Die Arbeit betrachtet das Thema Märchen aus der literaturwissenschaftlichen als auch der psychologischen Perspektive, um schließlich das pädagogische Potenzial der Märchen hinreichend erfassen zu können. Neben einer allgemeinen Begriffsbestimmung und einem kurzen geschichtlichen Abriss der Entstehungsgeschichte werden zunächst wesentliche Gattungsmerkmale vorgestellt. Nach der Frage der Aktualität der Märchen setzt das dritte Kapitel einen Fokus auf psychologische Theorien, die Entsprechungen zwischen dem Seelenleben des Kindes und der Erzählweise der Märchen bezeugen. Die Vertreter dieser Theorien sprechen den Märchen eine große Einflussnahme auf Kinder zu und erachten sie für die kindliche Entwicklung als notwendig. Das Märchen führt den Hörer in eine phantastische Welt, also eine Welt, die der realen gegenübersteht. Es handelt sich um eine aus der Fantasie entworfene Zauberwelt, in der sich reale Probleme oft widergespiegelt finden.
Nachdem das dritte Kapitel die Parallelen zwischen der märchenhaften Erzählweise und dem kindlichen Denken aufgezeigt hat, beleuchtet das vierte Kapitel die Schauplätze der Märchen als symbolisch aufgeladene Orte einer imaginären Welt. Der Wald, der See und der Berg werden auf diese Weise als märchenhafte Orte erfasst und beschrieben. Der letzte Teil der Arbeit setzt einen klaren fachdidaktischen Schwerpunkt. Er bietet eine exemplarische Unterrichtseinheit zu dem Thema Der verzauberte Märchenwald, die sich auf die Kompetenzerwartungen des Gymnasiums in NRW stützt. Darüber hinaus wurde die Unterrichtseinheit an einem städtischen Gymnasium im Sauerland in einer sechsten Klasse erprobt. Die einzelnen Unterrichtssequenzen werden daher zunächst methodisch-didaktisch erläutert und schließlich, nach der schulischen Erprobung, reflektiert. Das Kapitel gibt auf diese Weise Anregungen für die Vermittlung des Themas Märchen im Kunstunterricht im Allgemeinen als auch des Themas Märchenorte im Speziellen.
Die Schlussbetrachtung fasst die zentralen Ergebnisse der Arbeit kurz zusammen und zeigt in einem kurzen Ausblick zukünftige Perspektiven auf, die die Märchenarbeit mit Kindern, speziell im Kunstunterricht, erlaubt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Märchen als literarische Gattung
2.1. Die Bedeutung des Wortes Märchen
2.2. Entstehungsgeschichte der Märchen
2.3. Literarische und allgemeine Gattungsmerkmale
2.4. Ursprüngliche Funktion der Märchenerzählungen
3. Die Aktualität der Märchen
3.1. Die Allensbach-Studie
3.2. Das Weiterleben der alten Märchen in den modernen Bildmedien
3.3. Der interkulturelle Wert der Märchen
4. Notwendigkeit der Märchen für die kindliche Entwicklung
4.1. Das Märchenalter und die Fantasie des Kindes
4.2. Märchen aus der Sicht der Tiefenpsychologie
4.2.1. Die Archetypen des Unbewussten nach C.G. Jung
4.2.2. Hilfe bei kindlichen Entwicklungsstufen
4.3. Grausamkeit in Volksmärchen
4.4. Märchen in der Bibliotherapie
5. Die Märchenwelt - Orte der Verzauberung
5.1. Der Märchenort als Projektionsfeld des Unbewussten
5.2. Der Märchenwald
5.2.1. Der Baum im Märchenwald
5.2.2. Das Waldhaus
5.3. Der See und das Element des Wassers
5.4. Der (Glas-) Berg und das Symbol der Leiter
6. Der verzauberte Märchenwald – eine exemplarische Unterrichtsreihe
6.1. Die Thematisierung des Märchenwaldes im Kontext aktueller Vermittlungsfragen
6.2. Legitimation durch den Lehrplan
6.3. Die Lerngruppe
6.4. Exemplarische Unterrichtsreihe
6.4.1. Tabellarischer Verlaufsplan der Unterrichtsreihe
6.4.2. Erste Stunde: Die Gebrüder Grimm und ihre Märchen
6.4.3. Zweite Stunde: Fantasiestiftende Märchen
6.4.4. Dritte Stunde: Illustrationen - Worte werden Bilder
6.4.5. Vierte Stunde: Der Wald als Märchenort
6.4.6. Fünfte Stunde: Franz Marc ,,Rehe im Wald II‘‘
6.4.7. Sechste Stunde: „Rehe im Wald II“ erste Schritte einer Bildanalyse
6.4.8. Siebte Stunde: Der grüne Märchenwald
6.4.9. Achte und neunte Stunde: Unheimliche Bäume und Geister im Märchenwald
6.4.10. Praktische Abschlussarbeit
6.5. Reflexion und Auswertung der Unterrichtsreihe
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und das pädagogische Potenzial von Märchen aus literaturwissenschaftlicher und tiefenpsychologischer Perspektive und transferiert diese Erkenntnisse in eine exemplarische, praktisch erprobte Unterrichtsreihe für das Fach Kunst in der sechsten Klasse.
- Psychologische und symbolische Bedeutung der Märchen für die kindliche Entwicklung
- Symbolik zentraler Märchenorte wie Wald, See und Berg
- Methodische Ansätze für die Vermittlung von Märchenmotiven im Kunstunterricht
- Praktische Erprobung künstlerischer Zugänge zur Landschaftsmalerei am Beispiel des „verzauberten Märchenwaldes“
Auszug aus dem Buch
5.2.1. Der Baum im Märchenwald
An dieser Stelle sei zudem auf die große Symbolkraft des einzelnen Baumes verwiesen. Der Baum ist das stärkste Symbol des Waldes und gleichzeitig ein sehr komplexes und ambivalentes Symbol. Wie der Wald, so ist auch der Baum ein Ort des Unbewussten und ,,eine Art Projektionsort von Angst- und Wunscherfüllung.‘‘
„Im Baum verdichtet sich das Naturgeschehen: das Wachsen, Blühen, Reifen, Früchtetragen und schliesslich [sic!] das Welken und Vergehen, das Gefälltwerden.“ Aus diesem Grund hat der Mensch sein Leben immer wieder im Bild des Baumes gesehen. So ist es beispielsweise noch heute ein weit verbreiteter Brauch, für ein neugeborenes Kind einen Baum zu pflanzen. Der junge gepflanzte Baum steht für das neue Leben, das wachsen soll. Demgegenüber steht der alte Brauch, einen Baum auf das Grab eines Verstorbenen zu pflanzen. So haften dem Baum auch heute noch sehr ambivalente symbolische Bedeutungen an: „der Baum ist Lebensbaum wie Todesbaum, Paradiesbaum und Kreuzesstamm, Dorflinde und Galgen, Geburts- wie Grabesbaum.“ Die anthropomorphe Deutung des Baumsymbols findet sich auch in zahlreichen Märchen wieder, wenn ein Baum beispielsweise von einer verstorbenen Seele beseelt wird. In dem Grimmschen Märchen vom Singenden Knochen wächst ein Baum aus dem Grab eines Getöteten. Eine Flöte, die aus dem Holz des Baumes geschnitzt wird, berichtet schließlich von dem Verbrechen und überführt den Mörder. Ein weiteres Beispiel für den beseelten Baum findet sich in dem Märchen Aschenputtel der Gebrüder Grimm. Ein junges Mädchen, dessen Mutter stirbt, wird von seiner bösen Stiefmutter und Stieftöchtern gepeinigt. Nachdem es jedoch den Reis eines Haselstrauches auf das Grab der verstorbenen Mutter legt, wächst an eben dieser Stelle ein Haselbaum.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Märchens ein, beleuchtet Kritikpunkte im Zeitalter der Digitalisierung und skizziert das Ziel der Arbeit, das pädagogische Potenzial des Märchens durch eine Kombination aus literaturwissenschaftlichen, psychologischen und fachdidaktischen Ansätzen zu erfassen.
2. Das Märchen als literarische Gattung: In diesem Kapitel werden die Etymologie des Wortes Märchen, die Entstehungsgeschichte der Gattung sowie grundlegende literarische Merkmale, wie Eindimensionalität und Flächenhaftigkeit, definiert.
3. Die Aktualität der Märchen: Dieses Kapitel belegt anhand von Studien wie der Allensbach-Studie sowie der Präsenz von Märchenmotiven in modernen Medien und der Werbung die ungebrochene Bedeutung des Märchens in der heutigen Gesellschaft.
4. Notwendigkeit der Märchen für die kindliche Entwicklung: Hier wird der psychologische Wert der Märchen diskutiert, wobei die Theorien von C.G. Jung und Bruno Bettelheim den zentralen Rahmen bilden, um die Bedeutung für die kindliche Identitätsbildung und Konfliktbewältigung zu erklären.
5. Die Märchenwelt - Orte der Verzauberung: Dieses Kapitel analysiert symbolisch aufgeladene Schauplätze wie den Wald, den Baum, den See und den Berg als Projektionsflächen des menschlichen Unbewussten und als Orte der Wandlung und Reifung.
6. Der verzauberte Märchenwald – eine exemplarische Unterrichtsreihe: Der fachdidaktische Hauptteil erläutert eine konkret erprobte Kunstunterrichtsreihe für die sechste Klasse, inklusive Lehrplanbezug, Stundenverläufen und Reflexionen der Schülerarbeiten.
7. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und unterstreicht, dass Märchen ein wertvolles pädagogisches Werkzeug sind, das den Kunstunterricht durch vielfältige ästhetische Zugänge bereichern kann.
Schlüsselwörter
Märchen, Gebrüder Grimm, Kunsterziehung, Tiefenpsychologie, Symbolik, Märchenwald, kindliche Entwicklung, Bildanalyse, Bibliotherapie, Märchenorte, Archetypen, C.G. Jung, Bruno Bettelheim, Unterrichtsreihe, Illustration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Märchen als literarische Gattung und deren psychologische sowie pädagogische Relevanz für Kinder, um daraus Konzepte für den Kunstunterricht abzuleiten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder umfassen die literaturwissenschaftliche Gattungsanalyse, tiefenpsychologische Deutungen (Archetypen), die Symbolik von Märchenorten sowie die fachdidaktische Vermittlung dieser Inhalte im Kunstunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, den Nutzen und die Notwendigkeit von Märchen für die kindliche Entwicklung aufzuzeigen und durch eine exemplarische Unterrichtsreihe das Potenzial von Märchenmotiven für den Kunstunterricht praktisch zu demonstrieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Analyse auf Basis literaturwissenschaftlicher und psychologischer Literatur sowie eine empirische, fachdidaktische Erprobung und Reflexion einer Unterrichtsreihe in einer Schulklasse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über die Gattungsmerkmale und Psychologie des Märchens sowie die symbolische Analyse von Orten und schließlich einen praktischen Teil zur Erprobung einer Unterrichtsreihe zum Thema „verzauberter Märchenwald“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Märchen, Gebrüder Grimm, Kunstunterricht, Psychologie, Symbolik, Märchenwald, Bildung und Kindliche Entwicklung.
Wie spielt die „Flächenhaftigkeit“ des Märchens in die kindliche Wahrnehmung hinein?
Da Märchen auf eine detaillierte Beschreibung verzichten, bieten sie dem Kind „Rohmaterial“, das es durch die eigene Fantasie ausfüllen kann, was sie besonders für die kindliche Entwicklung attraktiv macht.
Warum wird der Märchenwald als ein „Ort der Wandlung“ interpretiert?
Der Märchenwald wird als ein Ort der Herausforderung und Prüfung gesehen, in dem der Märchenheld durch das Bestehen von Ängsten und Hindernissen einen Reifungsprozess durchläuft und als geläuterter Mensch zurückkehrt.
Inwiefern können Märchen in der Bibliotherapie eingesetzt werden?
Die Vertreter der Bibliotherapie nutzen Märchen aufgrund ihrer verdichteten menschlichen Urerfahrungen, die als Lebenshilfe fungieren, um Kindern und Erwachsenen bei der Reflexion und Bewältigung innerer Probleme zu helfen.
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- Linda Röbert (Autor), 2017, Volksmärchen für die kindliche Entwicklung. Didaktisches Potential für den Kunstunterricht, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/961337