibende Kraft für das Streben nach dem Guten ist und beim Anblick des Schönen erwacht. Als Lebensziel des Menschen formulierte Platon das Beschäftigen mit den Ideen und dem Geistigen sowie das Erstreben nach Erkenntnis und dem Guten. In diesem Streben sah Platon das lohnenswerteste und anerkannteste Leben, welches ein Mensch erreichen konnte. Schlechtes beziehungsweise Böses charakterisiert der Philosoph als einen versehentlichen Fehlschluss, da der Mensch nur das Gute beabsichtigt (Lippert & Ott, o.J.).

Im Gegensatz dazu kann nach der Nikomachischen Ethik des Philosophen Aristoteles (2011) das Gute als ein formales Objekt allen menschlichen Strebens angesehen werden. So wurden idealistische und materialistische Elemente vereint, wobei politische Partizipation, intellektuelle Kontemplation, materieller Wohlstand sowie auch die Gesundheit gleichermaßen als Meilensteine zum Erlangen des Guten angesehen wurden (Lippert & Ott, o.J.). So wurde nach Aristoteles durch jede Handlung ein Gut erstrebt, welche sich als tugendhaft, aber auch als lasterhaft darstellen konnte, wobei sich ein Laster in der Natur des Guten nur als ein Irrtum zeigen kann. So glaubte der Zügellose (akolastos), dass das Glück, das Gute oder die Eudaimonia nicht in einem tugendhaften Leben bestehe, sondern allein in der Lust. Demnach wäre das Handeln des Zügellosen schlecht (kakos). Nach Aristoteles verfolgt dieser jedoch immer noch ein Gut, auch wenn dieses ein minderes darstellt, da die Lust als solche nichts Schlechtes ist (vgl. ebd.). Aristoteles zog jedoch eine klare Grenze und sagte, dass „nicht jede Handlung oder jeder Affekt eine Mitte [fasst], da sowohl manche Affekte, wie Schadenfreude, Schamlosigkeit und Neid, als auch manche Handlungen, wie Ehebruch, Diebstahl und Mord, schon ihrem Namen nach die Schlechtigkeit in sich schließen“ (NE II, 6, Z.10).

Im Gegensatz zu den von Platon und Aristoteles angenommenen sittlichen Idealen vertrat der Philosoph Thomas Hobbes einen verstärkt im Zusammenhang mit den Ansichten der Kyniker und Sophisten stehenden Skeptizismus, welcher die Existenz verbindlicher Moral standards verneint. Durch jenen moralischen Relativismus vertritt Hobbes die erkenntnistheoretische These, dass durch Selbstwahrnehmung keine gesicherte Erkenntnis über die Welt realisierbar ist (Hespe, 2011). Aus diesem Grund hatte der Philosoph die Befürchtung, dass alle Menschen von Natur aus böse seien. Zudem gehörten zu seiner Denkweise ein konsequenter Empirismus und eine materialistische Anthropologie. Demzufolge charakterisiert der Mensch einen Egoisten, welcher größtenteils nach der Erhaltung seiner Existenz, nach Eigentum, möglichst vielen materiellen Besitztümern und nach seinem eigenen Vorteil strebt. Daher herrscht im Naturzustand ein Kampf aller gegen alle, da der Mensch darauf aus ist, dem anderen Schaden zuzufügen (vgl. ebd.). Diese Annahme fasst Hobbes unter dem folgenden Sinnspruch zusammen - ,Homo homini lupus ‘.

Der Pädagoge August Hermann Francke gehörte der Bewegung des Pietismus an und verfolgte das Ziel, Kinder zur christlichen Besonnenheit und Gottseligkeit zu disziplinieren, denn dies sei das wichtigste Fundament für die Wertschätzung Gottes (Kotsch, 2011). Laut dem Pietismus war der Mensch ebenfalls von Natur aus sündhaft und böse, weswegen der Wille des Kindes gebrochen werden musste, um wahren Glauben finden zu können. So war für Francke der Mensch im Rahmen der christlichen Tradition schicksalhaft durch die Erbsünde geprägt und - wie oben beschrieben - prinzipiell böse und verdorben. Ein Kind konnte demnach nur durch eine strenge Erziehung bekehrt und ,errettet‘ werden (vgl. ebd.). Im Gegensatz zur christlich 3 Delinquenz stammt aus dem Lateinischen (delinguentia) und kann als em Synonym für Verbrechen und Straffälligkeit angesehen werden.

[...]


1 Die Bezeichnung des Serienmörders ist jedoch erst später entstanden. Da Polizeistationen früher nicht netzwerkartig zusammengearbeitet haben, blieben viele Taten unentdeckt und wurden nicht zusammen in Verbindung gebracht.

2 In dieser Arbeit wird des Öfteren der Begriff ‚der Gesellschaft‘ verwendet. Hierbei gilt es zu beachten, dass es sich nicht auf die Allgemeinheit bezieht, sondern auf einen Teil beziehungsweise Großteil der Gesellschaft.

3 In dieser Arbeit wird des Öfteren der Begriff ,der Gesellschaft4 verwendet. Hierbei gilt es zu beachten, dass es sich nicht auf die Allgemeinheit bezieht, sondern auf einen Teil beziehungsweise Großteil der Gesellschaft.

4 Körperliche Züchtigung wird durch den UN-Ausschuss als jede Bestrafung definiert, bei der körperliche Gewalt angewendet wird und die die Absicht verfolgt wird, einen bestimmten Grad an Schmerzen beim Kind hervorzurufen (Frey, 2019).

5 Dies war im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, bei der eine Abweichung der Chromosomenzahl eine Seltenheit abbildet, ein hoher Prozentanteil an XYY-Chromosomen (Ruffing, 2011).

6 Die Bezeichnung des verbrecherischen Menschenbildes ist kein Fachbegriff aus der Literatur, sondern lediglich eine eigene Bezeichnung, um Menschenbilder in Bezug auf delinquentes Handeln zu analysieren.

7 Die Theorie des ,Rational Choice’ ist eine allgemeine Handlungstheorie, die ökonomisch geprägt ist. Die These besagt sowohl in der Wirtschaftswissenschaft als auch in der Sozialwissenschaft, dass menschliches Handeln durch Ziele, Wünsche und Bedürfnisse sowie durch den Versuch, jene Ziele in einem höchstmöglichen Ausmaß zu verwirklichen, bedingt ist. Demnach ist eine Handlung umso wahrscheinlicher, je höher der persönliche Nutzen ist und je niedriger die persönlichen Kosten der Handlung sind (Becker, 1993).

8 Hierbei gibt es einen kulturell angepassten kognitiven Konsens, der sich in einem von allen Menschen geteilten Symbolsystem abbildet. Das normative Paradigma wird dabei von Wissenschaftlern als vorausgesetzt und gesichert betrachtet.

9 Lernen ist hierbei im Sinne des sozialen Lernens zu verstehen und nicht in einer begrenzten kognitiven Bedeutung wie beispielsweise im Schulwesen.

10 Der Psychologe B. F. Skinner (1953) vertrat die Position, dass vor allem bei Tieren und Kindern Aktionen nach der Methode des ,trial and error' ausgesucht werden. Die Maßnahme auf eine bestimmte Handlung kann - so die Theorie der operanten Konditionierung - entscheiden, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit es zu einer Wiederholung der Aktion kommt.

11 Zur Vertiefung: Kohlberg, L. (1969). Stufe und Sequenz. Sozialisation unter dem Aspekt der kognitiven Entwicklung. In: L. Kohlberg (1974). Zur kognitiven Entwicklung des Kindes. Drei Aufsätze, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Verbrecher. (K)Ein Menschenbild des Bösen?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
81
Katalognummer
V956816
ISBN (eBook)
9783346344601
ISBN (Buch)
9783346344618
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminalitätstheorien, Gut und Böse, Menschenbild, Pädagogik, Kriminalitätspädagogik, Serienmörder, Böse, Kriminologie, Verbrechermenschen, Edmund Kemper, Risikofaktoren, Schutzfaktoren, Biosoziales Modell, Philosophie des Guten, Philosophie des Bösen, geborener Mörder, Philosophie
Arbeit zitieren
L.-A. Fischer (Autor:in), 2020, Verbrecher. (K)Ein Menschenbild des Bösen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/956816

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